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Nr. 82 Drittes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 7. April 1901
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** General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Verhütung von Waldbränden.
Mit Rücksicht auf die zurzeit bestehende trockene Witte rung find wir veranlaßt, die Angehörigen des Kreises dringend davor zu tuatnen, ohne ausdrückliche Genehmigung der zuständige« Oberförsterei in oder au Waldungen Feuer anzuzüudeu. Namentlich ermahnen wir die (Eltern, ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt in Wälder» umherlaufen zu lassen.
Die hier eiuschlagenden Strafbestimmungen find außer den die vorsätzliche Brandstiftung betreffenden folgende:
ReichSstrafgesetzbuch § 309: »Wer durch Fahrlässigkeit eine» Brand der in §§ 306 und 306 bezeichneten Art (auch Inbrandsetzung von Waldungen) herbeiführt, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder mit Geldstrafe bis zu 900 Mk. bestraft.-
§ 368, Ziffer 6: »Mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen wird bestraft, wer an gefährlichen Stellen in Wäldern Feuer auzündet.-
Forststrafgefetz Art. 66: „Ist ein mit oder ohne Erlaubnis der Forstbehörde angezündetes Feuer verlaffen worden, ehe solches gänzlich ausgelöscht war, so trifft den Schuldigen dloS darum eine Strafe von 1,80 Mark."
War das Feuer in jungen, unter 40 Jahre alten Schlägen angezündet, so tritt eine Strafe von 6,90 Mk. ein.
Unter Umständen haben auch die Eltern, Bormünder, Dienstherren u. s. w. für die Handlungen ihrer Untergebenen zu haften.
Auf Grund des Artikels 79 der Kreis- und Provinzialordnung wird das Nauchen io Waldungen außerhalb der Staatsstraßen, Kreisstraßen und chauffierten Orts- Verbindungswege verboten. Zuwiderhandlungen gegen dieses verbot werden mit Geldstrafe bis zu 90 Mark bestraft.
Die Schulvorstände werden ersucht, die Kinder durch die Lehrer im Sinne gegenwärtiger Bekanntmachung eindringlich belehren und verwarnen zu laffen.
Gießen, den 2. April 1901.
Großherzogliches Kreisarnt Meße«.
v. Bechtold.
Gießen, den 2. April 1901. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au Großh. Polizeiamt Gieße» uud die Grohh. Bürgermeistereien und die Grohh. Gendarmerie deS Kreises.
Die Großh. Bürgermeistereien wollen obige Bekanntmachung wiederholt ortsüblich bekannt machen laffen und das Luffichtspersonal geeignet instruieren.
Die Großh. Gendarmerie wird die erforderliche Aufsicht strengstens führen.
v. Bechtold.
11., 12. und 13. eines jeden Monats weder Zahlungen in Empfang genommen, noch solche geleistet werden.
Gießen, den 3. April 1901.
Die Großh. Bezirkstaffen Gießen I uud Gießen II. Havsult. Dieter.
Gießen, den 2. April 1901.
Betr.: Ausführung der Feuerlöschordnung vom 29. März 1890 bezw. der Kreisfeuerlöschordnung.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Gr. Bürgermeistereien der Laudgemeiudeu deS KreiseS.
Da seither vielfach der Wunsch nach dem Besitz der Kreisfeuerlöschordnung geäußert wurde, laffen wir Ihnen demnächst je 3 Exemplare der Kreisfeuerlöschordnung für den Kreis Gießen zugeheu, von denen je eines für Sie, den Kommandanten und dessen Stellvertreter bestimmt ist. Die Kosten trägt die Kreiskaffe. Bei Wechsel in den Kommando- stelleu ist dafür zu sorgen, daß der Amtsvorgänger oder seine Erben dem Nachfolger sein Exemplar übergiebt.
Für die betteffenden Gemeinden bemerken wir, daß in zwischen folgende Aenderungen in de» BrandhilfSverbänden des § 20 eingetreten find:
1. Schiffenberg Brandhilfe zu leisten ist die Gemeinde Watzenborn verpflichtet;
2. Schadenbach (Kreis Alsfeld) ist aus dem Brandhilfs verband mit WeiterShain auSgeschiedeu;
3. Für die Gemeinde Winnerod ist ein BrandhllfSver- band mit Bersrod, Saasen und Liudeustruth ge- schaffen.
_________v. Bechlolk__
Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß zufolge Verfügung Großh. Ministeriums der Finanzen, Ab teiluvg für Steuerwesen vom 26. März l. IS. zu Nr. F.-M - St. 11335 von den unterzeichneten Großh. vezirkskassen am
Gießen, Den 1. April 1901.
Betr.: Die Anstellung der Kreisstraßenwarte.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen äh die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinde« deS KreiseS.
Sie wollen, soweit aus Ihren Gemeindekaffen Gehalte an Straßenwarte bezahlt worden find, die Gemeinde Ei» uehmer veranlassen, sofort mit der Sreiskaffe abzurechnen, damit diese in den Befitz sämtlicher Hauptquittuugeu gelangt.
Binnen drei Wochen sehen wir Ihrem Bericht entgegen, daß diese Abrechnung stattgefunden hat.
v. Bechtold.
Bcknnntmaistnng.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß am erste» Osterseiertag, vormittags zwischen 11 uud 12 Uhr, zollpflichtige Poststücke bei nuS abgefertigt werden können.
Gießen, den 6. April 1901.
Großherzogliches Hauptsteueramt. Weissenbruch.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß der nächste Amtstag von Dienstag dem 9. auf Mittwoch den 10. l. Mt«. verlegt worden ist.
Gieße», den 6. April 1901.
Großherzogliches Steuerkommissariat Gießen.
Dr. Metzler.
Enttäuschungen.
Dem Grafen Bülow, der ein eifriger Zeitungslefer ist und Blätter der verschiedensten Richtungen, nicht etwa nach gefällig zugestutzten Ausschnitten, studiert, wird es nicht entgangen fein, daß in Bezug auf seine Einschätzung als Staatsmann Ernüchterung eingetreten ist. Die Abkühlung der Temperatur ging vom Reichstag aus. Wer da beobachtet hat, welchen außerordentlich lebhaften, beinahe stürmischen Beifall der Reichskanzler im Beginne seines neuen Amtes auf fast allen Seiten des Hauses fand, sodaß sich die Erfolge, die er als Staatssekretär des Auswärtigen erzielte, auf das glücklichste fortsetzten. Sonst 'reservierte ZentrumMhrer hießen den Nachfolger des Fürsten Hohenlohe fast begeistert willkommen, und nun hat allenthalben, nach verhältnismäßig kurzer Zeit, eine wesentlich kritischere Stimmung platzgegriffen. Bei den letzten vom Grafen Bülow im Reichstag gehaltenen Reden, zur Chinapolitik und über die künftige Handelspolitik, stand der Beifall keineswegs auf der früheren Höhe, und Fürst Herbert Bismarck wurde speziell von der Rechten durch weit kräftigere Zustimmungskundgebungen ausgezeichnet, als er seine Auffassung von den China-Wirren entwickelte und sich dabei insoferne auf den Standpunkt der Opposition stellte, daß er den Wunsch die „Legionen und die Millionen" wiederzusehen, als sehr berechtigt anerkannte, und auch sonst die deutsche Chinapolitik nicht gerade mit Lob überhäufte.
Auf Seiten der Konservativen empfindet man es als Enttäuschung, daß Graf Bulow zwar der Landwirtschaft bei mancher Gelegenheit nachdrücklichen Schutz zusagte, aber durch keine noch so geschickte Fragestellung zu bewegen ist, diese Versprechungen zu präzisieren, z. B. eine Definition dessen zu geben, was er unter einer „angemessenen Erhöhung" der landwirtschaftlichen Schutzzölle versteht. Ebenso hat Graf Bülow vermieden, sich dafür stark zu machen, daß der Zolltarifentwurf, auf den mit besonderer Ungeduld die Rechte wartet, bestimmt noch im Laufe dieser Session dem Reichstage zugehen werden. Diese Wahrnehmungen haben bewirkt, daß die im Anfänge sehr lebhaften und namentlich von den gemäßigten „Kreuzzeitungs"-Konser- rativen genährten Hoffnungen, Graf Bülow werde ein Kanzler nach dem Herzen der Agrarier sein, mehr und mehr gesunken sind. Die Tonangebenden im „Bund der Landwirte" hatten es freilich „gleich gesagt", daß es so kommen werde; sie erklärten von vornherein, erst die „Thaten" des neuen Mannes „abwarten" zu wollen.
Graf Bülow hat dafür, daß er auf der Rechten Boden verlor, nicht etwa links an Boden gewonnen. Der Linken ist der Reichskanzler viel zu sehr agrarfteundlich; jede Rede, in der er von dem Schutz der Landwirtschaft sprach, entfernte ihn weiter von der Linken, während die allgemein gehaltene Art der Verheißung die Rechte in wachsendem Maße unbefriedigt ließ. Graf Bülows eigenartige Rhetorik übt eine verhängnisvolle Wirkung: allzugroße Erwartungen hervorzurufen, Illusionen zu erzeugen. Ter Hörer ist gefesselt, entzückt von diesen glänzenden, eleganten Ausführungen; wer den Redner mit dieser ruhigen Sicherheit und Leichtigkeit sprechen hört, der glaubt die Schwierigkeiten schon halb überwunden. Ter zu großer, ausdrucksvoller
Geste erhobene Arm des Kanzlers scheint Hemmnisse spielend hinwegzuraumen, die kräftige Hand den Widerstand nieder- zubalten. Mancher, der die Reden des Grafen Bülow nur gelesen hat, mag sich Über die Beifallsuuterbrechungen gewundert haben; in dem Maße macht hier der Vortrag des Redners Glück.
Aber es ist schwer, immer wieder zündende Reden zu halten. Die Parteien werden der effektvollen Perspektiven, die man von ihnen entrollt, rasch überdrüssig. „Tie Wähler fragen", so offenbarte einmal ein Zentrumsabgeordneter, „was habt Ihr uns mitgebracht von Berlin?" Mit dem Mitbringen hapert es einstweilen. T«s Zentrum hat schon gar nichts mitzubringen. Zwar dokumentiert Graf Bülow fein Interesse für die Missionen; aber das Zentrum hegt Wünsche genug in der inneren Politik, und von Zugeständnissen auf diesem Gebiet weiß niemand etwas zu melden. Nächstdem mißfällt es dem Zentrum, daß Graf Bülow, nach offiziöser Ankündigung, die Polen rauh anzufassen gedenkt — obgleich die Polen zur Zeit mit dem Zentrum auf etwas gespanntem Fuße stehen.
Im Reichstag sagte Graf Bülow, als man noch mehr über China wissen wollte, er sei fein arabischer Märchenerzähler. Die Konservativen und das Zentrum sind der Meinung, der Reichskanzler verstehe doch wie ein solcher lockende Bilder zu entwerfen. Daß noch keines davon in die Wirklichkeit übertragen, ist, das ist es, was allgemach die Wertschätzung des Grafen Bülow beeinflußt.
Russische Barbarei.
Bon dem barbarischen Vorgehen gegen die russischen Studenten bringt „Daily News" folgende grausige, hoffentlich übertriebene Schilderung: „Der Do- saken-Offizier (Efsaul) befahl, mit den Nagaikas drein zu hauen und warf sich zuerst auf die Menge, um seinen Leuten ein Beispiel zu geben. Mit aller feiner Wucht hieb er auf den nächsten Studenten ein und dieser siel, nachdem er einen Augenblick geschwankt, zu Boden. Seinem Offizier folgend, drang ein Sergeant vor und hieb mit der Peitsche in seiner Rechten um sich, während er mit der Linken die Studenten beim Kragen faßte und sie unter seine Füße warf. Dann folgte die „Sotnega", die Mannschaften. Zuerst wurde alles ruhig, als könne niemand glauben, daß ganz unbewaffnete Menschen mit Nagaikas gepeitscht würden. Ein furchtbarer Schrei unterbrach das Schweigen: eine Frau siel in hysterische Krämpfe. Die Menge, abgeschnitten und umzingelt von einer Abteilung Kosaken, schrie und jammerte, konnte aber nichts thun. Die Nagaikas pfiffen, die Totschläger der Polizei fielen auf die uöpfe ber Studenten nieder, bie keinerlei Widerstand
leisteten und überhaupt nicht au begreifen schienen, war eigentlich vorgeht und wo sie sich befinden. „Aber, es ist ja ganz unmöglich!" rief ein alter Oberst, der sich in der Menge befand, ,Has können nicht Nagaika-Hiebe feilt. Es muß der Husichlag der Pferde auf dem Pflaster da- Geräusch hervorbringen." Schweigend machte ihm die Menge Platz und der Oberst stand von Angesicht zu Angesicht vor dem Schauspiel. Schreckgelähmt griff er mit beiden Händen nach dem Kopf und lief, wie wahnsinnig geworden, die Straße hinab. Inzwischen zogen sich bie Studenten, von allen Seiten eingeschlossen, durch die Kolo- naben auf bie Kasan-Kirche zurück, wo in diesem Augenblick ein Gottesdienst abgehalten wurde und der Prieste» gerade das heilige Sakrament heraustrug. Dort, am Eingänge der Kirche, zwischen den Säulen befindet sich eine Inschrift: „Kommt im Namen unseres Herrn." Und hier spielten sich die letzten Szenen des Schreckensdramas ab. Tie Nagaikas pfiffen und die Studenten stürzten Reihe auf Reihe zusammen. Man konnte das Pfeifen und bie dumpfen Schläge der Totschläger hören, wie sie auf bie Köpfe niedersausten. Die Kosaken erhielten Befehl, zurückzugehen und die Schutzleute nahmen ihren Platz. Ich weiß wirklich nicht, was besser mar; bie Ho) al en hauten allerdings drein, bis ihre Opfer blutüberströmt z u s a m m e n b r a che n, aber bie Schutzleute schlugen sie nieber, big sie tot waren. Sie hieben ins Gesicht unb auf den Kopf. Ein Student, der mit gebrochenem Schädel zu Boben gestürzt war, wurde offenbar auf bie Gurgel getreten, denn er schäumte unb stöhnte in seinem TobeS- kampfe. Tie Menge würbe von einer Panik ersaßt und versuchte, nach ber Kirche zurückzudrängen. Die Studenten würben jetzt auch gewaltthätig unb durchbrachen bas Ge- länber. Wenn wir kämpfen sollen, so wollen wir bis zum Tobe kämpfen." Der Instinkt der Selbstverteidigung erhöhte ihre Kraft um das Zehnfache, unb die Schutzleute mußten zurückgehen. Es war furchtbar, bie Studenten zu sehen, wie sie, zur Verzweiflung getrieben, durch die Unmöglichkeit bie Hiebe der Totschläger nur mit ihren unbewaffneten
Händen abzuwenden, sich verteidigten. Die Handwurde gerade so leicht wie der Schädel zerschmettert, welcheunterdenfurchtbarenHiebenderSchutz- leute zersplittert wurden. Einer der Schutzleute, noch brutaler als die übrigen, fiel fast über den am Boden liegenden Körper eines Studenten. Sofort stürzte sich ein Student der Medizin auf ihn. Man sah das Zerbrochene Ende eines Knüttels durch die Luft saufen unb mann brach mit bumpfern Stöhnen zufamen. Znzwi)cy schlugen die Schutzleute in ber Kirche selbst die ungluck lichen w e i b 1 i ch7n S t u d i e r e n d e n tot, bie geglüht hatten, bei den Priestern Schutz zu finden. Aber letztere


