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28.8.1900 Erstes Blatt
 
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Dienstag den 28. August

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KmÜicher Teil.

Gießen, 24. August 1900.

Betr.: Die Errichtung von Familienstammbüchern.

Wir erinnern Sie an Erledigung der Verfügung unseres Amtsblattes Nr. 10, soweit Sie noch im Rückstände damit sind.

V. KZ echtold..

Gießen, den 24. August 1900.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen au die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Zur Vereinfachung des Geschäftsganges beim Ableben eines Rentenempfängers erhalten Sie demnächst eine Anzahl Formulare, und wollen Sie dieselben in vor­kommenden Fällen gemäß Ziffer 156 der Vollzugsanweisung für die unteren Verwaltungsbehörden vom 7. Juni 1900 benutzen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Betr.: Unfälle auf Nebeubahn-Uebergängen.

Nach den im Gebiet der Preußisch.Hessischcn Gemein­schaftsverwaltung für das Rechnungsjahr 1898/99 veran­laßten statistischen Erhebungen ist die Zahl der Unfälle, die durch Ueberfahren von Fuhrwerken aus unbewachten Neben- bahN'Uebergängen entstehen, sehr hoch. Die meisten Unfälle sind dadurch entstanden, daß die Wagenführer entweder ver­suchten, noch vor dem Zuge, dessen Geschwindigkeit sie unterschätzten, den Uebergang zu überschreiten oder sich über­haupt nicht darum kümmerten, ob sich dem Uebergange ein Zug näherte.

Die Bahnordnrng für die Nebenbahnen Deutschlands vom 5. Juli 1892 sieht eine Bewachung der in Schienen- höhe liegenden Wegübergänge d. h. die Anbringung von Schranken nur in Ausnahmefällen vor. Eine Minderung der in Rede stehenden Unfälle kann daher nur dadurch er­reicht werden, daß Die Fuhrwerksbesitzer und Wagenführer beim Befahren solcher Bahnübergänge es an der erforder­lichen Vorsicht nicht fehlen lassen.

Indem wir dies hiermit zur öffentlichen Kenntnis bringen, weisen wir wiederholt auf die Gefahren hin, die durch Unaufmerksamkeit beim Befahren von Uebergängen entstehen.

Gießen, den 25. August 1900.

.Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Boeckmann.

Gießen, den 25. August 1900. Betreffend: Wie oben.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen au die Grofth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises»

Die obige Bekanntmachung empfehlen wir Ihnen, orts­üblich bekannt zu machen.

I. 23.: Boeckmann.

Bekanntmachung.

Beim diesseitigen Kommando ist zum 1. Oktober d. Js. die Stelle eines zweijährig-freiwilligen Schreibers zu besetzen.

Geeignete Bewerber mit sehr schöner Handschrift, guten Schulkenntnisien und tadelloser Führung wollen sich unter Vorlage eines selbstgeschriebenen Gesuchs nebst Lebenslauf alsbald hier melden.

Junge Leute, welche später kapitulieren wollen, erhalten den Vorzug.

Gießen, den 23. August 1900.

Großherzoglichcs Bezirks-Kommando.

F. d. b. B.-K.:

Morne weg, Hauptmann und Bezirksoffizier.

Komische Wochenschau.

Die^innahme Pekings, deren erfreuliche Folge die lang und bang ersehnte Befreiung der Gesandten und der übrigen Fremden war, ist mit Fug und Recht überall in der zivilisierten Welt mit Genugthuung und mit >zubel begrüßt worden, aber die Freude, die diese frohe Kunde ilberall verbreitete, konnte doch darüber nicht hinweg- jäuschen, daß wir es auch hierbei nur mit einer, wenn

auch noch so bedeutsamen Episode der verwickelten chine­sischen Haupt- und Staatsaktion zu thun haben. Ja, wenn Wan das chinesische Problem von dem vollauf berede tiaten Standpunkt aiiä betrachtet, daß seine glückliche Lösung in erster Linie, wenn nicht allein von der voll­ständigen und rückhaltslosen Einigkeit der Mächte abhängt, dann könnte man, sogar ohne Pessimist zu sein, zu der Ansicht kommen, daß die Einnahme von Peking zur Lösung des Problems nichts beigetragen habe. Tenn die gemein­same Gefahr, in der die Angehörigen aller Nationen dort schwebten, war ein gemeinsamer Bindekitt, der das Konzert der Mächte zusammLnhielt, und wir wollen nur hoffen, daß die Einigkeit auch nach dem Fortfall dieses Bindekitts zusammenhält.

Man darf auch nicht vergessen, daß mit der Befreiung der Gesandten nur ein Punkt des Programms der Mächte erledigt ist, und daß die beiden schwierigeren Punkte uns noch bevorstehen, nämlich Genugthuung für die von jden Chinesen begangenen Verlegungen des Völkerrechts zu fordern und Garantie en zu schaffen, daß sich der­artiges nicht mehr wiederholt. Das ist aber ein umfassendes Programm von weitgehender militärischer und von noch weiter gehender diplomatischer Bedeutung. Es ist deshalb auch nur scherzhaft zu verstehen, wenn Graf Waldersce bei seiner Durchreise durch München das Wort sprach: wenn das so fort gehe, komme er zu spät nach Peking. Wir zweifeln nicht daran, daß es in China für die deutschen Truppen noch genug zu thun geben wird, wenn wir auch hoffen wollen, daß die notwendige und keineswegs leichte Arbeit, die Chinesen zur Ruhe zu bringen und im Zaum zu halten, sich als möglichst unblutig erweisen wird. Jeden­falls haben die zum Teil überschwänglichen Kundgebungen, unter d-enen sich die Abreise des Grafen Waldersce von unserem heimischen Boden vollzog, gezeigt, in wie weiten Kreisen die Annahme verbreitet ist, daß mit ihm der rechte Mann aus den rechten Plgtz kommt. Wir tooHeit hoffen, bctfi dieser- Anncrhrne keine Enttäuschung folgt. Mit unver­kennbarer Nervosität verfolgt man die

der chinesischen Frage an der Seine und an der Themse. In F r a n t r e i ch ist man überhaupt mißvergnügt über das antichinesische Konzert der Mächte, weil man aus Anlaß dieser gemeinsamen Aktion, in der sich so vielerlei wider­streitende Interessen bemerkbar machen, eine Abkühlung des russisch-französischen Bündnisses befürchtet. Ist es doch charakteristisch, wie man dort mit komisch wirkender Eifer­sucht iede Aeußerung des Einverständnisses zwischenDeutsch- land und Rußland verfolgt. Aus dieser Stimmung heraus erklärt es sich, wenn jetzt wieder in den französischen Blättern der Besuch des Kaisers von Rußland in Paris umherspuckt und diese Blätter wie fast alljährlich sich mit dem bekannten Spiel die Zeit vertreiben: Kommt er oder kommt er nicht? TerGaulois" stellt sogar die kühne Behauptung auf, der Zar werde m i t K a i s e r W i l- helm die Pariser Weltausstellung besuchen und zwar ain 15. September.

Andere Gründe liegen der Nervosität zu Grunde, mit der wan in England die Entwicklung der Dinge in China betrachtet. Einmal ist der Engländer überhaupt kein Freund des Kollektivvorgehens, eines gemeinsamen Fischzuges, denn John Bull, der von dem nicht zu ver­achtenden Standpunkte ausgeht:Erst komm ich, dann nochmal ich und dann kommst Du noch lange nicht!" fischt gern allein. Dazu kommt aber, daß die Rolle, welche die Engländer in China spielen, durch den Gang der Ereig­nisse in Südafrika eine starke Beeinträchtigung er­fahren hat. Die Engländer haben alle Kräfte angestrengt, um für die Tinge in China ihre Hand in Südafrika frei zu bekommen, aber diese Bemühungen sind bisher nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Die Burensührer de Wet und Botha sind eigensinnig genug, sich von den Engländern nicht nur nicht fangen zu lassen, sotidern den Guerillakrieg mit solchem Eifer und Erfolg fortzufetzen, daß, wie man jetzt auch in England eingesteht, noch kein Ende desselben abzusehen ist. Tie ohnmächtige Wut über diese Mißerfolge macht sich jetzt in Maßnahmen gegen die Burenbevölkerung Luft, die leider mit der Humanität schwer in Einklang zu bringen sind. . . , f ~ _..

Der Kaiser von Oesterreich beging am Landtag seinen 70. Geburtstag. Tiejenigen Festaufsätze, welche aus diesem Anlaß lediglich in überschwänglichenRedewendungen schwelgten, waren nicht gerade die aufrichtigsten denn Kaiser Franz Joseph weiß selbst am besten, daß der Natio­nalitätenkampf, der an seinem Thron brandet, viel ernster aufzufassen ist, als es die Preisgesänge ahnen la^en. In Pest tagte aus Anlaß des 900 jährigen Bestehens des Katholizismus in Ungarn ein Kongreß, der sich zu einer eindrucksvollen Heerschau gestaltete. Tie Grafen Zichy und Esterhazy, die Führer der katholischen Bolkspartei, gaben den Ton an, und ganz ohne Eindruck auf die liberale Regierung wird diese Veranstaltung wohl nicht geblieben sein: trotzdem ist für das innerpolitische Leben, soweit der gute 'Wille der Regierenden in Betracht kommt, keine Wendung zum Besseren zu erwarten.

Volltische Tagesschau.

Fürst Ferdinand von Bulgarien auf der Lokomotive. In denMünch. Neuest. Nachr." lesen wir folgendes:

In einer Reihe orn TagcSblättern erscheint eine betFrank­furter Zeitung" entnommene Mitteilung über eine Fah.l, die der Fürst von Bulgarien auf der Lokomotive deS Salzburg Münchrnir Schnellzuges gemacht, und die für das beteiligte Zugspersonal üble Folgen gehabt haben soll. Nach genauer Erkundigung verhütt sich der Vorfall also: Am 29. Juni bestieg der Fürst von Bulgarien auf der Fahrt von Salzburg nach München die Lokomotive des Ortent- Expreßzuges und leg e die Strecke auf der Maschine zurück. Alsbald erschienen in der TageSpresse Mitteilungen über dielen Vorfall. Es wurde hierbei tadelnd bemerkt, daß im Jnterrsie der Fahrstcherhüt der Fürst es besser unterlaßen Hütte, sich auf die Zugsmaschine zu begeben. Dir vorgesetzte Stelle betrachtete da8 Vorkommnis, alS sie hiervon Kenntnis erhielt, unter dem gleichen Gesichtspunkte. War die Anwesenheit deS Fürsten auf der Lokomotive an sich schon ge­eignet, den Führer in seiner Sicherheit und Unbefangenheit zu irri­tieren, so wurde die Fahrsicherhrtt noch mehr dadurch geführdet, daß eS dem Führer leicht passieren konnte, daß er, durch die Aufmerksamtctt, die er dem Fürsten bet einer Untrrbaltung oder b t der Stellung von Fragen zuwrnden mußte, von der pflichtgemäßen strengen Beobachtung der Strecke abgelenkt, ein Signal überführ« oder sich sonst eines Versehens schuldig machte, das dem Zuge möglicherweise verhängnisvoll werden konnte. Der Führer hatte sich durch die Zulasiung des Fürsten auf die Lokomotive einer Uebertretung der im Jnteresie der Fahrsicherheit erlassenen strengen Dienstesvorschriften schuldig gemacht. Wenn bei Beurteilung seines Ver­haltens auch in Betracht gezogen wurde, daß er dmch den hohen Rang ver zu ihm auf die Maschine sich begebenden Persönlichkeit sich habe be­einflussen lassen, so konnte die vorgesetzte Stelle gleichwohl nicht zugeben, daß der Führer und Heizer in dem Genüsse der ihnen vom Fürsten zu­gewiesenen Belohnung verblieben, da ein dienstliches Vergehen unter keinen Umständen mit einer Belohnung bedacht werden darf. Der Fürst hatte nämlich dem Lokomotivführer 60 Fr. und dem Heizer 30 Fr. Belohnung verabreichen lassen. Die beiden wurden unter Ausspruch einer strengen Verwarnung angewiesen, das erhaltene Geld an die fürstliche Hofhaltung wieder zurückzuerstatten. Hiervon wurde das fürstliche Hofmarschallamt seitens der Generaldirektion der bayerischen Staatseisenbahnen schriftlich verständigt. Daß die Entscheidung in d-r ylnaeleaenheit nicht ohne Ein v=Moc,wno axschah, ist selbstverständlich, da es sich

einen Souverän handelte. Daß an den Jvistrn selbst irgendwie per­sönliche Vorstellungen gerichtet wurden, ist nicht richtig. Dies wäre auch bei irgend einer beliebigen Privatperson nicht geschehen, da nur das Dienstpersonal für die Einhaltung der dienstlichen Vorschriften verant­wortlich zu machen ist. Die Generaldirektion ist bei diesem Entscheide von der Ansicht ausgegangen, daß es dringend nötig ist, die Dienstes­vorschriften hinsichtlich der Fahrsicherheit mit aller Strenge aufrecht zu erhalten, da sich verschiedentlich die Neigung zu erkennen giebt, daS Mitfahren auf den Zugslokomotiven zu einem Sport auszubilden".

Man wird der bayerischen Gcneraldirektton die An­erkennung nicht versagen können, daß sie vollständig korrekt und verständig gehandelt hat. Das Verfahren des Fürsten von Bulgarien bedarf keiner besonderen Kennzeichnung. ES würde im Interesse des monarchischen Gedankens liegen, wenn dem Fürsten klargelegt würde, daß nach deutscher Auf­fassung sein Gebaren eines Fürsten unwürdig ist.

Aus Stadt und Kand.

Gießen, den 27. August 1900.

Auszeichnung. Dem katholischen Pfarrer Georg May zu Wattenheim wurde die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

* Personaluachrichten. Der Dirigent der Justifikatur der Ober Rechnungskammer, Rechnungsrat Friedrich Eisen wurde auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner lang­jährigen, treugeleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. Sep­tember an in den Ruhestand versetzt und ihm aus diesem Anlaß die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienst­ordens Philipps des Großmütigen verliehen; der Ober- Rechnungsrevisor bei der 2. Justifikatur-Abteilung, Rech­nungsrat Georg Beckenhaub wurde zum Dirigenten der Justifikatur der Ober-RechnungSkammer mit Wirkung vom 1. September an ernannt; Der Kreisdiener bei dem Kreis­amt Gießen, Johann Peter Egly, wurde auf sein Nach­suchen, unter Anerkennung seiner langjährigen, treugeleisteten Dienste, mit Wirkung vom 1. Oktober d. I. ab in den Ruhestand versetzt und ihm das Silberne Kreuz des Ver­dienstordens Philipps des Großmütigen verliehen; ernannt wurde der Gesangenwärter am Provinzialarresthaus in Darmstadt Peter Jayme zum Gefangenausseher an dieser Anstalt mit Wirkung vom 12. September an; ernannt wurden: der Heizer bei der Main-Neckar-Eisenbahn Karl Braun zum Lokomotivsührer bei den Hessischen StaatS- Eisenbahnen mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts an, der Lokomotivheizer bei der Main-Neckar-Eisenbahn Heinrich Luley zum Lokomotivheizer bei den Hessischen Staats- Eisenbahnen, der Hilfsheizer bei der Main-Neckar-Eisenbahn Valentin Werkmann aus Egelsbach zum Lokomotivheizer bei dieser Bahn.

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