Ausgabe 
3.4.1901 Erstes Blatt
 
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Philippine Welser wurde von Frl. Schölermann dar­gestellt, die damit wohl ihre letzteRolle" gespielt hat. Wie wir hören, wird sie der Bühne für immer Valet sagen, um sich in da« Joch der Ehe zu fügen. Herr Liebscher charakterisierte den römischen Kaiser Ferdinand mir viel Ge­schick. Wir hatten ja öfter Gelegenheit, die DarstellungS- knnst des Herrn Liebscher lobend hervorzuheben ; alle Theater­besucher erinnern sich der hervorragenden Leistungen dieses Künstlers, namentlich war fernFlacysmann" eine Figur, wie sie sich Otto Ernst wohl vorgestellt hat. Die Saiserrolle aber bot ihm wenig Gelegenheit, sein Talent zur Geltung zu bringen. Herr Liebscher wird dem Gießener Theater, wie wir hören, treu bleiben und in der nächsten Saison wie bisher der Direktion eine kräftige Stütze bleiben. Auch Herr Ramsey er, deffen Franz Welser allen Ansprüchen genügte, wird im nächsten Winter wieder zu uns zurückkehren. Herr di Bal- thini, von deffen stetig fortschreitender künstlerischer Ent­wickelung, die zum Ende der Saison eine für unsere Der- hältniffe tüchtige Kraft zeugte, gab mit Geschick den liebenden Erzherzog Ferdinand. Sein Freund, der Graf Franz von Thurn fand in Herrn Marlitz einen würdigen Repräsentanten, wir hatten zwar öfter Gelegenheit, iHv bester spielen zu sehen. Herr Reinhardt scheint sich allmählich Mühe zu geben. Sein Mathias Overstolz war allerdings noch recht mäßig. Gänzlich verfehlt war leider die Rolle des Herrn Heuser als Hans Overstolz, der hier und da unfteiwillige Heiterkeit erzielte. Ein zierlicher Page war Frl. Wohl brück, die wahrscheinlich auch unserer Bühne erhalle» werden bleibt. Auch Herrn Lach mann, der durch seine mit großem Geschick dargestellten komischen Rollen vielen Beifall gefunden hat, werden wir im nächsten Winter wahr- scheinlich Wiedersehen.

Frl. Eichenwald, die allseitig beliebte Soubrette, ent­

sagt ebenfalls wie Frl. Schoelermann der Bühne und tritt in den Stand der Ehe. Als Schützenlies'l Röff'l Wirtin, Wera" in Mann im Monde und bei vielen anderen Gelegen­heiten hat sie große Erfolge errungen. Pfl.

-o. In der Frankfurter Oper wurde am letzten SamStag KienzlsEvangelimann" gegeben. Die Handlung ver­mag ein tieferes Interesse nicht zu erwecken. Sie trägt einen vollständig episodischen Charakter und ist größtenteils un- motiviert. DerHeld" Matthias ist durchaus Passiv und unverständlich ist die grenzenlose Rachsucht seines Bruders Johannes. Die Zerschneidung der Handlung in zwei gleiche Teile, zwischen denen ein Menschenalter liegt, zeugt von erheblicher bühnentechnischer Ungeschicklichkeit. Man begreift nicht, warum Johannes zum Brandstifter wird und seinen brüderlichen Nebenbuhler auf 20 Jahre in den Kerker bringt, man begreift nicht, warum Matthias, der spätere Evangeli- mann, für schuldig gefunden wird, obwohl doch die Brant die beste Zeugin seiner Unschuld ist. Das Libretto also ist durchaus verfehlt, schlimmster Dilettantismus. Die Musik läßt im ersten Akte gleichfalls kalt. Sie ist sehr melodisch, aber wenig originell, rückgratlos, weichmüttg, phrasenhaft. Die Kegelszene ist ja recht nett, aber operettenhaft und sinnlos lärmend, sowohl im Orchester wie im Chor. Der zweite Akt dagegen erhebt sich weit über den ersten, textlich wie musikalisch. Die Handlung ist spannend und auch die Musi! feffelt in ungleich höherem Grade. Allerdings bestätigt sich auch hier das Wort Ru­binsteins:Wo Gedanken schien, stellt ost zur rechten Zeit ein Leitmotiv sich ein." Lieblich ist die Kiuderszene und ohrenfällig der Choral. Die ganze Erzählung des Mathias erinnert musikalisch lebhaft an die des T-unhSuser.

starken und nachhaltigen Eindruck aber ruft der zweite Teil

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Rr. r» Erstes Blatt.

151. Jahrgang.

Mittwoch 3. April 1901

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Ulefln» 90 Via-

Adresse für Tepef*«! Anzeiger Ließen.

Fernsprechanschluß Ät.M.

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird Die Abhaltung deS aus den 2. April d. I. in Braunfels anstehenden Biehmarktes an die Beding­ungen geknüpft, welche durch meine, den Markt in Leun betreffende Bekanntmachung in Nr. 42 des Kreisblattes von 1901 veröffentlicht worden find.

Der Auftrieb beginnt um 9 Uhr vormittags.

Aus der Provinz Oberheffen des Großherzogtums Hessen dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht aufgetrieben werden.

Wetzlar, den 25. März 1901.

Der Landrat.

Bekanntmachung,

das Erfatzgefchäft pro 1901 betreffend.

Die Musterung und Losziehung der Militärpflichtigen des Kreises Gießen für das Jahr 1901 findet an den nachbenannten Tagen statt und zwar:

I. Zu Grünberg im Gasthaus zum Rappen.

Mittwoch den 27. März, vormittags von 9 Uhr an:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Allertshausen, Belters, Hain, Climbach, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Keffelbäch, Lauter, Lindenstruth,Odenhausen und ReinhardShain;

Donnerstag den 28. Marz, vormittags von 9 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Londorf, Lumda, Queckborn' Rüddingshausen, Saasen, Stangenrod, Stockhausen, WeickartS- Hain und Weitershain.

Freitag den 29. März, vormittags von 9 Uhr an:

Losziehuug.

II. Zu Giehen in der Restauration Zum Lonys Bierkeller", Schanzenfiraße 18.

Samstag den 30. März, vormittags von 8 Uhr an:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Allendorf an der Lahn, Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Annerod, Bersrod mit Winnerod, Beuern, Burkhardsfelden, Daubringen und Gießen bis zum Buchstabe P d?» Jahrgangs 1899;

Montag den 1. April, vormittags von 8 Uhr an: derjenigen der Stadt Gießen der beiden ältesten Jahrgänge (1899 und 1900); 1899 vom Buchstaben RZ;

Dienstag den 2. April, vormittags von 8 Uhr an: derjenigen des jüngsten Jahrgangs (1901) der Stadt Gießen;

Mttwoch den 3. April, vormittags von 8 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Großen-Buseck, Großen-Linden, Hattenrod, Heuchelheim, Klein-Linden, Mainzlar und Oppenrod;

Mttwoch den 10. April, vormittags von 8 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Lollar, Reiskirchen, Rödgen, Ruttershausen, Staufenberg, Treis a. d. Lda., Trohe und Wieseck.

Donnerstag den 11. April, vormittags von 9 Uhr an:

Losziehnug.

III. Zu Lich im Rathaussaale.

Freitag den 12. April, vormittags von 9 Uhr an:

Musterung

der Militärpflichtigen der Gemeinden Albach, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt, Ettingshausen, Garbenteich und Grüningen;

Samstag den 13. April, vormittags von 9 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Hausen, Holzheim, Hungen, In­heiden, Langd, Lang-Göns, Langsdorf, Lich und Muschenheim;

Montag den 15. April, vormittags von 9 Uhr au:

derjenigen der Gemeinden Leihgestern, Münster, Nieder- Bessingen, Nonnenroth, Obbornhofen, Ober-Bessingen, Ober- Hörgern, Rabertshausen und Rodheim;

Dienstag den 16. April, vormittags von 9 Uhr an: derjenigen der Gemeinden Röthges, Steinbach, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Billingen und Watzenborn mit Steinberg.

Mttwoch den 17. April, vormittags von 9 Uhr an:

Losziehurig.

Besondere. Bestimmungen.

1. Zur Musterung haben sich, bei Meidung der gesetz­lichen Strafen, zu stellen:

Diejenigen, dem Großherzogtum Hessen oder einem andern Staate des Deutschen Reiches angehörigen Militär­pflichtigen, welche

a) in einer Gemeinde des Kreises Gießen chr gesetz­liches Domizil ihre Heimat oder ihren ständigen Wohnsitz haben und sich nicht in einem andern Teile des Großherzogtums Hessen oder einem andern Staate in einer der nachstehend unter b) angegebenen Eigenschaften aufhalten;

b) in einer Gemeinde des Kreises Gießen sich als Dienst­boten, Haus- oder Wirtschaftsbeamte, Handlungs­diener und -Lehrlinge, Handwerksgesellen und Lehr­burschen, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft aufhalten, oder die Universität Gießen oder das Gymnasium daselbst oder eine sonstige Lehranstalt in einer Gemeinde des Kreises Gießen besuchen;

e) in einer Gemeinde des Kreises Gießen, oder während ihre Eltern einer solchen angehörten, im Auslande geboren sind, und weder im Großherzogtum Hessen, noch in einem andern deutschen Staate Domizil besitzen oder sich aufhalten;

> und im Jahre 1881 geboren sind;

ferner

Sämtliche Militärpflichtige, welche im Jahre 1899 bezw. 1900 zurückgestellt

worden, oder nach ihrer gezogenen Num­mer disponibel geblieben, d. h. nicht ein­berufen worden sind.

Entbunden von der persönlichen Gestellung sind diejenigen, welchen Ausstand bewilligt, oder Be­rechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst erteilt worden ist.

2. Diejenigen Militärpflichtigen, welche zum zweiten- oder drittenmale erscheinen, haben ihre Losungsscheine mitzubringen.

3. Wenn von einem Militärpflichtigen, oder für einen solchen von seinem Vater, oder seiner Mutter Zurülk- stelluug in Anspruch genommen wird, so ist für Vorlage der zur Beurkundung der behaupteten Thatsachen erforder­lichen Nachweise und Zeugnisse vor dem zur Musterung anberaumten Termine zu sorgen. Die Zeugnisse müssen amt­lich ausgestellt oder beglaubigt sein.

Wenn die Zurückstellung auf die Arbeitsunfähig­keit eines Familienangehörigen gegründet wird, so hatderbetreffendeFamilienangehörige sich selbst persönlich im Termin vor der Ersatz-Kommission ein­zufinden, oder, wenn dies nicht möglich ist, kreis­ärztliches Attest im Termin vorlegen zu lassen.

4. Wenn ein Militärpflichtiger an Gebrechen leidet, die äußerlich nicht wahrnehmbar sind, z. B. Taubheit, Hart- Hörigkeit, Kurzsichtigkeit, Geistesschwäche u. s. w., so ist dies durch amtlich ausgestellte oder beglaubigte Zeugnisse des Arztes, sowie des Bürgermeisters, Geistlichen, Lehrers u. s. w. nachzuweisen. Das Vorhandensein von Epilepsie ist durch die eidliche Erklärung von mindestens drei glaubwürdigen Zeugen zu erhärten.

5. An der Losziehung persönlich teil zu nehmen, steht jedem Militärpflichtigen frei; für diejenigen, welche bei dem Aufrufe nicht anwesend sind, zieht ein Mitglied der Ersatz- Kommission das Los.

6. Die Grosiherzoglicheu Bürgermeistereien haben sämtliche ihrer Gemeinde angehörige» oder in ihrer Gemeinde gestellungSpstichtigeu Militärpflichtige» auf Grund der ihnen bereits zugegangeueu Stammrollen zu der Musterung vorzuladeu. Bemerkt wird hierbei, daß Militär­pflichtige, welche sich auswärts anfhalteu, zur Musterung nicht geladen werden dürfen, da solche nur au ihrem Anseuthaltsort gestellungs­pflichtig find.

Die Großherzoglichen Bürgermeister oder Beigeordneten haben mit den Militärpflichtigen ihrer Gemeinde im Mufte- rungstermin rechtzeitig anwesend zu sein und sich darum zu bemühen, daß die letzteren 1/2 Stunde vor der bestimmten Zeit zur Stelle sind, nüchtern und reinlich gekleidet erscheinen und während des Musterungsgeschäftes ein anständiges und ruhiges Verhalten beobachten.

Wenn ein Militärpflichtiger wegen Gebrechen oder Krankheit persönlich zu erscheinen nicht im stände ist, oder wenn er sich in gerichtlicher Haft befindet, so ist darüber ein auf persönlicher Anschauung beruhendes Zeugnis des

Gießener Stadttyealer.

Philippine Welser.

Historisches Schauspiel in 5 Akten von Oskar v. Redwitz.

Samstagabend gelangte als 106. Vorstellung, als 12. Bolksvorstellung und als Schluß der Theatersaison Redwitz'Philippine Welser" zur Aufführung. Das Haus war sehr gut besucht. Wie viel wurde schon über die Augs­burger Patriziertochter, die schöne Philippine Welser, ge­schrieben! Sie hat ihre Poesie in unseren der Romantik üch wieder nähernden Tagen nicht verloren. Im Volksmund, im Lied, auf der Bühne lebt das zarte Verhältnis des bürgerlichen Mädchens zu dem Kaisersohne, dem Erzherzog Ferdinand, noch nach mehr als 3 Jahrhunderten fort. Auf vrm Reichstage zu Augsburg soll der Prinz Philippine kennen gelernt haben. In Böhmen schloffen sie den Bund fürs Leben still und heimlich. Des mächtigen Kaisers und Vaters Widerstand bezwang der rührende Liebreiz der schönen Philippine. Sie wurde zur Freifrau erhoben. Unter der großen Zahl der Frauen, die dadurch berühmt geworden find, daß fie, dem Zuge ihres Herzens folgend, einem durch Rang unb Stand ausgezeichneten Manne ihre Hand zum Lebens- Sunde gereicht haben, steht Philippine Welser in höchster Achtung und Verehrung. , ,, k

Diesen in der Mitte des 16. Jahrhunderts spielenden Borqang hat Oskar v. Redwitz als Schauspiel verarbeitet, tffaen litterarischen Wert besitzt das Stück nicht, es wimmelt oon nebensächlichen Szeneu, bedarf vieler Verwandlungen und die eigentliche Handlung wird in den Hintergrund ge­drängt.

Gespielt wurde eigentlich recht mäßig. Besonders waren loie Nebenrollen teilweise sogarprogrammwidrig" vertreten.