ftr. 182 Erstes Blatt.
161. Jahrgang.
Dienstag 6. August 1901
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GiehenerAnzeiger
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Amts- und Anzergeblatt für den Kreis Gießen
Bekanntmachung.
Betr.: ErgänzuNgSwahl des Kreistages des Kreises Gießen durch die Bevollmächtigten der Gemeindevorstäude.
Bon den durch die Bevollmächtigten der Gemeinde Vorstände gewählten 16 SreiStagSabgeordneten scheiden in Gemäßheit des Art. 26 der Kreis« und Provinzialorduung mit Ablauf dieses Jahres acht aus. Bon diesen acht find zurzeit noch vorhanden:
1. Kommerzienrat Georgi, Gießen; L Wahlbezirk (Gießen Stadt);
2. LandgerichtSrath Dr. Schäfer, Gießen; I. Wahlbezirk (Gießen Stadt);
3. Gemeinde-Einnehmer Maid, Watzenborn; IV. Wahl» bezirk (Watzenborn);
4. Gemeinderatsmitglied Demper , Großen - Buseck; V. Wahlbezirk (Großen-Buseck);
5. Apotheker Welcker, Allendorf a. d. Lda.; VII. Wahl« bezirk (Londorf).
Ferner haben Ersatzwahlen stattzufindeu
1. für den Präsidenten des Finanzministeriums Exz. Gnauth, I. Wahlbezirk (Gießeu-Stadt);
2, für die durch Tod abgegangenen Kreistagsmitglieder: a) Stadtverordneter Scheel, Gießen; I. Wahlbezirk (Gießen-Stadt);
b) Bürgermeister Geißler, Lollar; VI. Wahlbezirk (Staufenberg);
v) Bürgermeister Roth, Muschenheim; XI. Wahlbezirk (Eberstadt).
ES find sonach bei den bevorstehenden Ergänzungswahlen in dem I. Wahlbezirk 4, in dem IV., V., VI., VII. und XL Wahlbezirk je ein Abgeordneter zu wählen.
Nachstehend wird das Verzeichnis der zu den einzelnen Wahlbezirken gehörenden Gemeinden mit Angabe der Be« völkerungsziffer und der von jedem Gemeindevorstand zu wählenden Anzahl von Bevollmächtigten mit dem Anfügen bekannt gegeben, daß Anträge auf Berichtigung dieses Ber« zeichvifies binnen einer unerstrecklichen Frist von 4 Wochen nach Ausgabe dieses Blattes bei dem KreiSauSschufie anzubringen find, gegen deffen Entscheidung die Berufung an den Provinzialausschuß innerhalb 10 Tagen offensteht.
Gießen, den 29. Juli 1901.
Der Kreisausschuß des Kreises Gießen.
Namens desselben:
v. Bechtold.
.....«. .. - Kreistags- Seelenzahl nach der Bevollmächtigte
Wahlbezirke
Abgeord- Volkszählung vom nete 1. Dezember 1900
der Gem.-Vorstände
Gießen
I. Wahlbezirk (Gießen-Stadt) 4 25564
Stadtvorstand
IV. Wahlbezirk (Watzenborn)
Watzenborn-Steinberg 1729
7
Leihgestern
1260
5
Garbenteich
755
3
Hausen
Steinbach
451
2
984
4
Großen-Buseck
1 5179
V. Wahlbezirk (Großen-Buseck) 1705
21
7
Alten'Busrck
1219
5
Rödgen
661
3
Oppenrod
313
1
Trohe
172
1
Beuern
999
4
Staufenberg
1 5069
VI. Wahlbezirk (Staufenberg)
734
21
3
Lollar
1523
6
Ruttershausen
446
2
Daubringen
746
3
Mainzlar
473
2
TreiS a. d. Lda.
1138
5
1 4927 ‘20
1
5060
21
VII. Wahlbezirk (Londorf)
Londorf
850
3
Allendorf d. Lda.
1109
4
Kesselbach
437
2
Odenbausen m. Appenborn
307
1
Geilshausen
475
2
WetterShatn
526
2
RüddingShansen
701
3
Allertshausen
268
1
Climbach
249
1
1
4922
19
XI. Wahlbezirk (Eberstadt)
Eberstadt mit Arnsburg
480
2
Ober-Hörgern
342
1
Holzheim
1103
4
Grüningen
722
3
Dorf-Gill
417
2
Muschenheim mit Hof Gill
639
3
Obbornhofen
576
2
Bellersheim ___
648
3
Bekanntmachung.
Betr.: Beurlaubung des Großh.KreisveterinärarzteSSchmidt in Gießen.
Der Großh. Kreisveterinärarzt Herr Schmidt zu Gießen ist für die Zeit vom 10. bis zum 25. d. Mts. (einschließlich)
beurlaubt. Die Dienstgeschäfte des Großh. Kreisveterinär- amteö Gießen werden während dieser Zeit für die Orte Rabertshausen, Rodheim, Steinheim, Langd, Utphe, Trais- Horloff, Inheiden, Bellersheim, Obornhofen, Hungen. Langsdorf, Bettenhausen, Muschenheim, Birklar, Eberstadt, Dorf« Gill, Lich, Grüningen, Garbenteich, Steinbach, Albach, Watzenborn, Steinberg und Hausen von dem Großh. KreiSveterinär- amt Nidda, für die übrigen Orte von dem Großh. KreiS- veterinäramt Grünberg versehen.
Gießen, den 3. August 1901.
Großherzogliches Kreis amt Gießen.
__________________v Bechtold.___________________
Bekanntmachung,
Betr.: Gesuch der Stadt Gießen um Genehmigung zur Errichtung eines städtischen Elektrizitätswerks in Gießen.
Die Stadt Gießen beabsichtigt auf dem Grundstück Flur 17 der Gemarkung Gießen bei der Neumühle eine Generatorgasanlage und Dampskeffelanlage zu errichten.
Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses in der Darmstädter Zeitung an ge rechnet auf dem Bureau der Großherzoglichen Bürgermetsterei Gießen zur Einsicht der Jntereffenlen offen.
Etwaige Einwendungen find binnen dieser Frist bei Mei düng des Ausschlusses bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Gießen vorzubriugen.
Gießen, den 3. August 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Bechtold.__________________
Gießen, den 1. August 1901.
Betr.: Feier deS 2. September.
Die Großh. Kreisschulkommisfion Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Wir beauftragen Sie, rubr. Fest wie seither in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu laffen.
____________________v. Bechtold.___________________
Gießen, den 5. August 1901. Betr.: Den Zeichenunterricht in der Volksschule.
Die Großh. Kreisschulkommisfion Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Die nachstehende Verfügung Großh. Ministeriums des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, vom 24. Juli l. Js. teilen wir Ihnen zur Nachachtung mit.
v. Bechtold.
Darmstadt, den 24. Juli 1901. Betr.: Wie oben.
Das
Großh. Ministerium des Innern
(Abteilung für Schulaugelegenhetten)
au die Grostherzogl. KreiS-Schulkommisfiouen.
Im Kommissionsverlag von Hermann Graudhomme in Schotten ist erschienen:
Zeichenlehrplan für die Volksschule mit ausgeführten Präparationen von Dr. D. Greiner 1. Teil, 1. und 2. Jahr.
Das Werkchen wird von fachmännischer Seite sehr günstig beurteilt und erscheint als wohl geeignet, dem Lehrer wertvolle Anregungen zu geben und zur Förderung des Zeichen- unterricht- in der Volksschule beizutragen.
Sie wollen die Ihnen unterstellten Lehrer aus die genannte Schrift aufmerksam machen und die Anschaffung für die vorhandenen Lehrer- und Schulbibliotheken anordnen.
Ferner empfehlen wir Ihnen, in einzelnen Schulen, deren Lehrer dem Zeichenunterricht besonderes Interesse entgegenbringen, Unterrichtsversuche nach Maßgabe der Greiner','chen Schrift anzuftellen und, sobald ein sicheres Urteil ausgesprochen werden kann, über die Ergebnisse zu berichten. Hierbei werden die Leistungen im Gedächtnis z eichnen besonders zu berücksichtigen sein.
Eisenhuth.
______________v. Beauclair.
Zum Zolltarifentwurf.
Nach der erfolgten Veröffentlichung des neuen Zolltarifentwurfes ist der Ausfcyuß des Handelsvertragsvereins in Berlin zusammengetreten und hat folgende Resolution gefaßt:
Die feste Hoffnung des deutschen Volkes auf Fortführung der deutschen Handelsvertragspolitik ist durch den neuen Zolltarifentwurf vernichtet. Gegen alle Erwartung ist nicht an dem bewährten System des Einheitstarifs festgehalten, sondern für Getreide ein Doppeltarif vorgesehen. Der einmütige Beschluß der .Handelskammern, der gesetzlichen Vertretungen von Handel und Industrie, ist für nichts erachtet. Wenigen Großgrundbesitzern zu Liebe soll das Deutsche Reich auf die Bahn eines verhängnisvollen Wagnisses gedrängt werden. Die Beschränkung des Doppeltarifs auf Getreide vermindert die Gefahr nicht. Die für uns wichtigsten Staaten legen entscheidenden Wert auf den Absatz ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Mit dem Doppeltarif für Getreide wird unseren Unterhändlern die Möglichkeit genommen, die Zollherabsetzungen einzutauschen, deren unsere Ausfuhr bedarf. Da überdies die vorgelegten Minimaltarifsätze sogar die Spitze des heutigen Generaltarifes übersteigen, welcher bisher nur
auf Vertrags feindliche Staaten Anwendung findet, so droht uns eine Periode der Zollkriege, zum mindesten eine Zeit wachsender gegenseitiger Absperrung. Deulscbland ist seit Jahrzehnten in steigendem Maße auf die Ausfuhr gewerblicher Erzeugnisse angewiesen. Seit Absckstuß der Han- delsverträge ist dieselbe gewaltig gewachsen. Allein das letzte Jahr weist einen Mehrbetrag von 1100 Mill. Mark gegen das Jahr 1894 auf. Ueber ein Fünftel unserer Bevölkerung ist unmittelbar für die Ausfuhr thätig: insgesamt leben nahezu zwei Fünftel des deutschen Volkes schon heute vom und für den Außenhandel. Lassen wir unseren Export verfallen, so kann das Deutsche Reich seine Bevölkerung nicht mehr ausreichend ernähren, seine wirt- schaftliche und infolgedessen auch seine politische Machtstellung nicht aufrecht erhalten. Eine Erhöhung der Schutzzölle für ihre Erzeugnisse vermag der Industrie nicht annähernd Ersatz für die ihr drohenden Verluste zu bieten; der bei starker Jnlandsproduktion unvermeidliche Preisdruck vereitelt den Nutzen des Zollschutzes. Ebenso ist es bitterer Hohn, die deutsche Industrie, die deutschen Arbeiter damit zu trösten, daß eine durch ZollsckMtz kaufkräftiger gemachte heimische Landwirtschaft Ersatz für den Verlust des Weltmarktes bieten werde. T-er den wenigen Getreiden Verkäufern vorübergehend zusließende Gewinn wird weit überwogen durch die aus der Verteuerung der Lebensmittel folgende Schwächung der Kaufkraft der breiten Schichten der Bevölkerung. Einen Ausgleich durch Steigerung der Arbeitslöhne kann die Industrie nickst gewähren, wenn gleichzeitig der Abschluß brauchbarer Handelsverträge unmöglich gemacht wird. Im Gegenteil: Sie wird gezwungen, die zu erwartende Erhöhung der Auslandszölle durch Ermäßigung ihrer Produktionskosten auszugleichien, wäre also sogar darauf angewiesen, die Löhne zu erniedrigen. Eine beispiellose Krise muß die Folge einer derartigen Politik sein, eine Auswanderung der besseren Arbeiter, die im Inland keine ausreichende Beschäftigung mehr finden, eine Auswanderung auch des Kapitals, das in Ländern mit günstigeren Produktionsbedingungen bessere Verwertung findet. Und dieses wagt man „nationale Wirtschaftspolitik" zu nennen. Vorteil tcmii auf die Dauer selbst die Landwirtschaft von einer solchen Politik nicht haben. Hat doch die große Mehrzahl ihrer Betriebe, deren Schwerpunkt ja in der Viehzucht liegt, sogar nur Nack)teile von steigenden Getreidepreisen, Nachteile, die auch durch etwaige Erhöhungen der Vieh- und Fleischgölle nicht ausgeglichen werden. Die Zeit der höchsten Getreidepreise — von den fünfziger bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts — weist gleichzeitig die stärkste Zunahme des Großgrundbesitzes, die größte Entvölkerung des platten Landes, die gewaltigste überseeische Auswanderung auf. Gerade der kleine Grundbesitz hat ein Lebensinteresse daran, die breiten Schichten der industriellen Bevölkerung kaufkräftig zu erhalten für Milch, Butter, Käse, Eier, Fleisch, Obst usw.; hohe Brotpreise vermindern aber die Kaufkraft hierfür. Wer die Zukunft der deutschen Landwirtschaft nicht in einer Ausdehnung des Großgrundbesitzes sieht, sondern darin, daß die heimische Scholle eine möglichst große Zahl selbstän-, diger Landwirte ernährt, muß die durch den Doppeltarif unabänderlich werdende Erhöhung der Getrei-, dezölle bekämpf-en. Deutschland hat sich mit Einsetzen seiner ganzen Mrtschaftllichen Kraft zu hervorragender Bedeutung auf dem Weltmärkte emporgeschwungen. Es hat seine Handelsmarine in kurzer Zeit verdoppelt, eine mächtige Kriegsflotte zum Schutze des auswärtigen Handels geschaffen, die Leistungsfähigkeit seiner Industrie weit über den eigenen Bedarf hinaus für den Absatz an die ausländische Kundschaft eingerichtet. All dies wird wertlos, ein großer Teil des Nationalvermögens wird mutwillig zerstört, wenn die bisherigen Verkehrsbeziehungen mit dem Auslande erschüttert werden. Die Hoffnung, daß die Regierung einen festen Halt gegen derartige verhängnisvolle Pläne bieten, daß sie das Werk der Handelsverträge, diel das Wort unseres Kaisers als eine „rettende That" be-i zeichnet hat, fortführen werde, ist mit der Veröffentlichung des neuen Tarisentwurfs geschwunden. Nur eine gewaltige Bewegung in den weitesten Kreisen des Volkes kann jetzt verhüten, daß unabsehbares ünheri über unser Wirtschaftsleben, unser Vaterland, unser Volk hereinbricht. In dieser ernsten stunde wendet sich ber Handelsvertragsverein an alle, die dem ‘Stebexter bte Arbeitsgelegenheit, dem Volke gesunde und billige Nahrung, dem Vaterlande die jetzige wirtschaftlich^ und politisch« Machtstellung erhalten wissen wollen, mit der Mahnung, alles Trennende beiseite zu stellen, mu> einmütig mn- zutreten in den Kampf für den Schutz der nationalen Arbeit durch Sicherung unserer schwer errungenen Stellung auf dem Weltmarkt. Gegenüber den Umsturzbestrebungen einer kurzsichtigen Jnteressentengruppe gilt es der ^nser- vativen Forderung zum Siege zu verhelfen: Fortführung unserer bewährten Handelsvertragspolitik.
Politische Wochenschau.
Im Vordergründe der politischen Erörterungen der Jn- und Auslandspresse stand auch in der vergangenen Woche der deutsche Zol l ta ri fen twur f, der zur Veröffentlichung gelangte, ehe noch der Bundesrat sich mit den neuen Tarifsätzen befaßt hat. Sie drangen bekanntlich in die Oeffentlichkeit infolge einer süddeutschen Indiskretion. Zudem erfuhr man, daß eine Londoner deutsche finanzielle Wochenschrift durch Bestechung mit einer Lappalie sich in den Besitz des ganzen Tarifentwurfs hatte setzen können.! Eine Untersuchung hat die Schuldigen zu Tage gefördert. Ob die zum Schutze der deutschen Landwirtschaft bedeutend erhöhten Sätze die Genehmigung von Bundesrat und Reichstag finden werden, steht noch oahin, zumal auch politische


