Ausgabe 
19.12.1900 Drittes Blatt
 
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Mittwoch den 19. Dezember

150. Jahrgang

M. 297

1900

Drittes Blatt

E-meral-AnZeiger

^erbliebenen.

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sKreßener Anzeiger

IhlafHan, Expedition und Druckerei:

-chulstratze Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.

Gießen, 18. Dezember.

** Die Zeit der Weihnacht-'bescheruugeu ist wieder da. So veranstaltete vor kurzem eine solche Herr Lehrer i. P. Curschmann. Was für eine wahre Freude ist es, von Herzen wohlthätig sein zu können! Es ist ein schöner Spruch, beim Wohlthun solle die Linke nicht wissen, was die Rechte thut. In Frankfurt hat der Verein für Kinder« horte die Weihnachtsbescherung der Armen in die Hand genommen. Für jede Familie wird ein kleines Tannen bäumchen gekauft und vollständig ausgeputzt. Dann werden die Gaben in Bündel gepackt. Am Tage vor Weihnachten aber werden die Eltern bestellt, um Bäumchen und Gaben abzuholen, und zwar läßt man sie zu verschiedenen Stunden kommen, damit sie sich möglichst wenig begegnen. Am Weihnachtsabend leuchtet dann selbst in der ärmlichsten Wohnung ein Weihnachtsbäumchen. Freilich gehört zu dieser Art Bescherung Arbeit, aber die kann nicht in Be­tracht kommen gegenüber der wahren Freude, die damit geschaffen wird, und der Dankbarkeit der Eltern, die nun ihren Kindern selbst bescheren können. So viel wir wisien, wird auch bei uns in Gießen in ähnlicher Weise Weihnachts­freude gespendet, namentlich von den Kirchengemeinden, die, mit Ausnahme voy einer, ihren Armen in ihren Häusern bescheren.

Darmstadt, 16. Dezember. Der Großherzog empfing am 15. Dezember u. a. den Rektor der Landes-Universität Geh. Iusttzrat Dr. Schmidt und den Geh. Kirchenrat Dr. Stade von Gießen, den Forstmeister Bücking von Büdingen, die Professoren Dr. Löhlein und Dr. Stein- brügge von Gießen. Der Reichskanzler Graf v. Bülow wird am nächsten Freitag hier eintreffen und von Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin empfangen werden. Die gestrige öffentliche Versammlung des hessischen Goethebundes, in der Frauenarzt

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».

Fernsprecher Nr. 51.

Dr. Karl Heil überGesundheitspflege und Schönheits­pflege in ihrer Wechselwirkung" sprach, erfreute sich eines sehr zahlreichen Besuches. In der gestrigen nicht öffent­lichen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde bezüglich der Wiederbesetzung der erledigten Stadtbau­meisterstelle Beschluß gefaßt. Unter 24. Bewerbern fiel die Wahl mit Einstimmigkeit auf den seithcrrigen Assistenten des Stadtbauamts, Herrn Bauinspektor Frenay.

FC. Worms, 15. Dezember. Die von Oberstaats­anwalt Schmidt aus Mainz in Horchhcim angestellten Er­mittelungen und Verhöre einer Anzahl junger Mädchen haben gegen einen dortigen Beamten so schwer be­lastendes Material zu Tage gefördert, daß heute morgen zur Verhaftung desselben geschritten wurde. ES handelt sich um ein schweres Sittlichkeitsverbrechen. Der Beamte wurde hierher in Untersuchungshaft gebracht.

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Vermischtes.

Paris, 15. Dezember. Die Bilanz der Welt­ausstellung ist heute veröffentlicht worden. Die Aus­gaben betragen 116»/, Millionen Fr cs., die Einnahmen 114,456,000 Francs. DaS Defizit beträgt mithin 2,044,000 Frcs.

Gin Tunnel von Gibraltar nach Marokko. Der amerikanische Konsul Monoghan in Chemnitz berichtet, daß ein Pariser Ingenieur kürzlich einen Plan ausgearbeitet hat, nach dem die spanischen Schienenwege, die in Gibraltar ihr Ende finden, durch einen Tunnel unter dem Meere mit dem marokkanischen Schienenwege verbunden werden sollen. Mehrere Herren, die sich für die Sache interessieren, sind jetzt in Marokko, um die Konzession für einen Eisenbahnbau dort zu erhalteu. Technisch ist der Plan keineswegs un­ausführbar, da es sich ja nur darum handelt, Felsen zu durchbrechen. Einige Pläne dieser Art, z. B. der Tunnel von Calais nach Dover, der bekanntlich ja aus ganz anderen Gründen als aus technischen aufgegeben wurde, der Plan einer Brücke über den Bosporus rc., sind in letzter Zeit ausgearbeitet worden, und Mr. Monoghan bemerkt ganz richtig, daß die Durchführung des Planes von nichts weiter abhängt, als von der Unterstützung der Kapitalisten. Wie weit sich diese aber finden wird, ist im höchsten Grade fraglich.

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ißen Preisen.

SpichlM der itttüdgltn .frankfurter StMhe-vr.

Opernhaus.

Dienstag den 18 Dezember*): Einmaliges Gastspiel d:8 Kgl. Kammersängers Herrn Nikolaus Nothmühl vom Hoslheater tn Stuttgart:Margarethe". Mittwoch den 19. Dezember:Der Freischütz". Donnerstag den! 20. Dezember:Die Jüdin". Fleitag den 21. Dezember geschlossen. SamStag den 22. Dezember: Rotkäppchen". Hierauf:Cavalleria rusticana. Sonntag den 23. Dezember, nachmittags 3«/, Uhr:Sneewittchen und die sieben Zwerge"; abends 7 Uhr:Die Hugenotten". Montag den 24. Dezember geschlossen. DtenStag den 25. Dezember, nachmittags 3VrUhr:Sneewittchen und die sieben Zwerge". Abends 7 Uhr:Die Opernprobe." Hietauf:Die Regi­mentstochter."

Schauspielhaus.

D-enstag den 18. Dezember*):Rosenmontag" Mittwoch den 19. Dezember:Im weißen Rößl". Donnerstag den 20. Dezember:Rosenmontag". Freitag den 21. Dezember, Vi7 Uhr abends:Frau Königin". Hierauf:Cyprienne". SamStag den 22. Dezember:Johannisfeuer". Sonntag den 23. Dezember:FlachSmann als Erzieher". Montag dm 24. Dezember geschlossen.

*) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, um 7 Uhr.

Gerichtssaal.

Frankfurt a. M», 14. Dezember. Kriegsgericht. Heute standen zunächst zwei Fälle wegen Fahnenflucht zur Verhandlung. Dom Jnf.-Regiment in Wiesbaden versäumte bei der Rückfahrt vom Urlaub den letzten Zug. Aus Furcht vor der geringen Strafe wegen Urlaubsübertretung ging der Mann überhaupt nicht mehr zum Regiment zurück, sondern entfloh in bürgerlicher Kleidung nach Frankreich, von wo er aber bald wieder zurückkam. In Kelsterbach trat der Deserteur unter Aneignung eines falschen Namens auf Grund einer gefundenen Qmttungskarte in Arbeit. Der Träger dieses Namens war aber em steckbrieflich Verfolgter, sodaß der Fahnenflüchtige verhaftet wurde, wobei dann alles an den Tag kam. Er wurde zu 7 Monaten Gefängnis unter Versetzung in die zweite Klaffe des Soldatenstandes verurteilt. Die gleiche Strafe traf einen Ulanen vom Hanauer Ulanen- Regiment, der auch den Zug versäumt, sich vagabundierend umher- gettieben und einen Mitleidigen, der ihm Obdach gegeben, überdies be­stohlen hatte. Wegen Belügens eines Vorgesetzten erhielt ein Musketier vom 88. Jnf.-Regiment 3 Tage Mittelarrest. Ein Füsilier von demselben Regiment hat vor seiner Einstellung ein geliehenes Fahr­rad verpfändet. Er erhielt einen Monat. Weil sie in ihrer Heimat Eschersheim bezw. Niederweisel die Nachtwächter beleidigt haben wurden zwei Soldaten zu geringen Geldstrafen verurteilt. Einen Ver­teidiger hatte keiner der Angeklagten.

Der Eisenbahnunfall bei Offenbach.

II.

Dies war von Offenbach jedoch wegen einer dem D- Zllge vorausgefahrenen Maschine bei der Annäherung des Dinges an die Blockstation 11 noch nicht geschehen, sodaß Der D-Zug an der Blockstation noch das Haltsignal vor- ftinb. Dieses Signal bemerkte der Lokomotivführer wegen des herrschenden dichten Nebels zu spät, er fuhr daher trotz Bremsens über das Haltsignal hinaus, setzte dann aber den D-Zug zurück, um in der Nähe des Blocksignals iDtjfeit! Fahrstellung abzuwarten. Der Blockwärter hatte ivagrgen angenommen, daß der Lokomotivführer des im Nebel verschwindenden Zuges das Haltsignal überhaupt mich! gesehen hätte und nach Offenbach weiter fahren würde'. Da nun auch gerade zur Zeit der Vorbeifahrt bei- D-Zuges fein Signal von Offenbach entblockt wurde, yiliätte in der That den ohne Erlaubnis weiter gefahrenen r-;jUN ein Unfall nicht treffen können, wenn er seine Jahn nach Offenbach fortgesetzt hätte. In seiner irr­tümlichen Annahme, daß letzteres geschehen sei, glaubte der Klockwärter, den nachfolgenden Personenzug in Mühl­heim nicht unnötig aufhalten zu sollen; er stellte daher nachträglich sein Signal auf Fahrt und wieder auf Halt, umb nab dann das Signal in Mühlheim frei, und damit auch Die Strecke von dort bis zur Blockstation 11. Infolge dessem fuhr der sogleich von Mühlheim abgelassene Per- Wku.zug, da sein Führer wegen des herrschenden dichten Mets das Haltsignal ebenfalls nicht früh genug sah, auf tiotn Kis über das Blocksignal hinaus zurückgesetzten D- Kg «auf.....

Die Folgerungen der Presse aus den Mitteilungen wbeu den Verlauf des unglücklichen Ereignisses gehen fast Worein stimm end dahin, daß seine Folgen außerordentlich Mschärft seien durch die eigenartige Bauart der D-Zug- mgem und durch die Gasbeleuchtung in diesen und folgern Daraus, daß es zur Verhütung ähnlicher Vorkommnisse ge­boten sei, unverzüglich auf Abhilfe zu sinnen, wobei die ncschiedensten Vorschläge gemacht sind. Solche sind auch, Lüttester Absicht von einer großen Anzahl von unbeteiligten Lachverständigen und Laien im weitesten Umfange der Verwaltung zugegangen.

Wie sich aus der gegebenen Schilderung des Vorganges agiebt, sind die in der Presse gemachten Voraussetzungen Mm Teil irrig. Es ist niemand, der sich im verunglückten Zuge befand und seine Bewegungsfreiheit behalten hatte, d|o überhaupt in der Lage war, sich zu retten, durch Einrichtungen am Wagen hieran verhindert; daß von den oberen Personen, die verunglückten, die eine oder andere mh hätte gerettet werden können, wenn Thüren in den Abteilen oder in dem Seitengang gewesen wären, oder tictiin. der Brand etwas später ausgebrochen wäre, ist nach dir Sachlage nicht anzunehmen. Immerhin muß auf das Eingehendste geprüft werden, welche Einrichtungen etwa W treffen sein möchten, um bei einem hoffentlich nicht Mderkehrenden ähnlichen Ereignis, die Möglichkeit der Ortung zu erhöhen. Aber es dürfen andernfalls nicht siiche Einrichtungen getroffen werden, die lediglich, auf Men Einzelfall berechnet, bei der gewöhnlichen Benutzung bei Wagen aber andere Gefahren oder doch wenigstens Mißstände herbeiführen können.

Es muß ohne weiteres zugegeben lverden, daß die Eingänge an beiden Enden der D-Zugwagen am »Kisten gefährdet sind, indem sie bei Zusammen- Ipen voraussichtlich zunächst zerstört werden. Dies ist «ch von Hause aus erkannt worden, und daher sind die Inster in diesen Wagen breiter gemacht, als sonst üblich. Sic Fenster gehen so tief hinunter, wie es überhaupt i.Wglich ist, und wenn die herabgelassenen Fenster noch ehva§ Über die Fensterbrüstung vorstehen, so liegt dies Lediglich daran, daß die Fensteröffnungen, der besseren Beleuchtung wegen möglichst groß ausgefübrt sind. Ob die Fenster so abgeändert werden können, daß sie unter Lcrl iirzung nach oben, bis zur Brüstung herabfallen, unter­liegt der Prüfung. Die viel verleumdeten Messingstangen tm den Fenstern in den Seitengängen und nur vor diesen Fenstern befinden sich solche Stangen sind ledig­lich zum Schutz der Reisenden gegen Verletzungen ange­bracht, sie liegen tiefer als die herabgelassenen Fenster uiib können daher in keiner Weise die freie Fensteröffnung Bem gen. Die nachträgliche Anbringung von Seiten­teil cen in den vorhandenen Wagen ist aus Gründen der SBaneirt, deren Mitteilung hier zu weit führen würde, aus- g,schlossen; inwieweit es angängig ist, Not thüren oder Aolkllappen herzustellen, unterliegt ebenfalls der Prüfung, eben fo welche sonstigen Aenderungen notwendig oder lbun ichenswert sind. Die inneren Thürgriffe bei den D- -Ntoagen, deren Anbringung überhaupt erst auf Anregung Äer Preußischen StaatLbahnverwaltung vor nicht langer Zeit: durch Bundesratsbeschluß gestattet wurde, sind be- »eiW zum größten Teil angebracht, die Beendigung dieser Äl>mt ist bald zu erwarten. Wenn in der Presse darauf HulWwiesen ist, daß Durchgangswagen mit Thüren in den Eeitrenwänden in Ungarn, Frankreich und England vor-

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51 Wahima, MV m. H. Sritb, S-V 1 tzchöne 4'8^

d, per 1- April jutc rfraqen LirbigßraH,

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Händen sind, so ist dies in geringem Umfange richtig. Aber in Ungarn werden solche Wagen, die sich nicht bewäbrt haben, schon seit zehn Jahren nicht mehr beschafft, die neuen D-Züae in Frankreich sind ebenfalls nach dem dies­seitigen Modell gebaut, und die Wagen in einem eng­lischen D-Zuge der Zentralbahn sind erheblich schmäler und enthalten nur eine geringe Anzahl von Plätzen. Auf der Pariser Ausstellung sind anders gebaute D-Zugwagen als solche nach diessertiger Anordnung überhaupt nicht ausgestellt worden. Wollte man bei künftigen Neubeschaff­ungen schmälere Wagen mit Seitenthüren bauen, so würde die Zahl der Plätze so verringert werden, daß die Ver­wendung derartiger Wagen ausgeschlossen und damit D- Züge ohne erhebliche Erhöhung der Fahrpreise überhaupt unmöglich wären. Abgesehen davon würde durch Ein­bringung von Seitenthüren die Festigkeit der D-Zugwagen erheblich beeinträchtigt werden. Der jetzige D-Zugwagen ist, weil die Seitenwände durch die eingeschnittenen Thüren nicht geschwächt sind, außerordentlich steif und widerstands­fähig, wie sich dies nicht nur in früheren Fällen von Zu­sammenstößen, sondern auch bei dem Offenbacher Unglück auf das Klarste gezeigt hat. Der letzte Wagen hat den ganzen enormen Stoß aufgefangen, ohne daß dieser noch auf den zweiten Wagen zerstörend eingewirkt hat. Außer­dem hat jeder Wagen in dem Vorbau und dem Abort vorn und hinten einen Schutzraum. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn das Unglück bei Offenbach nicht einen D-Zug, sondern einen gewöhnlichen Zug be­troffen hätte, die Folgen noch viel schrecklicher gewesen wären, während jetzt trotz des gewaltigen Stoßes nur die Hälfte des letzten Wagens zerstört wurde. Man würde mit demselben oder mit noch mehr Recht auch die Abschaff­ung der Abteilwagen fordern können. Die Wagen müssen mit Bezug auf ihren Bestimmungszweck so zweckmäßig, bequem, fest und sicher gebaut sein, wie nur irgend möglich, aber es ist ganz unmöglich, alle Forderungen in jeder Richtung hei demselben Fahrzeug vollkommen zu erfüllen. Alle Mühen find darauf gerichtet, den Eintritt von Kata­strophen zu verhüten, aber trotz aller menschlichen Vor­sicht treten leider dennoch bald hier, bald dort solche un­glücklichen Ereignisse ein. Gegenüber den hierbei in Wirkung tretenden gewaltigen Kräften werden auch die bestgebauten Betriebsmittel nicht immer Stand halten können.....

Es möge zum Schluß noch bemerkt werden, daß alle Fragen, die vorstehend gestreift sind, demnächst in einer Besprechung zwischen den Bundesregierungen auf Veran­lassung des Reichskanzlers im Reichs-Eisenbahn-Amte aufs neue eingehend werden erörtert werden. Aber selbst­redend werden auch vorher wie im Eingänge erwähnt solche Verbesserungen, die jetzt schon als zweckmäßig er­kannt sind, eingeleitet werden.

Pfer i und zugsest, eich . »er Wallat, pieiNV