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fit 36 Zweites Blatt.
Dienstag den 12. Februar
151. Jahrgang 1901
GießenerAnzeiger
General-Anzeiger
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Engländer und Buren.
Die Exchange Telegraph Company meldet, der englische Kabinettsrat habe beschlossen, Sir Evelyn WoodalsH ö d) st- kommandierenden nach Südafrika zu schicken. Kitchener würde zweiter Kommandierender werden. Sir Evelyn Wood habe das zwar für „ungenau" erklärt; man schließe jedoch aus dem unbestimmten Ausdruck, daß er doch vielleicht nach Südafrika gehen werde, wenn auch nicht als Höchstkommandierender. Kitchener ist in London in Gesellschaftskreisen, die lange fast das Monopol der guten Beförderungen und Kommandos hatte, als Jn- genieuroffizier und früherer „Aegypter" sozusagen als Än- dringling verhaßt. Er wird bei jeder ^Gelegenheit herabgezogen.
Lord Kitchener meldet aus Pretoria vom 9. Februar: „Die im Osten operierenden britischen Truppenabteilungen haben am 6. Februar Ermelo nach geringem Widerstand des Feindes eingenommen. Den Friedensunter- Händler, der zum Tod verurteilt ist, und die übrigen Gefangenen haben die Buren mitgenommen; alle Berichte besagen, daß die Buren sehr erbittert sind. 50 Buren 1 abeu sich den Engländern ergeben. Am 6. Februar, 3 Uhr morgens, hat Louis Botha mit 2000 Mann den General Smith-Dorrien bei Bothwell angegriffen, wurde aber nach schwerem Kampfe zurückgeworfen. Ein Burengeneral ist gefallen, ein anderer schwer verwundet worden; ferner sind zwei Feldkornets gefallen. Die Feinde ließen 20 Tote in den Händen her Engländer zurück. Viele Buren sind schwer verwundet. Die Engländer verloren 24 Tote und 53 Verwundete. Ten eingegangenen Meldungen zufolge hat der britische Vormarsch nach Osten alle Berechnungen des Feindes umgestoßen und in jenem Gebiet eine regelrechte Panik erzeugt. Te Wet scheint südlstch der Jagers- sontein-Straße Die Bahnlinie überschreiten und dann gegen Westen marschieren zu wollen. Es ist ihm nicht gelungen, durch die Drifts östlich von Bethulie den Uebergang über die Bahnlinie zu bewerkstelligen. — Calvinia ist am 6. Februar von Delisle besetzt worden. Der Feind zieht fid), auf Kenhardt zurück. Das im Innern der Kapkolonie operierende Kommando wird gegenwärtig nach Norden über Aberdeen hinaus zurückgetrieben."
Ettva 1500 Buren machten am 30. Januar einen energischen Angriff auf den Außenposten beiModderfontein, 20 Meilen südlich von Krügersdorp. Der Posten bestand hauptsächlick) aus Mannschaften aus Neusüdwales. Die kleine britische Truppe, der die Buren das Wasser abgeschnitten hatten, focht bis zum 31. Januar abends, wo sie fitd)! der Uebermacht ergeben mußte. Auf britischer Seite fielen 9 Offiziere und Mannschaften, 17 wurden verwundet. Die Verluste der Buren waren beträchtlich. Die Briten hatten, ehe sie sich ergaben, ihr Maximgeschütz unbrauck)bar gemacht.
Dem „Reutersck)en Büreau" wird aus Heidelberg vom 7. Februar gAneldek: Tie Buren griffen gestern einen Post- zug zwischen Greylingsstad und Vlakfontein an. Tie Eisenbahnlinie war unterminiert. Durch die Explosion der Mine wurde die Lokomotive des Zuges teilweise zerstört. In kurzer Entfernung vom Zuge befanden sich 400 Buren, auf welche die Eskorte des Zuges sofort ein Feuer eröffnete.
das von dem Feinde kräftig erwidert wurde. Fast alle Reisenden wurden verwundet, neun derselben schwer. Als Verstärkungstruppen aus Greylingsstad heranrückten, zogen sich die Buren zurück. — In Durban ist die Nachricht eingetroffen, daß an dem Tage nach der Entgleisung des Postzuges bei Vlakfontein ein zweiter Zug in der Nähe von Vlaklaagte von den Buren zur Entgleisung gebracht wurde. Ein Zug mit Eisenbahnbaumaterial und ein Proviantzug hatten in derselben Gegend das gleiche Schicksal.
Erst jetzt treffen Details vom 30. Januar über das bei den Tabacksberghügeln mitten zwischen Bloemfontein und Smaldeel stattgehabten Gefecht ein. Eine aus verschiedenen Waffengattungen bestehende Kolonne des Major Crewe traf in der Frühe des 30. Januar in Tabacksberg ein. Er hörte ein heftiges Feuergefecht von der anderen Hügelseite, wo Pilcher die Buren in ein Gefecht verwickelt hatte. Crewe stieß vorrückend auf die Buren, die sich vor Pilchers Lydditgeschossen zurückzogen, und eröffnete ein Artilleriefeuer. Die Buren verschwanden alsdann und Crewes Abteilung ging ins Lager zurück und hielt bis zum Nachmittag Rast. Hierauf wurde der Marsch wieder ausgenommen. Es kamen dann 200 Buren in Sicht. Diese sollten, wie sich herausstellte, nur in die Falle locken; denn als die Engländer vorgerückt waren, wurde auf sie ein heftiges (Abwehrfeuer von drei Seilen eröffnet. Ein eng- lisck;es Maschinengeschütz wurde demoliert und mußte aufgegeben werden. Bei den Bemühungen, es zu retten, hatten die Briten schwere Verluste. Die Engländer wurden von den an Zahl überlegenen Buren umgangen und genötigt, sich nack) dem Lager kämpfend zurückzuziehen, retteten aber den Convoi. Am nächsten Morgen griffen die Buren wieder an. Die Briten mußten wieder zurückgehen, bis sie schließlich bei Jsraelsport von Knox Truppen ausgenommen wurden. Die Buren standen direkt unter D e W e t s persönlsichem Befehl und zählten 2500 Mann, während die englische Abteilung nur 700 Mann stark war (?) Das Reutersche Büreau bemerkt zu vorstehender Meldung: Dieser Kampf, über den bisher weder in offiziellen noch in privaten Depeschen berichtet wurde, sei vermutlich eine derjenigen Aktionen, wodurch es De Wet gelang, durch die britischen Linien zwischen Bloemfontein und Ladybrand auf dem Wege nach dem Süden durchzubrechen.
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Trieft?am» beS Gießener Anzeigers.
Kapstadt, 11. Febr. (Reutermeldung.) Bisher sind zehn pest verdächtige Erkrankungen gemeldet, die einen weißen und neun Eingeborene betreffen. Energische Maßregeln sind getroffen worden, den Krankheitsherd abzugrenzen. Die Ratten und Mäuse werden vertilgt.
China.
Das deutsche Oberkommando meldet am 8. ds. M. auS Peking: Die Kolonne Cleve ist am 5. ds. ohne Zwischenfall nach Tientsin zurückgekehrt. Die Kolonne Trotha hat heute auf dem Rückmarsch Tsingho (10 Km. nördlich von Peking) erreicht. Eine Jägerkompagnie ist mit je einem Zug Kavallerie, berittener Infanterie und Gebirgsartillerie über
Nankhou auf Tschatau (43 und 62 Km. nordwestlich von Peking) vorgeaangen, um die Gegend nordöstlich von Aenkhing (72 Km. nordwestlich von Peking) aufzusuchen, von wo vor Kurzem Christenmorde gemeldet waren.
Die „Times" meldet auS Peking vom 6. Februar, Rußland habe durch die Vermittelung Aonghus, des chine« sischen Botschafters in Petersburg, das Angebot gestellt, die nördlich der großen Mauer von Schanheikwan bis Niutschwang und Simnin gelegenen nordchinesischen Eisenbahnen zu kaufen. Der Preis würde auf die Entschädigung angerechnet werden, die Rußland für den seinen mandschurischen Bahnen zugefügten Schaden fordere. Rußland richte ebenso augenblicklich alle seiue-Anstrengungen darauf, China zu der« anlassen, gegen das mit Sir Claude Mocdonald, dem eng« lischen Gesandten, im Oktober abgeschlossene Abkommen zu verstoßen, wonach China die Verpflichtung übernehme, niemals irgend einer anderen Macht die Eisenbahnen von Schanheikwan Niutschwang und Simnin zu veräußern oder abzutreten. Die regelmäßige telegraphische Verbindung zwischen Petersburg und Peking ist über Wladiwostok hergestellt worden. — Der russische „Regierungsbote" teilt mit, daß der Schutz« wache der ostchinesischen Eisenbahn ein Korps Grenzwache zugeteilt wurde und daß dieselbe in dessen Bestände einen -igenen Bezirk zu bilden und dieselbe Organisation und Ergänzungsart wie die Grenzwache anzunehmen habe. Die Kosten der Grenzwache bestreitet aber die Gesellschaft der ost- chinesischen Eisenbahn.
Die fremden Gesandten kamen am Freitag in Peking «usammen, um über ein von den Chinesen vorgelegtes Edikt zu beraten, das sich auf die Aushebungen der Prüfungen aus 5 Jahre und auf die Bestrafung der Beamten bezieht, die schuldig find, die Frevel gegen die Ausländer nicht unterdrückt zu haben. Die Gesandten beanstandeten den Wortlaut deS Edikts, der den Anschein erweckt, als seien die Unruhen lediglich durch das Vorgehen der eingeborenen Christen verursacht worden. Das Edikt war sonst befriedigend, wurde nach Maßgabe der Ansichten der Gesandten geändert und an die Chinesen zurückgegeben.
Jn^Kumtschuk sind vier Mann hingerichtet worden, die im Zusammenhang mit dem auf die Deutschen dort verübten Angriff verhaftet worden waren. Tte Chinesen meinen, daß nur zwei von ihnen zu den Schuldigen gehören.
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Telegramm des Gießener Anzeigers.
London, 11. Febr. Nach einem Telegramm des „Standard" ans Tientsin wird gemeldet: Am 9. Februar sand dort eine Parade der gesamten deutschen Garnison statt. Gras Waldersee inspizierte die Truppen, die in vorzüglichster Haltung einen prächtigen Eindruck machten. Namentlich erregte die berittene Infanterie auf chinesischen Ponnies, die sich für den Chinadienst besonders eignen, große Aufmerksamkeit. Graf Waldersee wird demnächst die 4. englische Brigade besichtigen und dann in Schankaikwan einen Besuch abstatten.
Konzeri-Werein.
Gießen, 11. Februar.
Das fünfte Konzert dieser Saison, das am 9. d. M. im großen Saal des Gesellschaftsvereins abgehalten wurde und zu dessen Ausführung der Vorstand des Konzertvereins die beliebte Homburger Kurkapelle gewonnen hatte, legte wiederum beredtes Zeugnis dafür ab, daß unser Herr Universitätsmusikdirektor T r a u t m a n n , der die Anf- ftihrungen leitete, stets in jeder Weise bestrebt ist, das Musikleben Gießens zu heben und zu fördern, und daß er in der Zusammenstellung seiner Konzertprogramme auch die Werke der neueren Litteratur, so weit sie hier zur Aufführung gelangen können, mit glücklichem Geschick berücksichtigt. ~
So hörten wir gestern hier zum ersten Male die Symphonie pathetique von Tschaikowsky, einem Tondichter, der unter den in deutschen Konzertsälen zu Worte kommenden Ausländern heute eine hervorragende Stellung einnimmt, und dessen hier ausgesührtes Werk auch unseres Erachtens den guten Ruf, den er als Musiker genießt, durchaus gerechtfertigt erscheinen läßt, lieber die Symphonie selbst sind schon vor dem Konzert aufklärende Bemerkungen an dieser Stelle von unterrichteter Seite gegeben worden, so daß wir es uns heute versagen dürfen, auf die Komposition als solche nochmals näher einzugehen.
Von der Aufführung, die von dem zahlreich er- fdjienenen Publikum sehr freundlich ausgenommen wurde, verfehlen wir nicht zu berichten, daß sie dem guten Ruf unseres geschätzten Universitätsmusikdirektors und des Vortragenden Orchesterkörpers durchaus entsprach, und daß die charakteristischen Eigenheiten der vier Sätze trotz ihrer
einzelnen Absonderlichkeiten eine wirkungsvolle, klare und verständliche Wiedergabe erfuhren, die das Interesse für das Werk wie für den Komponisten nur zu steigern geeignet war. —
Eine weitere Novität war für Gießen die symphonische Dichtung „les Preludes" von Franz Liszt, deren Wiedergabe die hohe Leistungsfähigkeit von Dirigent und Orchester ebenfalls wieder im günstigsten Licht erscheinen ließ. Vornehm in der Erfindung und mit einer reichen Fülle herrlicher Jnstrumentationseffekte ausgestattet, hat sich gerade diese Tonschöpsung des genialen Meisters, der damit allerdings durchaus nicht auf den Beifall der großen Menge reflektierte, längst einen ehrenvollen Platz auf den deutschen Konzertprogrammen erobert und erfreut sich überall einer begeisterten Aufnahme. Freilich bereitet die Aufführung Lisztscher Orchesterwerke den Konzertdirektionen stets mehr oder weniger Schwierigkeiten, da sich infolge der in der Partitur vorgeschriebenen Vermehrung besonders der Blechinstrumente für eine tadellose Wiedergabe bei den meisten Durchschnittsorchestern auch eine entsprechende Verstärkung des Streicherchors unbedingt nötig macht, und da letztere, wie anderwärts oft, so aud) bei uns nicht immer völlig ausreichte, so war stellenweise ein zu starkes §>ervortreten der Blechinstrumente eine natürliche Folge. Dies bezieht sich aber immerhin nur auf Einzelheiten und wir tragen keinen Augenblick Bedenken, die Gesamtleistung voll und ganz anzuerkennen.
Wenn auch den meisten Konzertbesuchern von anderen Aufführungen her bekannt, so doch sür Gießen und speziell für den Konzertverein eine Novität war endlich Richard Wagners Ouvertüre zu „Tannhäuser", welche das dritte Hauptwerk des vorgestrigen Konzerts bildete. Da wir die
Szenen der Oper, denen die Hauptmotive der Ouvertüre entnommen sind, als bekannt voraussetzen dürfen, so fet es uns gestattet, nur über die Aufführung selbst kurz zu berichten. Wohl selten haben wir über eine musikalische Aufführung größere Meinungsverschiedenheiten gehört als nack) dem vorgestrigen Vortrag der Tannhäuser-Ouvertüre, und wenn namentlich alle die einzelnen 'iMuditenungen be» rechtigt gewesen wären, würde von dem Ganzen nicht viel Gutes übrig geblieben sein. Was zunächst die Tempvnahme seitens des Herrn Trautmann betrifft, so sei konstatiert, daß sie fick) streng nach den metronomischen Vorschriften des Komponisten richtete, und daß der Einwand, die Ouvertüre, speziell der erstere Pilgerchor sei zu langsam gespielt worden, hinfällig ist. Wenn viele Theaterkapellmeister von den gegebenen Vorschriften abweichen, so begehen sie eben einen Fehler, der sich höchstens mit der bei schnellerem Tempo leichter möglichen Nüancierungssähigkeit erklären läßt. Und daß gerade bei dem langsamen Tempo für den Orchestermusiker die Befolgung der dynamischen Vorschriften viel schwieriger ist, erschien uns bei dem vorgestrigen An- Horen des Werkes außer allem Zweifel. Wer vorgestern namentlich an dem ersten Pilgerchor eine wirkungsvollere Verteilung von Licht und Schatten vermißt hat, mag bis zu gewissem Grade Recht haben. Auch denen mochten wir nicht widersprechen, welche im fortissimo ein weniger starkes Hervortreten der Blechinstrumente und in der sogenannten Venusmusik eine graziösere Behandlung der Holzblasinstrumente wünschten. Auf jeden Fall aber ist der Aufführung nachzurühmen, daß sie korrekt und exakt war, und namentliw diejenigen Konzertbesucher, welche das Werk in der-,rigi - fassung noch nicht kannten, werden für die Ausnahme tn das Programm dankbar gewesen fein.


