Ausgabe 
22.12.1900 Zweites Blatt
 
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< 300 Drittes Blatt. Samstag dm 22. Dezember 15». Jahrgang I»»G

Gießener Anzeiger

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Ziijlhwsteu über lokale Vorgänge find uns stets sehr erwünscht "JS und werden auf Wunsch gut honoriert.)

Siehe«, 21, Dezember 1900.

Nilbel, 19. Dezember. Bon der unter Leitung des vDitrbcrgtatß Tecklenburg erfolgten Erbohrung des 28iltorria-Melita-Sprudels wurde dem Kaiser Be- c uchi er stattet. Iw einem huldvollen Schreiben ließ Kaiser SSilhclm dem Srbohrer Karl Brod seinen Dank für diesen Wmchl aussprechen.

FOC. Mard»rg, 19. Dezember. Bei Station Cölbe fuhr Ksssitm abend ein von Creuzthal kommender Zug in einen d wr Geleise pasfierenden Wagen der Firma Baudorf hier. W-i-dferd wurde so schwer verletzt, daß es getötet tuetben mußte. Der Fuhrmann brachte fich noch rechtzeitig hi Sicherheit. Der Wagen wurde zur Seite geschleudert.

Feaukfurt a. M-, 19. Dezember. Der im R an gier - bicahvhtof die Aufsicht führende Stativns-Assistent vtcon den Bergh hatte heute nachmittag beim lieber* fcMitrm des Geleises eine Dienst-Depesche gelesen und in- fiki'lgedrßsen den hinter ihm abgestoßenen Zugteil nicht kommen s'W. Der Unglückliche wurde umgeworfen und erlitt nicht rvM schwere Verletzungen des Unterleibes, sondern verlor a.Luch ein Bein. Man verbrachte den Schwerverletzten in e n in der Nähe belegeneS RangierhäuSchen, und nachdem TV'tKApperS die erste Hilfe geleistet, mit einem Wagen der fVWigen Rettungsgesellschaft nach dem Heiliggeisthospital, it:* fair$e Zeit danach der Tod eingetreteu ist van den Blwgh stand Ende der 40er Jahre. Er hinterläßt eine DLÄve mit fünf unmündige» Kinder».

FiO. Frankfurt a. M., 19. Dezember. Der von demo- kFftckislh-fortschrittlicher Seite in der Stadtverordneten» vrmsaimmluug eingebrachte Antrag, den Magistrat zu er­schall, an zuständiger Stelle gegen die Erhöhung der Lünbttusmittelzöllr zu wirken, wurde mit 29 gegen 20 SS limmen angenommen. Gegen den Antrag stimmten mrMu-snahme des Bierbrauereibesitzers Henrich die national-

liberalen Mitglieder der Versammlung, die der Ansicht Aus­druck gaben, derartige Politische Fragen gehörten nicht in die Stadtverordnetenversammlung. Der Magistrat verhielt sich schweigsam. Der erste Gewinn in der Roten Kreuz-Lotterie von 100000 Mark fiel einem hiesigen Kommis zu.

F.C. Frankfurt, 19. Dezember. Ueber den To des- stürz der 32 Jahre alten Frau des Fahrburschen Ludwig Christe aus dem Fenster ihrer Wohnung läßt fich noch mitteilen, daß Christe seine Frau durch unmenschliche Prügel zu demSPrunge veranlaßt hat. Nachbarn hörten, wie die unglückliche Frau rief:Ludwig, Du schlägst mich ja tot!" Der rohe Gatte prügelte trotzdem weiter. Plötzlich hörten die Nachbarn, wie der Körper auf das Pflaster aufschlug. Christe ließ seine Frau liegen und holte die Polizei. Es sollen Anzeichen vorliegen, daß er seiner Frau bei dem Sprung nachgeholfeu hat.

FC. Höchst a. M., 19. Dezember. Der Verein zur Unterstützung studierender deutscher Katholiken, Sektion Höchst a. M., hielt gestern abend im Gasthof zum Bären seine erste Versammlung ab, in der über den Zweck des Vereins referiert wurde. Da nämlich die katholische Bevölkerung in den höheren Berufszweigen verhältnismäßig nicht hinlänglich vertreten sein soll und höhere Stellen der Staatsverwaltung mit Katholiken nicht besetzt sind, so hat fich der Verein zur Aufgabe gemacht, ein Kapital zu be­gründen, das zur Erschließung der höheren Studien für eine größere Anzahl mittelloser katholischer Jünglinge dienen soll. Und zwar sollen nicht Studierende der Theologie, sondern der Philosophie, Jurisprudenz u. s. w., vor allem aber der technischen Wissenschaften unterstützt werden.

F.C. Hamm, 19. Dezember. Einige fortbildungsschul» pflichtige Buben aus Mömbris wälzten dieser Tage bei Schirmborn einen schweren Stein auf die Schienen der Kahlthalbahn, um einen Zug zum Entgleisen zu bringen. Die Maschine zertrümmerte jedoch den Stein, und schob die Stücke bei Seite, wodurch ein Anglück ver­hütet wurde. Die Thäter find ermittelt.

fo. Bingen, 19. Dezember. Der vor Kurzem hierher gezogene etwa 50 Jahre alte Weinhändler Trapp aus RüdeSheim ist gestern abend eines schrecklichen Erstickungs­todes gestorben. Im Schlafzimmer war der Fußboden durch den Ofen in Brand gesetzt worden, und der schwer kranke Mann war nicht im stände, etwas zur Löschung zu thun, so daß er in den sich entwickelnden Dämpfen erstickte.

-1. Vietze«, 18. Dezember. Das Schöffengericht verhandelte gegen einen hiesigen Mechaniker wegen Diebstahls und Unterschlagung. Der Angeklagte hat seines Bruders Fahrrad versetzt und ein anderes, ihm von einem hiesigen Fahrradhändler anvertrautes Rad verkauft. Er erhält eine Gesamtgefängnisstrafe von 2 Monaten. Ein Maurergeselle auS Burkhardsfelden war auf einen in der Fahrt begriffenen Zug der Oberheff. Eisenbahn gesprungen und wollte seine Reise mit einer un- giltigen Fahrkarte unternehmen. Als fich die Beamten anschickten, die gesetzlichen Anordnungen gegen den blinden Paffagier zu treffen, leistete dieser Widerstand. Er erhält zwei Wochen Gefängnis und eine Geld­strafe von 10 Mk.

Berlin, 19. Dezember. Im Prozeß Sternberg fehlte heute beim Aufruf der noch nicht vereidigten Zeugen die Zeugin Schnör- wang. Der Staatsanwalt erklärte, daß sie seit drei Tagen nicht nach Hause gekommen sein soll. Wenn sie nicht erscheine, so würde ohne ihre Vereidigung auf ihr Zeugnis im Urteil keine Rücksicht zu nehmen sein. Rechtsanwalt Fuchs beantragte erstens die Verlesung des Protokoll- über die in Paris erfolgte kommiffarische Vernehmung des mehrfach genannten Ebstein, zweitens die Aussetzung des Verfahrens, bis eS möglich sei, die Untersuchungsakten in den Sachen gegen Thiel sowie Wolff und Gen. vorzulegen. Der Gerichtshof beschloß die Verlesung des Protokolls, auS dem hervorgeht, daß Ebstein erklärt hat, er habe bei seiner Unterredung mit Margarethe Fischer und der Wender in New.York nicht erfahren, daß mit Frieda Woyda unsittliche Handlungen in der Wohnung der Fischer vorgenommen worden seien. Den zweiten Antrag der Verteidigung lehnte der Gerichtshof ab, u. a. weil die Zeugin Miller auch in dieser Verhandlung bestritten habe, daß Stern­berg mit der Frida Woyda unsittliche Handlungen vorgenommen. Ferner beschloß der Gerichtshof die Verhandlung bis morgen vormittag zu ver­tagen, um zu versuchen, ob die Schnörwang gefunden und vereidigt werden kann. Auch sollen einem Anträge der Verteidigung entsprecheiw morgen 12 Zeugen über die Glaubwürdigkeit der Schnörwang ver­nommen werden.

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