Ausgabe 
7.7.1901 Drittes Blatt
 
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Darmstädter Künstler-Kolonie.

(Originalbericht deöGieß. Ariz.")

Nachdruck verboten.

XL

Seit einigen Tagen ist anch dasgroße 5)aus Gluckert" dem Publikum offen. Es ist eine Herrschafts- tvohnung in großem Stil, aber dennoch keine kalten Prunk­gemächer bergend, sondern im Grundzuge wie in allen Cinzelnheiten den Charakter des Wohnlichen, ja Trau­lichen wahrend, nur mit dem Unterschiede, daß in der Anlage und Ausstattung der Räume nicht eine ganz be­stimmt geartete Individualität mit ihrem ästhetischen Programm zum Ausdruck gelangt ist, sondern die An­schauungen, die weite Kreise von gebildeten und für Schön­heit empfänglichen Menschen verbinden. Tie Ausstellung -er Künstlerkolonie würde thatsächlich eine Lücke aufweisen, Menn sie in ihrem Rahmen nur solche Bauten enthielte, die sich in den Grenzen scharf abgeschlossener Persönliche leiten bewegten. Etwas, das über diese Grenze hinaus- iveift, muh auch, da sein, das Sicherweitern des Einzelnen | zum Allgemeinen. Und überdies bedingt diesen Charakter ouch die Bestimmung des Hauses. Tenn während alle übrigen Künstlerwohnungen nady Schluß ber Ausstellung Pri v a tWohnungen bleiben, wird dasHaus Glückert" in seinen Räumen, die so angelegt sind, daß sie einer

ziemlich ausgedehnten Haushaltung mit großer Diener­schaft entsprechen, in erster Linie Ausstellungsraum bleiben, d. h. die wechselnde Einrichtung der Zimmer, die für sich oder im Zusammenhänge gemietet werden können, wird immer Schaustück und Muster sein, und dem Besucher der Mathildenhöhe im Laufenden über das erhalten, was auf dem Gebiet der Möbelfabrikation und Zimmereinrichtung die Zukunft hervorbringt. Wenn also in die Künstler­heime der Frieden eingezogen sein wird, und sie ihre Portale und Vestibüle ruhig gegen ungebetene Gäste ab­schließen können, wird dasgroße Haus Glückert" für den fremden wie einheimischen Gast noch immer einen natür- lichen Anziehungspunkt bieten. Luft- und lichtvoll sind seine Räume und sehr wohlthuend in der Farbenzusammen­stellung. Ersteres kommt zum Teil auf Rechnung des größeren Bauplatzes, aber die Ausstellung der Räume werft zurück auf den guten Geschmack des entwerfenden Künstlers und seiner Mitarbeiter. Taß Joseph Olbrich für praktische Bedürfnisse und zugleich für Menschen, dieLebenskünstler" sind, zu bauen versteht, sagt uns vor allem dasHaus Glückert", bei dem weder von gequälter Symbolik noch ver­winkelten, gedrückten Räumen die Rede sein kann. Weit und gastlich vermittelt das hufeisenförmig gebildete Portal den Eintritt in den mit marmornen Fliesen belegten Vor­platz, dessen Glätte weiche Läufer mildern werden. Hierauf gelangen wir in die große Halle, die auch wie in anderen

Mr. 157 Drittes Blatt

Sonntag 7. Juli 1901

151* Jahrgang

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Die Berliner Hoch- und Untergrundbahn.

Berlin, 4. Juli.

Wieder geht ein großartiges Verkehrsunternehmen in der Reichshauptstadt seiner Vollendung entgegen: die im Jahre 1898 von der Firma Siemens u. Halske in Angriff ge­nommene Hvchr und Untergrundbahn ist im großen und ganzen fertiggestellt, und wird mit dem 1. Januar 1902 ioent Verkehr übergeben werden können.

Tie Berliner Stadtbahn, die im Jahre 1883 dem Ver­kehr übergeben wurde, und auf den damals ein Reichs­tagsabgeordneter den blutigen Kalauer münzte: die Spree ist flüssig, die Stadtbahn aber überflüssig! hat lange schon den Ansprüchen des Verkehrs nicht genügt, und es genügte auch, lange nicht, daH der Stadtbahn, die quer durch Berlin führt, eine Ringbahn um die Reichshauptstadt angegliedert wurde. Was nützt diese Ringbahn dem, der vom Görlitzer Bahnhof etwa nach! dem Potsdamer, dem Anhalter Bahnhof will, nach Charlottenburg; einmal liegen gerade im Süden der Stadt die Stationen des Südrings der Ringbahn weit draußen, dann aber bildet der Südring zwei Hälften, die in den neben dem Potsdamer Bahnhof gelegenen Ringbahn­hof einmünden, so daß, wer beispielsweise vom Görlitzer Bahnhof mit der Ringbahn nach Charlottenburg wollte, das Vergnügen hätte, zunächst nady der Ringbahnstation Rudorf zu laufen, oder mit der elektrischen Bahn dorthin zu fahren, dann in weitem Bogen dem Ringbahnhof zu­zustreben, um wieder in gewaltigem Bogen einen Teil des schon einmal zurückgelegten Weges zu durchmessen und endlich nach! dem Bestimmungsorte zu gelangen. Aller­dings vermitteln den inneren Verkehr der südlichen Stadt Pferdebahnen, elektrische Bahnen und Omnibusse; aber diese sind lange dem Bedürfnis zu langsam geworden, und der Entschluß von Siemens und Halske, eine südliche Stadt­bahn zu bauen, welche die Bahnhöfe im Süden und Süd­westen Berlins mit einander verbindet, wurde freudig; begrüßt.

Weit im Osten, an der Warschauer Brücke, einer Station der Stadtbahn vor Stratau-Ruinmelsburg, be- ginnt die Hochhahn. Sie geht am Görlitzer Bahnhof vorbei durch ,die Skalitzer Straße und erreicht den Belle-Alli- anceplatz, am südlichen Ende der Friedrich!ftraße gelegen, von da aus folgt sie dem Laufe der Spree zur Gegend des Potsdamer Bahnhofs, nimmt den Weg über das ganze Terrain der von diesem Eisenbahn-Bahnhof ausgehenden Bahnen, und dann durchschneidet sie keck ein Haus, das berühmtedurchschlitzte" Haus, um in die vornehme Bülow- straße, schon im Westen Berlins, einzutreten. Vom Nollen- dorfplatz geht die Hochbahn in eine Untergrundbahn über nnd führt als solche an der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis­kirche und am Zoologischen Garten vorüber, um dann bald wieder ausdem dunklen Schoß der Erde" aufzutauchen und nach Charlottenburg hineinzuführen.

Ter als Hochhahn hergestellte Teil der Strecke ist im Wesentlichen fertiggestellt, dagegen sind an der Unter­grundbahn bedeutende Schwierigkeiten zu überwinden, weil sie bis unter das Niveau des Grundwasserstandes hinab­geht. Tie Pumpen müssen bei den Arbeiten fortgesetzt in Thätigkeit sein, und die ganze Strecke muß wasserdicht gemacht werden; gewiß keine leichte Arbeit. Wer aber wird sich all der Schwierigkeiten erinnern, wenn er im nächsten Jahre schon elektrisch unter der Erde hinsausen wird?

Kermischier.

* Sehr zu bedauern ist ein aus Rusdorf stammen­der, in Limbach beschäftigter Arbeiter. Er hatte ein Zehn­tel-Los von der Kollekte Zeuner, Hohenstein, und zu­gleich; das außergewöhnliche Glück, am letzten Ziehungstage auf sein Los den 40 000 Mark-Gewinn, mit dem die Prämie im Betrage von 400 000 Mark zusammentraf, fallen zu sehen, st daß er auf sein Zehntel-Los 44 000 Mark in Leipzig ausbezahlt erhielt. 4000 Mark nahm er zum Kaufe eines

Häuschens mit in die Heimat, und 40 000 Mark deponierte er auf der Leipziger Bank. Jetzt ist der schöne Traum einer sorgenlosen Zukunft zerronnen.

Flensburg, 4. Juli. Dem jetzt in dem Ostasiati­schen Infanterie-Regiment dienenden Oberleutnant Barlach ist in China eine ganz eigenartige Auszeichnung zu teil geworden. Nach Landessitte verlieh ihm nämlich eine Gemeindebehörde für die Rettung eines Chinesen vom Tode des Ertrinkens einen Ehrenschirm aus prachtvoller Seide. Ter Offizier hat diese Dekoration jetzt seinem früheren Regimente, dem RegimentKönigin" in Flens­burg zum Geschenk gemacht.

* Mannheim, 4. Juli. Für einen F e ft h a l l e n - bau verlangt der Stadtrat in einer Vorlage an den Bürgerausschuß Mark 937 000. Hiervon entfallen Mark 470841 auf neue bauliche Anforderungen, Mk. 414 293 auf die innere Einrichtung und Mk. 51443.50 auf das Archi­tektenhonorar. Bisher sind für den FestHallenbau Mark 1710600 bewilligt worden, sodaß nach Genehmigung der neuen Anforderungen die Festhalle Mk. 2 674177 kosten würde. Ob es bei dieser Summe bleibt, oder noch andere Nachforderungen kommen, ist fraglich Wahrscheinlich dürfte die dritte Million voll werden.

* Aus dem Weinkeller eines Königs. Am Freitag gelangte bei Christie in London der letzte Sherry aus den königlichen Kellern zum Verkauf. Es waren einige Dutzend Flaschen goldenen Sherrys aus Sandringham, die an Berry Brothers für 570 Schilling das Dutzend verkauft wurden. Es ist das ein in den Annalen des Weinhandels ganz unerhörter Preis, daß für eine Flasche Sherry 47 Schilling und sechs Pence gezahlt wurden. Bei der Cart- wright-Auktion im Juli 1880, die auch bei Christie stattfand, wurden für ein Tutzend Flaschen des berühmtenBristol- Cream" Sherry 270 Schilling gezahlt, und' das war zu einer Zeit, als Sherry einfashionabler" Wein war. Natürlich; wurde der fabelhafte Preis nur aus besonderen Gründen gegeben. Jeder wollte den letzten Posten bei der Ver­steigerung haben; zwei andere Weinhändler boten bis zu 560 Schillings und ließen erst ab, als sie sahen, daß Berry Brothers ihn um jeden Preis haben wollten. Tie vorhergehenden drei Poften brachten 550, 460 und 570 Schillings das Dutzend, der Tag brachte 86 800 Mark. Der Gesamtertrag der fünftägigen Auktion, bei der 1138 Poften von drei und sechs Tutzend Flaschen zum Verkauf gelangten, betrug 369 140 Mark.

* Die Bigamie-Anklage gegen den Earl Rüssel. Aus London wird geschrieben: Tie Entscheidung des besonderen Komites des Oberhauses, dem es übertragen worden war, die Vorbereitungen für die Verhandlung gegen den Carl Rüssel wegen Bigamie zu treffen, daß die Ver­handlung bereits am 18. Juni stattfinden soll, hat ver­schiedentlich; sehr überrascht. Im allgemeinen findet man es aber doch richtig, daß das Komite offenbar die Absicht hatte, die unangenehme Skandalgeschichte so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Tas Komite hat vor­geschlagen, daß die Verhandlungen in der sogenannten^ Royal Gallery im Westminster Palast stattfinden sollen. Im Februar des Jahres 1841 sand die letzte Gerichts-Ver­handlung gegen einen Peer, den Earl of Cardigan, statt, der einen Offizier in einew Duell auf Wimbledon Common erschossen hatte. Diese Verhandlung wurde aber nicht in der Royal Gallery, sondern im Sitzungssaal abgehalten. Ten Vorsitz wird in diesem Fall wahrscheinlich; der Lord­kanzler führen oder wenn dieser verhindert sein sollte, der Lordoberrichter. Earl Rüssel hat im Hause der Lords um Vertagung der Verhandlung, um seine Verteidigung besser vorbereiten zu können. Er wurde gegen Kaution entlassen.

* Ein Feind der Rechtsanwälte. Aus London schreibt man: Schlechte Erfahrungen mit Rechtsanwälten scheint der unlängst verstorbene britische Admiral Sir- John Commerell gemacht zu haben. Tarauf scheint we­nigstens sein Testament zu deuten, das folgenden Passus

enthält:Ta ich; während meines Lebens mit den Ge­richten wiederholt schlechte Erfahrungen gemacht und ge­sehen habe, daß dieselben oft Urteile abgeben, die gegen lede Vernunft verstoßen, so bitte ich meine Erben, falls irgend etwas fraglich; sein sollte, sich selbst ein Schieds­gericht zu bestellen, und keinesfalls an die ordentlichen Gerichte zu apellieren. Ich selbst bin von jedem Juristen und Rechtsanwalt, mit dem idy während meines Lebens zusammengekommen bin, beschwindelt worden."

* Das si e g r eiche Albion. Der neuestenJugend" (Georg Hirths Verlag in München) entnehmen wir nach- stehenden, die englischen Siegestelegramme ironisierenden Scherz: Kitchener: .Beute gemacht, Oberst?" Oberst:Nicht viel, in verlassener Farm eine Kiste Käse gefunden; war leider voll Würmer!" K i t ch e n e r:Also telegraphieren wir: Buren aus fester Stellung vertrieben. Oberst Green erbeutete mehrere 1000 Stück Vieh."

* Ein witziger Prediger. Monsabre, der be­rühmte Prediger von Notre-Dame in Paris, dessen fünfzig­jähriges Priesterjübiläum vor kurzem gefeiert wurde, ist ein sebr launiger und witziger Mann. Ein Mitarbeiter desGaulois" erzählt von ihm u. a. folgende Geschichte: Eine Dame kommt in dem Augenblick, wo er auf die Kanzel steigen will, zu ihm und legt ihm mit großem Geziere eine Frage vor, die ihr Gewissen beunruhigt: sie hat früh, beim Aufstehen, mit größerem Wohlgefallen als gewöhnlich ihr Bild im Spiegel gesehen, und fürchtet nun, eitel zu werden, denn sie hat sich sehr hübsch gefunden.Beruhige Dich und gehe in Frieden, meine Tochter", antwortet der Pater,Irrtum ist keine Sünde."

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Häusern als festlicher und gemütlicher Versammlungsort den Hausbewohnern gedacht ist, und die in dem präch tigen imposanten Marmorkamin ihren natürlichen Stütz­punkt hat. Tie schweren Violetttöne, die in der Halle vorherrschen, werden in Speisezimmer, in das Licht und Luft reichlichen Eintritt hat, durch den Ton von hell poliertem Ahorn, in dem sich am Buffet das Rotgold von Kupferbeschlägen mischt, und den gelben Seidenbezug der Möbel wohlthuend abgelöst. Tas Damenzimmer mit seinem Mobiliar in Rosenholz und seiner Wandbekleidung aus grauer Moireeseide macht sich ebenso vornehm wie des in blau poliertem Ahorn gehaltene Herrenzimmer. Tas sind Gemächer, die jedem kleinen Fürstensitz zur Zierde gereichen können. In der oberen Etage liegen dann die relativ einfach ausgestatteten Gemächer, bei denen aber auch vor altern das Prinzip des Weiten, Geräumigen maß­gebend gewesen ist Tie Zimmer liegen nicht neben ein­ander, sie liegen wieder einmal in der Fluchtlinie. Von großem praktischen Verstände zeugt u. a. die Anlage des Badezimmers und der Wirtschaftsräume. Die weite, helle Küche, die angrenzenden Vorratskammern, die famos ge­bauten Weinkeller, das muß jedem imponieren, dem Mittel und Geschmack einen gewissen standard of life gestatten.

Dr. M.