M. S2S Viertes Blatt, Sonntag den 30» September 150. Jahrgang LSQO
Gießener Anzeiger
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> Konversalions- Lexikon
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verloren. Sie war plötzlich aufs Wandern angewiesen. Bald hier, bald da wurde nun gespielt. Die Personen der Pointeure wechselten, mancher flügellahm gewordene blieb weg, das Spielsystem war aber unverändert das gleiche: „Meine Tante, deine Tante" und — mit wenigen Ausnahmen, in denen sich Nebenbuhler einstellten und „Konkurrenzbanken" gründeten — auch der Bankhalter blieb der gleiche, und gegen diesen dürfte sich jetzt in der Hauptsache wohl die Untersuchung richten. Dieser Bankhalter, der Privatmann Reinicke, war früher Lokomotivführer. Er soll ein sehr ansehnliches Vermögen besitzen, dessen Grundlage möglicherweise eine von ihm stets in den Vordergrund gestellte Erbschaft bildet, das aber erhebliche Erweiterung sicher durch jahrelange Spielgewinne erfahren hat. Die Hauptrundschaft bildeten reiche Gutsbesitzer der Umgegend, hiesige Geschäftsleute (von denen namentlich ein vor mehreren Jahren verstorbener Mehlhändler und ein Zigarrenfabrikant erheblich Perloren haben sollen), Hotelbesitzer, Gastwirte usw. Die Satire der Sache ist, daß schließlich durch die eifrigsten Mitglieder der Gesellschaft selbst die Sache verraten worden ist, indem emer den anderen nicht nur des gewerbsmäßigen, sondern sogar des Falschspiels, der Schlepperei usw. beschuldigte, und zwar aus Anlaß einer Kleinigkeit, der Weigerung des Bankhalters R., eine beim Jubiläum eines Beamten rn der Weinstube des anderen (Agenten Morgenthal) ausgelaufene Zechschuld von 48 Mk. zu übernehmen bezw. den übernommenen Betrag a conto einer Spielschuld in Höhe von 120 Mk. zu zahlen. Darüber ist die jahrelange Freundschaft und Interessengemeinschaft in die Brüche gegangen, und die Untersuchungsbehörde hat zu thun bekommen. Was bei der ganzen Sache herauskommen wird, ist noch zweifelhaft, da sich die beiden „feindlichen Brüder" vorläufig noch -damit begnügen, sich gegenseitig bei der Polizei anzuschwärzen. Beweismaterial hat noch keiner gegen den anderen erbracht, und ebenso hüllen sich bis heute noch die angegebenen Zeugen in beharrliches Stillschweigen. Kein Wunder, sind sie doch fast durchweg erheblich in die Sache verwickelt. Selbst einer der früheren TeUhaber des Spielerkonsortiums, ein „Baron" Schröder, der bis auf weiteres Quartier in der Strafanstalt bezogen hat, dürfte kaum geneigt sein, genauere Angaben über den Gang der Geschäfte zu machen. Hochgestellte Personen nahmen unter Pseudonymen an den Spielabenden teil. Unter anderen wird da ein „Prinz Nikotin" genannt und als „vielleicht Zigarrenhändler" bezeichnet, der ein wirklicher Prinz ist. Er entstammt einem in Schlesien und Posen reichbegüterten Fürstengeschlecht (R.) und hat ein Jahr lang an der hiesigen Universität studiert.
* Vor dem furchtbaren Schicksal, von einem Seelenverkäufer nach Brasilien verschleppt zu werden, sind zwei junge Berliner Damen durch ein gütiges Geschick uni) — den praktischen Verstand der einen von ihnen bewahrt geblieben. Sie haben aber zugleich eine heilsame Lehre erhalten, sich auch nicht im Scl-erz guf einen Briefwechsel mit einem Unbekannten einzulassen. Ihre Erfahrungen mögen anderen zur Warnung dienen. Die Hauptperson in dieser Tragikomödie ist eine junge, hübsche, gescheite Deutsch-Amerikanerin, die sich vorübergehend hier aufhält. Bei einem Besuche bei Verwandten in einer Seestadt erblickte der „Brasilianer" sie und verliebte sich in
Reizvolle und künstlerisch bedeutende Rahmen, Kopf- und Schlußstücke von P e t e r B e h r e n s, Alexander Frenz, Eugen Kampf, H. E. Kromer, E. Nikutowski, Wilhelm Schreuer, Hans Thoma und anderen umschlingen und beleben den Text. Sie geben in Verbindung mit dem klaren Druck das Muster eines modernen und dennoch unverschnörkelten Buchsatzes.
So/sind „Die Rheinlande" a l l s e i t i g e r a l s i r g e n d eine moderne Ku tr st Zeitschrift, allseitig etwa wie der nun entschlafene „Pan", aber ohne dessen Ausländerei. Endlich ein Kunstblatt, das in dem Hause jedes Gebildeten seine Stätte haben kann. „Die Rheinlande" geben ein Bild der eigenartigen deutschen Kultur, wie sie noch immer am deutschesten aller Ströme lebendig ist.
„Die Rheinlande" sind kein Geschäftsunternehmen, sondern das Werk einer großen Anzahl niederrheinischer Kunstfreunde, die sich zu einer G. m. b. H.: „Rheinische Kunstzeitschrift" zusammenthaten. Darin liegt eine Garantie, daß „Die Rheinlande" immer aus rein künst'- lerischen Gesichtspunkten geleitet werden und zugleich ein Ansporn sür alle Kunstfreunde, das Blatt nach ihren Kräften zu unterstützen; denn je mehr „Die Rheinlande Widerhall finden, desto Ausgezeichneteres können fie ihren Lesern darbieten und dadurch ein dauerndes Zeugnis sein für rheinische Kunst und Kultur.
*) „Die Rheinlande" erscheinen monatlich im Kom.-Derlag A. Bagel, Düsseldorf, und sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
(Düsseldorf) bietet eine Erzählung aus seinem noch unveröffentlichten „Gottlieb Mangold" und Karl Ferdinands (Bonn) stellt sich in einem Cyklus von sechs Gedichten als ein Lyriker dar/ dem in seiner schlichten wahrhaft volkstümlichen Art keiner der Lebenden zur Seite gestellt werden kann. Der bekannte Darmstädter Professor P e t e r B e h r e n s sagt einige richtunggebende Sätze über die Aufgabe der vom Großherzog in Darmstadt gegründeten Künstler-Kolonie Dr Trog (Basel) unterzieht die prachtvolle Galluspforte am Basler Munster historisch und ästhetisch einer sorgfältigen Betrachtung, und Rudolf Klein giebt wertvolle Ratschläge für die Verwendung des Reliefholzes in der Möbelfabrikation
Als direkte litteraturhistorische Quelle muß das Gespräch mit C. F. M e y e r gelten das der Nietzsche-Herausgeber Dr. Fritz Koegel mitteilt. Es ffti bekannt, daß C. F. Meyer vor seiner Erkrankung intensiv und lange an seinem „Friedrich II." arbeitete. Später vernichtete er alle Entwürfe dazu. Jetzt erfahren wir zum erstenmal den ganzen Plan, von C. F. Meyer selbst mit Feuer entwickelt.
In einer „Rheinischen Rundschau" sind geistvolle Plaudereien aus dem Kunstleben der großen Rheinstädte mit sachlichen Berichten vereinigt. Der Litteraturfreund wird bald den Stil einiger wohlbekannten Persönlichkeiten herausspüren. Dr. C. F. van Bleuten bespricht die meisterhafte C. F. Meyer-Biographie von Ad. Frey und Karl Ferdinands bricht eine Lanze für das vielgeschmähte „Weiberdorf" der Clara Viebig.
„Die Wheinkande" *).
Es giebt Dinge, die wie reife Aepfel in der Luft hängen. Die herrlichen Lande im Stromgebiet des Rheins von der deutschen Schweiz bis hinunter zur Mündung mit ihrer unendlich reichen Kulturvergangenheit, mit der Fülle ihrer künstlerischen und geistigen Bestrebungen haben sich nun erst in den „Rh ein lau den" eine würdige Vertretung ihrer gemeinsamen Kultur geschaffen. Aber auch hier hat die Späte der Reife genützt. Das erste Heft, das seit Monaten von den Kunstfreunden des gesamten Rheingebiets mit Spannung erwartet wurde, liegt nun vor und giebt ein deutliches Bild von der Art des ganzen Unternehmens: Keine wüsten Versuche, keine paradoxen Geistreichigkeiten, vielleicht zu wenig rheinische Laune, aber trotz allen Ernstes interessant auf jeder Seite.
Die Einleitung bildet ein reifes Gedicht der Ueber- setzerin Hedwig Lachmann: „Dem Künstler". Dann folgen nach einigen prägnanten Einsührungsworten Aussätze, Gedichte und eine Erzählung in bunter Reche mit Vollbildern und Textillustrationen. Den malerischen Teil vertreten Ed. von Gebhardt, dessen monumentale Kunst durch H. E. Kromer geistvoll in die Helligkeit moderner Betrachtung gerückt wird, und der junge Düsseldorfer Otto Heichert. Beide kommen durch eine Reche muster- giltiger Reproduktionen selbst zuM Wort, darunter Gebhardt mit einem groß gruppierten Fragment aus emem Fresko in der Friedenskirche zu Düsseldorf und .Heichert mit einer farbigen Original-Lithographie. Wilhelm Schäfer
Vermischtes.
*Aus dem Munde prinzlicher Kinder. Bei der Geburt des jetzt verunglückten Prinzen Albert von Sachsen herrschte im Palais des Prinzen Georg in Dresden Freude und Jubel. Um der hohen Wöchnerin' die nötige Ruhe im Hause zu verschaffen, chatte man schon bei der Geburt des vorletzten Sohnes mit Glück versucht, durch Herbeischaffung eines mächtigen Sandhaufens zum Verarbeiten mit Schaufel, Rechen und Händen die prinz- lichen Kinder art den Park zu fesseln. Auch die Wiederholung des Versuchs ergab den gewünschten Erfolg. Die Prinzessinnen Mathilde und Maria Josepha (jetzt bie Gemahlin des Erzherzogs Otto) und die Prinzen Io - Hann Georg und Max arbeiteten samt und sonders an einem Phantasiebau im Festungsstil, zu dem der neunjährige Prinz Friedrich August die nötigen Anordnungen erteilte. Prinzessin Mathilde warf zuweilen eine Bemerkung dazwischen; die kleineren Geschwister waren eifrig, aber stumm bei der Arbeit. Eine Hofdame ging, die Gruppe überwachend, in der Nähe auf und ab. Auf einmal unterbrach der kleine Prinz Max seine Arbeit, nm seiner Freude und Neugier Worte zu leihen. „Was mag wohl das Brüderchen jetzt machen? O, wie hübsch, daß wir noch ein Brüderchen bekommen haben! Mathilde, wer hat es denn gebracht?" „Der Storch, der gute, fleißige Storch", lautet die Antwort der Gefragten, „bringt uns die kleinen Kinder". Prinz Friedrich August lächelt geheimnisvoll dazu und meint dann: „Der Storch?" Das .glaub ich doch nicht, Schwester; ich weiß schpn lange das Richtige: aus dem Teiche im großen Garten holt sie «ine weise Frau und bringt sie dem', der sie am redlichsten verdient hat". Die liebliche Mar-ia Josepha stand lauschend, das blonde Köpfchen sinnend geneigt. Plötzlich erhob sie es wieder; dann schüttelte sie jeS langsam und die Blauangen zuerst auf Mathilde, dann ouf Friedrich August gerichtet, sagt sie mit leiser, aber die tiefste Ueber- zeugung ausdrückender Stimme: „Es ist doch wohl Noch anders, als ihr meint. Meine Lehrerin hat es mir kürzlich noch erzählt. Tie kleinen Kindlein wohnen im Himmel. Da hat auch unser Brüderchen gewohnt, bis jauf Gottes Geheiß ein Engel es in seine Arme genommen hat, mit ihm zur Erde geflogen ist, und es der Mama sanft, ganz sanft in den Arm gelegt hat". Mit gespanntester Aufmerksamkeit war der fünfjährige Johann Georg diesem Meinungsaustausch seiner Geschwister gefolgt. Für ihn waren die Erörterungen noch nicht abgeschlossen. Es «ging ihm entschieden ein Gedanke im Kopf herum. Einige Sekunden schwieg er deshalb noch. Dann hatte er des Rätsels Lösung gefunden und laut und bestimmt sagte er: „Ihr wißt es alle nicht! Alle wißt ihr nicht das Rechte! Aber ich weiß es. Allemal wenn der Papa Sand fahren läßt, dann kriegen wir ein neues Kind!"
* Halle, 26. September. Ein in Aussicht stehender Halle scher Spielerprozeß macht seit einiger Zeit viel von sich reden. Die Affäre erstreckt sich auch auf eine Reihe von Jahren zurück. Die Stätte, an der dem Spielteufel früher in ziemlicher Regelmäßigkeit gehuldigt wurde, war die Thomassche Weinstube. Als der Inhaber dieser Wirtschaft, Thomas, plötzlich starb und über seinen Nachlaß Konkurs eröffnet wurde, hat die Spielgesellschaft ihr Heim
sie vom Flecke weg, wie er ihr in einem Briefe gestand, den sie zu ihrer Ueberraschuug bei ihrer Rückkehr in Berlin Vorland. Ohne die Folgen zu bedenken, zeigte sie den Briefe ihrer Freundin, bei der sie wohnt, und ^,des Spaßes halber^ beantworteten sie ihn. Tie nächste Post brachte $r einen formellen Heiratsantrag. Der „Brasilianer" schrieb ihr, er sei der Besitzer einer riesigen Kasfeeplantage bei San Paolo, sehr reich, lasse jetzt in Hamburg ein Schiff bauen, das ihren Namen tragen solle, und werde sie auf diesem Schiffe, wenn sie ihn erhöre, nach seiner in glühenden Farben geschilderten südlichen Heimat führen. Zugleich teilte er mit, daß er aus Mecklenburg stamme und nach Deutschland gekommen sei, um seine alte Mutter stoch einmal zu sehen. Von dem Tage an brachte fast jede Post einen Brief oder eine Karte, und Fräulein N. N. beging die Unklugheit, sie gelegentlich zu beantworten. Anscheinend wäre sie nicht abgeneigt gewesen, ihrem Brasilianer zu folgen. Am Dienstag erschien dieser ünange- meldet selbst auf der Bildfläche. Er brachte gleich einen prächtigen Ring mit zwei großen Brillanten mit, die aber wohl nur Sirnili sind, führte hie beiden Tarnen rn's „Chinafest" im Zoologischen Garten und am nächsten Tage nach« Potsdam. Er stellte seiner Zukünftigen 20000 Mark zur Beschaffung der Aussteuer zur Verfügung, das heißt er erbot sich nur dazu, wollte auf der Stelle fein Testament zu ihren Gunsten machen und so weiter, und drang auf sofortige Heirat. Die Aussteuer könne ja angefertigt werden, während fie auf der Hochzeitsreise seien. Die Freundin engagierte er als Gesellschafterin seiner Frau mit einem/ Gehalt von 5000 Mark. Gerade durch das Prahlen mit seinem Reichtum machte er aber die Damen stutzig. Sie baten sich Bedenkzeit aus und die praktische Amerikanerin ging am Nächsten Tage nach dem brasilianischen General-Konsulat, wo der reiche Plantagenbesitzer gänzlich unbekannt war, und erkundigte sich in Hamburg telegraphisch nach dem Schiffe ihrer Namensschwester. Auch von dort kam ein ungünstiger Bescheid. Zu Hause fand sie dann einen anscheinend mit der linken Hand geschriebenen Brief ihres Brasilianers vor, worin er ihr mitteilte, daß der Stich einer Wespe, die ihn in Potsdam in die rechte Hand gestochen habe, Blutvergiftung zur Folge gehabt habe, daß er ein verlorener Mann sei und nur noch schnell nach Schwerin zu seiner Mutter fahren wolle, um von ihr Abschied zu nehmen. Sie aber werde ihn nie Wiedersehen. Offenbar war er ihr Tags zuvor gefolgt, hatte gemerkt, daß sie Erkundigungen über ihn einzog, und war daraufhin verduftet. Den Ring mit den Similis hat er ihr aber als Andenken gelassen. Da der Seelenverkäufer sein Glück sicherlich auch auf anderem Felde versuchen wird, so sei hier sein Signalement gegeben: Er ist von mittlerer .Größe, neigt zur Korpulenz hat einen dunkelbraunen Schnurrbart und blaue Augen, ist etwa 40 Jahre alt und kehrt den Biedermann heraus. Er nennt sich Ludwig Köster.


