Sonntag den 25. Februar
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Amts- und Anzeigeblatt für beit Kreis <5tef$en
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ftetaftton, Expedition und Druckerei:
-«ßntstraße Ar. 7.
Ein Akademiker über Deutschland.
-MJm „Figaro" gab Pierre L o t i am 20. d. M. seine Eindrücke einer Reise nach Berlin wieder. Wenn ein Mitglied der Französischen Akademie, das nebenbei noch Offizier der Kriegsmarine, Dichter, Romancier und Dramatiker ist, sich ien Beschwerden einer solchen Expedition unterzieht, so ist die übrige Welt billigerweise verpflichtet, gebührende Notiz von diesem Ereignis zu nehmen.
« Trotzdem muß ich die Sünde eingestehen, daß ich auch heute noch in meinem Schweigen fortfahren würde, wenn der Artikel Lotis nicht in der Pariser Presse ein unerwartetes Echo gesunden hätte, das mir wertvoller erscheint, als jener Artikel selbst. Die Beobachtungen und Betrachtungen Lotis waren in der That viel zu — scharssinnig, als daß sie Jemand hätte begreifen können, der außer dem geistigen Bannkreis der französischen Akademie steht; man könnte sich siigllich erstaunen, daß die Redaktion des „Figaro" diesen Aufsatz abdruckte, und daß die Administration des „Figaro" ihn _ sicher nicht schlecht — honorierte. Aber Pierre Loti gehört eben zu den „Unsterblichen", und warum sollte er Licht daS Recht haben, sich zur Abwechselung einmal unfierblich zu blamieren.
jk^Herr Loti also fuhr an einem schönen Wintertag nach Berlin zu. Er nahm natürlich den Nordexpreß, um möglichst schnell über die Strapazen einer solchen Weltreise hin- wcg^ufommen. Die Schnelligkeit hinderte ihn jedoch nicht an den tiefsinnigsten Beobachtungen. Sie beginnen natürlich schon an der französisch-belgischen Grenze. Der Reisende, der vor drei Stunden noch in Paris die Mittagssonne be- wunderte, bemerkt plötzlich eine sonderbare Veränderung: tb Sonne steht erstaunlich niedrig, sie leuchtet mit blutigem Nordlichtschein; man nähert sich ersichtlich dem Nordpol. Dann geht es die finstere Nacht hindurch über Felder und Flüsse, und durch lärmende Bahnhöfe. Wie Herr Loti am Morgen in Berlin ankommt, steht das Eine für ihn fest: daß Deutschland ein finster-rauchiges, kalt-nebligeS Land ist, in dem nur unzählige elektrische Lampen und glühende Hiittenöfen ein unnatürliches nervöses Leben vortäuschen. Und nun Berlin selbst! ~
Der erste Blick des Reisenden fällt m den „Franziskaner" am Bahnhof Friedrichstraße; Schlußfolgerung: die Deutschen sitzen in Gewölben, über die pustend die Eisenbahn hinpoliert; sie lassen sich von Tirolern zum Zitherspiel etwas vorsingen, trinken Bier aus allerhand undurchsichtigen Krügen und essen rohen Meerettig (Herr Loti über-
Hältst, unsel'ger Mieter Dir, — Sei es Schaf, Pferd, Löwe, Gnu, Katz, Hund oder Kakadu, Iltis, Meerschwein oder Schwan, .Kaimann oder Pelikan, Walfisch, Goldfisch oder Lachs — Und ich komm' dahinter: stracks Mußt Du ohne alles Säumen Mir sofort die Wohnung räumen Mit dem Tier und Kind und Kegel,
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der sich den Teufel um die Nerven ^er zarten Weiblichkeit schert, bringt von jeder Seereise etwa« für die enthusiasmierten Neffen mit. Kleine Affen sind noch das harmloseste. Junge Krokodile tauchen auf, kleine mollige Panther- katzen, die mit der Zeit groß und eklig werden; Schildkröten und Schlangen erscheinen aus geheimnisvollen Kisten. Gewöhnlich erfreuen sie sich nicht allzu langen Lebens; der Vater müßte sie denn durch ein Machtwort dem Zoologischen Garten überweisen. Anmutender berührt die Liebhaberei für das zwitschernde Federvölkchen. Der Papagei bürgert sich mehr und mehr ein, und man wundert sich schon, wenn man ein elegantes Heim der oberen zehntausend betritt, ohne durch ein promptes „Guten Tag, Schafskopf" angeschnarrt zu werden. Da sich der Wortschatz des lustigen Vogels aus der Umgangssprache seiner steten Umgebung bildet, so kann man die erhebendsten Schlüsse auf die Zärtlichkeiten, mit denen sich manche Familien unter einander traktieren, zieh'n. Die Katze erfreut sich in Berlin nicht der gleichen Gunst, wie in kleinen Städten. Nur selten läßt sich eine auf der Straße blicken. Dafür dominiert der Hund in allen Variationen: groß und klein, fett wie Falstaff und mager wie Don Quichote, hochbeinig und auf dem Bauche laufend. Diele davon leben wie die Fürsten, haben Bedienung, Garderobe und nähren sich von Leckerbissen. Während der großen Schneefälle habe ich es ein paarmal beobachten können, wie diese Lords unter den Kötern in Schlitten spazieren gefahren wurden; ein warmes kokettes Jäckchen um den Leib, dicke weiche Schuhe an den Füßchen, saßen sie auf dem Kinderschlitten und ließen sich's wohl sein. Der eine versuchte sogar schon, blasiert auszusehen. Daneben schieben sich die bleichen, schlechtgenährten Kinder einer Arbeiterfamilie durch den Schnee, deren fadenscheinige Kleidung nicht mehr hinreicht, sie vor dem erbarmungslosen Wind zu schützen. Aber das Auge des Großstädters ist abgestumpft gegen jegliches Elend. Er sieht nur die drollige Hunde-Komödie, die eine überspannte Geldprotzengattin in
trfcßeiüi täglich mit Ausnahme deS
Montag«.
Die Gießener P-»v,ttieu»tLtter »irden dem Anzeiger an Wechsel mit „H-ss. 3unbtoirtw *. „Blätter jlr Hess. Volkskunde^ »ich«. 4 mal beigelegt.
etzt die verkannten harmlosen Radi mit raifort). In der Friedrichsstraße sieht Loti nichts als eine Serie von Sauer- raut-Restaurants. Er übersieht zu seinem Unglück, daß die restaurants ä choucroute eine ausschließliche Pariser Spezialität sind, und daß man wohl in keiner Stadt der Welt solche Mengen von Sauerkraut vertilgt, wie in Paris. Aber Herr Loti als Akademiker weiß das bester; er ist auch elsenfest überzeugt, daß sich das deutsche 23olf in zwei charf getrennte Hälften gliedert: die großen Norddeutschen und die kleinen Süddeutschen, und da er vor dem königlichen Schloß in Berlin plötzlich einen kleinen Soldaten Posten stehen sieht, so bleibt ihm kein Zweifel, daß das ein armer Bauernsohn aus dem Bayerischen ist, den man hier unter das preußische Joch gezwungen hat.
Und Herr Loti vergießt heiße Thränen über den armen Bauernvater, der sich in der fernen Heimat grämt um den verlorenen Sohn. Herr Loti versteht offenbar nur sehr wenig deutsch, und war anscheinend zu bequem, viel zu fragen, obwohl ihm, wie er zugestehen muß. Hoch und Niedrig sehr liebenswürdig entgegenkam. Schließlich entdeckt er vor dem Zeughaus eine alte französische Schiffskanone; der Eindruck überwältigt ihn; die tröstende Erinnerung an die heimischen Kriegstrophäen, die in der Ven- döme-Säule zu Paris oder vor dem Jnvalidendom den Nichtfranzosen ebenso verletzen könnten, kommt ihm leider uicht zu Hilfe; er eilt nach dem Bahnhof zurück, küßt überglücklich den ersten französischen Zollbeamten, der ihm ent- gegentritt und antwortet, auf dessen Erstaunen über die Grenze zurückdeutend: Voilä Fennemi! Der deutsche Leser wird zugestehen, daß es sich nicht verlohnt, die Betrachtungen Loti's ernster zu diskutieren; die Erscheinung selbst aber darf man nicht unterschätzen, daß eben ein Mann wie Pierre Loti dieses traurige Resultat von seiner Forschungsreise heimbrachte. In Frankreich hört man heute schon nicht zu selten die Befürchtung äußern, daß der Vergleich mit dem Ausland, den die Weltausstellung der Bevölkerung aufdrängen muß, eine unheilvolle Reaktion finden könnte in einem erneuten Aufflackern des FremdenhafseS. Das Beispiel, das Loti nach seiner flüchtigen Berührung mit Berlin gibt, könnte diese Befürchtung nur bestätigen. Deshalb sei es mit einiger Genugthuung wenigstens konstatiert, daß sich immerhin zwei Blätter in Paris gefunden haben, die gegen die Verallgemeinerungen Loti's protestieren. Allerdings sind es zwei sozialistische Zeitungen: die „Aurore" und die „Petite RLpublique." (F- Z-)
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Pr. 47 Drittes Blatt
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Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nmhdruck verboten.)
Berliner Haustiere. — Kaltblütige Spitzbuben.
Kermsschtes.
* London, 23. Februar. S chreckensszenen im Crystal Palace. Im Crystal Palace, dem bekannten riesigen Vergnügungslokal in London, wurden, während der Nachmittagsvorstellung am vorigen Sonntag, als das Haus von einer nach Zehntausenden zählenden Menschenmenge besetzt war, zwei Elephanten scheu, rissen sich von ihren Ketten los und tobten durch die ver- schiedenen Hallen, Zirkusse und Restaurants des Grundstücks, alles zertrümmernd, was sich ihnen in den Weg stellte. Ein Wärter wurde zu einer formlosen Masse zerstampft, mehrere Personen trugen Verletzungen davon, Frauen fielen in hysterische Krämpfe und ein Kameel, das zu derselben Tierkarawane gehört, wurde von den wütenden Elefanten halbtot geschlagen. Einer der Elephanten brach durch die Umfassungsmauer ins Freie aus, und wurde auch in der Nacht nach einer verzweifelten Jagd durch Gärten und über Felder in meilenweiter Entfernung vom Crystal Palace nicht wieder eingefangen; der andere wurde mit Explosivgeschossen zur Strecke gebracht, nachdem man ihn vorher durch ein volles Viertelpfund Cyankalium, das man ihm in Brot beibrachte, einigermaßen zur Ruhe gebracht hatte. Ueber die Einzelheiten des Ereignisses berichtet ein Augenzeuge: Die Elefanten befinden sich in einer besonderen Menagerie am Ende des Hauptgebäudes. Die beiden größten unter der Masse, „Charlie" und „Archie", waren als bösartig bekannt. „Charlie" hatte bereits einmal einen Wärter getötet. Am Samstagabend hatten sich die beiden Tiere schon un- geberdig gezeigt, und als sie am Sonntagnachmittag baden sollten, riß sich „Charlie", gerade als in der benachbarten Halle das Nachmittagskonzert seine ersten Töne entsandte, los, brach die Barrikade des Stallraums nieder, und stürmte, den Rüssel senkrecht in die Luft gestreckt, und fürchterlich trompetend vorwärts. „Archie", der zweitgrößte Elefant der Menagerie, schloß sich ihm an, während die anderen Tiere ruhig blieben. Das erste Opfer war ein harmloses Kameel, das den wütenden Elephanten im Wege stand; ein furchtbarer Stoß von „Archies" Stoßzähnen warf es zur Seite und ein heftiger Schlag von „Charlies" Rüffel machte es völlig kampfunfähig, es machte sich blutend und schreiend aus dem Staube. Der langjährige Wärter der Elephanten. ein alter Mann namens Chip Wood, allen Besuchern wohlbekannt I als „Old Chippy", stellte sich den Tieren in den Weg und versuchte, sie zurück zu treiben. Aber die Tiere, die sonst immer willig auf ihn gehört hatten, schienen ihn diesmal
'Raus mit Dir, verfluchter Flegel! ;
Freilich, selten genug ist die Liebhaberei, tie-sem erst nach seinem Hinscheiden appetitlichen tierchen die Freuden und Leiden einer ersten oder zweiten fräße in Berlin W. oder 8. zu teilen. Aber anderes Getier, oft absonderlichster Art, findet sich hier und dort zum Erstaunen oder auch Entsetzen der ahnungslosen Be- suHer gehätschelt und gepflegt vor. Der Onkel Kapitän,
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Szene gesetzt hat, und lacht geärgert und doch auch belustigt auf. Das stumme Trauerspiel, das aus den hohlwangigen Kindergesichtern spricht, macht leider keinen Eindruck auf ihn. Und nur wenn er im „Lokalanzeiger", der dem Wohlthätigkeitssinn der Berliner ein glänzendes Zeugnis nach dem andern vorheuchelt, von einer Katastrophe der Not in Berlin N. oder 0. liest, sagt er seufzend: „Wie dumm, so den Kopf zu verlieren. Den Leuten hätte doch geholfen werden können!" O ja, tausendmal! Wenn du nur immer den guten Willen hättest, so lange es noch Zeit ist! ...
Die klägliche Rolle, als Zugtier dienen zu müssen, hat der Hund zum großen Teil an einen würdigeren Vierfüßler abgeben dürfen. Dank den Bemühungen des Tierschutzvereins bemerkt man jetzt in den Straßen vor vielen kleinen Fuhrwerken, die ehemals Hunde zogen, den langohrigen Vetter des Pferdes, den man nicht gut nennen faniL ohne eine Injurie zu begehen. Als Wächter der Wohnungen dagegen wird der treue Bello oder Karo immer mehr geschätzt. Leider wird seine Erziehung dabei meist arg vernachlässigt und es giebt Familien, die man der Ungeniertheit ihres wachsamen Bierfüßlers wegen nicht in ihrer Wohnung aufsuchen mag, wenn man seine Garderobe auch noch die auf den Besuch folgenden Tage tragen will. Warum übrigens die Ladenbesitzer sich nicht der Hunde zur Bewachung ihrer Magazine während der Nacht bedienen, ist merkwürdig. Diebstähle wie der letzte große in einem Seidenwaren-Geschäft der Leipziger Straße, wären sicher viel seltener. Uebrigens ein paar kaltblütige Spitzbuben, die da im Morgengrauen für 30,000 Mark Seidenzeuge aus dem Kaufhause schleppen, auf ihren Handwagen laden, und, ümgafft von Zeitungsträgern, Milchfrauen und Bäckerjungen, geschäftsmäßig davonfohren. Auch ein Schutzmann soll sich die Frühfuhre mit angesehen haben, ohne emzu- schreiten. Oder war es ein Nachtwächter?! Jedenfalls kann ers weit bringen! A- R-
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Die Berliner haben mehr Haustiere, als man _ miniglich annimmt, und mitunter sogar ganz absonderliche, tiie. reizende Geschichte von Waldows und „ihrem Schweinchen", die Viktor Blüthgen erzählt, ist nicht aus der Luft gegriffen. 9a8 Schweinchen hat sich wirklich in einem Berliner Vorder- dause zu schlachtfestlicher Korpulenz entwickelt trotz des ge- srengen Hauswirts mit seinem Haustier-Paragraphen im Mctskontrakt, der nach einer Bearbeitung der „Kladderadatsch"- Gelehrten aus dem Jahre 1873 etwa folgendermaßen lautet: „Wenn Du irgend ein Getier
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