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28.10.1900 Fünftes Blatt
 
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Mastes Blatt

Sonntag de« 28. Oktober

Anrts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen

Erscheint fägklch mit Ausnahme des

Montags.

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keine Folge gebend, nach seiner eigenen, am Graben ge­legenen Herberge, wo ihm ein dort schon seit mehreren Tagen für ihn lagernder Bries seiner in Annaberg wohnenden Mutter eingehändigt wurde, welche ihm mitteilte, daß sein in Zwickau lebender Onkel, ein kinderloser Witwer und reicher Fabrikant, gestorben sei und den einzigen Neffen und Sohn seiner Schwester zum Universalerben eingesetzt habe. Er möge unverzüglich nach Hause reisen und die Erbschaft antreten.

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150. Jahrgang 1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Gießen, den 27. Oktober 1900.

♦♦ Der Zweiten Kammer der Landstände ging 1. eine Vorstellung der Gemeinde-Vertretung von Lorsch über die Errichtung eines Amtsgerichts in Lampertheim zu; 2. ein Bericht des Ersten Ausschusses über a) die Regierungsvor­lage, betreffend die Verwilligung einer Pension der Witwe des Hofrats Becker in Darmstadt und b) der Antrag der Abgeordneten Dr. Gutfleisch und Genossen in gleichem Betreff. 3. ein Bericht des Ersten Ausschusses über die Regierungsvorlage, betreffend die Pensionen der hessischen Friedens-Invaliden. 4. ein Bericht des Ersten Ausschusses über die Vorstellung der Wagenwärter der Main-Neckar- Bahn, betreffend die Regulierung ihrer Gehaltsverhältnisse. 5. ein Bericht des Ersten AuSschuffeS über die Vorstellung des Sekretärs bei der Technischen Hochschule, RechnangsratS Koch in Darmstadt, betreffend die Regulierung seiner Pen- sionSverhältniffe (durch Tod erledigt). 6. ein Bericht des Ersten Ausschusses über den Antrag der Abgeordneten Häusel und Genoffen, betreffend die Uebernahme der TranS- Portkosten und Diäten der Großherzoglichen Kreisbau­inspektoren auf die StaatSkaffe. 7. ein Bericht des Ersten AuSschuffeS über die Regierungsvorlage, betreffend die Re­gelung der GehaltSverhältniffe der Landwirtschaftslehrer.

Kuustvereiu. Wie uns mitgeteilt wird, ist heute eine größere Sendung Gemälde im Turmhaus am Brand ein- getroffen, und vom Sonntag dem 4. November ab w»rd die Ausstellung wieder geöffnet sein. Von da ab findet wieder ein regelmäßiger Wechsel der Ge­mälde statt.

Büdingen, 25. Oktober. Am 12. September tagte hier die Synode des Dekanats Büdingen, auf der auch die Wahl eines Dekans vorgenommen wurde, da die Stelle durch den Weggang des Dekans Weber zu Lißberg er­ledigt war. Die Stimmenmehrheit erhielt Pfarrer Göbel zu Büdingen, während Pfarrer B e r n b e ck - Staden weniger Stimmen auf sich vereinigte. Obwohl kein Formfehler in der Wahlhandlung vorgekommen sein soll, wurde dennoch von der unterlegenen Seite eine Beschwerdeschrist über die Wahl an das Großh. Oberkonsistorium zu Darmstadt ge­sandt. Eine Untersuchung, die durch den Oberkonsistorial- Affessor Werck aus Darmstadt zu Büdingen in diesen Tagen abgehalten wurde, konnte ebenfalls keine Anstände und Unregelmäßigkeiten der Wahl zu Tage fördern. Um nun aber allen Schein einer von der gegnerischen Seite vor- geworsenen Wahlbeeinfluffung hinfällig zu machen, hat Pfarrer Göbel erklärt, eine Neuwahl sei das geeignetste Mittel, die erhitzten Gemüter wieder in ruhigere Bahnen zu lenken, und hat vorläufig die Wahl nicht angenommen. Bis zum Termin einer zweiten Wahl, die im Frühjahr 1901 stattfinden soll, versieht der bisherige Dekanat-Stellvertreter, Pfarrer Bern deck-Staden, die DekanatSgeschäste.

8. Wiesbaden, 26. Oktober. Zu der großen inter­nationalen Konkurrenz für eine Verbesserung der sanitären Verhältnisse der Stadt Bergen in Nor­wegen, bestehend in der Regulierung, bezw. Zuschüttung emes verunreinigten Meereslaufes, Ausstellung eines Bebau- neu gewonnene Terrain und im Nn-

» tn ®.ntniurf eines allgemeinen Entwässerungs- ß;JF .bic S^dt Bergen, hat die Allgemeine "°'"'Sun8«-G-s-l>sch»st m. b. £>. zu Sßies. haben ein Pr-i-kt geliefert, bas, weil cs infolge 93er- jögerung auf bet Ißoft, einige Stunben nach bem festgesetzten »n«fIrhrri,hen«ennnn Bestimmungen bcS

8 r.* s s ?r Konkurrenzbeurteilung auSschcibcn d°S I°d°ch deffenungcachiet non dem Preisgericht ««er Begutachtung unterzogen unb wegen feiner ar°k7n Vorzüge bem Magistrat von Bergen zum Ankauf empfohlen Worden ist. ' '

Kassel, 26. Oktober. Daß ein armer Handwerksgesell mit nur wenigen Pfennigen in der Tasche in eine Stadt einzog und unter dem Einfluß eines glücklichen Sternes in derselben nach Jahr und Tag durch Fleiß und Tüchtigkeit zum wohlhabenden Manne wurde, ist wohl schon mehrfach erlebt worden; daß aber ein solcher gleich nach seiner An kunft in der betreffenden Stadt, ohne jede Mühe, jede Arbeil seinerseits ganz plötzlich in den Besitz fast einer halben Million gelangte, dürfte gewiß zu den Seltenheiten ge­hören. Trotzdem hat sich der Fall heute hier ereignet: Der betreffende Gesell wanderte heute vormittag, nachdem er mit seinen Reisegefährten in einem Dorf zwischen hier und Warburg genächtigt, hier zu und begab sich, der Ein­ladung des Gefährten, mit nach dessen Herberge zu gehen,

Kinderspiele.

Ein Gesuch des Deutschen Frauenbundes, das dahin ging, sämtliche Gemeinden zur Errichtung von Kinder­schulen anzuhalten und sämtliche Kinder zum Besuche dieser Schulen zu zwingen, hat die sächsische Regierung ablehnend beschieden. Diese Ablehnmrg wird von allen verständigen Menschen gebilligt werden müssen. Klein­kinderschulen für die Kinder solcher Eltern, welche am Tage vom Hause ferngehalten werden und sich der er­zieherischen Arbeit nicht widmen können, sind gewiß not­wendig und nützlich Gegen ihre Wirksamkeit wird, wenn sie anders in dem erforderlichen Geiste erfolgt, niemand etwas einzuwenden haben. Aber auch diese Art von Kinderschulen hat die sächsische Regierung mit vollem Rechte als einen Notbehelf bezeichnet. Die sogenann­ten S p i e l s ch u l e n für Kinder besserer Stände sind jedoch weder ein Notbehelf noch irgendwie nützlich sondern immer überflüssig, manchmal schädlich Wer die Zeit und die Möglichkeit hat, sich seinen Kindern zu widmen, der soll sie nicht vorzeitig aus dem Hause lassen. Oft geschieht das aus elender Bequemlichkeit, weil man ein paar Stun­den des Tages Ruhe vor den Kindern haben will, oft aus dem unseligen Hgnge, mit den Kleinen schpn mög­lichst früh zu paradieren. Solche Spielschulen mögen noch so gut gemeint, noch so trefflich geleitet werden, sie können niemals das Haus ersetzen, und sie sind fast niemals eine Wohlthat für das Kind. Gewiß hört es sich für den oberflächlichen Menschen rechst hübsch an, wenn ein kleiner Kiiirps, der kaum stehen und gehen gelernt hat, ein paar unverstandene Verschon nachplappert, und es mag für Leute, die sich gern täuschen lassen, nicht übel aussehen, wenn die Kleinen, die eigentlich noch in echt kindlichem Freiheitsdrange toben sollten, zierlich und ge­drechselt nebeneinander in regelmäßigen Linien spazieren. Wer aber den Dingen auf den Grund schaut, der muß in solchem vorzeitigen Drill eine, wenn auch gut gemeinte Versündigung an der Kindheit erblicken. Man mag sagen, was man will, das Kind wird frühe und vor der Zeit in eine Schablone hineingezwängt, es wird dem freien Phantasieleben entrissen, sein Gedächtnis wird belastet und der eigentliche Schmelz der Kindheit mehr oder minder abgestreift. Die Kinder brauchen das selbst gar nicht zu empfinden, es bleibt doch dabei, und die Folgen bleiben nicht aus.

Es giebt recht viele und recht verständige Leute, die der Meinung sind, daß es zu früh sei, wenn das Kind mit dem 6. Lebensjahre dem Schuldrille und dem Schulzwange unterworfen und aus seinem kindlichen Leben herausgerissen wird. Doch darüber wollen wir uns . hier nicht weiter verbreiten. Soviel ist sicher, daß kein irgendwie zwingendes Bedürfnis vorliegt, unsere Kinder- pflänzlein noch früher dem Mutterboden des Hauses und der treuen Hege der Familien zu entziehen. Was sollen sie in diesen Kinderschulen oder Spielschulen lernen? Ver­stand und Gedächtnis mögen und müssen noch ruhen: vor­zeitige Anspannung und Anstrengung dieser Geistesthätig- keiten rächen sich bitter. Kinder, die geistig zu früh geweckt werden, werden bald müde. Spielen aber sollen unsere I Kinder nicht schulntäßig lernen. Jedes künstlich ge- I lernte, cingedrillte, auf Abrichtung beruhende Spiel ver- I hält sich zum wahren und die Kindesseele fördernden I Spiele wie das Surrogat zur echten Ware, wie das Zerr- I bild zum Urbild. Im Spiele soll des Kindes Phantasie I erwachen und thätig sein. Wenn es zum Spiele getrieben, I gedrillt und abgerichtet wird, dann bleibt für die selbst- I schaffende, selbstthätige Einbildungskraft nichts übrig, und I die sonst so reiche Märchenwelt des Spiels wird öde," flach, I alltäglich. Schablone und Nachäffung spielen ohnehin eine I bedauernswert starke Rolle in der Erziehung und in I dem seelischen Werden unserer Kinder. Es ist wahrhaftig I nicht nötig, daß man mit dem Nachplappern und Nach- I plärren, mit dem Abrichten und SchabIonisieren noch I früher anfange, als es jetzt schon geschieht.

Mair klagt mit vollem Rechte darüber, daß unsere I Ist 6 end früh reif und früh welk werde, daß der I Blutenstaub der Kindlichkeit oft schon abgestreift sei, wenn I ote jungen Blüten kaum der Lebenssonne sich öffnen. I Diese trübe Erscheinung hat mannigfache Gründe, unter I anderen auch den, daß nufere Kinder nicht mehr recht I fielen können. Das Spiel ist die Vorschule des kindlichen I Geistes, die Heimstätte der kindlichen Einbildungskraft I

I und die Werdestätte des kindlichen Willens. Ein Spiel, I bei dem das Kind nicht denken kann, sondern bei dem I ihm alles vorgedachst wird, ein Spiel, bei dem das I Kind nicht seiner Phantasie Spielraum gewähren kann, I sondern bei dem alles nach Regel und Schablone starr sich vollzieht, ein Spiel, bei dem das Kind nicht seinen I Willen äußern und nach Befinden unterordnen kann, son­dern bei dem es lediglich ein willenloses Spielstück oder I Werkzeug ist, das hat keinen Wert, nicht einmal als Zeit- I vertreib. Es ist eine oft gerügte, aber unausrottbare Thorheit, daß die Eltern ihren Kindern möglichst fein | ausgearbeitetes Spielzeug in die Hand geben, das die I Wirklichkeit in naturgetreuer Nachahmung darstellt. Dabei I kann sick das Kind nichts denken, es kann auf- I bauen und einpacken, aber wirklich damit spielen kann es nicht. Das belebende Element des Spiels bleibt die Einbildungskraft. So kann man oft beobachten, daß ver­wöhnte Kinder ihre großen, vollkommen naturgetreu ein-

I gerichteten Puppenhäuser und Küchen beiseite setzen und sich Zimmer und Kammern aus Hokzstücken bauen, daß

I sie ihre menschenähnlichen Puppen weglegen und irgend I ein unbestimmbares Ding, bei dem sie sichetwas denken" I können, als Puppe behandeln. Die Phantasiearmut vieler modernen Kinder, die ihre Augen glanzlos und ihre

I Seele leblos macht, hängt damit ursächlich zusammen. Wer I seinen Kindern dauernde und tiefe Freude machen will, I wer ihre Spiele lebendig und erzieherisch gestalten will, I der verzichte auf das täuschende, die Phantasiethätigkeit ganz ausschaltende Spielzeug und verschaffe seinen Kin­dern den eigentlichen und einzigen Spielgenuß, daß sie

I sichetwas denken" können.

I Aber auch dieältereJugend kann nicht mehr recht spielen. Welchen Anreiz zu freier Thätigkeit der Phan-

I tasie bargen und boten uns nicht die Kuabenspiele! Wohl standen auch sie unter einer gewissen Regel; aber diese

I Regel wurde selbstthätig weitergebildet, oie Spielenden waren nicht ihre Sklaven, sondern ihre Herren. Dos Spiel

I wurde der Jahreszeit, dem besonderen Orte angepaßt, die großen und kleinen Erlebnisse des Tages wurden mit hmeinverwoben. Nicht nur der Körper und nicht nur der Geist, sondern auch das Gemüt, die Phantasie und der Wille waren in unausgesetzter Thätigkeit. Jeder Tag oder doch wenigstens jede neue Zeit des Jahres brachte ein neues, frei erfundenes oder doch frei ausgestattetes Spiel. Es war nichts von Abrichtung, von Schablone, nichts an­gelerntes und nachgeahmtes dabei. Heute giebt man sich j redlich Mühe, die Heranwachsende Jugend wieder spielen ; Zu lehren. Die Schule hat die Sache in die Hand genom­men, sie vermittelt die Kenntnis gewisser turnerischer Spiele. Wir unterschätzen deren Wirkung für den Körper nicht, sie mögen als körperliche Hebungen recht wertvoll jein: als echte und rechte Knabenspiele sind sie aber im Vergleich mit den mannigfachen freien Knabenspielen frü­herer Zeiten nnd unserer Jugend recht minderwertig. Schon das schulmäßige nnd schablonenhafte begründet diesen ge­ringeren Wert. Die Regel ist so herrlich, daß die eigene Phantasie viel zu kurz kommt. Wie das Kind bei un­passendem Spielzeuge, so kann der Knabe bei solchem schul­mäßigen Musterspiele sichnichts denken". Dazu kommt, daß es oft genug zum Sport ausartet und dann die Mängel zeigt, die dem sportmäßigen anhaften. Gerade unter diesem Gesichtspunkte haben wir dem Fußballspiele und ähnlichen jetzt besonders üblichen und beliebten Spielen wenig Ge- schmack abgewinnen können. Unsere Jugend muß wieder s e l b st spielen und im Spielen mit dem Geiste und dem Gemute thätig sein lernen, wenn das Spiel seinen Zweck erfüllen und wirklichen Wert haben soll.

ü u d das Spiel kann großen Wert haben .Me Seit der übermäßigen Bevorzugung der Verstandes­bildung hat diesen Wert unterschätzt. Es gab ja Erzieher und guch jetzt sollen diese nicht ganz ausgestorben sein die das Spiel als etwas unwürdiges- der Erziehung wider­strebendes verfehmten und verboten. Die in mancher Richt ling über das Maß hinausgehenden und vorzeitigen schul- mastigeu Anstrengungen des Geistes haben die Kinder viel­fach des Spieles entwöhnt. Jetzt beginnt man nach­gerade wieder einzusehen, daß das Spiel ein notwen- de r Kiudesseelenbildung sei.

Ein Kind das nickst spielen gelernt hat, wird niemals recht schassen lernen. Rechtes Kinderspiel ist die beste Vorbe- reltung für den rechten Lebensernst. Deshalb ist es mit Befriedigung zu begrüßen, wenn die Schule auch ihrer­seits wieder an die notwendige Ergänzung ihrer Arbeit durch das Spiel denkt. Aber man faßt die Sache doch iiicht ain rechten Ende an. Das Spiel des Kindes gehört ms Haus, sticht in die Spielschule, und das Spiel des Knaben gehört auf den Anger, nicht auf den Schulbof. L-chul spie le und Spiel sch ule sind Notbehelfe, weiter nichts. Zum Notbehelfe nimmt man aber nur seine Zuflucht, wenn man nichts anderes hat. Die Masse der deutschen Jugend könnte aber etwas anderes haben und m u ß etwas anderes haben.