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7.4.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 82 Erstes Blatt.

151. Jahrgarrg.

Sonntag 7. April 15101

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Ostern.

Ostern Frühlings Erwachen Auferstehung! Dieser Harinonische Dreiklang durchtönt in diesen Tagen die ganze Welt. Wie eine Offenbarung der Ewigen Liebe, der rastlos schaffenden Allmacht klingt es uns aus dem Jubel der Natur entgegen. Und selbst der Unglücklichste beugt sich frem Gebote der Liebe und lauscht andächtig dem tausend­stimmigen Chor, in dem die erwachende Natur das Hohe­lied der Liebe predigt. Ob nach heionischem Mythos Sieg­fried der Weltbefreier die schlummernde Erde wachküßt, vb nach religiöser Ueberlieferung Christus, am Kreuze sterbend, das aroße Erlösungswerk vollbringt, immer ist die Osterfeier das Symbol der Befreiung, der Erlösung. Wie die Natur die ehernen Fesseln sprengt, die sie monate­lang gefangen hielten, und der leuchtenden Sonne ent- gegenjubelt, so dehnt und weitet sich des Menschen Brust in diesen goldenen Tagen. Reicher flutet der Strom der Gedanken, neues Leben beseelt den schaffenden Geist, und die Hoffnung, die Zauberkönigin, hält Einzug in des Men­schen Herz. Oefsnen wir ihr das Herz, lassen wir den Oster­sonnenstrahl voll und tief bineindringen, damit die jungen Triebe in uns, die unter der harten Schicht des Kummers und der Enttäuschungen mühsam emporsprießen, Kraft zum Gedeihen finden.

Ostern? Dieses Fest besitzt fast mehr noch als das Weihnachtsfest an Volkstümlichkeit. Das Weihnachtsfest als echte, rechte Winterfeier vollzieht sich innerhalb der vier Wände unseres Heims, beim Osterfest dagegen öffnen sich die Thore der Welt. Alles, was sich müde und erschlafft fichlt nach langer, schwerer, entmutigender Arbeit, eilt hinaus, den Frühling zu begrüßen; die Natur, Himmel und Erde, jedes Kuöspchen und jedes Samenkorn soll teil­haben an unserer Freude. So ist das Osterfest ein Volks­fest geworden. Für die Darbenden, die zu Tausenden in das Freie binauspilgern, bedeutet es eine Erlösung von der drückenden Last der Alltagssorge. Dem angeborenen Wandertrieb und oer in jedem deutschen Gemüt fest wur­zelnden Liebe zur Natur folgend, benutzen sie das Oster­fest, um sich am strahlenden Licht der Frühlingssonne zu erquicken, um das geheimnisvolle Werden in der Schöpfung mit liebevoller Ehrfurcht zu betrachten.

In diesem naiven Enthusiasmus offenbart sich die Seele des Volkes. In gewissen Kreisen der Gesellschaft Finden wir leider dies Gefühl abgestumpft. Es aiebt Leute, die nichts wissen von der herrlichen Frühlingsosfenbarung, die sie nicht sehen, nicht erfassen, nicht fühlen, die un­empfindlich an ihr vorbeihasten. Ostern ist für sie nur ein Wendepunkt der Jahreszeit, an dem man seine Winter- ! leider allmählich abgetragen hat und da es sich empfiehlt, die Frühjahrsgarderobe hervorzusuchen, den alten Staub ihr auszuklopfen und sie neu Herrichten zu lassen. Diese Bedauernswerten haben kein Gefühl für das Festliche des Auferstehunasgedankens.

Diese Gleichgiltigkeit gegenüber allem, »vas nicht in der direkten Interessensphäre des Einzelnen liegt, dieser Mangel des Natur- und Kunstgefühls, diese nur auf das Nächstliegende gerichtete materielle Lebensbetrachtung, die empfindungslos vorübergeht an künstlerischen wie poli­tischen Idealen, ist eine der schlimmsten Erscheinungen unserer hastenden Zeit. Nüchterner, nur aufs eigene leibliche Wohl bedachter praktischer Sinn hat in gewissen Kreisen unserer Gesellschaft das Szepter in der Hand und bemüht iich, die Ideale überall da zu verdrängen, wo sie nur aikf-

tauchen. Diese Art von Materialismus, die nicht zu ver­wechseln ist mit der vernunftgemäßen praktischen Erwägung und der notwendigen Rücksichtnahme auf daS reale Leben, hat vor allem, neulich mit Recht unfet Kaiser klagte, einen großen Teil unserer Jugend an­gefressen. Wenn wir auch in unserem engeren Vaterlande glücklicherweise den im benachbarten Preußen unheimlich üppig wuchernden Byzantinismus, das feile Streber­tum, die häßlichsten Eigenschaften, dke der gebildeten Jugend zu eigen sein können, nicht besonders häufig finden, so beobachten wir doch vielfach ein hohles Spielen mit dem Patriotismus, utopistische oberflächliche Deutschtümelei, die mit echter, tiefer Vaterlandsliebe nichts zu schaffen hat, wohl aber aller realen Politik Hohn lacht und über Gaurisankar hohe soziale Hemmnisse mit knabenhafter übermütiger Grazie hinweghüpft, ein Jonglieren mit groß klingenden Allerweltsphrasen vonWeltpolitik" und G r o ß d e u t s ch l a n d" re. Firlefanzereien, die weit ver­ständiger ersetzt würden durch ein eiftiges und ernstes Studium der wichtigen sozialpolitischen Fragen der Gegen­wart. Daneben sehen wir die Jugend maßlose Roh­heiten begehen. Wir haben eine Zeit lang fast alltäglich berichten müssen von Verübungen schweren nächtlichen Un­fugs. Jetzt haben wir an zwei Tagen hintereinander unsern Lesermerzählen müssen von argen Baumsravelthaten, und eine so aiuffallende als bedenkliche Erscheinung ist es, daß nicht weniger als 7 Majestätsbeleidigungen im Laufe des vergangenen Vierteljahres bei der Staatsanwalt­schaft zu G i e ß e n zur Anzeige aebrackft wurden, und nicht weniger als drei innerhalb der letzten drei Wochen. Sämtliche sieben Angeklagte aber sind freigesprochen worden von der Strafkammer--des Großh. Landgerichts. Daraus ersieht mail mit unableugbarer Klarheit, daß sich der Geist des Denunziantentums in beängstigender Weise in unserer Bevölkerung breit macht, der Geist des Gehässigen, Böswilligen, der Geist der Schadenfreude, der Geist der Rachsucht. ^engt andernteils von einer falschen Auffassung von der Würbe der Majestät, die eine ernsthafte Kritik voU Maß und Sinn wahrhaftig verträgt. Unsere Richter würden wahrlich nicht Freisprechungen in solcher Sache fällen, wenn sie nicht den Eindruck des durchaus Harmlosen hätten. Fast möchte man wünschen, daß bewußt wahrheitswidrige Denunziationen strafrechtlicher Verfolgung unterworfen würden.

Das sind Zeiterscheinungen, die uns auch! auf diesem Gebiete ein Auferstehen wünschenswert erscheinen lassen. Angesichts des Osterfestes wollen wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Die' Rassen- und Klassenhetze, die namentlich während des letzten Jahrzehnts tobte, ist ini Abnehmen begriffen, und so dürfen wir annehmen, daß auch das, was heute uns den Horizont verfärbt, schwinden wird. Unser Volk hat auch immer das wissen wir am besten vou den Zeiten der tiefsten Niedergänge her wieder den Aufweg gefunden, ist aus Nacht noch immer wieder zum Licht hindurchgedrungen. Auch jetzt fehlt es nicht an bedeutungsvollen Anzeichen, namentlich nicht bei uns in Hessen, daß wir sozialpolitisch aufeinem auf­steigenden Aste uns befinden, und an uns liegt es, nach Kräften einzugreifen, den Werdeprozeh auch hier mit allen gesetzlichen Mitteln zu beschleunigen, damit es in atten Dingen Ostern »verde, damit ein neuer deutscher Völkerfrühling auferstehe.

Möge uns fein^ Schatten auf die Frühlings-, auf die Osterfreude fallen?

Ans Stadt und Land.

iejei, 6. April 1901.

H. Helft die Vögel schütze», sorgt für Nistkästchen. Wenn die milden Frühüng-lüfte wieder wehen und dir den Vögeln zur Nahrung dienende» Insekten aus ihrem Winterschlafe erwachen, bann kehren auch die munteren Singvögel, die uns i« Herbste verlassen mußten, wieder zurück. Jeder neue Tag bringt uns »eue Wandrer aus dem fernen Süden, wo ste weder fingen noch Nester bauen. Bei uns ist ihre eigentliche Heimat. Darum sollen und wollen auch wir dafür sorgen, daß fie fich bei uns wohl und behaglich fühlen. Die Pflicht, den vögeln Schutz und Hilfe zu gewähren, tritt uns nicht blos nahe, wenn zur Winterszeit Hunger und Not über fie hereinbrechen, nein! auch im Frühlinge, wenn fie ihre Nester bauen wollen und es ihnen an einem entsprechenden Raum fehlt. Dadurch, daß in den Wäldern das Unterholz und Gestrüpp auSgerodet, auf Feldern und Wiesen, an Bächen, Flüssen und Teichen fast jeder Baum, Bnsch und Strauch niedergelegt, die lebenden Hecken »m die Gärten mit den ge­schützten Brut- »ud Bergeftätten immer seltener werden und fast jeder Baum, in dem ein Astloch den Höhlenbrüter« gute Zuflucht gewährt, abgehauen wird, ist eS bcji sorg' und wehrlosen Tierchen fast unmöglich gemacht, noch ein fichereS Nistplätzchen zu finden. Die Tierschutzvereine haben c« fich deshalb zur Pflicht gemacht, durch Nistkästen, welche den na­türlichen Nistftätten der Höhlenbrüter möglichst entsprechen, annähernd Abhilfe zu schaffen. Auch der hiefige Tierschutz­verein hat es schon seit Jahre» nicht versäumt, mit Hand an dieses edle Werk zu legen, und ist der Borfitzende des­selben, Oberlehrer Hahn, gerne bereit, wegen des Bezugs der Nistkästen die nötige Auskunft zu geben.

* Stenographie. Nachdem jetzt auch die statistischen Angaben über die Stenographieschule Stolze-Schrey vor, liegen, find wir in der Lage, eine Vergleichung der Schule» Gabelsberger und Stolze-Schrey vorzunehmen. Gabelsberger umfaßt in Preußen 538 Vereine (gegen das Borjahr ft- 59), mit 13049 stenographiekundigen Mitgliedern (-ft 545 gegen daS Borjahr). Stolze Schrey 640 Vereine (gegen das Vor­jahr 36) mit 17846 stenographiekundigen Mitgliedern ( 378). In Deutschland zählt Gabelsberger 1320 ver­eitle (-ft 195 gegen das Borjahr) mit 48165 stenographie­kundige» Mitgliedern (-ft 3485). Stolze-Sckrey 914 Ver­eine ( 23 gegen das Vorjahr) mit 26585 Mitglieder» (-ft 106). Insgesamt zählt Babelsberger 1560 vereine (-ft 220) mit 60567 stenographiekundigen Mitgliedern (-ft 3962). Stolze Schrey 1070 vereine (-ft 46) mit 30114 Mitgliedern (-ft 1337). Die Zahl der Unterrichteten beläuft fich bei Gadelsberger in Deutschland auf 47144 (-ft 4590), bei Stolze-Schrey auf 38939 (-ft 634 gegen das Vorjahr). Insgesamt bei Gabelsberger auf 75145 (-ft 7676), bei Stolze-Schrey auf 44973 (-ft 2019).

Sitzgelegenheit für Angestellte. Mit dem 1. April ist die BnndeSratSverordnung über die Errichtung vo» Sitz­gelegenheit für Angestellte in offenen Verkaufsstellen in Kraft getreten. Danach soll ausreichende Sitzgelegenheit für Lehr* linge und Angestellte geschaffen werden. Das englische Ge-

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Saiserstadt.)

(Nachdruck verbotm.)

Die neuen Gruppe» in der SiegeSallee. Wolzogeus Neber- drettl in der stillen Woche. Ostern in den Laubeukolouieen.

Mit besonderer Feierlichkeit wurden in der verflossenen Woche die drei neuen Gruppen in derSi e ges a ll e e" enthüllt, die jetzt nur noch zwei leere Plätze aufweist, welche binnen kurzem gleichfalls ihren bildnerischen Schmuck er­halten sollen. Es fehlt nun blos noch der Lenz, der den grünen Hintergrund schaffen muß, um dieser Ahnengalerie des Kaisers zur Wirkung zu verhelfen. So lange das Strauchwerk und die Baumriesen ringsum in nüchterner Kahlheit verharren, ist der Endruck dieser in der Entfern­ung wenig zu unterscheidenden Denkmäler recht eintönig. Am letzten Enthüllungstage war von der Tiergarten-Verwaltung dafür gesorgt, diesem Mangel nach Kräften zu steuern. Wunderbare Gruppen hochstäm­miger Flieder- und Schneeballsträucher, blühende Rhodo­dendren und manche anderen, in den großen Treibhäusern gezogenen Kinder Floras rahmten die neuen Standbilder ein. Den vorteilhaftesten Eindruck unter den enthüllten Gruppen macht zweifellos der von Schaper modellierte große Kurfürst, der in Haltung und Miene der Bedeutung dieses kühnen, thatkräftigen Brandenburgers durchaus entspricht, fremdartiger noch als der jungealte Fritz" in der Allee berührt der von Eberlein geschaffene Friedrich Wilhelm III., der in dieser Jugendlichkeit dem Volke, das ihn ja von den . och kursierenden alten Thalern sehr gut kennt, nicht in den Kopf will. Da als Nebenfiguren Blücher und Stein gewählt sind, und zwar als Männer reiferen Alters, so wird durch diesen kleinen Anachronismus der leise empfun­

dene Zwiespalt alsbald deutlicher. Beim alten Kaiser Wilhelm,dem Großen", wie am Postament einge­meißelt ist, sind als Nebenfiguren Bismarck und M o l t k e verkörpert worden, die in der von Meister Begas geschaffenen Gruppe kleiner als nötig fortgekommen find. Wenigstens wirken die Büsten der beiden größten Paladien des Kaisers hinter der Kolossalfigur im großen offenen Mantel nicht ganz befriedigend. Die Ab­sperrung des Publikums war eine Folge des Bremer Attentates diesmal strenger und umfangreicher als sonst, das Aufgebot von Schutzleuten größer als bisher. Jedenfalls hat man den gutgemeinten, aber wenig praktischen Vorschlag, nach dem das Publikum sich gegenseitig beob­achten und überwachen sollte, höheren Ortes lächelnd ab acta gelegt. Es könnte das auch zu ganz wunderlichen und tollen Mißverständnissen, wenn nicht zu ärgerlicheren Vorkommnissen führen.

In Ern st v. WolzogensBuntem Theater" am Alexanderplatz, das sich immer lebhafteren Zuspruchs erfreut, hat die Zensurbehörde für die Karwoche allerlei Einschränkungen verfügt. Der elegante Herr Baron im Bie­dermeierkostüme teilte denwerten Herren und schönen Damen" im Zuschauerraum mit, daß es die Herren am Alexanderplatz nicht erlauben wollten, in seinem Theater beiter zu sein. Der Ersatz, den er für die sonst verzapften lustigen Duetts und Gedichte usw. bot, war mitunter herz­lich langweilig, aber das Lachen war trotz alledem nicht aus dem fröhlichen Hause zu bannen. Wie bei den leidigen Zensur-Maßnahmen Schiefheiten nicht zu vermeiden sind, trat auch hier deutlich zu Tage. Während ein in seinem harmlosen Frohsinn überaus anmutendes Tanzpoem von Bierbaum fortbleiben mußte, hatte man die Aufführ­ung einer Szene aus dem Landstreicherlebendie Tippel- schickse" nicht beanstandet. Dieser Ausschnitt aus einer Welt,

I die Wolfgang Kirchbach in seinemLeben auf der Walze" s sehr eingehend geschildert hat, paßte mit seinem wider­wärtigen Realismus viel, viel weniger in die Palmsonn­tagsstimmung als zehn Bierbaumsche Tanzpoeme zusammen. Behaglich erklärte der Litteraturbaron seinem Publikum die Bedeutung des WortesTippelschickse" und machte dar­auf aufmertfam, daß der Verfasser Hans Oswald selber auf der Walze" gewesen und die Szene also das Werk eines Fachmannes sei darauf begann der böse Spuck, in dem sich eine Landstraßendirne zum Schlüsse bereit er­klärte, fortan für zweiSchäkse", d. h. Strolche zu tippeln oder betteln. Schön ist anders, sagen die Berliner. Aber sie fühlten sich trotz alledem hingezogen in dasBunt^ Theater". Es kitzelt' zu angenehm, sich von einem wasch­echten Baron alswert" undschön" apostrophieren zu lassen, zumal wenn man von seinen sonstigen Mitmenschen durchaus nicht allzuhoch taxiert wird ober häßlich und schon langeaus dem Schneider" ist!

In den Laubenständen rund um Berlin herum herrscht in diesen stillen Tagen ein sehr geschäftiges Treiben; denn am ersten Ostertage finden altem Herkommen gemäß, die Wahlen zum Ortsvorstande in diesen Sommer-Gemeinden statt. In dem Restaurant, das in einer solchen Ansiedlun, natürlich nicht fehlen darf, und den stolzen NamenKo- lonial-Rathaus" führt, werden diese Wahlen vollzogen und daß es dabei nicht so trocken und unlustig hergeht, wie in den gewöhnlichen Rathäusern, läßt sich denken. Die ganze Kolonie muß aber an diesem wichtigen Tage in neuem Fahnenschmuck prangen und überhaupt sesttägtüH aussehen. Wird doch nach den Wahlen mitunter sogar da» Tanzbein geschwungen, hier nach den Klängerl eines ^eiev kostens oder einer Harmonika, dort sogar melan­

cholischen Tönen eines Dudelsacks' Hoffentlich bleibt em sonniges und warmes Osterwetter nicht au,.