Nr. 223 Zweites Blatt
Sonntag den 23 September 150. Jahrgana 1900
Heneral-AnMer
Amts- und Anzaigablatt fu» den Ureis Gietzen
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Der Krieg in Südafrika.
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Die Wirren in China.
Aus London, ging uns heute Vormittag folgendes Telegramm zu:
London, 22. September. „Morning Post" meldet aus Paris: Sämtliche Großmächte haben den Vorschlag Deutschlands angenommen. Eine Meinungsverschiedenheit besteht nur noch wegen Auslieferung der Schuldigen.
Und aus Washington kommt folgende Depesche:
Washington, 22. September. In dem gestern abgehaltenen Mmisterrate wurde der Wortlaut der Antwort auf die deutsche Note fest- gestellt. Der Entschluß der amerikanischen Regierung steht in Ueberein- stlmmung mit den bisher abgegebenen Erklärungen. Es wurde die georditV* * $ Pekings seitens der amerikanischen Truppen an-
I ausgesprochen worden sei, einen Spezialgesandten nach Berlin zu schicken, um der deutschen Regierung das Bedauern über die Ermordung des Frhrn. v. Ketteler auszudrückeu. Die Frage der Entsendung eines Spezialgesandten mit dem angegebenen Auftrage könnte überhaupt erst nach Erledigung der Forderungen, daß eine ausreichende Sühne für das Geschehene allem anderen voranzugehen habe, in Erwägung kommen. Aber auch daran glaubt das genannte Blatt nicht, daß ein Mandarin von dem Range AingtschangS als geeignete Persönlichkeit für die Erfüllung der Mission anerkannt werden würde.
Auf die Nachricht von der Ankunft der Freifrau von Kettelerder Witwe des ermordeten Gesandten, in Tientsin, richtete der Kaiser an die schwergeprüfte Frau folgendes Telegramm: „Wie in der langen Schreckcnszeit, die Sie, gleich im Beginne Ihres Gemahls beraubt, seelenstark überstanden, begleitet Sie auf dem Heimwege meine herzliche Teilnahme. Mein Volk trauert mit Ihnen. Tröste Sie Gott!" Freifrau v. Ketteler sprach dem Kaiser ihren tiesempsundeneu Dank für die Teilnahme aus.
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Telegramme de- Otetzeuer Anzeiger-.
Berlin, 22. September. Aus Shanghai wird gemeldet: Walderseewirdim Kaiser-Palast iw Peking sein Hauptquartier errichten und bie Drachenflagge durch seine Standarte ersetzen. Dadurch ^werden wohl die Chinesen von der Meinung abkommen, daß die Fremden in Peking nur geduldet werden. Der chsi- nesische Gesanote inj London äußerte gestern einem Interviewer gegenüber, er sei der Meinung, daß Deutschlands Wunsch, die Mächte möchten füfy zur Ermittelung und Bestrafung der Schuldigen zusammenthun, erst diskutiert werden wird, wenn die Friedensverhandlungen im Gange sind. Die Unterhandlungen müßten im ganzen durchgesührt werden, nicht Artikel für Artikel. Li-Hung-Tschang, werde Peking in wenigen Tagen erreichen, und wenn alle Mächte bis dahin Bevollmächtigte ernannt hätten, könnten die Besprechungen sofort beginnen.
Berlin, 22. September. Nach einer Depesche aus Wien hat das dortige Auswärtige Amt seine vollständige Zustimmung zur Zirkularnote des Grafen von Bülow bereits ausgedrückt.
London, 22. September. „Morning Post" meldet aus Shanghai: Der Direktor der chinesischen Eisenbahnen, Tvug, erklärte, China werde den Prinzen Tuan nicht ausliefern. Die von Deutschland vorgeschlagene Politik würde in China eine vollständige Revolution Hervorrufen.
London, 22. September. „Morning Post" meldet aus Paris: Sämtliche Großmächte haben den Vorschlag Deutschlands angenommen. Eine Meinungs-Verschiedenheit besteht nur noch, über die Aus- lieferung der Schuldigen.
I dard" will aus Moskau erfahren, die russischen Beiwohner der Mandschurei m as s a krie r ten im ganzen | mr zwölftausend chinesische Eingeborene. In I BlagowestschMsk allein seien fünftausend Chinesen, Män- I ver, Weiber und Kinder, nackend über den reißenden Strom I nach der chinesischen, Seite hinübergetrieben worden, die | Zögernden wurden teils erschossen, teils lebend in das | Wasser geworfen, alle kamen um.
Während inzwischen Li-Hung-Tschang, der in Tongku I eingetroffen ist ,und ohne besondere Ehrenbezeugungen em- I pfangen wurde, die beinahe legendarische Reise nach Peking I vollführt, sind die fremden Truppen in China vollauf I beschäftigt, namentlich in P eit sang, dessen Forts am I 20. bei Tagesanbruch angegriffen wurden, und in verschie- | denen Richtungen in der Umgebung von Peking, lvo die I Boxer ihr Unwesen treiben. Daß die Chinesen nichts I weniger als nachgiebig gesinnt sind, beweisen auch die I Nachrichten aus dem Süden. Der Berichterstatter der | „Times" in Sb an g Hai erfährt aus glaubwürdiger chiinesi- I scher Quelle, daß die fremdenfeindliche Bevölkerung in I Nanking sehr regsam ist, um die Pläne des Vicekönigs I Lrukunyi zu durchkreuzen. Dort wie überall hänge die I Zukunft der gemäßigten Fortschrittspartei von dem Maße I der Festigkeit ab, welche die Mächte bei der Behandlung I der schwebenden Fragen bekunden werden. Die Art, wie I die Vicekönige des Yangtsegebiets von dem Thron bei den I Friedensverhandlungen übergangen werden, während die I kaiserlichen Erlasse die Führer der Mandschupartei beauf- I tragen, die Leitung der Geschäfte zu übernehmen, lasse nur I eine ungünstige Deutung zu.
Aus Peking wird gemeldet: Eine aus Engländern I und Amerikanern bestehende Truppe von 1300 Mann mit I 4 Geschützen unter dem Kommando des Generals Wilson geht nach Sanhaitien ab, um das dortige Arsenal zu nehmen und die dort befindlichen Boxerbanden auseinander zu treiben. Die Engländer in dieser Truppe zählen 500 I Mann und sind verschiedenen Regimentern entnommen, die Amerikaner find in Stärke von 3 Bataillonen vertreten. Der deutsche Truppenführer ist von den andern Generälen ersucht worden, eine Truppe nach Westen zu entsenden, die dort die Boxer vertreiben und normale Verhältnisse schaffen soll. Die Franzosen und Japaner operieren rm Nordosten.
Ein Telegramm des französischen Konsuls in Kanton vom 20. dS. meldet: In der Bezirksstadt Suntai in der Nähe von Kanton, sind Ruhestörungen ausgebrochen. | Mehrere Ortschaften sind zerstört; die Missionare konnten sich in Sicherheit bringen. Da der Vizekönig nicht im Stande ist, die Ruhe wieder herzustellen, verlangen die Konsuln Truppen. Das Kanonenboot Avalanche wird die Truppen begleiten.
Aus Hongkong wird gemeldet: Meldungen aus Kanton zufolge sind im Samschuitgebiete Ausschreitungen gegen die Christen vorgekommen. Die katholischen Kapellen wurden niedergebrannt, auch einige Priester sollen verwundet sein. Das französische Kanonenboot „Aralanche" ging nach dem Schauplatz der Ruhestörungen ab. Weiter wird gemeldet, daß 8 Piratendschunken dazu bestimmt sind, im Delta von Kanton die christlichen Dörfer I zu zerstören und die Christen niederzumetzeln. Die Stadt I Kanton bleibt ruhig.
Aus Shanghai wird vom 21. telegraphiert: Li-sing- I Hang und Tuan sollen sich nach Paotingfu begeben, um die Boxer anzugreifen. — In der letzten Nacht feuerten die Paitsang-Forts auf die Russen, wobei 25 Mann verwundet wurden. Deutsche schwere Artillerie bom- I bardiert jetzt Peitsang. Die Stadt brennt. — Nach einem Telegramm aus Tokio vom 21. nahm eine kom- I dinierte deutsche, russische und französische Truppe I am 20. September die Peitsang-FortS. — Nach einer I Meldung aus Peking beabsichtigt die Kaiserinwitwe, I zu gunsten des Kaisers abzudanken.
Die „Times" meldet aus Peking: Auf Vorstellung der Absandten werden wertere Strafexpeditionen zur Rettuna chinesischer Christen und Bestrafung des Feindes im um- uegendeu Gebiet organisiert. Die Japaner besetzten den Hungtsun-Bahnhof bei Fengtai und werden mit den Eng- landern dre Bahn reparieren. Die russisch-chinesische Bank hat Peking verlassen. Die „Morning Post" meldet aus Pekmg, etn deutscher Offizier führe die Unter - b n egen die Boxer und andere Chinesen, die Es verfchredencn Gründen verhaftet sind, er hat bereits s»re o d e durch Erschießen verurteilt. £ c f .en? Geseicht bei Lianghsiang wurde ein deutscher 1 «ter getötet, einer verwundet. -
Wolffs Bureau meldet aus Shanghai vom 21.: Graf Waldersee ist um 5Uhr bei schönstem Wetter hier ein getroffen und unter großer enthusiastischer Beteiligung der hiesigen Bevölkerung hier eingezogen. Ehrenpforten waren errichtet, Ehrenwachen und Eskorten aufgestellt. Die Kommandanten sämtlicher Detachements waren anwesend. Vor dem deutschen Generalkonsulat steht eine Ehrenwache der am Kampfe bei Taku beteiligt gewesenen Matrosen von der „Gefion" und vom „Iltis". Morgen wird er eine d^rade über die vollzähligen hiesigen Landtruppen und die Detachements der freiwilligen Korps abhalten.
Wie die „Serl. Reuest. Rache." schreiben, ist an amt-
-• " — . uch-r Stelle nichts davon bekannt, daß dem deutschen Aus. i anbcnlfarT.
- Der „Stan, | wärtigen Amte von chinesischer Seite die Bereitwilligkeit behandeln
Nach einer Kabelmeldung der „Paris Nouvelles" er- rennen die Vereinigten Staaten in ihrer Antwort auf den deutschen Vorschlag an, daß eine Bestrafung der Schuldigen nicht mehr als billig fei; sie weigern llch, aber, aus dieser Forderung eine unerwßliche Friedens- neDingung zu machen. Nach den von den verschiedenen! Kabinetten emgelaufenen Mitteilungen werden wahrschein- lich Frankreich und Rußland sich den Vereinigten Staaten schließen Bezüglich! Japans steht dies heute schon absolut fest Die Vereinigten Staaten glauben, daß China unter keinen Umständen aus diese Forder- ungeu eingehen werde und daß infolge dessen die FrieDensverhandlungen abgebrochen werden müßten und ein werterer Feldzug nötig werden würde. Auch wurde dre Annahme der deutschen Vorschläge eure beständige Okkupation Chinas notwen- d i g machen.
Auch von anderen Mächten sollen bereits in Berlin Antworten auf den deutschen Vorschlag in der Chinafraqe eingelaufen sein, die i m w e s e u t l i ch e n z u st i m m e n d ausgefallen zu sein scheinen. Zu den Mächten, deren Ant- k "0'^.ausstehen sollen, gehören angeblich Rußland und vermutlich autf} Frankreich. D
Sh^"ghai wird gemeldet: Ein kaiserliches Evitt, datiert Taiyuenfu, 8. September, proklamiert ©janfu als neyeHauptstadt Chinas ; der kaiser- Ue Hof .^urde sich' sofort dahin begeben, da Sianfu der Machtsphare der auswärtigen Mächte entrückt sei. Der Gouverneur von Scheust erhielt den. Befehl, die Regierungs- «ebaude daselbst in stand zu setzen. Der Erlaß beklagt den Mangel an Geldmitteln und fordert von den ' Vicekomgen Zuschüsse. Die militärischen Autoritäten sind Unstimmig der Ansicht, daß die jüngsten Ermordungen von Missionaren ttV Schausi und in der Mandschurei gebieterisch die sofortige Entsendung einer Straf- | €^'^>6 bi Hon dahin erfordern. Der deutsche Ge-
D r. Mu m m von Schwarzenstein unterstützt diese Ansicht sehr nachdrücklich.
- . . Dle Ankündigung, da-ß, der kaiserliche Hof gedenkt, seine Hauptstadt nach Sianfu zu verlegen — ihre Richtiq- ttit vorausgesetzt — ist an sich schon ein schwerwiegenderes Mement; sie klmgt trotzig genug und bedeutet für die- es verstehen wollen, daß die eigentlichen Machthaber mit den Vertretern der Mächte nicht in Be- I Ehrung kommen wollen. Die Aussicht der höchstgestellten S^onen w Peking, über ihr Thun und Treiben M)eu=
C.9encr^ dabei mitspielen, aber für
Bekenntw/öge in diesem Entschluß auch das I benen -er Schuld an den Treibereien der Boxer, I bis 50000 rn^^bueu Christen allein bereits 40000 Wochen beinobP^P^^ gefallen sein sollen, also in wenigen I W II in den ^soviel wie unter Karl V. und Phi- gÄchtet wurden ^Die kraft der Inquisition hin- Mitschuldiaen an Pin^^Or?erun9'r die Urheber und I SWffÄfSÄ "X’S" ,5‘ÄS S«r& MUS®
Scheinenden Rcchtsgründen und Unterskllunaen wie hiT daß von einer Verfolgung keine Rede sein könne bs,v I Ätsche Rundnote die Schuldigen im voraus bezeichne E- mag eine Untersuchung und eine Adurteiluna statt I ftnhen, mehr als begründeter Verdacht ist Banden allein wer vermochte jetzt schon zu sagen, wer alles davon betroffen wird. I
I Mit großer Befriedigung wird Lord Roberts' De- I pesche aufgeriommen, die den eigentlichen Krieg als I beendet erklärt. Man, tziebt sieh allerdings keiner Täitsck)P ung darüber hin, daß der Kleinkrieg, der von einer sehr zahlreickien Schutztruppe unter Generalmajor Baden-Powell zu führen wäre, sich. nod)i eine geraume Weile hinziehen könnte. In militärischen Kreisen wird die Frage, wer das Oberkommando Ua ch der Rückkehr Lord Roberts' führen wird, lebhaft erörtert. Die Angabe, Lord Kit- chen er würde alsdann den Oberbefehl über die Truppen
I übernehmen, gilt wenigstens solange als undenkbar, als General Buller, der eine höhere Rangstufe einnimmt, sowie fünf rangältere Generalleutnants in Afrika im Felde stehen.
Wie „Daily Telegraph" aus Lourenzo Marques meldet, hätten die Buren zwar den Versuch gemocht, die Brücke bei Avoca zu zerstören, doch sei ihnen dies ncht gelungen, die Brücke sei unversehrt.
Reuter meldet ans Winburg: Präsident Steijn er- nannte den Richter H e r tz o g zum stellvertretenden Präsidenten des Oranje-Freistaates.
Reuter meldet aus Pretoria vom 20. ds.: Es ist nnuinefjmen, daß die Buren während sie die laugen TomK und alle den Engländern abgenomMeneu Geschütze zerstörten, ihre leichteren Geschütze behielten. Die 700 Mann, die auf portugiesisches Gebiet übergegangen sind, sind hauptsächlich fremde Mitkämpfer, die sich zweifellos unter portugiesischen Sch-utz stellen möchten. Wenn Schalk Burger als stellvertretender Präsident nicht die Verantwortung der Kapitulation übernehmen will, ist aller Grund anzu nehmen, da.ß der Guerillakrieg noch mehrere Monate fort dauert. Erfolgt die offizielle Kapitulation, so können die Engländer die Guerillabanden als Räuber behandel^ andernfaUs müssen sie diese als rechtmäßige Kriegsparter
«Gießemr Mzeia«


