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Nr. 133 Drittes Blatt
Sonntag 9. Jnni 1901
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151. Jahrgang.
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Pfl. Gießen, 7. Juni 1901.
Schon seit Jahren leitet Professor Gundermann Ausgrabungen, die von Zeit zu Zeit in der näheren weiteren Umgegend von Gießen vorgenommen werden.
Die Ausgrabungen des Oberhesfischeu Geschichtsvereins bei Gießen.
und fünf Jahre Ehrverlust beantragt. — Ter 27 jährige Maurergeselle Heinrich Kippar von Ober-Seemen ist der vorsätzlichen Körperverletzung mittels gefährlichen 2Serk- zeugs angeklagt. Er hat den Wagner Heinrich Gerhardt V. von da mit einem Messer derart in den Kopf gestochen, daß eine lange tiefe Wunde entstand, ©r that dies aus Zorn darüber, weil dessen Schwester sich an diesem Tage mit einem anderen verheiratete, nachdem sie früher das zwischen ihr und dem Angeklagten bestehende Verhältnis aus Veranlassung ihrer Mutter und ihres Bruders aufgelöst hatte. Anfangs hatte der Angeklagte alles bestritten, dann behauptet, er habe nur mit einem Kettenstück um sich gehauen, die heutige Zeugenvernehmung ergiebt aber, daß diese Bekundungen unwahr sind, und der Angeklagte, der schon zweimal wegen Körperverletzung mit 10 bezw. 8 Monaten Gefängnis vorbestraft ist, ein gefährlicher Messerheld ist. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten und zur Tragung der Kosten des Verfahrens. Ter Staatsanwalt hatte zwei Jahre beantragt. Der am Tienstag vom hiesigen Schwurgericht wegen vorsätzlick)er Gefährdung eines Eisenbahnttansports zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilte Dörr hat die Rechtskraft des Urteils anerkannt.
Grübe und Frl. Berucksch, und vom Ballet Frl. Herrle (bisherige Balletmeisterin) und Fräulein Swoboda.
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Erfolge seiner Ausgrabungen brachten uns erst das richtige Verständnis für eine schon seit mehreren Jahrzehnten bekannte Gräbergruppe aus dem Lahngebiet. Die Ausgrabungen in der Lindener Mark (Bergwerkswald), auf dem Trieb und in der Sandgrube auf dem Wege nach Rödgen brachten so viele und teilweise neue und überraschende Funde, daß sie geeignet sind, zur Zeitbestimmung von Niederlassungen aus der Zeit der Römer rc. ein entscheidendes Wort zu sprechen.
Im April und Mai dieses Jahres nahm er in der Lindener Mark wiederum Ausgrabungen vor. Es handelte sich besonders um einen großen Grabhügel von 16 Meter Durchmesser, der über 1*/, Meter hoch war. In der ganzen Umgebung des Hügels, die vor kurzem noch von Wald be- standen war, fanden sich überall in geringer Tiefe, oft nur Handbreit unter der Oberfläche, zahlreiche Gruben aus vor. christlicher Zeit, ein Beweis, daß hier Menschen gewohnt haben und zwar nicht nur in vereinzelten Hütten.
Im westlichen Teile des Hügels lag etwa i/2 Meter tief unter der heutigen Oberfläche der Rest eines menschlichen Skeletts. Der Unterkiefer war ziemlich gut er- halten. Leider fand mau keine Beigaben, sodaß sich die Zeit dieses Begräbnisses nicht bestimmen läßt. Sicher ist es eine Nachbestattung.
Unter dem Skelett zeigte sich eine dünne Kohlenschicht, das Skelett selbst hat aber nicht im Feuer gelegen. Ueber dem Skelett lag eine Schicht von großen Feldsteinen. Auf der Tenne des Hügels, die in gleicher Höhe mit der Um- gibung liegt, fand man eine Brandschicht von etwa 3 Meter Durchmesser, bis zur Handbreite dick. In dieser Arandschicht fanden sich ein eisernes Mester, gebrannte Knochen mb einzelne Scherben. Dicht auf der Brandschicht standen mehrere Thongefäße, die alle mit gebrannten Knochen, Asche, Aiohle und Erde angefüllt waren. Die Gefäße waren zer örrückt, sie ließen sich aber wieder zusammrnsctzen. Sie scheinen, wie Profestor Gundermann sagte, der Mitte des Ichten Jahrtausend vor Christi anzugehöreu. Die Erde unter
der Brandschicht zeigte noch die Wirkung des Feuers. Der Leichenbraud fand also an dieser Stelle statt, die noch nicht ganz zerfallenen Knochen sammelte man in die Urnen, setzte diese in der Brandschicht bei und warf den Hügel darüber auf.
Dicht neben diesem großen Grabhügel lag ein kleiner Grabhügel von ganz derselben.Anlage und aus derselben Zeit. In ihm fand man ebenfalls eine Anzahl Aschenurnen von derselben Form. Unter der Brandschicht, ganz auf dem gewachsenen Boden, fand man bei der näheren Durchsuchung an einer Stelle ein Feuersteinwerkzeug in Form eines schmale», länglichen Schiffes. Es mag viele tausend Jahre an dieser Stelle gelegen haben, ehe der Grabhügel angelegt wurde, es kann aber auch von den Leuten benutzt worden sein, die zur Zeit der Gcabanlage hier wohnten.
Etwa 50 Meter von diesen beiden Hügeln entfernt deckte man ein Flachgrab auf. Dieses hatte sich nur durch eine ganz leichte Schwellung des Bodens verraten. Unter der heutigen Oberfläche, etwa Va Meter tief, standen über 10 Gefäße dicht bei einander auf einer Brandjchicht, die in den Boden wie eine Grube eingesenkt war.
An der tiefsten Stelle der Brandschicht lag ein Messer aus Eisen mit Holzspuren am Griffe. Auch hier fand man, daß die Gefäße mit verbrannten Knochen, Erde, Asche unb4 Kohle gefüllt waren. Alle Gefäße waren zerdrückt bis auf ein ganz kleines Spitzbecherchen, das in einem größeren Gefäße lag. Einzelne dieser Gefäße sind ganz flache Schüsseln, andere find von ganz bedeutender Dicke und Größe, manche haben recht merkwürdige Verzierungen, die meisten weisen eine schwarzbraune Färbung auf. Dieses Flachgrab scheint jünger als die beiden Hügelgräber zu sein, ist aber doch noch mehrere Jahrhundert vor Christi angelegt worden.
Schon im vorigen Jahre konnte Prof. Gundermann bei seinen Ausgrabungen in der Sandgrube an der Chaustee nach Rödgen (ca. 10 Minuten vom Trieb entfernt) ein germanisches Urnenfeld der Kaiserzeit nachweisen. Die Funde, die in dieser Sandgrube gemacht worden find, bestanden in einer größeren Anzahl von zum Teil zerbrochenen Thon- gefäßeu, aber auch Gegenstände ans Bronze, Knochenreste rc. wurden gefunden. Die Fundstelle liegt kaum eine Meile vom Nordende des die Wetterau umschließenden LimeSanteileS : entfernt und trotzdem unterscheiden sich die Grabgefäße auffallend von den gleichalterigen Gefäßen der Rheinlande.
Bäder.
k-, Bad Kreuznach, 5. Juni. Der heutige Geburtstag der Kaiserin Alexandra von Rußland, geb. Prinzessin Alix von Hessin, wurde in unserem von Hesien und Russen stets stark besuchten Badeorte festlich begangen. Von den Gebäuden der Kurverwaltung wehten die besfischen und russischen Flaggen; die russische und die hessisch« Nationalhymne eröffneten das Nachmittagskonzert des KurorchesterS, das im übrigen nur Tonwerke russischer Komponist« enthielt. Die hier zur Kur weilenden Heffen und Russen waren vollzählig erschienen und nahmen diese Ehrung der hohen Frau mit dankbarem Beifall entgegen.
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Schiffsnachrichten.
Der Postdampfer „FrieSland der „Red Star Linie", in Antwerpen, ist laut Telegramm am 4. Juni wohlbehalten in New-Dork angekommen.
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Gerichtssaal.
C. Gießen, 7. Juni. Strafkammer. Gegen das Urteil des Schöffengerichts Nidda vom 12. April 1901, das ihn wegen Körperverletzung und Bedrohung zu einer Ge- samtgefängnissttafe von 4 Wochen verurteilt hatte, hat der Landwirt Georg Ludwig von Geiß-Nidda Berufung eingelegt mit der Begründung, daß er die ihm zur Last gelegten strafbaren Handlungen nidyt begangen habe und daß der Hauptbelastungszeuge und Nebenkläger Binding unglaubhaft sei, während dieser behauptet, der Angeklagte habe ihn auf dem Heimweg angegriffen, mit einer Harke mehrmals geschlagen und dabei' gedroht „Alter! Hier mußt Du jetzt st er ben." Der von der Verteidigung geladene Entlastungszeuge Kapke stellt sich in der Verhandlung als Belastungszeuge heraus, auf Grund von dessen Angaben der Staatsantvalt die erkannte Strafe für zu niedrig erachtet und zwei Monate und acht Tage Gefängnis beantragt. Tas Urteil lautet dahin, daß die Berufung des Angeklagten zu verwerfen, derselbe in eine Gesamt- gefängnisstrafe von sechD Wochen drei Tagen zu verurteilen sei. — Gegen das Urteil des Schöffengerichts Gießen vom 23. April l. I., wodurch sie wegen Hehlerei zu drei Tagen Gefängnis verurteilt worden war, hat die Frau des Arbeiters Peter Merkel von Gießen Anna geb. Gerlach, Berufung eingelegt mit der Begründung, daß die Strafe zu hoch sei. Bei Beginn der Verhandlung zog sie jedoch ihre Berufung zurück. — In der Privatklagesache Steuernagel gegen Schlitt hat der erstere gegen das Urteil des Schöffengerichts Grünberg vom 24. April l. I. Berufung eingelegt, weil ihm die Strafe von 3 Mk. ev. ein Tag Gefängnis, die das Urteil aussprach, für die ihm zugefügte Beleidigung nicht genügend erscheine. — Am 6. Mai l. I. wurde an der Fahrkartenausgabe zu Gießen ein falsches Einmarkstück angehalten. Das Gericht beschließt die Einziehung desselben, ebenso die des an demselben Tage an der Stationskasse daselbst angehaltenen Zweimarkstückes. — Weiter steht zur Verhandlung die Strafsache gegen den August Aledter von Wölfersheim, dem zur Last gelegt wird, daß er mit seiner zehnjährigen Tochter Unzucht getrieben habe. Tie Verhandlung findet hinter verschlossenen Thüren statt. Ter Angeklagte wird zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren und in die Kosten des Verfahrens verurteilt, auch wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren aberkannt. Ter Staatsanwalt hatte nur dreieinhalb Jahre Zuchthaus
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Die Entstehvngszelt dieses Urnenfeldes ist die zweite Hälfte der römischen Kaiserzeit (4. Jahrhundert nach Christi). Jedoch fanden sich unter den kleinen Grabbeigaben auch ältere Stücke, sodaß also hier noch ein älterer Abschnitt vertreten zu sein scheint.
In manchen Gefäßen offenbaren sich deutlich fremde, römische Vorbilder oder wenigstens fremde Anregungen.
Eine Urne zeigt z. B. am Bauche schräge Cannelure», wahrscheinlich wurde hier eine flache „gewellte- Bronzcurue römischen Fabrikats wiederholt. Trotz der starken römischen Beeinfluffung der germanischen Kultur ist selbst hier au der Lahn, kaum eine Meile von dem noch von den Römern ge- haltenen oder eben erst geräumten Gebieten entfernt, vorrömische Tradition in der einheimischen Keramik nicht ab- zuleuguen. DaS Nachleben alter Formen spielt selbst hier, von den weiter von den römischen Grenzen entfernten Teilen Mitteleuropas und gar Nordenropas nicht zu reden, eine wichtige Rolle und verrät so deutlich, daß der infolge der stark vorgeschobenen Grenze des Römerreiches übermächtig er- ichemcnde römische Einfluß auf das freie Germanien zur Kaiserzeit im Grunde kaum eine andere Bedeutung hatte, als die seit uralten Zeiten nachzuweisende Beeinfluffung des prähistorischen Mitteleuropas durch die Mittelmeerländer.
Die letzte Ausgrabung, die Professor Gundermann vornahm, ging in der letzten Woche in der Sandgrube nach Rödgen vor sich. Von morgens früh 6 Uhr arbeiteten uuter seiner Leitung 10 Arbeiter und bis nachmittags gegen 4 Uhr waren nur einige Scherben, Bronzestückchen und Knochenreste zutage gefördert. Gegen 5 Uhr erschienen an der Aus- grabungsstätte einige Freunde der Grabungen, die die Fund- stücke besichtigen wollten, aber trotz des Eifers waren die Resultate nicht besonders befriedigend. Da, gegen 5i/, Uhr verkündete ein Freudenschrei, daß etwas besonderes entdeckt ein müsse, und so war eS.
Unter zwei schweren Steinen, die mit großer Mühe von Arbeitern bei Seite geschafft wurden, wurß^zwei voll- tändige Urnen, eine große und eine kleine,Pfunden. Bald larauf entdeckte auch Prof. Sauer mit einin Altertümer« ehr findigen städtischen Beamten, der 6^ diesen Ausgrabungen Prof. Gundermann zur Seite st^d, 50 Meter von >er neuesten Fundstelle entfernt, eine gri3ge tote Urne, die vielleicht der vorchristlichen Zeit angehört. > @in Beweis, daß fier zwei verschiedene Gräberfelder nebcrieinarnder sich befinden.
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Aus Stadt und Land.
Sieben. 8. Juni 1901 Au f schrif t un d M ar ke n icht v er ges s e n — inejen kategorischen Imperativ findet man jetzt in Bade- Bahnhöfen, Aussichtspunkten vielfach auf einem Emailleschilde über den Briefkasten angebracht, die Post- Vettvnlttmg sucht also nach Möglichkeit dem sckMachen Ge- dachttnfie der Absender nachzuhelfen. Daß dies notwendig ö^rgt die unglaublich hohe Zahl von unbestellbaren Postsendungen, bie alljährlich ihren Zweck verfehlen, zum Aroßen Teile durch das Fehlen der Aufschrift.
-r. * Nach Ostasien! stic nächsten Postverbindungen Clnna, Kiautschou und Hongkong sind folgende: a) über mit Reichspostdampfer von Bremen oder Hamburg vrs Schanghai, dann Hamburg-Amerika-Linie am 12. und 26- Suni, sowie am 10. Juli, 9 Uhr abends; b) über Brin- drfi mit Peninsular and Orient Steam Nav. Comp. bis Schanghai, dann Hamburg-Amerika-Linie am 9. und 23. Juni, sowie asm 7. Juli, 10 Uhr abends, ober bis Port- ©aib mit Peninsular- und Orient-Schiffen, dann mit fran- rofischen Schilfen am 16. und 30. Juni, sowie am 14. Juli, 10 Uhr abends; c) über Marseille Linie am 16. und 30. Juch, sowie am 14. Juli, 4 Uhr nachmittags; d) über Canada, ab Londonderry am 21. Juni und am 12. Juli. Die Tauer der Ueberfahrt vom Einschiffungshafen umfaßt auf den Linien unter a, b und c bis Hongkong 27 bis 29 Tage, bis Schanghai 31 bis 33 Tage, bis Tsingtau 34 bis 37 Tage; auf der Linie unter d bis Schanghai 37 Tage, bis Hongkong 40 Tage. Briefsendungen nach Peking, Tientsin und Port Arthur sind auf Verlangen des Absenders auch über Rußland zulässig.
Darmstadt, 4. Juni. (Nach dem statistischen Rückblick des Hoftheaters) auf das Theaterjahr 1900/01 wurden in der vom 9. September 1900 bis 30. Mai 1901 währenden Spielzeit im ganzen 182 Vorstellungen gegeben; davon gehörten an: der Oper 90, der Operette 7, bem1 Ballet 5, dem Schauspiel 87 Aufführungen. In ber Oper waren unter 42 verschiedenen Werken neu 5, neu einftubicrt 7, in der Operette unter 4 verschiedenen Werken neu einstudiert 1, im Schauspiel unter 49 verschiedenen Werken neu 13, neu einstudiert 15. Tie meisten Aufführungen, nämlich 9, erlebte Audrans Oper „Puppe", ihr zunächst kamen „Flachsmann als Erzieher" mit 6, „Rosenmontag" und „Ter Probekandidat" mit 5 Aufführungen. Born Personal sind mit Ablauf der Saison ausgeschieben in ber Oper: Tie Herren Leyberner und Reichel und bie Damen Frl. Slavik und Frl. Weber, im Schauspiel die Herren Bachssnann und Rosec und die Damen Frl. Cramer, Frl.
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