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150. Jahrgang
Samstag dm 24 November
Erstes Blatt.
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigrblatt für den Kreit Gieyen
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laeeNee dvu Anzeigen zu der nachmittags für de» Tag erscheinenden Nummer bis v»rm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abeud» vorher.
Bescherung. Wir nahmen 83 Mann gefangen. Dieselben wurden mit den Zöpfen zusammengebunden und die Peitschen sausten immer aus die nackten Kerle unbarmherzig nieder. Jetzt wurden fie nach dem Lager gebracht, und da mußten fie ihr Grab graben und zwei Pfähle etngraben, daran wurde eine Leine gebunden und die Chinesen in Abteilungen von 2x17 und 2x20 mit de» Zöpfen angebunden und erschossen, so daß fie gleich in ihr Grab fielen; 9 haben wir wieder laufen laffen, weil sie zu jung waren; diese mußten erst daS Grab zumachen, dann mußten fie Spießruten laufen und zuletzt wurden die Zöpfe abgeschuitten.
druck bringen. , .
Der bayerische Bevollmächtigte Graf Lerchenseld beruft sich darauf, daß der Bundesratsausschnß im
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Mütter für hessische Volkskunde.____________ ___
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Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».
Fernsprecher Nr. 51.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 22. November.
Volttische Tagesschau.
Die „Bolks-Ztg." ist in der Lage, den Brief eines China-Fr ei willig en abzudrucken, dem wir folgende Stelle entnehmen:
Tsingtau, 9. 10. 1900.
Liebe Eltern!
6$ ist uns streng verboten, etwas zu schreiben über den Krieg ... Ich wußte noch nie, was Hunger war, aber jetzt weiß ich es. Wenn wir die Woche einmal Brot bekamen, waren wir zufrieden, dann war eS noch verschimmelt. Waffer haben wir getrunken, so die Leichen drin geschwommen haben. Und die Hitze dabei, und des ÄochtS so kalt, daß man sich Ueberzieher anziehen möchte. Bon uns liegt der vierte Teil der Besatzung im Lazarett, verschiedene fiud tot. Ich habe auch im Lazarett Tientsin gelegen.
Eine frühere Nachricht teilte bereits mit, daß die Soldaten nur noch Postkarten schreiben dürften.
Der Sohn eine- Nienburger Bürgers schreibt nach drr „Harke" in einem vom 1. Oktober datierten Brief:
,Es ist wahrlich keinVergnügen, mitanzusehenbe- firaf t werden, aber sie haben es ja verdient. In Taku, wo wir «lSgeschifft wurden, waren die Häuser in der Vorstadt sämtlich m einen Schutthaufen geschaffen worden. Hier lagen Russen, die sehr freundlich mit uns waren. Die erste Nacht mußten wir unter freiem Himmel zubringen, am andern Mittag fuhren wir per Bahn nach Reirtstn. Die Fahrt ging durch eine öde, baumlose Gegend, in der die tbifet gleichfalls schwer beschaffen zu sein schienen. Als wir durch die Btcfct nach dem Lagerplatz marschierten, kamen wir an japanischen, eng- lischsn und russischen Wachen vorbei, vor denen wir im Parademarsch vori eizogen, das machte einen schönen Eindruck. Aber ach, auch hier ficht eS böse aus. Alle die schönen Gebäude liegen in Trümmern, hier laufen Tausende von Chinesen umher, die kein Obdach haben. Und dann werden diese nicht gerade mit Glace-Handschuhen »ngesaßt, hauptsächlich nicht von den Russen, von denen sie md) noch viele Schläge bekommen. Wenn hier etwas zu thu» ist, so werden einige Chinesen von der Straße geholt und einer ,on uns geht mit dem Stock hinterdrein, aber sie haben es ja nicht i.ffe-r verdient. Wie es hier zugeht, hätte ich garnicht gedacht. Wir liegen hier in Zelten mitten in der Stadt, vorher lagen die Ossizrere mit den Burschen im UniversitätSgebäude, doch war dies Quartier ge- bndheitsschädlich. Das Effen ist hier sehr gut. Die Offiziere essen n einem Götzentempel, wo auch wir später hinkommen. Doch mutz tiselbst erst Platz gemacht werden, denn es liegen mindestens noch 50l» Leichen drin. Es werden hier bei unserem Platz leben Tag 4 bis 5 tote Chinesen verbrannt. Vorige Woche haben die Ruffen in $ahi einen Offizier begraben, da standen mehrere Chinesen dabei und einet von denen fängt an zu lachen. Da dreht sich ein Russe um und chlägt dem Chinesen mit dem Spaten vor den Kops, er fallt M und bekommt da einen Tritt, daß er in die Grube hinein- stillt. Dann wurde Erde draufgeworfen." Die Ruffen machen bas alles kurz!
Der „Angermünder Zeitung- sei folgendes entnommen:
Am 25. 8., dem ersten Sonntag in Peking, hatten wir eine s<böne"Sonntagsarbeit. Wir wurden alarmiert, weit eine Boxer- bonde in unser Viertel eingefallen war und ein Haus plünderte. Wir rückten aus mit aufgepflenztem Seitengewehr und sahen die
Die Ausstellung frankfurter Künstler.
Original-Bericht für den „Gießener Anzeiger".
F r a n k f u r t a. M., 23. November.
Die in weiten Kreisen mit Spannung erwartete Meile Zahresausstellung Frankfurter Künstler ist am 10. o. JJi. •unter lebhafter Beteiligung der emgeladenen Gaste ferer- lichst durch eine Ansprache des zweiten Burger- Meisters Dr. Varrentrapp eröffnet worden. Mit üiel Elser wurde lange vorher schon an den Vorbereitungen für diese Ausstellung gearbeitet und wir sind allen denen, die sich, um die Sache verdient gemacht haben, zu großem Tank verpflichtet. Ist es uns doch nur auf diese Art 'möglich, einen Ueberblick über unsere heimische Kunst zu «Winnen. Jeder einzelne Künstler hat mit anerkennens- vertem Fleiß dazu beigetragen, das Gesamtbild zu vervollständigen. Bevor wir auf die bedeutendsten Werke näher eingehen, möchten wir noch erwähnen, mit welcher Anuathuung es uns erfüllte, zu bemerken, daß schon gleich der erste Eindruck der Gesamtleistungen überaus Liftia ist und daß sie die der ersten vorjährigen Ver- anstalking bei weitem übertreffen Es ist dies nicht blos iiir den Augenblick sehr erfreut,ch, seststellen zu können, i-ndern es beweist auch den Aufschwung der Kunst ,n zrankftrt im allgemeinen und berechtigt für die Zukun,t tz?e^w^nZi°^77en"ersten Saal, so ist es gleich »tmeister h ° n s T h ° m °, dessen Werke die Blicke un- »i Wrlich aus sich ziehen. Er ist mit zw-i Bildern, Atwarzwaldbach und Gardalandschaft, vertretem Wenn bedeutendsten Arbeiten des Künstlers Rechnet werL Wunen veranschaulichen sie doch die Kart des viel geschätzten Künstlers Besonders ist « Gardalandschast, die uns durch ihre scharse Cha- -rübner ^igk uns sein schon rrk«nntzes „Kloster m Oberbayern wieder» tu einer an
deren Auffassung und Beleuchtung. Von einer Anhohe, auf der einladend eine Bank steht, sieht man in der Ferne das Kloster am See, vom abendlichen Dämmerschein umspielt liegen. Das Ganze ist ungemein stimmungsvoll und duftig, trotzdem der Künstler mit breitem Pinselstrich und scharfer Zeichnung arbeitet. Sehr interessant ist auch von ihm das Bild „Adam und Eva", worin er uns die farbige Einwirkung des Lichtes und der Luft auf Körper veranschaulicht.
lieber die außerordentlich schnelle Entwicklung des jungen Malers Wilhelm A l t h e i m sind wir sehr erfreut. Er zeigt uns in seinen Bildern „Heimkehr von der Arbeit" und „Treue Freunde", ein zielbewußtes, kraftvolles Können. Weniger gefallen uns dieses Mal die Arbeiten von Fritz Wucherer. Besonders jene größere Landschaft „Blick auf den Altkönig" setzte uns durch ihre Charakterlosigkeit und Gleichwertigkeit im Ton, den wir sonst nicht an den Bildern des strebsamen, tüchtigen, unaen Malers gewohnt sind, in Erstaunen. Jcheph Correggio bringt ein fein im Ton gehaltenes Bild, Nückzua einer Burenabteilung" und einen sehr wirkungsvollen ,,St. Georg" Rudolf Gudd en ist mit einem stimmunasvollen holländischen Interieur und einem sehr br^it und flott gemalten Bild „Schafmelker" vertreten. Gutes in Landschaft haben außerdem noch F. Morgenstern E M ü l l e r, A. E n g e l h a r d, R. H o f f m a n n ö Werner, geleistet. Im Portraitfach ist wohl Prof. Ferdinand Brütt der Bedeutendste^ Besonders sein Selbstbildnis ist ihm in jeder Hinsicht ganz vortrefflich gelungen. Wie vornehm die ganze Auffassung, trotz der flotten Behandlung, nichts vernachlässigt! Auch das Por- trait des Dr. D. ist geistvoll .und ansprechend. Ferner hat Prof. Norbert Schrödl em sehr ähnliches Bild des Oberbürgermeisters Adickes (im Besitz der Stadt Frankfirnt) ausgestellt. .Hugo Elkan, einer von der jüngeren Generation, bringt unseren viel geliebten und verehrten ersten Schauspieler Arthur Bauer. Die Behandlung deS Kopfe» c* und für sich wäre nicht so Übel, wenn et
Sommer einberusen worden sei und eingehende Mitteilungen vom Reichskanzler auch über die verfolgten Ziele erhalten habe. Eine Geldforderung wäre nur ein Blankowechsel gewesen. Alle Bundesregierungen seien mit d e r P o l i t i k d e r R e g i e r u n g e i n v e r st a n d en gewesen und man habe auch die Gründe gegen die frühere Einberufung des Reichstages für zutreffend gehalten, zumal man das Vertrauen zum Reichstage hatte, daß er die erforderlichen Mittel nicht verweigern werde. Tie verbündeten Regierungen hätten den Ausdruck „I n d em - nität" nicht für erforderlich gehalten, weil den Rechten des Reichstags nicht zu nahe getreten werden sollte, aber seine Regierung habe auch keine Bedenken gegen die Einfügung dieses Wortes in das Gesetz.
Abg. Dziembowski- Pomian (Pole) schließt sich der kritischen Beurteilung der Chinavorgänge an und meint, daß für die Kultur, die man nach China tragen wolle, auch bei uns noch Platz sei.
Abg. Stöcker (chr.-soz.) kann nicht finden, daß die bloße Ausgabe für die Expedition ohne Bewilligung des Reichstags schon ein Griind wäre, um Indemnität zu fordern. Die Rede Bebels war voll Haß gegen Deutschland und voll Freundschaft für die Boxer. In keinem anderen Lande wäre es möglich, eine so vaterlandsfeindliche Rede zu halten. Er muß hinter sich eine Schafherde haben (stürmische Unterbrechungen links, Heiterkeit rechts), wenn er glaubt, im Lande nur irgend welchen Eindruck damit zu machen. Er hat einen mörderischen chinesischen Prinzen wie Tuan mit einem großen deutschen Prinzen verglichen. Rebellen, wie die Boxer, werden in jedem Kriege anders behandelt als reguläre Truppen. Allerdings hat die Sozialdemokratie 1870 genau wie heute unserer Armee den Vorwurf gemacht, daß sie Franktireurs wie Banditen niederschieße. Ist nicht der Erzbischof von Paris,den Kommunards niederschossen, mindestens derselben Sympathie würdig wie die Boxer? Aber Sie (zu den Sozialdemokraten) haben dafür nie ein Gefühl gehabt, sondern lediglich die Kommune verherrlicht. (Große Unruhe bet den Sozialdemokraten. Rufe: gelogen!) Mit Genug- thuung kann man es begrüßen, oaß durch die Katastrophe in China uns der volle Ernst der sogenannten Weltpolitik vor Augen gebracht wird. Man wird einsehen, daß Mit ein paar Reden beiktt Frühstück Weltpolitik nicht gemacht werden kann. Finden wir doch, daß an gewisser Stelle die Wellpolitik in einer romantisch-phantastischen Weise aufgefaßt wird. Wir dürfen zum Reichskanzler! das Vertrauen haben, daß er in der Chinapolitik die richtigen Wege finden wird. Mit der Art, wie er vorgestern sein Programm entwickelt hat, dürften wir alle einverstanden sein. Falsch ist die Behauptung, daß die Missionen schuld an dem chinesischen Boxeraufstand feien.
Vizepräsident v. Frege ruft den sozialdemokratischen
Bauer etwas lebensfreudiger aufgefaßt hätte. Auch finden wir den Hintergrund zu schwer und massig, das Ganze nicht zu • harmonischer Einheit abgerundet. Von Max Schüler, der zwei Portraits, das der Düse und das einer anderen Dame (in Pastell), ausstellt, haben wir schon besseres gesehen. Er wird in diesen Bildern zu konventionell, zu schablonenhaft, lieber die Ausführung vergißt er ganz die Hauptsache, den selischen Ausdruck wieoerzugebeu. Zu erwähnen sind noch Riidolf Bereu y, mit dem Bildnis der Frau S. und einem „Eon sentimento", das durch viel Stimmung und Feinheit im Ton fesselt. Ferner Professor O. Donner v. Richter, O. Sch olderer, E. Körner, H. Michaelis; doch würde es uns zu weit führen, auf alle näher einzugehen.
Nun bleibt uns noch ein Wort über die ausstellenden Künstlerinnen zu sagen, die sich dieses Mal in erfreulicher Weise beteiligten. An der Spitze steht Ottilie Roeder st ein mit ihrem Selbstportrait. Genial in der Auffassung, zeigt es selbständiges Schaffen in hohem Maße. Margarete Sch e f f l e r.fällt durch eine fein ausgearbeitete Licht- und Perspektiv-Studie, „Hausflur" benannt, auf. Außerdem ist sie noch mit einem frisch und kräftig im Ton gehaltenen Stillleben vertreten. An den Bildern von Eugenie B a n d e l l merkt man den Meister W. Trübner.. Sie dürfte sich etwas mehr davon zu emanzipieren und selbständiger zu arbeiten haben. E. Parow bringt ein feinfarbiges Stillleben. Hübsche Blumenstücke sind außerdem noch von B. Henkel, M. Herzberg- Schall,^ Meyerhof und P. Müller, ausgestellt.
Zum Schlüsse möchten wir die Plastik erwähnen, die durch Professor Fritz Hausmann, und Joseph Ko- warzik würdig vertreten ist. Sehr überrascht waren wir über d ie talentvolle erste Arbeit des jungen Maler- Joseph Correggio, der eine Diana zu Pferd ausgestellt hat. E Rettenmaier, F. Bern jr., A. Luß- mann, haben ebenfalls Gutes geleistet.
Möge diese Ausstellung zu stetem schaffen und Streben anregen und von Hahr zu Fahr Bessere» bringen,.
Singegangen ist der Reichshaushaltsetat. Die erste Beratung des Nachtragsetats für die China-Expedition wird fortgeie^t.
' Abg. Payer (Deutsche Volksp.) konstatiert die lieber» ein st immun g darüber, daß die Nichtberufung des Reichstages in diesem Sommer ein politischer Fehler und eine Verfassungsverletzung war. Die Jndemnitätsforderung sei darum von Wesentlichkeit, weil in der Indemnität ein starker Tadel enthalten fei: trotz aller Liebenswürdigkeiten des Reichskanzlers müsse das Verdikt scharf ausfallen. Die von der Regierung für die Unterlassung angeführten Gründe seien nur Scheingründe. Der wirkliche Grund fei für sie eine vis major gewesen. (Heiterkeit.) Im Anschluß hieran bespricht Redner die K a i s e r r e d e n, die ganz richtig so verstanden würden, wie sie nach ihrem Wortlaut verstanden werden müßten. Betreffs der Hunnenworte betont er, daß der Kriegsbrauch bei unserem Heere ein anderer sein müsse, als früher bei den Hunnen und jetzt bei den Chinesen. Die angekündigte Untersuchung über die in den Soldatenbriefen erzählten Exzesse müsse man nun aber nicht gegen die Briefschreiber wegen ihrer Offenheit richten. Abg. Payer kritisiert weiter die Zurücksetzungdes Bundesrates in der Behandlung der Chinafrage, die dem bundesstaatlichen Charakter widerspreche. Die Indemnität setze auch die materielle Prüfung der Verfassungsüberschreitung voraus. Er müsse sich seine Schlußstelliing Vorbehalten, weil er kein klares Bild von unserer Chinapolitik gewonnen habe. Der Reichskanzler habe ja ein diskutables Programm aufgestellt, bann aber die Verantwortlichkeit für die Kaiserreden übernommen, die em entgegengesetztes Programm enthielten. Sollte hier ein Teil der Weltpolitik geführt werden, so müßten feine Freunde ihren grundsätzlichen Protest dagegen durch ein „Nein" zum Aus-
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