Nr. 80 Zweites Blatt
Donnerstag 4. April 1001
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die nach Posener Blättern nach Schroda unb Schrimm verlegt werden sollen, werden merken, was es heißt, in einem, polnischen Neste die Stunden auskosten zu müssen, die kommen, wenn des Dienstes ewig gleidje Uhr nicht mehr schlägt. Aber auch die Kleinstädte des rein deutschen Ost- sireußen sind wie dazu geschaffen, die Langeweile im Dasei« in erschreckendster Weise zu lehren. Richard Skowron- n e k, der bekannte ostpreußische Schriftsteller, schilderte neulich in seinem in der „Weiten Welt" (Verlag von W. Spemann in Stuttgart) erschienenen Roman „Die Fran Leutnant" das Garnisonleben in einem ostpreußischen Grenzneste, dem er den Namen Modrilewo gab und mit dem er in Wahrheit wohl Margrabowo (auch Oletzko genannt) meinte. Dort wie in den auf derselben niedrigen Stufe stehenden masurischen Nestern Sensburg und Ortelsburg, Goldap und Darkehmen re. bleibt den ledigen Offizieren kaum etwas anderes übrig, als zum Becher zu greifen. Der genius loci aller dieser Orte ist feucht.
Was aber ist zu thun, die bösen Einflüsse solcher Garnisonen auf das Offizierkorps unschädlich zu mack)en? Die „Köln. Ztg." sagt:
Ta die Notwendigkeit, die Grenzen stark zu belegen, also auch kleine und kleinste Garnisonorte zu wählen, nicht abweisbar ist, so bliebe, um den daraus sich ergebende« Uebelständen entgegenzutreten, nur die Wahl zwischen zwei Systemen, indem man nämlich die Offiziere aus den schlechten Garnisonen sehr häufig versetzt oder indem man die Regimenter als solche mit den Garnisonen tauschen läßt. Tie häufige Versetzung einzelner Offiziere führt den Uebelstand mit sich, daß der kameradschaftliche Verband innerhalb der Regimenter, die einem Taubenschlage gleichen, gelockert werden muß, ganz abgesehen davon, daß die Neigung, Versetzungen in solche Garnisonen als Strafmittel zu betrachten, schließlich dahin führen könnte, den Wert dieser Offizierkorps zu vermindern. Dagegen hat die Verlegung ganzer Regimenter nur finanzielle Nachteile, die gegenüber einer Forderung der Gerechtigkeit und auch der militärischen Nützlichkeit nicht maßgebend sein sollten Auch andere Staaten, z. B. Frankreich, tragen diese Kosten, wenn auch aus anderen Gründen, die bei uns nicht in Betracht kommen. In Frankreich findet der Wechsel grundsätzlich alle drei Jahre statt, und wenn wir auch nicht so weit gehen wollen, einen so raschen Garnisontausch zu befürworten, so scheint es doch, daß man nur eine That ausgleichender Gerechtigkeit und auch militärischer Nützlichkeit vernehmen würde, wenn man die Regimenter in besonders schlechten Garnisonen etwa den doppelten Zeitraum in besseren Städten unterbrächte.
Tas ist ein Vorschlag, der jedenfalls verdient, von unserer Heeresverwaltung in Erwägung gezogen zu werden.
Politische Tagesschau.
Tie Mörchinger Offizierstragödie veranlaßt die „Köln. Ztg.", auf die Schattenseiten der Grenzgarni- sonen hinzmveisen. Sie meint, man müsse diesen Garnisonen mildernde Umstände zufälligen, wenn dort bei Liebesmahlen des Guten zuviel gethan werde, indem sie ausführt:
Alle Garnisonen sind ja nicht so schlimm, wie Mörck)- ingen, das den Vogel in dieser Beziehung abschießt, aber noch eine ganze Reihe bieten den Offizieren außer dem Tienst so gut wie gar keine Anregung. Im allgemeinen verläuft das Leben im Kasino, auf das die Offiziere fast ausschließlich angewiesen sind, eintönig und wenig anregend, es ist daher gar nicht unerklärlich, daß man in diesen Garnisonen, wenn einmal ein besonderer Festtag kommt, sich ihm mit doppelter Lust hingiebt und auch über die Stränge schlägt. Da das Offizierkorps der Grenzgarnisonen weniger Offi^ierersatz haben, als die begünstigteren in der Mitte des Reiches, so können die Regimenter auch weniger Offiziere zu auswärtigen Kommandos abgeben, und viele sind gezwungen, ein, ja selbst zwei Jahrzehnte in einem solchen Neste zuzubringen. Besonders starke Naturen werden auch darüber Hinwegkommen, aber viele werden unstreitig unter dern öden Eindruck eines solchen Garnisonlebens allmählich abgestumpft und niedergedrückt, und wir möchten behaupten, daß die Abnutzung des Offizierkorps sich in solchen Garnisonen schneller vollzieht als in anderen. Es ist nur eine der Folgeerscheinungen, wenn Offiziere unter solchen Umständen den Kasinofreuden mehr als empfehlenswert huldigen, man wird aber auch annehmen müssen, daß im allgemeinen eine Niederbrückung ihrer geistigen Qualitäten als Folge eintreten muß. Im ewigen Joch des Tienftes ohne Jebe andere höhere Anregung, von der Heimat oft hurch große Entfernungen getrennt und dadurch auch beim Urlaubnehmen behindert, bei dem sie sich doch einmal in anderer Atmosphäre erholen könnten, vermögen sie nicht die geistige Elastizität und Frische zu erhalten, wie ihre begünstigteren dtameraden, und es entsteht daraus die Befürchtung, daß wir mit der Zeit in unseren Grenzregimentern ein Offiziermaterial haben werden, das hinter dem der anderen zurücksteht.
Mörchingen ist allerdings wohl die elendeste aller reichs- ländigen Garnisonen; allein im Osten des Reichs finden ich nicht wenige, die in einer Konkurrenz mit Mörchingen dieses schlagen würden. Tie Offiziere der beiden Bataillone,
Engländer und Buren.
Heute gingen uns folgende telegraphische Meldungen zu: Durban, 3. April, 10.45 Uhr. Die Buren sprengte« in New-Castle einen Zug in die Luft und zogen sich in die Berge zurück.
L i s s a b o n, 3. April, 10.50 Uhr. Der Dampfer „Zaire" ist hier mit 317 flüchtigen Buren eingetroffen.
Ein Telegramm des „Reuterschen Bureaus" besagt ferner: Rings um Pretoria streifen kleine Buren kor ps, jte rauben Vieh, das sich verlaufen hat, und versuchen, Züge zum Entgleisen zu bringen. Tie Engländer haben Warmbad nach geringem Widerstande der Buren besetzt.
Lord Kitchener meldet vom 2. ds.: Oberst Plumer hat tzkylstroom besetzt. — General French hat am untern Aoiigoto einen Fünfzehnpfünder und zwei Pompomgeschütze etbeutet. — In der Oranjeflußkolonie wurden ohne Ver- bnst auf englischer Seite 31 Gefangene gemacht.
Hinsichtlich der Gerüchte von einer Reise des Prüfst) en t e n Krüger nach Amerika eingezogene Jnfor- vuLtionen besagen, daß die Absicht einer solchen Reise lange tz«it bestehe, daß aber gegenwärtig durchaus nichts be- Mossen fei.
Dor englische Kriegsminister Brodrick erklärte im Unter-
Deutsches Reich.
Berka, 2. April. Das K^aiferpaar hörte gestern im Schlosse den durch Lichtbilder erläuterten Bortrog des Afrika« reifenden Schilling über die Expedition in Ostafrika an, wozu eine größere Herrengesellschaft geladen war. Nach dem Vortrag blieb der Kaiser mit dem Bortragenden und den Geladenen noch einige Zeit zusammen. — Heute vormittag begab sich der Kaiser nach Potsdam, wo er zunächst die Leibkompagnie, sowie die 2., 6. und 10. Kompagnie deS 1. GardercgiwentS z. F. besichtigte. Bei der 2. Kompagnie war der Kronprinz cingetrctea. Hierauf nahmen daS Regiment der Garde du Corps, das Leibgarde Husarenregi- ment, sowie daS Lehr-Jnfonterie-Bataillon im Lustgarten Aufstellung; die ersteren beiden Regimenter waren zu Fuß erschienen. Die Truppen, die in Linie standen, begrüßten den Kaiser mit einem dreimaligen Hurra, worauf ein zwei« maliger Parademarsch, daS erste Mal in Zügen, das zweite Mol in Kompagnüfront, stattfand. Die Infanterie kam noch cm drittes Mal, und zwar in Laufschritt, vorüber. Nach den Parademärschen besichiigte der Kaiser die Truppen, t ile einzeln und begab sich sodann zu Fvß zum Regiments- hause deS Offizierkorps des 1. Garderegiments z. F., wo er oaS Frühstück einnahm. An den Besichtigungen nahmen neben oen Vorgesetzten die fremdherrlichen Offiziere Teil. Die Kaiserin sah mit dem Prinzen Adalbert dem militärische« Schauspiel von einem Fenster deS StadtschlosieS aus zu.
— Der LübeckerSenat veröffentlicht jetzt das nachstehende Dankschreiben des Kaisers:
„Der Senat der freien unb Hansestadt Lübeck hat in dem mir oom Herrn Senator Dr. Efchenburg übarctdjten Schreiben vom 12 Januar d. I feinet Teilnahme an der Gedenkfeier der Begründung des preußischen Königtums Worte und Wünsche geliehen, die Mich derzltch erfreut haben. Der an solchem Gedercklage auch der ferneren Vergangenheit »ugewendete Blick haftet auf dem Lichte, das auf die Tage fällt, _ba mit ritterlichen Bürgern Bremens die gleich- gestnntm Männer von Lübeck unter den ersten deutschen Saat im Prcußenlande autzgrstreut haben. Nach Jahrhunderten der Wirren unb Kämpfe dürfen wir un5 heute gemeinsam oer Ernte freuen. In den fernsten Teilen der Erde grüßt der deutsche Landgenoffe die hn Banner des Reiches vertretenen Farben iKeuß'nS und der Hansa als Zeichen einer so Gott will, unlöslichen Verbrüderung, bU UNS dm Segen einmütigen Wirkens für dks Reiaes Größe auf Jahrhunderte hinaus erhcsstn läßt. Ich danke dem Senat« für den Ausdruck einer Gestnnung, d>e Ich mit herzlichem urb w o«itbd6.rem Wohlwollen für bl« -hr-nr-ich- Stobt ^d-ck -rwld-r«.
Brrltn, Im Schloß, 11. Mir, 1901. <0O> Wilhelm.
Wkttkkks D9tn (Empfang des Hkrrkllhauspröfldtms
Bei dem Empfang der Präsidenten des preußischen Herrenhauses soll der Kaiser sich ziemlich scharf über die agrarische Agitation geäußert und betont haben, daß die Erhöhung des Getreidezolles Über 5 Mark »u sgesch lassen sei. So berichtet der „Berl. Cour." Tie „Deutsche Tagesztg.", das Organ des „Bundes der Landwirte", hatte sich schon gegen die Mitteilung des „Kleinen Journal" mißbilligend gewendet, daß der Kaiser eine „heftigere Sprache nach einer ganz anderen Richtung hin geführt habe." Derartige Andeutungen, meint die „Tageszeitung", könnten im Auslande unb int Jnlande befremden unb Mißverständnisse erregen.
scheint nach dem Rezept „Beuge vor!" geschrieben zu sein: denn eine kaiserliche Aeußerung gegen allzu hoch geschraubte landwirtschaftliche Forderungen würde natürlich der Propaganda für Forderungen wie der 7.50 Mk.- Zoll erheblichen Abbruch thun. Der erste Vicepräsident des Herrenhauses, Freiherr v. Manteuffel, reifte nach der Audienz alsbald von Berlin ab, 'ohne sich über den Empfang zu äußern. Der zweite Vieepräsident, Oberbürgermeister Becker-Köln dürfte dagegen eine Information an die Presse gegeben haben, weil die „Nationalztg." ausdrücklich feststellt, der von ihr gebrachte Bericht über die Erwiderung des Kaisers beruhe auf authentischen Informationen. Daß Freiherr v. Manteuffel absolutes Schweigen beobachtet über den Verlauf der Audienz, während andererseits der Präsident des Abgeordnetenhauses, Herr v. Kröcher, sich verpflichtet fühlte, dem Parlament und dem Lande den ungefähren Inhalt der kaiserlichen Antwort kundzuthun, das ift doch vielleicht ein Anzeichen dafür, daß in der That her Kaiser bei dieser Gelegenheit Bemerkungen gemacht hat, die dem Ohre eines Konservativen nicht erfreulich klangen. Es fällt auch auf, daß die „Kreuzztg." mit Eile olle über die Audienz auftauck>enden Preßmeloungen „mit größter Vorsicht" ausgenommen wissen wollte. Man stelle sich vor, der Kaiser hätte etwas gesaat, das als eine Billigung der agrarischen Wünsche betrachtet werden konnte — zweifellos würde eine solche Aeußerung sehr bald in den Blättern der Rechten mit begeisterter Zustimmung zitiert nwrben sein. Sehr lebhaften Einspruch erhebt die „Tagesztg." gegen die Verbreitung „unverbürgter Aeußerungen" des Kaisers. Selbstwennsieähnlich gefallen sein feilten, schienen sie doch nicht für die Oeffent- 1 ichkeit bestimmt gewesen zu sein. Bezüglich der Höhe der Getreidezölle „soll", so schreibt die „Tagesztg.", „eine Zahl genannt worden zu fein, die den Wünschen der Landwirtschaft nicht entspricht." Also auf den 5 Mk.-Getreidezoll trifft die Verheißung des Grafen Bülow „Angemessene Erhöhung" nicht zu. Trotzdem wird man sich darauf einrichten müssen, nicht mehr zu bekommen, denn in Kreisen der Industrie wird dieser Zollsatz als derjenige bezeichnet, den die Regierung ins Auge gefaßt habe und über den fie nickst hinauszugehen beabsichtige. Tie „Berl. Polit. Nachr.", das Herrn v. M i q u e l nahestehende offiziöse Organ, Bereiten darauf vor, die Getreideerhöhung werde beträchtlich hinter der 7.50 Mk. - Forderung Zurückbleiben, und Urahnen die Agrarierführer eindringlich zur Mäßigung in der Agitation. Auch privatim soll Dr. v. Miquel konservative Führer davor gewarnt haben, nicht das Unmögliche von der Regierung zu verlangen . . .
Im Interesse einer Klärung der Situation wäre es jedenfalls verdienstvoll vom Freiherrn v. Manteuffel, wenn er nun auch seinerseits veröffentlichen möchte, was ihm von den kaiserlichen Aeußerungen in Erinnerung geblieben ist.
hause, die Behauptung, daß englische Agenten in Deutschland und Süditalien Rekruten für die britische Armee in Südafrika an werben, entbehre jeder Begründung. Die Regierung wünsche inm Burenführern die Möglichkeit zu lassen, die Frie densunterhandlungen wieder zu eröffnen, wenn ihnen dies gut scheine, die Regierung wünsche aber gleichzeitig klarzustellen, daß sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln den Krieg zu Ende führen werde. Schließlich fügt Brodik hinzu, er könne nur hoffen, daß der Krieg einen schnellen und ehrenvollen Abschluß finde.
Daß die Burenbegeisterung mitunter von recht zweifelhaften und dunklen Existenzen in egoistischer gewinnsüch-- tiger Weise ausgebeutet wird, geht aus einer Polemik hervor, welche die „Rheinisch-Westfalisck-e Ztg." gegen die Westdeutsche Burenzentrale in Dortmund zu führen sich genötigt sieht. Es handelt sich hierbei insbesondere um einen an- geblichen Burenkommandanten Mayers van P i t iu s, dessen sich, nach seiner Entlarvung als Schwind - l e r anscheinend der antisemitische Reichstagsabg. Bindewald mit großer Wärme angenommen hatte. Wie sich herausstellt, ist dieser Mayers, der ein Hilfskomitee der Zentralpropaganda begründete und durch seinen 10jährigen Sohn Gelder dafür einfaffierte, niemals Burenkommandant gewesen, sondern ein ehemaliger Zigarrenhändler, der in Amsterdam Bankerott machte und dann nach Transvaal ging. Dort war er an kleinen Burenplätzen Schullehrer. Den Titel Burenkomman- bant führt Mayers zu llnreckst; er hat nie ein Gewehr als Kämpfer in Händen gehabt und ist des Reitens unkundig.
China.
Tie „Köln. Ztg." meldet aus Peking vom 29. März: China genehmigte das Vorhaben der Mchte, aus der Insel Krrlan g-su bei Amoy eineinternationaleNie der- l a s s u n g nach dem Muster Shanghais zu machen.
General Voyron meldet aus Tientsin vom 30. März: Turch zwei Brände, die am 18. und 27. März wüteten, ist eine große Pagode und die Hälfte der im französisck)en Viertel der kaiserlichen Stadt in Peking gelegenen kaiserlichen Magazine zerstört worden. Es scheint, daß die Brände von chinesischen Räubern angelegt waren.
Aus Peking wird vom 1. April gemeldet: Nach einer von Sir Robert Hart ausgearbeiteten Handelsstatistik für die letzten fünf Jahre hat der a m e r i k a n i s ch e H a n d e l bedeutend zugenommen, der britische Handel entsprechend abgenommen. Ter Absatz von amerikanischem Kerosin hat sehr abgenommen, da Rußland jetzt hauptsächlich den Kerosinhandel in Händen hat. Die Kaufleute befürchten die russische Konkurrenz hauptsächlich in Baumwollenwaren und Oelen.
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