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23.2.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag den 2» Februar

1900

Zweites Blatt

Amts- und Auzeigeblutt für den Ureis Gieren

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Ihm«Hu »»« Anzeigen zu der nachmittags für fee» yAEG erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. «WGcheckungen spätestens adend» vorher.

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Betten­hausen, Kreis Gießen.

Nachdem sich in dem Abstimmungs-Termin vom 23, November vor. IS. 68» Grundeigentümer, welche mit 86,«220 Hektar Fläche beteiligt sind, gegen die Feld­bereinigung der Gemarkung Bettenhausen erklärt haben, während im ganzen 229 Grundeigentümer mit 416,1113 Hektar Fläche an dem Unternehmen beteiligt sind, hiernach also mehr als die nach Art. 6 des Feldbereinigungsgesetzes erforderliche Mehrheit für die rubr. Feldbereinigung vor­handen ist, und nachdem innerhalb der gesetzlichen Frist keine Einwendungen gegen die Zulässigkeit, bezw. Rechts­beständigkeit deS Abstimmungsergebnisses erhoben worden sind, hat die Großherzogliche Obere landwirtschaftliche Be­hörde den Beginn der Feldbereinigungsarbeiten angeordnet und den Unterzeichneten zum Bereinigungskommissär ernannt.

Indem ich dies zur öffentlichen Kenntnis bringe, lade ich in Gemäßheit deS Art. 16 des Gesetzes vom 28. Sep­tember 1887 die sämtlichen beteiligten Grundbesitzer zu tinrr am

Dienstag dem 20. März 1900, vormittags 11 Uhr, im Gemeindehause zu Bettenhausen stattfindenden Ansammlung ein.

Diese Versammlung hat:

1. darüber zu beschließen, ob die im Grund-(Flur-) Buch enthaltenen Größenangaben, oder ob die durch eine Vermessung zu ermittelnden Flächen­gehalle der Bereinigung zu Grunde zu legen sind;

2. zu bestimmen, wie die BcreinigungSkosten auf­gebracht werden sollen, ob durch Ausschlag auf den Flächengehalt, oder den Abschätzungswert der Grund- stücke, oder durch Bildung und Verkauf von Massen­grundstücken, sowie ferner, ob die Beiträge nach Bedürfnis erhoben, oder ob die Kosten durch Kapital­aufnahme aufgebracht werden sollen;

3. die zur Vollzugskommission zu berufenden Sach­verständigen und deren Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Schiedsgerichts und dessen Stell­vertreter zu wählen.

Außerdem können Wünsche und Anträge seitens der Beteiligten vorgebracht und beraten werden.

In dieser Versammlung hat ein jeder anwesende, be­teiligte Grundeigentümer eine Stimme; die Beschlüsse er­fordern zu ihrer Giltigkeit eine Mehrheit von Zweidritt­teilen der Anwesenden, und sind unter dieser Voraussetzung auch für die nichterschienenen Beteiligten verbindlich.

Kommen gütige Beschlüsse nicht zu stände, so hat zu 1. durch Vermessung der Grundstücke die Ermittelung des Flächengehaltes derselben zu erfolgen,

zu 2. die Vollzugskommission die erforderlichen Beschlüsse zu fasten,

zu 3. die Großherzogliche Obere landwirtschaftliche Be- Hörde die Sachverständigen und Schiedsrichter zu ernennen.

Friedberg, 17. Februar 1900.

Der Großherzogliche Bereinigungskommissär: Süffert, Negierungsrat.

Ein ernstes Wort an die akademische Jugend.

Die Leipziger Finkenschaft veranstaltete kürzlich im großen Auditorium des anatomischen Institutes eine Trauer- fe ier für einen freiwillig aus dem Leben geschiedenen Stu- benten der Medizin aus Cottbus, die im Beisein von Hun- bcrten von Studenten und Vertretern von fast sämtlichen Korporationen mit ihren Fahnen einen äußerst würdevollen Verlauf nahm. Nach dem Gesänge desInteger vitae hielt an der Bahre des Verewigten der Direktor des anatomischen Institutes, Herr Geheimer Rat Pro- fkstfor Dr. His, Senior der medizinischen Fakultät, eine süu die Geistesbethätigung unserer akademischen Jugend hochbedeutsame Rede, in welcher er besonders die unver­nünftige Vorbereitung zum Examen und die pes­simistisch-philosophische Litteratur geißelte. Der aus dem Munde eines Universitätslehrers geradezu Auf- seh»en erregenden Rede entnehmen wir folgende-:

Liebe Kommilitonen! In diesem Raume, wo sich stonst wißbegierige Studenten versammeln, sind wir heute

wieder zusammen gekommen, aber heute fehlt einer, der sich gedrungen gefühlt hat, seinem Leben ein plötzliches Ende zu machen. Seine Freunde wollen sich noch einmal daran erinnern, was er ihnen gewesen ist, und wir alle wollen ihm einen letzten Abschiedsgruß widmen auf die Reise, die er nun antreten wird. Die schwierige Frage ist die, wodurch das Gemüt des so kräftigen jungen Mannes derart verwirrt worden ist, daß er alle Rück­sichten auf die lebenden Eltern und Verwandten beiseite setzen zu müssen glaubte, um diesen Schritt zu thun. Schwere Seelenkämpfe müssen vorauf gegangen sein. Und wir hören von den Freunden des Verstorbenen, daß er schwer unter diesen Kämpfen gelitten hat. Er ging an dem Tage in den Tod, an welchem er in eine Prüf­ung eintreten sollte. Es liegt kein sichtbarer Grund vor, an dem Erfolge der Prüfung zu zweifeln. Aber wir hören von den ihm Näherstehenden, daß er tagelang, nächtelang gearbeitet hat, daß er, den Schlaf zu ver­treiben, künstliche Mittel benutzte; es hat sich an ihm etwas bewahrheitet, das so mancher vor ihm hat erleben müssen. Das menschliche Gehirn wenn es ermüdet ist stellt nicht nur seine Thätigkeit ein, sondern es beginnt falsch zu arbeiten, und geistige Depression gehört dann zu seinen schweren Folgen. Sie sehen das Opfer unzweckmäßiger Examenvorbereitung vor sich. Ich möchte Ihnen nun an's Herz legen: Treten Sie nur dann in eine Prüfung ein, wenn Sie geistig und körperlich aus­geruht find. Die Examinatoren legen nicht Gewicht auf eine Menge angelernter, unverdauter Stoffe, sondern auf geistige Durcharbeitung. Diese wird aber keinem fehlen, der redlich nach der Bewältigung des Gebotenen gestrebt hat. Bei allen Sorgen, die ein Examen machen mag, ist es kaum denkbar, daß eine geistig gesunde Natur von einer so schweren Katastrophe getroffen werden kann. Der Entschlafene mußte schon tief erkrankt sein, als dieses äußere Motiv hinzukam. Wie wir von seinen Freunden erfahren, stand er unter dem Banne pessimistisch-philo­sophischer Litteratur, sodaß er seinen Lebensmut schon seit geraumer Zeit eingebüßt hatte. Es ist dieses un­endlich traurig. Wir stehen hier vor einem der vielen Opfer einer gewissen pessimistischen Richtung. Es ist die Pflicht eines älteren Freundes der Jugend, dieser Rich­tung offen zu widersprechen.

Bei der Jugend ist das Bestreben nach Einsicht in die Vorgänge des Lebens und die ideale Auffassung des­selben natürlich. Wird ihr nun die Litteratur des Pessimismus unvermittelt dargeboten, so wirkt sie wie ein Gift. Berückend wirkt ja die schöne Sprache und die anscheinend geschlossene Logik. Natur und Leben haben aber ihre eigene Logik. Wir Naturforscher kommen tagtäglich wieder in die Lage, bestätigt zu finden, ein wie elendes Werk unsere Schullogik ist. Die wahre Idee des Lebens verlangt, daß wir das Leben mit Liebe und Mut erfassen und uns von vornherein bestreben, dem Leben einen schönen Inhalt zu geben. Jeder ivirb auch den Raum finden, wo er die ihm gewährten Kräfte wird ver­werten können im Dienst eines größeren Ganzen. Und so möchte ich Ihnen an diesem Sarge das Eine an's Herz legen: Bewahren Sie Ihren frohen Lebensmut und trachten Sie darnach, im Leben Ihre Stellung voll und ganz auszufällen. Und so begleiten wir unseren Dahingeschiedenen auf seinem letzten Gange an die Grenzen unserer Universitätsstadt. Wir werden stets seiner Leiden in warmer Teilnahme gedenken."

Im Anschluß an die Rede des Herrn Geheimrat Pro- fessor Dr. His widmete der Aelteste der Leipziger Finken­schaft, Herr cand. cam. Harms, dem verstorbenen Kommilitonen, als einem äußerst strebsamen und treuen An­gehörigen der Leipziger Finkenschaft, einen warm empfundenen Nachruf. Er hob u. a. bedauernd hervor, daß sich in Leipzig kein Geistlicher bereit gefunden habe, bei der Trauer­feier Zuspruch zu spenden. Weiter gedachte er eines von dem Verewigten der Finkenschaft hinterlassenen Vermächt­nisses in Gestalt eines Zettels, auf welchem die Worte stehen:Ehret mein Andenken, wenn Ihr auch meine Gründe nicht kennt."

NA einem Schlußgesang wurden die irdischen Ueber- refte des Verstorbenen, begleitet von einem langen Trauer­zuge, nach dem Eilenburger Bahnhof überführt, um in Kottbus in Anwesenheit einer mit der Universitätsfahne er­schienenen Deputation der Leipziger Finkenschaft beigesetzt zu werden.

Vom Kriegsschauplatz.

Der Vormarsch der Engländer im Oranje« Freistaat.

Nach allen Meldungen befindet sich General Cron je mit seiner Hauptmacht auf der Straße nach Bloemfontein, der Hauptstadt des Oranjefreistaats, in einer so starken Stellung, daß die englische Armee nicht weiter vorrücken kann. Weitere Meldungen besagen, daß die Engländer An­stalten treffen, ihneiuzufchließen". TieDaily News" wenigstens teilen mit, sie hätten von einem Minister er­fahren, daß auf dem Kricgsamt Nachrichten eingetroffen seien, nach denen der Burengeneral Cronje völlig umringt und Gerüchte, die demStandard" nach, andauernd am Montagabend im Unterhause umliefen, soll General French die von ihmverfolgten" feindlichen Truppen überholt, und das £>eer der Buren von dem Operationsziel Bloem­fontein abgeschnitten haben. TerStandard" ist der An­sicht, daß, wenn dies wirklich der Fall sein sollte, die W e st - armee der Buren aufgehört habe, zu existie- r c n !

Na, vorläufig ist die Armee der Buren noch da, und sie wird von ihrer Existenz wohl bald schlagende Beweise geben. So einfältig, wie derStandard", sind zwar nicht alle Blätter, aber die große Mehrzahl weiß sich natürlich über den großen Erfolg der englischen Generale vor Jubel kaum zu fassen. Ein einziges Blatt, derManchester Gu­ardian", hat den Mut, sich abfällig über die allgemeine Begeisterung, die die jüngsten Ereignisse bei Kimberley hervorgerufen haben, auszudrücken. Das Blatt weist darauf hin, daß der Jubel verfrüht sei, so lange die Armee des Generals Cronje nicht vollständig geschlagen fei.

Worüber jubeln denn nun eigentlich die Engländer? Wie immer man die Offensive Roberts beurteilen mag, und selbst wenn man allem, was er mitteilt, die gün­stigste Deutung geben wollte, so stünde er doch erst am Anfänge der Erfüllung seines Operationsplanes. Roberts wollte augenscheinlich Dreierlei: 1) Kimberley be­freien und der Garnison den Rückweg über Graspan- Belmont nach De Aar öffnen; 2) zugleich damit die Buren bei Kimberley, beschäftigen, um unbelästigt nach Bloemfontein zu marschieren; endlich 3) zur Unter­stützung dieses Marsches die südliche Oranje-Grenze durch die Streitmacht bei Colesberg überschreiten lassen, und so von Süden ein Hilfscorps zur Eroberung Bloemfonteins heranziehen.

Zum ersten Punkt: French steht in Kimberley, ob aber die Garnisonbefreit" ist, ist die Frage; jedenfalls hat sie den Rückweg noch nicht angetreten; auch hat sich Cronje keineswegs an Kimberley binden lassen, sondern zweiter Punkt er beabsichtigt jedenfalls, Roberts die Straße nach Bloemfontein vorn und in beiden Flanken zu verlegen. Zum dritten Punkt: die ganze, seit 45 Tagen geführte Hauptaktion Frenchs bei C o 1 e s b e r g , jetzt unter General Clements, ist so gänzlich verun­glückt, daß die Engländer schon auf ihre erste Basis, Aruudel, zurückgetriebeu sind, und daß infolge dessen Ro­berts Rückzugslinie von den Buren des Freistaates b e d r o h t ist.

Es ist nämlich im höchsten Grade auffällig, daß die Buren im Norden der Kapkolonie auf das .Hartnäckigste der Eisenbahnlinie de Aar-Kapstadt zustreben, und sich um die Ereignisse, die sich in ihrem Rücken im Oranje-Freistaat abspielen, gar nicht kümmern. Ganz richtig wird in der N. Fr. Pr." ausgeführt, daß, wenn es den Buren hier gelingt, Naauwpoort und de Aar zu gewinnen, und an diesen Orten, wenn auch nur zeitweilig, die nach der Kap­stadt führende Eisenbahnlinie zu zerstören, für Lord Robert ernste Verlegenheiten entstehen würden, denn die Eisenbahn von Kapstadt über de Aar in der Richtung auf Kämberley ist die einzige Verbindung, welche die Armee Roberts hat, die eben über Jakobsdal in das Gebiet des Oranje-Freistaates eingedrungen ist. Diese Invasion dürfte sich aber auch nicht so leicht durchführen lassen, als inan vielleicht im englischen Hauptquartier an­fänglich dachte. Vom Modderriver führt keine Eisenbahn nach Bloemfontein. Auf dieser 150 Kilometer langen Strecke muß der Nachschubsdienst durch mit Ochsen be­spannte Wagen versehen werden. Wenn nun aber schon General Buller für sein etwa 25 000 Mann starkes Korps, mit welchem er den Flankenmarsch von Frere nach dem oberen Tugela unternahm zur Fortschaffung eines zwanzig­tägigen Proviantvorrates einen Train von 5000 Wagen brauchte, so wird Marschall Roberts für eine fast doppelt so starke Armee gewiß 10 000 Wagen benötigen. Es ist überhaupt fraglich, ob eine solche Menge von Fuhrwerken in der Kapkolonie aufzutreiben war. Noch am 7. d. machte der Direktor des Transportwesens in Kapstadt öffentlich bekannt, daß die Armeeleitung Ochsenwagen mit Gespann von je 16 Ochsen zu hohen Preisen und unter Bürgschaft für den Schaden in unbeschränkter Zahl zu inieten fuche, wohl ein Beweis, daß der Bedarf wenige Tage vor Beginn