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Nr. 53 Drittes Blatt.
151. Jahrgang.
Sonntag 3. März 1901
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Die Entwickelung unserer Kolonien,
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Wenn als zweiter Grund die Stellungnahme des deutschen Handelsstandes betrachtet wird, so geschieht dies sauf Grund der Beobachtung, daß deutsche Firmen, bei Uns im angeblichen Gegensatz zu britischen Kolonien ein Heber maß in der regierenden Thätig leit der Behörden des Schutzgebietes voraussetzen.
Es darf schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß der Rückgang des direkten Imports aus Indien von 1994 290 mtf 1389 054, also um rund 605 000 Mark zu bestimmten statistischen Schlüssen kaum berechtigt, vielmehr durch die Durchgangsstellung Sansibars bedingt sein rann, zumal in den letzten beiden Jahren, der Reisanbau 2er Kolonie sehr zurückgegangen war. Nachdem im laufen- L^n Jahre die Bauern aber den Mut gefunden haben, wieder to ziemlich erheblichem Maße dies von der Heuschreckenplage so besonders bedrohte Korn anzubauen, wird sich bielleicht eine Verminderung der indischen Einfuhr während der zweiten Jahreshälfte noch weit ausgeprägter zeigen, als während des ersten Semesters 1900.
Was rtun die einzelnen hauptsächlichsten Gegenstände des Außenhandels anlangt, so mag, dem Schema der Zollstatistik folgend, die an erster Stelle auffallende Erscheinung betont werden, daß der Anteil Deutschlands -an der Einfuhr von Baumwollwaren rasch zu rückgeht. Da die Importfirmen des Schutzgebietes, außer einigen Indern und Arabern von Bedeutung, durchweg deutsche sind, so darf geschlossen werden, daß letztere mit größerem Vorteil — wie auch zugegeben wird — den hauptsächlichsten Importartikel aus Belgien, Holland und der Schweiz, oder auch aus Indien, als aus Deutschland beziehen. Da aber die bunten Kangas, in großen Mustern bedruckte farbechte Baumwolltücher von etwa 1 zu 1 zwei Drittel Meter Länge, eine nicht nur zweckmäßige, sondern auch in hohem Grade ästhetisch schöne Frauentracht — je fctoci zu einer Bekleidung — noch einer sehr viel weiteren Verbveitung fähig sind, so sollte es die ernste Sorge unserer deutschen Industrie fein, die holländische und belgische Konkurrenz hier aus dem Felde zu schlagen. Betreffs der einfarbigen Baumwollwaren, Kaniki, Bendera u. s. w. dürfte es schwerer halten, die indische Produktion unterbieten.
Unter den Ausfuhrgegenständen Nehmen die beiden hochwertigsten, Elfenbein und Kautschuk, noch immer den ersten Platz ein. Indes muß in naher Zukunft mit einem nicht unbedeutenden Rückgang namentlich des Kautschukexports gerechnet werden. Dem Gouvernement fehlen die polizeilichen Mittel, um der raubbau- mäßigen Aussaugung der Kautschukdistrikte vorzubeugen. Nur positive Gegenmaßregeln können hier fruchten, und es wird daher, um diesen vorläufig fast alleinigen Tausch wert des Hinterlandes zu erhalten, ein System von An- fchonung auf Wechselrevieren eingeführt werden müssen. Der Handelsstand selbst hat zweifellos das größte Interesse, hierbei mit dem Gouvernement und den Bezirksverwaltungen zusammen zu wirken.
Die Rolle des Kaffees als Ausfuhrgegenstand wird sich vom laufenden Jahre an heben. Immerhin wird die Produktion des kleinen Usambara auf dem Weltmarkt verschwinden, und erst, wenn die größeren Hochflächen im dtordwesten — wo einheimischer Kaffee gebaut wird — und im Südwesten eine intensive Kaffeekultivierung erfahren, darf darauf gezählt tverden, daß der deutschostafrikanische Kaffee sich den wohlverdienten Platz erobert/'
In Deutsch-Südwestafrika zeigte die wirtschaftlich Entwicklung zwei charakteristisch Merkmale: die Verrückung des Schwerpunktes der wirtschaftlichen Thätigkeit vom Gebiete des Frachtfuhrgeschäftes auf das Feld des Farmbetriebes und den vorläufigen Stillstand in der Ausdehnung des Binnenhandels. Der Außenhandel hat einen erheblichen Aufschwung genommen. Ter Wert der eingeführten Waren ist von 5 868 281 in 1898 auf 8 941154 Mark gestiegen. Der Wert der Ausfuhr hat sich auf 1399 438 Mark gehoben. An Zöllen sind vereinnahmt worden 883 000 Mark. Die Siedelungsgesellschaft hat sechs Farmen mit 35500 Hektar und elf Heimstätten mit 66 Morgen Flächeninhalt verkauft. Die Kolonialgesellschaft für Südwestafrika war auch im abgelaufenen Jahre bemüht, durch Ausgabe von Schürfschinen ihr Minengebiet zu erschließen. Die Schütztrnppe zählt 710 Mann und hatte Kriegszüge im Berichtsjahre nicht zu unternehmen, nur zweimal wurde militärische Unterstützung zur Durchführung von polizeilichen und Verwaltungsmaßnahmen aufgeboten.
In Deutsch-Neu-Guinea, einschließlich des Jnsel- gebiets der Karolinen, Palau und Marianen, betrug die Gesamtzahl der Europäer zum Schlüsse des Berichtsjahres, ohne Einrechnung des Bezirks der Ostkaro- linen 353. Die europäische Bevölkerung nimmt langsam zu. Daneben ist in geringem Maße eine Zuwanderung chinesischer und malayischer Leute, hauptsächlich von Zimmerleuten, Köchen, kleineren Händlern, Dienern, bemerkbar, die Aum Teil schon so lange sich im Schutzgebiete aufhalten, daß Die Absicht dauernder Niederlassung als vorhanden anzunehmen ist. Die Gesamtausfuhr betrug für das alte Schutzgebiet in Neu-Guinea 1 119 399 Mark, der eine Einfuhr von 1618 607 Mark gegenüberstand. Im vorhergehenden Jahre betrug im Bismarck-Archipel die Ausfuhr 939110 Mark. Ein wirklicher Rückgang der Ausfuhrprodukte ist nicht anzunehmen. Der Wert der Einfuhr betrug int Vorjahre im Bismarck-Archipel 1060 000 Mark; xr ist um ein Fünftel) gestiegen, was der Forientwickelun'g des wirtschaftlichen Lebens entspricht, lieber die Bedeutung der Marianen für den Weltverkehr heißt es:
„Wenn nun eine Frage an die Zukunft nach dem vermutlichen Entwickelungsgang der Marianen gestattet ist, so wäre diese unter Erwägung aller heute zu überblickenden Verhältnisse dahin zu beantworten, daß sie unter den mikronesischen Inselgruppen die größte Aussicht für eine künftig hohe Bedeutung int Weltverkehr haben. Sie liegen jm Schnittpunkte der großen Ver- kehrsstraßen der Zukunft: Japan—Australien, San Francisco-Philippinen, Ostasien—Panama. Und wenn auch zunächst das amerikanische Guam sich rascher und glänzender entwickeln wird, dem deutschen Handel und Verkehr ist in den deutschen Marianen die Möglichkeit gegeben, sich einen Stützpunkt zu schaffen, der vor Guam manches voraus haben wird, vor allem den besseren Hafen."
Das Schutzgebiet der Marschall-Inseln zählt 126 Fremde, darunter 55 Weiße, und 15 000 Eingeborene. In den verschiedenen Atollen haben seitens der Eingeborenen, wie in den vorhergehenden Jahren, Neuanpflanzungen von Cocosbäumen stattgefunden, besonders auf den Eniwetok- Jnseln, dort mit Unterstützung der Jaluit-Gesellschaft. Jm Hafen von Jaluit sind während des Beritchsjahres 70 Segelschiffe mit zusammen 6929 und 5 Dampfer mit zusammen 2218 Register-Tonnen eingelaufen, außerdem 2 deutsch? Kriegsschiffe, 1 spanisches Kriegsschiff, ein amerikanischer Regierungsdampfer und 1 amerikanischer Missionsdampfer.
Die Denkschrift enthält außerdem noch Aktenstücke zu der einzigen Landkonzession, die im Berichtsjahre erteilt
worden ist und zwar in Südwestafrika an die Otavi-Minen- und Eisenbahn-Gesellschaft. Diese leitet ihre Rechte vor- . nehmlich von der unter dem 12. September 1892 und 11. Oktober 1898 konzessionierten South-West-Africa-Company her und hat sich in erster Linie die Ausbeutung der im nördlichen Hererolande belegenen Otavi-Mine, sowie die Herstellung eines Schienenweges von dort nach der Küste zur Aufgabe gestellt. Die regierungsseitig bereits genehmigten Statuten sehen für die Gesellschaft die Form einer deutschen Kolonialgesellschaft im Sinne des § 11 des Schutz gebietsgesetzes vor.
Aus Stadt und Sand.
Gießen, den 2. März 1901.
** Bauernregeln für den Monat März. Märzengrün nennt man lieber nicht schön. — Märzenschnee thut den Saaten weh. — Nasser März ist für keines Bauern Herz, der der Sonne webrt, wird wenig begehrt. — Jst's im März zu feucht, wird's Brot int Sommer leicht. — Ist Kunigunde (3.) thränenschwer, bann bleibt gar oft die Scheune leer. — Märzenstaub ist's Pfund ’nen Thaler wert. — Trockner März, April naß, Mai lustig und von beiden was, bringt Korn in den Sack und Wein in das Faß. — Ist Marien (25.) schön und rein, wird das Jahr sehr fruchtbar sein. — Joseph klar giebt ein gutes Honigjahr. — Auf Märzendonner folgt ein fruchtbar Jahr, viel Frost und Regen bringt Gefahr. — Trockne Fasten, gutes Jahr. — Regen zu Anfang oder zu End, oder März fein Gift fenbt. — Mariechen (25.) pustet bas Licht aus unb Michel (29. Sept.) steckt es toieber an. — Zu frühes Säen ist nicht gut, zu spätes Säen auch übel thut. — Auf Märzeuregen folgt fein Sommerfegen. — Wie bie 40 Ritter (9.) bas Wetter gestalten, so wirb es noch 40 Tage anhalten. — März- getoitter zeigen an, baß große Winbe zieh'n heran. - Märzenregen bringt keinen Segen. — Feuchter März, ber Bauern Schmerz. — Jst's an Mariä schön unb hell, giebt's viel Obst auf alle Fäll'. — Märzenblüte ist ohne Güte. — Jm Märzen kalt und Sonnenschein, wird eine gute Ernte sein. — Wenn im März viel Winde weh'n, wird's im Maien warm und schön. — So viel im März die Nebel steigen, so viel im Sommer sich Wetter zeigen. — Märzenferkel und Märzenfohlen, alle Bauern haben wollen. — Trockner- März und feuchter April thuts dem Landmann nach seinem Will. — Was der März nicht will, das holt sich ber April, was ber April nicht mag, bad steckt ber Mai in ben Sack. — Ein schöner Josephitag (19.) bas ganze Jahr gut werben mag.
Nauheim, 1. März. Unerwartet verschieb hier der Großh. Bau rat Friedrich Fischer, Vorstand des Großh. Tiefbauamts und Wasserwerks. Nach kurzem Kranksein, das der Verstorbene anfangs selbst für ein leicht vorübergehendes hielt, raffte ihn bet Tod hin in der besten Mauneskrast und mitten in seinem Wirken, noch nicht 50 Jahre alt. Nachdem er seit vielen Jahren im Harz, in Ungarn, bei der Quellwasserleitung von Frankfurt a. M., in Nauheim selbst sich bewährt hatte, wurde er als Leiter des Bauwesens, des Wasser- und Gaswerks nach Worms berufen, wo er überaus verdienstlich wirkte unb zum Empor- blühen biefer Stabt sein Teil beitrug. Nachdem ber verstorbene Oberbürgermeister Küchler von Worms Minister geworben war, ersah dieser Fischer dazu aus, das staatlich gewordene Wasserwerk in Bad Nauheim zu übernehmen unb sowohl bei ber Babedirektion als technisches Mitglied als auch bei der Wasserversorgung in den fiskalischen Gebieten der Provinz Oberhessen mitzuwirken und berief ihn
Kerliner Kries.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Neue Briefkästen. — Herr v. Podbielski's gefiederte Konkurrenten. — Lukaslicht. — Der MedeuwaldtProzeß. — Theatergloffeu.
Herr v. Podbielski hat in das eintönige Blau der Haupt- Mdtischen Briefkästen eine angenehme Abwechslung gebracht Durch die Uebernahme der Lokalbriefbestellung, die im Vorjahre noch in ben Händen einer Privatgesellschaft lag, hat sich eine Arbeitserhöhung beim Sortieren eingestellt, die durch die neuen gelbblauen Doppelbriefkästen erheblich verringert werden wird. Die Klappe auf ber gelben Seite soll nur Stabtposd-Sendungen aufnehmen, während das alte Blau für den Verkehr nach auswärts bleibt. Ob die Neuerung dem Publikum viel nützen wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist es keine Bravourleistung der augenblicklichen Einrichtungen, wenn Briefe im Vorortverkehr, die Samstag nacht in den Kasten geworfen werden, erst am Montag früh, wenn das beabsichtigte Sonntags-Rendezvous unmöglich geworden ist, in die Hände der Adressaten gelangen. Nebenbei bemerkt, ist das Gelb an Briefkästen keine sehr praktische Farbe, wie man im lieben Bayerlande an den betreffenden Straßenecken bemerken kann. Aber die Maler, die diese gelbe Seite mindestens doppelt so oft auffrischen werden müssen, wollen auch leben.
Im Hotel zu den „Vier Jahreszeiten" in ber Prinz -ttbrechtstraße waren in biesen Tagen Herrn v. Podbielskis gefieberte Konkurrenten, die Brieftauben, versammelt, tticht etwa, um oppositionellen Gelüsten zu fröhnen, wie das die ungefieberten Vermittler froher und trüber Bot
schaften zum Kummer Papa Podbielskis manchmal zu thun pflegen, sondern lediglich, um sich bewundern und mit Preisen krönen zu lassen. Es waren beinahe anderthalb' Tausend dieser klugen, mit einem so fabelhaften Orientierungsvermögen begabten Vögel ausgestellt; unter ihnen solche, die sich von Posen nach Hannover, ja sogar von Belgrad nach Elberfeld zurückgefunden haben. Das zärtliche Gurren durchtönt die hohen Festsäle und begeistert manch rührseliges Gemüt zu oen alten schönen Redensarten über die Verträglichkeit der anmutigen Geschöpfe, bis sie plötzlich ganz entsetzt Zeuge von einem häßlichen futterneidgeborenen Schnabelduell werden, an dem sie erkennen müssen, daß die gerühmte Taubenfrömmigkeit nichts weiter ist als eitel Flunkerei. Jm Falle eines Krieges würden der deutschen Heeres-Verwaltung durch die Thätigkeit der Liebhaber-Vereine ca. 80000 Brieftauben zur Verfügung gestellt werden können. Wie weit die Fortschritte auf dem Gebiet ber Felbtelegraphie unb Felbtelephonie bie schon bei ben Völkern bes Altertums eine Rolle spielenben gefiederten Boten überflüssig macht, bleibt ber — hoffentlich recht fernen — Zukunft Vorbehalten, praktisch festzustellen.
Auf bem Gebiete bes Beleuchtungswesens, das bem- nächst burch Einführung ber Nernstschen ele ktrischen Lampen vielleicht epochemachend erweitert werden dürfte, erscheint ein neues Gasglühlicht, das „Lukas-Licht", das den elektrischen Bogenlampen in großen Sälen, Gärten u. s. w. überlegen sein soll. Auch des amerikanischen Erfinders, Teszlas Tageslicht, ist für dieses Jahr an- gekündigt. Es wird immer Heller in ber Welt — unb doch bleiben so viele Vorgänge in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, wie der Medenwaldt-Prozeß,der gegen den Einbrecher Neumann geführt worden ist, wieder einmal
bewiesen hat. Tie Geschworenen konnten die Ueberzeugung' nicht gewinnen, daß Neumann die alte Dame getötet habe; der Gerichtshof mußte den Zuchthäusler mit seinem langen Schuldkonto freisprechen. Von der bis dahin unbescholtenen Familie Gluth, deren Oberhaupt im Hause des Verbrechens eine Tischlerei betreibt, ist aber der letzte schattenhafte Verdacht noch immer nicht genommen. Da heißt's, sich mit Geduld und Ergebung wappnen, bis — ja bis endlrch Gras über die böse Geschichte gewachsen ist, denn bie Möglichkeit, ben Thäter noch zu entdecken ober zu überführen, wirb mit jebem neuen Tage, ber bie mangelhaften Spuren noch mehr verwischt, geringer.
In ben Theatern ber Hauptstabt gab es diese Woche ein paar sanfte Achtungserfolge, resp. Durchfälle, bie sich dem „Töff - Töff" - Stück ber Wiener Autoren Leon und Engel traulich anschlossen. Zwar wirb bas Stück Max Dreyers, „Der Sieger", ein Künstlerbrama, bas die Geschichte eines gesinnungslumpigen Neidhammels von Bildhauer vorführt, nicht so bald in ber Versenkung verschwinden; dazu steckt doch zu viel ernste Arbeit in dem Drama, aber den Erfolg des „Probekandidaten" desselben Ver fassers wird es auf keinen Fall erleben, trotz aller guten. Darstellung, die bie Kräfte bes „Deutschen Theaters" dem Werke angedeihen lassen. Nach Schilba führt bas Vers- brama Earlot Neulings „Der Retter". Er will bie Borniertheit philiströser Kleinstädter geißeln, aber seine Farben sind zu dick aufgetragen. Es giebt schon noch Schildbürger in Deutschland, die in diesem mittelalterlichen Spiegel ihr eigenes beschränktes Antlitz erkennen Ersten, nur nicht in dieser komischen Einstimmigkeit. Hat Berlin seine Schildaer? Man darss ihnen nur rncyr sagen? ....


