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22.7.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 22. Juli

Nr. 169

Viertes BlM.

1900

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Fernsprecher Nr. 51.

Zur Erinnerung an die große Zeit.

Die gegenwärtigen Tage, die das im neuen Deutschen Reich noch nicht erlebte Ereignis einer Mobilmachung und Entsendung kriegsstarker Truppen- und Flottenteile zum Schutze bedrohten deutschen Eigentums und deutscher Kul­tur bringen, führen in besonders eindringlicher Weise die Erinnerung an die große Zeit zurück, da unser Volk sein langes Streben nach, Freiheit und Einigkeit durch that- kräftiges Handeln zum Ziele lenkte und zu dem wuchtigen' Schlage ausholte, der das Napolelonentum vernichten sollte, jene Gesellschaft übermütiger Emporkömmlinge, die zwei­mal im 19. Jahrhundert über unser Vaterland hergefallcn ist, nachdem sie zum Verräter an dem gleichfalls nach Freiheit strebenden französischen Volke geworden war. Dreißig Jahre waren am diesjährigen 19. Juli verflossen, seit der französische Geschäftsträger Le Sourd in Berlin dem Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, Grafen Bismarck, die amtliche Kriegserklärung überreichte, ein diplomatischer Vorgang, durch den der Beginn des deutsch­französischen Krieges feierlich ausgesprochen ward.

Die Welt weiß es, daß Deutschland, das heißt Preußen, und seine Verbündeten, auf diesen Ausgang der von ^Na­poleon III. und seinen Leuten wegen der spanischen Thron­nachfolge erhobenen Einspruchs gefaßt war. König Wil­helm I. hatte am 13. Juli in Ems den napoleonischen. Forderungen gegenüber die gebührende ablehnende Hal- tung eingenommen, der französische Ministerrat, unter Führung des Herzogs Gramont und Öllivier, hatte darauf- v111 ,kn Krieg beschlossen, und am 15. Juli bewilligte jder französische gesetzgebende Körper die Einberufung der näd> sten Altersklasse zum Heere und der gesamten Mobilgarde, das heißt eben die Mobilmachung des französischen Heeres. König Wilhelm, der auf der Rückreise von Ems die Draht­nachricht von diesen Vorgängen, auf dem' Bahnhöfe der Stadt Brandenburg , empfing, befahl nach seiner Ankunft in Berlin die Mobilmachung des gesamten Heeres mit dem 16. Juli als ersten MobilmachNngstag. 'Als danii te Sourd die Kriegserklärung Napoleons überreichte, tonnte König Wilhelm dem mittlerweile telegraphisch ein- berufenen Norddeutschen Reichstag mit der vollendetest Thatsache entgcgentreten, die in der meisterhaften Thron­rede die richtige Würdigung erhielt.

Man hat uns das Schwert in die Hand gezwungen!" Das war der Grundton dieser markigen Worte, die dem frevelhaften Angriffe des morsch gewordenen Napoleonis- mus entgegenschollen. Wie mächtige Glockentöne drang es zum Herzen des Jahrhunderte lang bedrückt gewesenen, nun frei pnd stolz aufatmenden deutschen Volkes, als es die Worte vernahm:

. . Deutschland derartige Vergewaltigungen fernes Rechts und seiner Ehre in früheren Jahrhunderts schweigend ertragen, so ertrug es sie nur, weil es in ferner Zerrissenheit nicht wußte, wie stark es war. Heute wo das Band gerstiger und rechtlicher Einigung, welches die Befreiungskriege zu knüpfen begannen, die deutschen Stamme je länger, desto inniger verbindet, heute, wo Deutschlands Rüstung dem Feinde keine Oeffnung mehr bretet, tragt Deutschland in sich selbst den Willen und dre Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewaltthat. . . - Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenderr Wohl- glerchwäßig genießend und begehrend, sind zu ^saureren Wettkampf berufen, als zu dein blu- fXn p1 ?"ch> die Machthaber Frankreichs

Selbftaptt'.^^r^bU, das wohlberechtigte, aber reizbare npipWiK "cheres großen Nachbarvolkes durch berech- Leides

t®ulic 6or dreißig Jahren. Das Ekre und seiner .zur Verteidigung seiner

»ÄSX.Ä Ä'Ä spiele unserer Vater für unsere C J S

9ied)t gegen die Gewaltthat' fremder Oberer' u "käm- pfen", in einem Kampfe,in dem wir kein anderes Zie l verfolgen, als den Fri e den Eu ro pa-i d a uern b zu sichern". Die Einigkeit Deutsckstands unter starcker kaiserlicher Macht war die Frucht des schweren, blutiaen Ringens, und aus dieser Frucht ist der starke Baum er­wachsen, der Frieden Europas, der nun fast drei Jahr­zehnte hindurch dank der Friedenspolitik des neuen, deutschen Reiches Europa überschattet.

Gedenkt man König Wilhelms, Bismarcks und des gesamten deutschen Heeres von damals, dann darf man den urchlt vergessen, der mit der geistigen Führung des Heeres betraut war, unseren Moltke. Als der große Schlachten- tenker am ersten Mobilmachungstage, am 16. Juli abends, vom königlichen Palais nach seiner Wohnung fuhr, jauchz- JnSJ»m Berliner zu und ein Junge rief:Nanu, Moltke, mach man wieder 'n juten Plan!" Wahrlich^ der toar gut. Moltke hatte nicht leichtfertig, wie die poleomschen Marschälle, den kommenden Dingen ent­

gegengesehen, sondern bereits in dem Winter 1868/69 den Mobilmachungsplan ausgearbeitet, der nun binnen vier­zehn Tagen die Aufstellung von drei mächtigen kriegs­starken Armeen an der französischen Grenze ermöglichte. Am 16. Juli begann die Mobilmachung, am 30. Juli stan­den die drei Heere schlagfertig da. SechD Wochen und drei Tage nach der französischen Kriegserklärung war das ganze napoleonische Heer zersprengt oder eingeschlosscn. Moltke hat am 18. Juli an seinen Bruder Adolf voll tiefen Ernstes geschrieben:

Der ruchlose Abenteurer von Boulogne hetzt zwei Völker aufeinander, um seine dynastischen Interessen!, wenn möglich- zu retten. Nie ist ein Krieg gerechter geführt worden, als dieser von unserer Seite, und so hoffen wir auf Gottes Beistand. Aber seine Wege sind nicht unsere Wege, und in der Weltentwickelung führt er auch durch verlorene Feldzüge zum Ziel. Dennoch hoffen wir auf einen glücklichen ....

Gottvertrauen, ernste Arbeit und todesmutige Tapfer­keit wurden glänzend belohnt. Dem gewaltigen Mühen entstieg am 18. Januar 1871 das Deutsche Reichl unter­des greisen Kaisers Wilhelm Führung und Obhut.

Dreißig Jahre, einMenschenalten" ist vorüberge­flogen. Ein leichtes Stäubchen im unendlichen Welten­raum, hat dieser Zeitabschnitt für unser europäisches Leben aber doch große, tiefgehende Wandlungen gebracht, und wenn auch einzelne Völker sich auswärtiger Kriege nicht enthalten haben, so ist doch der größte, wesentlichste Teil des Erdteils in Frieden geblieben und zu einer un­geahnten Höhe des Wohlstandes und der geistigen Arbeit emporgepiehen. Auch die beiden Völker, die damals von demAbenteurcr von Boulogne aufeinandergehetzt"" wur­den, haben in ihrem Verhältnis zueinander starke Wand­lungen durchgemacht. Während sie, wie es Bismarck am 19. Juli 1870 angedeutet hatte,zu einem heilsameren Wettkampfe als dem blutigen berufen"", sich auf der Welt­ausstellung in Paris durch die tüchtigen Leistungen ihrer Arbeit immer näher kennen und schätzen lernen, kämpfen ihre Söhne im fernen Ostasien Schulter an Schulter gegen die gelbe Rasse zum Schutze der europäischen Kultur und Zivilisation.

Welch eine Wandlung! Nach einem dreißigjährigen! Frieden werden zum ersten Male wieder deutsche Truppen nwbil gemacht, erfolgt die erste Mobilmachung auf Befehl eines deutschen Kaisers. Und dies geschiehtnicht zu kriegerischen Eroberungen"", sondern im Dienste des Friedens, zum Schutze der Kultur, und in Gemein- schaft rnit allen europäischen Kulturvölkern, in Gemeinschaft mit Amerikanern nnd Japanern». Fürwahr, ein gewaltiges Bild deutschen Kulturstrebens nach diesen dreißig Jahren. Zuversichtlich aber wollen wir mit unseren Landsleuten, die kriegsgerüstet nach Ost­asien ziehen, die Worte der Thronrede vom 19. Juli 1870 wiederholen:Gott wird mit uns sein, wie er mit unseren! Vätern war!"

Aus Stadt und Land.

Gießen, 21. Juli 1900.

** Das Regierungsblatt Nr. 53 vom 19. Juli hat zum Inhalt: Bekanntmachung, Bestimmungen über die Beförderung ätzender und giftiger Stoffe auf dem Rhein betreffend.

** Zur Herausgabe einer zur 300jährigen Feier der Gründung unserer Landesuniversität abzufassenden F e st s ch r i f t (1907) ist der Lehramtsaccessist Dr. Becker, seit Ostern am Gymnasium zu Laubach, mit der Durcharbeitung des in den Archiven zu Gießen, Darmstadt, Marburg und Kassel vorhandenen Aktenma­terials betraut worden.

** Kunstveretn. In der Gemälde-Ausstellung im Turmhaus am Brand hat diese Woche wieder ein vollständiger Wechsel der Gemälde stattgefunden; es sind ca. 70 Gemälde neu ausgestellt. Gleichzeitig sei auch jetzt schon darauf hingewiesen, daß dies der letzte Bilder­wechsel vor den üblichen Ferien ist. Die Ausstellung ist von Sonntag an wieder geöffnet.

-h Lauterbach, 19. Juli. Gestern Nachmittag kam es aus der Straße von hier nach Willofs zwischen Bauern- burschen aus Udenhausen, die wegen eines am 1. P fingst- feiertag begangenen schweren Waldfrevels sich vor dem hiesigen Gericht zu verantworten hatten, und zwei dortigen verheirateten älteren Einwohnern, die aus dem Heu kamen und friedlich ihre Straße zogen, zu einem Wortwechsel, der seitens der wahrscheinlich stark bezechten Burschen in Thät. lichkeiten ausartete. Sie drangen mit Stöcken aus die beiden ein, und der eine der Angegriffenen wußte sich nicht anders zu Helsen, nachdem er mit einem sog. Totschläger einen Schlag über den Kopf erhalten hatte, daß das Blut hoch ausspritzte, als von der mitgesührten Heugabel Ge­

brauch zu machen, um sich die Angreiser vom Hals zu halten. Dabei verletzte er den Haupträdelsführer, der sich auch bei dem am Sonntag stattgehabtcn Kriegcrball als Spektakelmacher und Messerheld gezeigt hatte, durch mehrere Schläge aus den Kopf, sodaß er sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Hoffentlich folgt der beispiellosen Rohheit der Burschen eine exemplarische Strafe.

-n. Stammheim, 19. Juli. Ueber eine hiesige arme Arbeiterfamilie ist plötzlich ein schreckliches Unglück herein- gebrochen. Der Ernährer derselben, ein Weißbindergesclle, der in Frankfurt arbeitete, stürzte von einem Gerüst ab und zog sich so schwere Verletzungen zu, daß er bald darauf starb. Eine Frau und sieben Kinder, von denen fünf noch nicht erwachsen sind, haben ihren Ernährer verloren. In unserer Gegend hat die Ernte begonnen. Bei Staden stehen schon die Kornhausen im Feld. Wenn sich der Roggen bei dem kalten Wetter im Frühling auch nicht nach Wunsch entwickeln konnte und er darum dünn steht, kann man mit dem Ernteausfall doch zufrieden sein, weil die Körner bei der genügenden Bodenfeuchtigkeit, die wir von der Blüte an hatten, sehr stark geworden sind.

°pfs. Bad Salzhausen, 19. Juli. Der Besuch, unseres Bades ist fortgesetzt ein sehr guter. Nicht blos das Kurhaus ist ganz besetzt, auch das Hotel Weil und die Villa Charlotte sind teilweise besetzt. Im Interesse des Bades und der Heilung Suchenden wollen wir auf einen Irrtum aufmerksam machen. Wenn seither letztere die Kunde vernehmen, das Kurhotel sei besetzt, so blieben sie in der Meinung, kein Unterkommen finden zu könnet:, einfach weg, weil sie keine Kenntnis von! den neu ein­gerichteten beiden vorhin genannten Etablissements hatten. Beide sind jedoch in jeder Beziehung mit allem Komfort ausgestattet und bieten besonders solchen Kurgästen, die mehr 'zurückgezogen leben wollen, eine günstige Gelkgeu-- heit hierzu. Bis nächstes Jahr werden vier neue hinzukom­men, von denen zwei bis auf die innere Ausstattung fertig- gestellt sind, die beiden anderen (von Gießener Herren erbaut) kommen bis Herbst unter Dach. Außerdem ist noch ein einfaches Gasthaus jetzt schon zur Aufnahme von Gästen bereit gestellt. Die BohrversuM werden an ver­schiedenen Stellen des Parks zur Gewinnung von Soole fortgesetzt. Eine vorläufige Süßwasserleitung für das.Mr­hotel ist eben in der Ausführung begriffen. Von Passanteuz. Vereinen usw. wird besonders Sonntags das Bad sehr fleißig besucht. Ebenso ist die Zahl der mit den Zügen von auswärts kommenden Badenden Dank der günstigen Bahnverbindung eine stets steigende. Um den Anforder­ungen genügen zu können, wird abends gebadet. Zu den großen Annehmlichkeiten des Bades gehört nickst zuletzt oer herrliche Park, dessen Anlagen immer weiter aus­gedehnt werden. Auch an Konzerten fehlt es nicht. Des öfteren konzertiert auch die Kapelle des Gießener Re­giments.

Offenbach, 19. Juli. Wie wir demOffenb. Abendbl." entnehmen, hat die Stadtverordneten-Versammlung die Er­richtung der Stelle eines Wohnungsinspektors bc- schlossen und sie versuchsweise mit dem Schutzmann Karls besetzt. Dieser Beschluß beruht auf dem Großh. hessischen Gesetz vom 1. Juli 1893, betreffend die polizeiliche Beauf­sichtigung der Mietwohnungen und Schlafstellen, das die Aufgabe hat, den aus dem Vermieten ungeeigneter Woh­nungen und Schlafstellen für die Gesundheit und Sittlich feit hervorgehenden Nachteilen dadurch zu begegnen, daß

1. den Gesundheitsbeamten deS Staates und den Ortdpolizet- behörden die Befugnis eingeräumt wird, alle zum Vermieten be stimmten Wohnungen und Schlafstellen, sowie die von den Arbeit­gebern ihren Arbeitern (Lehrlingen, Gesellen, Gehilfen, Dienst­boten 2C.) zugewtesencn Schlafräume einer Untersuchung dahtn zu unterwe'fen, ob au8 deren Benutzung zum Wohuen oder Schlafen Nachteile für die Gesundheit oder Sittlichkeit nicht zu befürchten sind:

2. den Vermietern von Wohnungen die Verpflichtung auferlegr wird, sofern:

a) die Mietwohnung auS 3 oder weniger Räumen besteht;

b) Kellergeschosse oder nicht unterkellerte Räume, deren Fuß­boden nicht mindestens 0,25 Meter über Erde gelegen ist, oder

o) unmittelbar unter dem Dache befindliche Räume vermietet werden,

bei der erstmaligen Vermietung vor dem Einzug des Mieters und bet ande,wettiger Vermietung solcher Wohnungen innerhalb einer Woche, von eingetretener Aenderung ab gerechnet, Anzeige bet der OrtSpolizeibehörde zu machen;

3. denjenigen, welche dritten, nicht zur Familie gehörigen Personen Schlafstellen vermieten, die Verpflichtung auferlegt ist, vor Beginn der Mielbenutzung der OrtSpolizeibehörde Anzeige zu machen.

Zur Durchführung des Gesetzes können die Gemeinden besondere WohnungSinsPektoren anstellen, und von diesem Recht hat Offenbach jetzt Gebrauch gemacht.