Ausgabe 
11.1.1901 Erstes Blatt
 
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zu haben. Der Verleger kann nicht die rechtliche Stellung des Autors usurpieren, wie eo nach der Vorlage geschieht. Die bedenklichste Bestimmung des Gesetzentwurfs ist die über die Ucbertragbarkeit.

Abg. Beckh (fr. Vp.) wünscht namentlich präzisere Vor­schriften über die Quellenangabe und eine Wahrung der Rechte der Komponisten.

Tie Entwürfe werden an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Das Haus genehmigt dann ohne Debatte in zweiter Lesuna den Etat des Reichstags und vertagt die weitere Etatberatung aus morgen 1 Uhr.

AolililHe Caaesjrhau.

Zum Kapitel Reserveofstzierswahl und Zweikampfzwaug schreibt dieGermania-:

Drei Söhne hochachtbarer Familien, deren persönliche und private D rhLUwss.' auch nicht den geringsten Anlatz darboten, ihre Aufnahme in das Reservr-OifisterkorpS abzulebnen, halten sich alS Vtzefeldw bel der Reserve zur Wrbl für das Oifi-terkorpS der R serv gemeldet. Darauf erfolgte eine Jnqursttton von fetten dieses Oifiäer^ koro«, die u a. sich auf die Fragen erstreckte, ob die betreffe, den O fizteraep'ranlen Mitglieder von katholischen Studrnten korporattonen feien, die bekanntlich das Duell prinzipiell ver­werfen. Als diese Frage bejaht wurde, kam die wettere Frage, ob sie den Duellzwang anerkenne^ wollten, w>S selbstverständlich ver netnt wurde. D<e betreffenden OjfizteraSpiranten wurden dann gegen eine Minderheit nicht gewählt. Auf ihre Beschwerde beim K'iegs Minister wurde diese Ntchtwahl annullier! ES besteht nämlich eine Ordre, wonach die Reseroeosfizier-Aspiranten nicht vorder ver pstich'et werden soll n, über ihre St llung zum Duell eine Erklärung «dzuaeben Die Entscheidung deS Kriegsministers wurde von den Duellfreunden deS betreffenden Reserve - Osfijterko pS mit eine. Denunziation wegenfalscher dienstlicher Meldung" zu paralysieren gewcht, diese Denunziation aber abgewiesen und somit eine Neu­wahl angeordnet Diese Neuwahl sand in Köln statt Wie unS so eben ein Prtoattelegramm von befreundeter Sette, nicht von einem tMr beteiligten drei Herren, meldet, find die letz'eren bei der erneuten Wahl zum OsfizierkorpS abermals durchgefallen eben weilest als M tglicdrr katholischer Studentenkorporattonen auch daS Oifizicr- Duell pcknz'ptell verwerfen."

Wenn die Sache sich so verhallen hat, so liegt ein un­zweifelhafter Verstoß gegen die angeführte Ordre vor. Da aber ein solcher Verstoß schwer denkbar ist, möchten wir zu nächst der Anschauung zuneigen, daß der Bericht nicht ganz korrekt oder nicht ganz vollständig sei. Wir halten aber mit derGermania- eine Aufklärung der Angelegenheit für un bedingt geboten. Erfolgt sie nicht früher, so dürfte daS Zentrum die nächste Gelegenheit benutzen, um sie im Reichs tage herbeizusühren.

Der bekannte Schriftsteller Ferdinand Avenarius" Herausgeber der in Dresden erscheinenden ZeitschriftKunst, wart" (Verlag von Georg D. W. Callwey in München), hat mit Unterstützung namhafter deutscher Schriftsteller und Künstler dem Reichstage das Gesuch unterbreitet, die ver­bündeten Regierungen um Vorlegung eines Gesetzentwurfs über die Errichtung einer Goethe-Stiftung auf folgend.r Grund­lage zu errichten:

1. Anter dem NamenGoethe-Stiftung" wird eine nationale Stiftung errichtet zur Unterstützung beS wertvollen dichterischen Schaffens tm Wett­bewerb mit der bloßen Unterhaltungslttteratur. Indem die Goethe Sttstung einerseits das dichterische Schaffen vom Tagesmarktwert un­abhängiger macht, soll sie anderselts gediegene dichterische Schöpfungen auch der Gegenwart für die Allgemeinheit leichter zugänglich und so­mit schneller nutz- und fruchtbar machen.

2. D r Goethe Stiftung wird aus Reichsmitteln eine jährliche Bei­hilfe von 250000 Mk. gewahrt. Das Urheberrecht an Dichtungen ferner erlischt fortan nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern geht 30 Jahre nach dem Tode des Urhebers in das Eigentum der Goethe- Stiftung über. Dieses jedoch mit der Beschränkung: daß die Goethe Stiftung nicht das Recht zur Genehmigung oder Verweigerung irgend welcher Neudrucke oder Aufführungen, sondern nur das Recht zu einer mäßigen Gewinnbeteiligung daran haben soll.

3. lieber die Einrichtung und Verwaltung der Goethe-Stiftung werden die Einzelheiten beschlossen, nachdem hierüber Gutachten eingeholt sein werden von einem Ausschuß, dessen 30 Sachverständige zur Hälfte vom Voistand derDeutschen Schiller Stiftung", zur andern Hälfte vom Vorstand derDeutschen Schriftsteller Genossenschaft" ernannt werden.

Der deutsche Handelstag nahm in seiner Mitt­woch-Sitzung nach einem Referat des Geh. Kommerzienrats Michels-Köln zum Versicherungsgesetz Stellung durch Annahnie einer Resolution, in der eine Umgestaltung des dem Reichstage vorliegenden Entwurfs in verschiedenen Be­

ziehungen verlangt wird. Es heißt u. a. in dieser Er­klärung : ,

Ter Deutsche Handelstag wiederholt die Forderung, daß so bald wie möglich auch die privatrechtliche Regelung des Versicherungsw.esens herbeige­führt werde. Abgesehen von den bisherigen Wünschen des Deutschen Handelstages enthält der jetzige Entwurf eine Reihe von Neuerungen, die zu weiteren lebhaften Bedenken Anlaß geben. Dies gilt namentlich bezüglich der Ausbildung, welche die Rekursinstanz gegen­über den Entscheidungen des Aufsichtsrats erfahren soll, sowie bezüglich der Bestimmung, daß jedes Versicherungsunternehmen in jedem Bundesstaate, in dem es Geschäfte betreibt, zur Bestellung eines Hauptbevoll­mächtigten sirezwungen werden kann. Angesichts dieser Sachlage spricht der Deutsche Handelstag die Hoffnung aus, daß die Verhandlungen des Reichstages noch zu einer Umgestaltung des Entwurfes führen werden, welche den Wünschen und Ausstellungen des Deutschen Handels­tages gerecht wird.

In der Besprechung über diesen Gegenstand nahm das Wort der Generalsekretär des Zentralverbandes der deutschen Jndustrieellen, Abg. B u e ck-Berlin. Er, Redner, hatte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses des Ver­bandes der privaten Versicherungsanstalten die auf der deutschen Ausstellung in Paris befindlichen Gegenstände zu versichern. Er habe daher dem deutschen Reichskommissar mitgeteilt, daß der Berliner Polizeipräsident unmöglich die Vorsichtsmaßregeln beurteilen könne, die für versicherte Gegenstände in Paris notwendig seien. Auf Veranlassung des Reichskommissärs habe alsdann der Minister angeordnet, der Berliner Polizeipräsident solle betreffs der Aufsicht über die in Paris ausgestellten Gegenstände mit größter Schonung verfahren. (Große Heiterkeit.) Er ersuche ebenfalls der Er­klärung zuzustimmen. (Lebhaftes Bravo.)

Nach Erledigung der Ausschußwahlen wurde der letzte Punkt der Tagesordnung: Errichtung einer Auskunfts­stelle für den Außenhandel, ^ur Diskussion ge­stellt und ein Vermittelungsvorschlag, oer dahin geht, die Errichtung einer Auskunftsstelle zu befürworten, ihre Thätigkeit aber auf bestimmte Gebiete beschränkt wissen will, mit großer Mehrheit angenommen. Darauf wurde der Handelstag von dem Geh. Kommerzienrat Frentzel geschlossen.

Professor v. Liszt in Berlin behandelte in seiner letzten Vorlesung die Frage, wie weit die moralischen und rechtlichen Pflichten des Verteidigers gehen. Er führte u. a. aus: Der Verteidiger sei der recht­liche Beistand des Beschuldigten, der diesem zu dem Zwecke beigegeben sei, die berechtigten Interessen des Beschuldigten wahrzunehmen. Weiter erstrecke sich seine Aufgabe nicht. Es wäre die schlimmste Pflichtverletzung, wenn der Ver­teidiger als Gehilfe des Staatsanwalts auftreten würde,. Der Verteidiger sei daher nicht nur nicht verpflichtet, sondern nicht berechtigt, belastende Momente, die zu seiner Kenntnis ge­langten, dem Richter mitzuteilen. Der Verteidiger sei ver­pflichtet, die ihm durch die Prozeßordnung gebotenen Jn- sormationsmittel gewissenhaft zu benutzen, selbständige Er­mittelungen aller Art vorzunehmen, mit dem Beschuldigten zu konferieren, die Akten einzusehen u. s. f. Die Benutzung besoldeter Agenten, etwa eines Detektivinstituts, könne in den Umkreis dieser Jnformationspflicht fallen. Der Ver­teidiger des Beschuldigten dürfe aber nicht zum Begünstiger des Verbrechers werden. - Jede Einwirkung auf die Zeugen zu Gunsten des Angeklagten sei pflichtwidrig und strafbar, wie überhaupt jegliche Begünstigung. Pflichtgemäßes Er­messen habe den Verteidiger bei der Entscheidung des Einzel­falles zu leiten. Sei ihm diese zweifelhaft, so möge er die Verteidigung niederlegen.

Der Judentag

wird stattfinden. Ueber die Vorbereitung wird berichtet:

Eine Versammlung von 500 Juden im Saale des Handwerkervereins zu Berlin beschäftigte sich mit der Frage, ob ein allgemeiner deutscher Judentag einzuberufen wäre. Die überwältigende Mehrheit der Versammlung ent­schied sich schließlich für diese Einrichtung. Die treibenden Kräfte bei diesem Gedanken sind die Zionisten und die jüdische Studentenschaft. Rechtsanwalt Dr. Friede­mann hielt den Hauptvortrag. Der Antisemitismus, so führte er u. a. aus, habe seit dem Auftreten Stöckers geradezu

unglaubliche Erfolge erreicht zwar nicht zahlenmäßig, aber gesellschaftlich. Die politischen Parteien rechts seien meist bewußte Antisemiten, die linken mehr unbewußt, gedrängt durch die Wählermassen, selbst die Sozialdemokratie ein­geschlossen. (Beifall.) Auf diesen Ansturm zeigte sich der ganze innere Bankerott des Judentums: man ließ sich taufen oder schämte sich, in Gegenwart des Dienstmädchens zuzu­geben, daß man nicht von Hermann und Thusnelda abstammt. Daß sich dann auch aus christlichen Kreisen heraus der bekannte Verein zur Abwehr des Antisemitismus bildete, war gut gemeint; es mußte aber eine weitere Ent- nervung des Judentums zur Folge haben, wenn es sich von andern verteidigen ließ. Die Juden sind bekanntlich ein dankbares Volk. Das beweist unsere Zugehörigkeit zur liberalen Partei (Beifall), die doch einst einen Lasker preis­gegeben hat. Wie hat diese Partei unsere Dankbarkeit ge­lohnt? Mit Ausnahme einiger sozialdemokratischer Juden sitzt keiner im Reichstage, der unsere Rechte vertritt. Die Regeneration kann nur aus dem Judentum selbst kommen. Wir müssen uns wieder auf unsere Stammesehre, auf die Ehre unserer Gesinnung und unserer Persönlichkeit besinnen. Dazu solle eben der Judentag verhelfen. Eine Vorversamn>- lung hat sich schon damit beschäftigt. Von zwei Punkten ging inan bei der Frage aus: Was werden die Zionisten, und was wird besonders unser großer Rickert dazu sagen? (Große Heiterkeit.) Wir Zionisten sind freudig einverstanden, erklären aber, daß der Judcntag nur mit uns oder gar nicht zu stände kommt! (Beifall.) Was Rickert dazu sagt, ist uns völlig gleichgiltig! (Allg. Zustimmung.) Wir werden selbst für uns stehen. Der Judentag, so legte dann der Redner dar, solle eine doppelte Aufgabe haben: Nach innen soll er den Zerfall auf halt en, die Gesinnungslosigkeit be­seitigen, das Gefühl für jüdische Ehre wecken. Nach außen soll er Abgeordnete beeinflussen. Ferner soll er die bedrohten staatsbürgerlichen Rechte der Juden wahren. In Hessen werdendie Juden noch nicht einmal Nachtwächter. (Heiterkeit.) Der Judentag solle öffent­lich seine Stimme erheben, und wie man auf die Antisemiten gehört hat, so wird man auch auf uns kören! (Stürmischer Beifall.) In der Diskussion beschuldigte Rabbiner Dr. Rieger den Referenten indirekt des Vertrauens- b r u ck) s, daß er aus jener Vorversammlung Mitteilungen gemacht habe. Darüber entstand große Unruhe. Die Juden seien nicht eine nationale, sondern eine religiöse Gemein­schaft. Eine weitere politische Bethätigung des Judentums sei überflüssig. (Widerspruch.) Die liberalen Parteien seien noch immer das kleinste Uebel. Ein Judentag er wird Euch nichts helfen! (Lärm.) Dr. Karo: Ich muß konsta­tieren, daß es ein jüdisches Volk leider nicht mehr giebt. (Gelächter.) Das ist untergegangen! (Lärm.) Die Voraus­setzung eines Volkes fehlt den heutigen Juden: die Sprache. Die Absonderung von den andern ist ein kolossaler Fehler. Wir können gute Deutsche und gute Juden sein ! (Beifall.) Die liberalen Parteien, einschließlich der Sozial­demokratie, haben schon viel für uns gearbeitet, ebenso unser Rickert! Rabbinatskandidat Blumenthal spricht be­geistert für einen Judentag. Das jüdische Volk erhebt sich! Geben wir ihm sein Volkstum! Das Band der Religion knüpft wenige zusammen. Aber doch fühlt sich jeder als Jude. (Ruf: Leider! Pfuirufe.) Die Losung müsse sein: L o s v o m politischen Liberalismus ? (Stürmischer Beifall.) Dr. Buwe (?) erklärt: Wir Juden haben als Volk noch eine große, wunderbare Zukunft, größer, als ein Jude sie heute ahnt. Wir müssen den Judentag haben! Herr Levy: Ich habe vorhinLeider" gerufen. (Lärm und Pfuirufe.) Ich h-alte es für verkehrt, immer den Juden he rauszu kehren Ich glaube nicht an eine Zukunft für uns. Wir haben unsere Mission erfüllt und haben nur noch an den allgemein menschlichen Aufgaben mitzuarbeiten. (Zuruf: Lesen Sie dieStaatsbürger-Zeit­ung"?) Dr. Hirsch Hildesheimer ist für einen Juden­tag nur, wenn er an die Synagogenvertretungen anknüpft. (Allgemeiner Widerspruch.) Man solle die Lage der Juden nicht trüber malen, als sie ist. Bei der Xantener Affaire brannte ganz Deutschland, heute bei Könitz ist das nicht der Fall. Das ist doch ein Fortschritt! Ein Redner fragt, ob man etwa konservativ-agrarisch wählen solle? Vo« Tumult und Pfeifen wuroe Dr. Rieger (Rabbiner) unter­brochen, als er den jüdisch-nationalen Gedanken für krank­haft erklärte. Dr. Friedemann: Das ist mir selbst von einem Rabbiner noch nicht vorgekommen! Wir danken Gott, daß er uns den Antisemitismus geschickt hat, daß wir uns auf uns selbst besinnen können. Erne Erklärung wurde

lichem Einkommen, das Herrn Ernst von Verlegern und Theaterdirektoren zugesichert sein soll. Hätte er einen Pedanten geschildert, dem man nichts weiter vorwerfen kann, als daß er eben Pedant ist, der einen aufgeklärten Menschen mit Nadelstichen an den Rand des Wahnsinns bringen kann, dann hätte er doch wenigstens eine Komödienfi gur geschaffen, wenn auch noch lange keine Komödie.

Zu loben ist an der Ernst'schen dramatischen Bolksrede der fröhliche Grundton, die konsequent durchgeführte Gesinn­ung des idealen Schulmeisters und die Wärme und Frische, mit der er sie vertritt. Und zudem hat Ernst es verstanden, den Darstellern sehr dankbare Rollen zu schreiben und den Zuhörern hübsch klingende Schlagworte zu bieten. Das Schulmilieu ist sehr hübsch geschildert, aber zum Teil ins Groteske verzerrt, wenn auch einzelne Figuren als echte und lebenswahre Typen erschienen.

Ernst.ist ein Volksschullehrer, der über das Hohe und Herrliche seiner Berufesgut zu reden versteht. Bisweilen quillt seine Darstellung aus tiefstem Herzen. Das schafft seinem Stück mit Recht Sympalhieen. Aber etwas mehr Bescheiden heil wäre dem Herrn Flemming doch zu wünschen; er schein, mitunter fast ein allwissender Romanheros ä. la Spielhagen. F'öbel und Pestalozzi sind die reinsten Waisenknaben gegen diesen pädagogischen Helden ohne Furcht und Tadel. Der lebendige Dialog hilft über manche epische Breite der Ent­wickelung hinweg. Die gelungenste Szene des Stückes ist die, in der der feingedachte Schulrat Dr. Prell jedes einzelne Mitglied des Lehrerkolleaiums charakterisiert. Geht auch die Schilderung der Nebenfiguren zu weit, so ist diese Ab­schweifung doch interesiant und das Urteil so haarscharf, daß man mcht gern ein Wort davon vermissen möchte. Tue Kleinmalerei ist das Wertvollste dieses Genreftück^s, und die kleinen Schulklassenblüten find in echter Theatersprache recht hübsch vorgeplaudert.

Die Schulzeit ist für Alt und Jung, Männlein und Weiblein, für die verschiedensten Menschen die gemeinsame, gleichmäßige Erinnerung, die wir das ganze Leben hindurch zumeist mit Kinderaugen anzusehen und vom Standpunkte des gequälten und empörten Schülers zu beurteilen pflegen. Da wüd das Publikum leicht wieder zum Kinde, es freut sich über die alten bewährten Schulwitze wie z. B.die Schulzeit ist eine unangenehme Unterbrechung der Ferien-, einen Witz, den schon der Quintaner belachte. Dieser und jener fühlt einen merkwürdig lange nachgelragenen Haß mit Behagen befriedigt, wenn es seinen früheren Peinigern, den Lehrern, einmal ordentlich gegeben wird. Ueber das Berliner Publikum, das solche selbstverständlichen Gemeinplätze, wie die Sonne, die manchem Kinde die Familie nicht giebt, soll ihm die Schule geben- und andere an der Ober fläche schwimmendenReformgedanken- beklatschte, sodaß sich der anwesende Autor, ein behäbiger, kleiner blonder Herr mit rosigem Gesichte, mehrfach bedanken konnte, habe ich mich gewundert. Aber man gewöhnt sich das Wundern ab, wenn beim Umfallen eines Stuhles, wenn bei jebem komisch sein iollenden Fistellaute, wenn geklatscht wird bei jedem faden Schlagwort, dem man in Fachzeitschriften auf jeder Seite begegnet.

Die Aufführung bei uns in Gießen war recht lebendig und drastisch. Namentlich Herr Liebscher schuf aus dem verknöcherten und verbisienen Flachsmann, dem Erzieher wie er nicht sein soll, eine köstliche Weißenfelser Gestalt von nur geringer Uebertreibung Herr Ramseyer gab den polternden Schulrat mit dem unbefleckten Herzen in Maske und Spiel vorzüglich, allerdings in der von ihm über alle Gebühr bevor zugten Art deS JnSpublckumfprechenS. Neben dieser Figur verblaßt der Schulübermensch Flemming ganz und gar, d ffen überschwängliche Bort Sge Herr di Balthyni mit sehr viel Stimmaufwand etwas renommistisch hielt. Herr B. bemühte

sich, die Figur lebenswahr zu gestalten, und das gelang ihm auch bisweilen sogar mehr als fie es eigentlich zuließ. Dann aber kam wieder der böse Geist Deklamatoiius über ihn und alles Natürliche war dahin. Herr B. zeigte gestern, daß er natürlich sprechen kann, aber er hats manchmal mit dem Coul ssenfeuer ganz arg. Und dann wieder fällt er in den ernstesten und bedeutsamsten Situationen in eine leicht* fertige Tändelei in Wort und Geberde, die durchaus deplaciert ist. Der junge, keineswegs unbegabte Künstler müßte unter strengerer Regie stehen, um zu tadellosen Leist­ungen zu gelangen. Frau Helm gab eine grobkörnige, scharf charakterisierte Lehrerin als urkomisches pädagogisches Mannweib sehr natürlich und auch nur gelinde übertrieben. Frl. Wohlbrück war ganz niedlich, aber doch, wie immer, nicht so ganz bei der Sache; vor allem fehlte ihren zarte« Tönen mehr Empfindung und ihrer gesunden Derbheit die ehrliche Ueberzeugung. Die verschiedenartigen Lehrertype« aaben die Herren Lachmann, Helm, Kirchner und Marlitz mit Geschick. Auch die Herren Kruse und Heuser verdienen Anerkennung. Kleine Mängel in der Beherrschung des Textes wirkten nicht besonders störend, da- Zusammenspiel war tm ganzen recht gut.

Nach dem lauten Beifall, den das nehmen wir alles in allem, schließlich doch ganz liebenswürdige Stück fand und der mitunter dem Kinderjubel vor dem Kasperle-Theater nahe kam, wenn der haarige Teufel die wohlverdienten Prügel erhält, darf man annehmen, daßFlachsmann als Erzieher­auch bei uns ein Zugstück wird, das unser strebsames Theater sehr wohl brauchen kann. p. W.

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Xommtriienrat Sfynd Hkyligenstaedt in @ Professor Brockmavn u: Offenbach.

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