Samstag den 21 Juli
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Drittes Blatt
M 168
Gießener Anzeiger
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Von Paul Lindenberg.
(Nachdruck verboten.)
XVI.
DaS Palais MexttoS. —- Der Armee- und Marine Palast. — I WaS man in ihm zu sehen und nicht zu sehen bekommt. — I DaS Armee-Museum deS Preußischen KriegSmiuisteriums. — I
Vom Palais der Havdelsschiffahrt.
Unsere letzte Wanderung endete mit der Besichtigung I Der Straße der fremden Nationen, die durch die Alma- I Brücke ihren Abschluß findet, richtiger ihre Unterbrechung, I denn auch noch in den übrigen, auf dem linken Seine-User I liegenden Teilen der Ausstellung finden wir allerhand I Repräsentationsgebäude auswärtiger Staaten, die in ihren I mannigfachen Stylen das an sich schon so abwechselungs- I reiche Gesamtbild noch farbiger und verschiedenartiger I machen. So stoßen wir gleich hinter der genannten Brücke I auf das Palais Mexiko's, ein hellgehaltenes langge- I strecktes Gebäude, das seine von breiter Loggia unter- I brvchene Hauptsront der Seine zukehrt; gleich dem Aeußern, I macht auch das Innere einen luftigen (Andruck: durch das I Glasdach fällt das Licht in eine weite, von oberen Galerien I umgebene 5)alle, in der die vielfachen Erzeugnisse des I Landes — Holz, .Gewebe, Mineralien, Leder, Wein, Tabak, I Gartenbau- und Landwirtschaftsprodukte — zur Schau ge- I stellt sind. Im Geschtnack des ersten Kaiserreichs ist der I Empfangssalon ausgestattet mit recht flotten, französische I Einflüsse aufweisenüen Gemälden und Bildhauerwerken I mexikanischer Künstler; auch eine geschichtliche Abteilung I fehlt nicht, in der die Erinnerungen an Kaiser Maximilian I jenen französischen Besuchern, die nicht blindlings alles, I was den Krieg anbetrifft, gut heißen und die ein Gedacht- I nis für Napoleonische Sünden haben, wenig angenehm I fein dürften.
Und nun gelangen wir in das Gebiet des Mars, zum 1 benachbarten Armee- und Marine-Palast, der füfy | in einer Länge von 350 Metern ausdehnt und in seinem I Aeußeren an französische militärische Bauten des Mittelalters gemahnt, mit reicher Facade, zu der von der Seine zwei monumentale, von Herolden in der Karolingertracht bewachte Treppen hinanführen, während in der mittleren, großen Durchgangshalle die Reitergestalten von Bayard und du Guesclin Aufftellung gefunden haben. Ein Teil des Palastes ist der Hygiene und dem Lazarettwesen ein- | geräumt, ohne daß hier irgendwie Neues geboten wird, ; was besonders bei dem ersteren Gebiet auffällig ist; das- selbe hat aber mancherlei Trennungen erfahren und ist überwiegend in anderen Abteilungen untergebracht worden. Auch beim Heerwesen lernen wir natürlich nur Äußerlichkeiten kennen, welche für Laien interessant sind, so die Verwendung von Automobilen in der Armee und die verschiedenen Vorkehrungen für eine schnelle Verpflegung größerer Truppenmassen. An Waffen und Munition aller Art fehlt's nicht, aber obwohl alles blitzblank ist und völlig neu erscheint, lächeln die, die etwas davon verstehen, nur spöttisch darüber, denn all' das, worauf es heutzutage bei einer Mobilisierung ankommt, was also im Ernstfälle von Wichtigkeit sein würde, das wird selbstverständlich nicht hier aller Welt gezeigt, sondern vorsichtig hinter Schloß und Riegel gehalten.
Aus diesem Grunde hatte man zuerst von einer Beteiligung der Armee und Kriegsmarine in der Ausstellung gänzlich abgesehen, sich, aber doch! noch im letzten Augenblicke dazu entschlossen — kein Wunder, daß dieses in wenigen Monaten aufgesührte Palais erst vor kurzem baulich! fertig wurde, und auch in seinem Innern noch viele Lücken ausweist, sowie eine gewisse nUordnung, die gerade an dieser Stelle, wo alles nach dem Schnürchen gehen müßte, unangenehm berührt. Um den unendlichen Raum doch etwas auszufüllen, hat man viele Firmen zusammengetrommelt, deren Fabrikate — Fernrohre, Photographie- Apparate, Landkarten, Vermessungs-Instrumente, Eismaschinen, Konserven rc. — in einem Feld zu ge von Nutzen sein können; das ist aber ein dehnbarer Begriff, der schließlich die halbe Ausstellung umfaßt.
Auch die fremden Staaten haben sich in diesem Fall recht lau gezeigt, nur Rußland beteiligte sich in etwas umfassenderem Maße mit der Ballon-Ausrüstung einer Luft- schiffer-Abteilung und einem Artilleriepark, und Deutschland sandte eine Zahl von Modellen unserer Kriegsschiffe, die der „Vulkan" und die Schichau-Werft erbaut. Sehr hübsch und großen Beifall findend ist das im oberen Stockwerk untergebrachte Armee-Museum des Preußischen Kriegsministeriums mit anschaulichen lebensgroßen Figuren preußischer und deutscher Soldatentypen vom Großen Kurfürsten an bis zur Zeit Kaiser Wilhelms I.; auch Baiern, Sachsen und Württemberg sind mit interessanten Nachbildungen einzelner Armeetypen vertreten. Die Uniformen und Bewaffnungen sind meist
Vermischtes.
* Man muß sich zu helfen wissen! Unter diesem Titel wird aus einer Sommerfrische am Wörthersee folgendes sicherlich, wahre Geschichtchen mitgeteilt: „Auf unserer Radtour berührten wir jüngst den freundlichen Marktflecken — doch der Name thut nichts zur Sache. An den Straßenecken lasen wir zu unserem nicht geringen Erstaunen primitiv ausgestattete Theaterzettel, dre für den Abend die Aufführung des „Sensationsdramas" „Wenn wir Toten erwachen" ankündigten. Also, der kleine steirische Markt beeilte sich der Hauptstadt mit der Wiedergabe des jüngsten Ibsen zuvorzukommen. Da mußten wir
„Die Frau im Meere"), „Wilhelm Tell"'(„Der Probepfeil" oder „Ich bin so frei") aufsührt.
* Vom bayerischen Konrgshofe. Bei der: Zr- viltrauung der Prinzessin Marre Gabriele mit dem künftigen bayerischen Thronerben, Prinz Rupprecht, fiel in der Rede «des StandsssbeÄmten Staatsministers Dr. Frhr. v, Crailsheim folgende Stelle auf: „Nicht Politik und Konvenienz, aber auch nicht jugendliche Aufwallung, die keine höheren Rücksichten kennt und geheiligte Schranken durchbricht, haben die Wahl bestimmt, die in dieser Stunde besiegelt werden soll. Sie ist die Frucht eines gereiften Geistes, und einer tiefen Herzensneigung, die in der Gleichheit der edlen Art die Gewahrschaft ihrer Dauer erblickt. Ebenbürtig an Abstammung und Alter des Geschlechts, gleich an Traditionen und Sitte, tritt die hohe liebliche Braut dem künftigen Gemahl zur Seite. Kein fremder Zug drangt sich störend in die Innigkeit ihrer Beziehungen'. Dre Worte „jugendliche Aufwallung" usw. weisen deutlich auf die Prinzessin Elisabeth, Tochter des Prinzen Leopold, hin, die sich im Jahre 1893 als 19 jähriges Mädchen mit dem damaligen Leutnant im ^nfanterie-Leib- Regiment Otto Frhrn. v. Seefried eigenmächtig aus München entfernte und dann in Genua mit ihm getraut wurde. Die „Entfernung" erregte damals ungeheures Aufsehen. Der Kaiser von Oesterreich, der Großvater der jungen Baronin, stand dem jungen Paare bei und nahm auch Frhrn. v. Seefried in das österreichische Heer auf. Eine Versöhnung mit dem Prinzregenten brachte er jedoch nicht zu stände. Der Regent ist unerbittlich zumal Frhr, v. Seefried auch Protestant ist, und Prinzessin Elisa^th darf 1 bei seinen Leibzeiten nicht mehr nach München kommen Mit der Heirat des Prinzen Rupprecht war der Regent übrigens anfangs ebenfalls nicht einverstanden. Er und der Kaiser von Oesterreich befürworteten eine Verbindung des Thronerben mit einer der jungen Erzherzoginnen von Toskana. Prinz Rupprecht jedoch, der bereits eine tie c Neigung zu seiner jetzigen Gemahlin gefaßt hatte, beharrte auf seiner eigenen Wahl und setzte schließlich semen Willen durch. Seit dieser Zeit herrschte nun wieder bei Kaiser Franz eine gewisse Verstimmung gegen den baierifchen Hof. Er kam, obgleich eingeladcn, nicht zur Hochzeit. Dafür wurde gerade am Hochzeitstage in München bekannt, daß er seiner vom baierifchen Hofe für immer verbannten Enkelin Elisabeth von Seefried in Ungarn die großartige Besitzung Peröcseny für 700000 Kronen gekauft habe Noch I eine andere Heirat aus dem Königshause scheint nicht Mch aller Wunsch gewesen zu sein, wie sich wtzt yeraussteut, I nämlich hie der Prinzessin Sophie der ältesten Schwester der eben vermählten Marie Gabriele, mit dem Reichsrat ! Grafen Törrin g-Jettenb ach. Gräfin Torrmg I blieb am Ehrentage ihrer Schwester fern, natürlich auch ihr I Gemahl. Gegen diese gräfliche Verbindung war st Z. die I eigene Mutter der Prinzessin, die Herzogin Karl Theodor, sie wollte bedeutend höher hinaus. Mit ihren beiden andern Töchtern hat sie dies erreicht. Die eme, Marie I Gabriele, wird dereinst Königin von Baiern, die andere, I Prinzessin Elisabeth, Königin der Belgier, Unzusrie-- I denheit über die, wenn auch ebenbürtige Verbindung mit I der Törring-Jettenbach'sche Familie scheint ^folgedrisriv neuerdings wieder zum Ausbruch gekommen zuHem. Gr f I und Gräfin Törring leben in der glücklichsten Che.
alten Beständen entnommen oder auf das treueste nach- I denn doch dabei sein. Im ersten Gasthof des Ortes, ut geahmt; die künstlerische Durchhildung der Gestalten, ihre I welchem sich übrigens gleichzeitig der Theatersaal befand, Gruppierung, die Genauigkeit bis zum unbedeutendsten 1 nahmen wir Quartier und harrten abends gespannt der Teilchen berühren gerade hier doppelt angenehm. Äußerst 1 drohenden Kunstgenüsse. Gegen 7 Uhr war der mindestens, fesselnd ist sodann das im gleichen Stockwerk eine Reihe I 100 Personen fassende Theatersaal so S^mlrck)^ gefüllt. Der von Sälen einnehmende Geschichtliche Museum,! Bürgermeister des Ortes selbstbeehrte die Vorstellung niw zu dem die staatlichen und privaten Sammlungen Frank- I semer Anwesenheit, und das Publikum stch
reichs ihre sehenswertesten Stücke beigesteuert. In großen, I sicherlich aus den „oberen Zehntausend des Marktes. Der zeitgenössischen Gemälden lebt vor uns die kriegerische I Vorhang wird zuruckgezogen und auf der ^ue beginnt Epoche Ludwigs XIV. auf, in zahllosen Erinnerungen, u. a. | ein greiser Herr, einen Brief in der Hand, h^'brii Tpnes in Briefen Uniformen, Waffen, Portraits, Fahnen, Orden, I zu jammern, daß er Zweig auf Zweig vom Geschlecht der g&s&ssr" - ssffj&sfss MMPS
villon für seine Waffenfabrikate, und Rußland zeigt in ^em^n N^rn die ^eatng^iM n ^kei kerben!
einer benachbarten Baulichkeit die vielerlei Geschutzformen u"d wollen nur die neuqtev1.9 Unb
| seiner Flotte, während kleinere Vauten die kriegsmäßigen I s sind ^me ine Leute eingespielt." Der gute Mann Ausrüstungen der ftanzösifchen Gesellschaften vom Roten «uf d^e such «eme ^eute ^M^und Liebe" unter dem Kreuz bergen. , m I Ein Tropfen Gift", „Traum ein Leben" („Die
Weiterhin an der Seme stoßen wir aus das Palais I M („Hofgunst"), „Sappho"
der Handelsschiffahrt, das ^ zwri gr^ße Hatten I \x im Meere"). „Wilhelm Tell" („Der Probepfeil"
zergliedert ist, deren dem Fluß zugewandte Vorderseite I maurischen Styl aufweist; viele dekorative Aussc^nuck- ungen deuten auf den Inhalt des Gebäudes hin, dessen I bis zur Jena-Brücke reichende Spitze in einem gewaltigen Schiffsschnäbel, auf welchem eine muschelblasende Najade thront, endet. Auch das Innere mit seinem flotten Holzbau ist gefättig ausgestattet mit Fahnen, Wappen, Netzen,
I Ankern und allerhand maritimem Beiwerk. In erster Lime I sind hier die großen ttansatlanttschen SchiffahrtsgeseU- | schäften vertreten mit den Modellen ihrer besten Schiffe, I mit Darstellungen der von ihnen befahrenen Seewege, mit I Verkehrs- und Verbrauchstabellen sowie sonstigen statisti- I schen Aufzeichnungen, um die sich! natürlich kein Mensch I kümmert, trotz der beredten Sprache, trotz der wichtigen I Mitteilungen, die sie für den Weltverkehr enthalten. Aber I auch hier macht man wieder die Erfahrung, daß die über- I I wiegende Masse der Besucher einer solchen Ausstellung nur I sehen und nichts wissen will; in langen Zügen, gleich dem I Herdenvieh, wandern die Scharen durchs die Hallen, Säle, I Zimmer, flüchtigste Umschau haltend — nur um „da ge- 1 wesen zu sein" und möglichst viel für das Eintttttsbillet I gesehen zu haben — und blos hier und da wenige Sekunden I verweilend, wo ein Gegenstand durch seine Grüße oder I Eigenart die allgemeinere Aufmerksamkeit erweckt. Dann I gehts weiter in endlosem Zickzack, bis die müden Beine den Dienst versagen und die Augen sich schmerzend schließen
I — es wäre 'mal sehr interessant, durch eine Umfrage zu I erfahren, was eigentlich von den vielen Stunden des Um- I herirrens bei dem Gros der Ausstellungsbummler als I merkenswert haften geblieben ist! ± cc<,.
In diesem Schiffahrtspalast erweckt das vortreffliche
I verkörperte Rettungswesen zur See nur geringe Beachtung, I und doch sind gerade hier neue Erfindungen von großer I Wichtigkeit ausgestellt, hervorgerufen durch die Ausschreib- I ung des Pollock-Preises von 100 000 Francs für den besten I Rettungsapparat; der Veranstalter dieser mit lebhaftem I Beifall zu begrüßenden Preisveranstaltung befand sich mit I seiner Gattin unter den Schiffbrüchigen der „Bourgogne", I und es ist zu hoffen, daß ein befriedigendes Ergebnis erzielt I werden wird. Umfassend ist die Ausftettung der Suez- I Kanal-Verwaltung mit einem bis ins Kleinste gehenden I Reliefplan, vielen Modellen, Photographien rc., welche uns I das gewaltige Unternehmen von seinen Anfängen an bis I zur jetzigen ausgedehnten Entwickelung zeigen. Von I deutscher Seite stammt eine sehenswerte Sammlung von I Nachbildungen älterer deutscher und holländischer Kriegs- I wie Handelsschiffe, zum Teil aus dem Besitz der Kaiserlich I deutschen Seewarte stammend.


