Ausgabe 
19.8.1900 Drittes Blatt
 
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Zwei Epidemien. Biergarteo. Der Gerichtsdiener als Sattenmörder. Das Ende einer Grobe.

Berlin hat jedes Jahr zwei große Musikepidernieen zu überstehen. Die unstreitig gefährlichere, deren Einzel- sälle die komplizierteren sind, ist die Winterepidemie; da lassen die riesigen Musikramschbazare, die sog. Konzert­agenturen, ihre Scharen los, und es giebt dann in der großen, weiten Stadt keinen Saal und kein Sälchen, in dem nicht die Geige gestrichen, das Cello geschabt und das Klavier massiert wird. Das ist die Zeit, in der Menschen, denen man nie im Leben etwas zu Leide gethan hat, einem plötzlich zwei Billets zum Konzert Müller oder zur Soiree Schultze in die Hand stecken und etwas von dem sehr viel versprechenden Pianisten Müller und der höchst talent­vollen Sopranistin Schultze Aglaia Schultze - murmeln. Mitunter verlangen sie sogar noch daß man diese Billets bezahlen soll. Tos ist die Zeit, in der auch die Schüler­aufführungen grassieren, mit Programmen so lang, daß sie Schatten werfen, denn keiner der Eleven und keine- der Elevinnen darf übergangen werden. Es wäre ja nicht gut zu machen, kämen die Zuhörer nicht zu der lieber - zeugung, daß es kein widerstandsfähigeres Fell giebt, als das menschliche Trommelfell. Tiefe schwere Zeit ist also die der Winterepidemie.

. Im Sommer dagegen herrschen die Biergartenkonzerte^ Es g i e b t, allen gegenteiligen Ansichten zum Trotz, Gärtert in Berlin. Die meisten liegen ja erste Etage oder sind einfach in den .Hof hinausgetragen, aber es giebt auch Naturgärten" (beiläufig ein Wort, das nur in Berlin geprägt werden konnte). Ter Gastwirt nun, den eine solch grüne Oase eigen ist, sucht sie möglichst auszunützen, mög­lichst viel Gäste hineinzuziehen, und das gelingt ihm am besten durchMusike". Musikanten giebts in Berlin die Hülle und Fülle, weiß der Teufel, der sie geschaffen hat, wo sie alle Herkommen, und so hat er bald feine Kapelle zusammen. Die großen Etablissements, deren Pächter und Bewirtschafter den vornehmen NamenOekonom" tragen, engagieren Musikkapellen, und die spielen in der ^hat durchgängig gut und ziehen das Publikum am menten an. DieZivilorchester" aber, dieHauskapellen" vollführen zum Teil eine Musik, haß man Lust bekommt, im Straf­gesetzbuch nachzuschlagen, ob es dagegen keinen Para­graphen giebt. , ,

Es giebt keinen, ich habe schon nachgesehen. Augen­blicklich ist die Musikmacherei im vollsten Gange, das fiedelt und bläst aller Enden, und der Berliner Spießbürger sitzt dabei, schwitzt, trinkt viel Bier und findet das Lebenzeit­raubend, aber schön". Und wenn wir schließlich gerecht sein wollen, hat er Recht, wenn er sich nach des Tages Last und Mühen auf seine Weise amüsiert und nicht danach fragt, ob die Musik, die ihm gefällt, auch nach

berliner ZSrief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Ueberrafchuugen nach der Sommerfrische. Dreimal Bahn­steigkarten.

Das Ende der Schulferien ist für tausende von Familien, die in der Sommerfrische See- oder Bergluft genossen haben, der Mahnruf zur Heimkehr gewesen. Ach, es hat vielen diesmal nicht an Ueberraschiungen gefehlt. Nicht die selbstverständliche Thür-Guirlande mit dem Neu­ruppinerWillkommen" in der Mitte; auch nicht der mit Rechnungen vollgepfropfte Briefkasten! Tie Herren Spitz­buben sind es gewesen, die mit kolossalem Eifer und an­erkennenswertem Spürsinn eine erstaunliche Reihe von Wohnungsvisiten abgestattet und sich beim Verlassen der bewohnerlos gefundenen Räume die schönsten Andenken an die liebe Familie mitgenommen haben. Vielfach haben sie sich nicht mit Uhren und Schmucksachen begnügt, son­dern Garderobe und Wäsche ebenso fröhlich mitgehen heißen, wie Möbel, Teppiche, Portieren, Speisevorräte re. Einem Zahnarzt in der Potsdamer Straße haben sie sogar den ganzen Weinkeller ausgeräumt, bis auf die sauren Moselmarken, mit denen er ihrer Ansicht nach, wahr- scheinlich allzugroße Zahnfleischwunden herzhaft zusammen­zuziehen, diese Sorte also in seinem Berufe nicht gut zu entbehren vermag! Es ist überhaupt toll, wie die edle Zunft der Gauner und Langfinger sich entwickelt und mit immer neuen Triks aus der Bildfläche erscheint. Unver­gessen ist noch die geradezu geniale Geschichte, die in Halen­see passierte, wo einem jungen Ehepaar die Wohnung aus­geräumt wurde, während es im Theater war. Die raffi­nierten Spitzbuben kamen in Frack und Zylinder, erleuch teten alle Räume auf das Festlichste, und während einer prickelnde Walzermelodieen auf dem Piano zum besten gab, sodaß die übrigen Hausbewohner eine kleine Feier bei den jungen Leuten vermuteten, revidieren die anderen Schränke und Kästen, bis alles, was ihr Herz begehrte, in ihrem Besitz war. Darauf verschwanden sie, ruhig und gemessen, wie echte Gentlemen und sind bis> .auf den heutigen Tag auch noch nicht erwischt! Ein erfolgreicher Feldzug wird augenblicklich auch gegen Ladenbesitzer aus­geführt, indem irgend ein Mitglied derGilde von den fremden Taschen" den Geschäftsinhaber hinausholt, um ihm einen Gegenstand feines Schaufensters als den zu bezeichnen, den er gern kaufen möchte. Während dieser kurzen Straßenszene find die anderen der Bande in den Laden geschlüpft und bemächtigen sich mit der berühmten affenartigen Geschwindigkeit" der Ladenkasse, worauf auch Nr. 1 unter irgend einem Vorwand verduftet. Jedenfalls ein Verfahren, das sich außerhalb Berlins sehr gut ver­wenden läßt. Zu Nutz und Frommen aller Kaufleute mit -offenen Geschäften sei es deshalb festgenagelt. Daß man unlängst auch eine Kanone gestohlen hat, die aber von der Polizei wieder herbeigeschafft werden konnte, sei als Ku­riosum bei dieser Langfinger-Revue gleichfalls mitgeteilt. Uebrigens ein seltsames Stibitz-Objekt. Ob der gute Spitz­bube eine Vorliebe für hübsche Uhrketten-Anhängsel ge­habt hat?

Wie Herr A. C. Thielen, der allmächtige Eisenbahn- Minister, die Bahneinnfahmen erhöht, davon erlebte ich ach Montag, wo die Ferienbummler zurückkehrten, ein klassi­sches Beispiel. Ein Familienvater mi seinem Küchen- bragoner wolle die heimkehrenden Kinder mit dem

obligaten Gepäck in Empfang nehmen und lösten für den auf dem Potsdamer Bahnhof einlaufenden Zug Bahnsteig­karten. Der Zug war aber geteilt. Die zweite Hälfte kam auf einem aiweren Perron an und da die Kinder nicht in der ersten saßen, mußte Papa seufzend neue Bahnsteig­karten lösen, oa jeder Perron besondere Sperre hat. Nun saßen die Kinder auch nicht in der zweiten Zughälfte, sondern kamen in einem dritten Zug, der extra hatte ein­gestellt werden müssen. Der kam aber wieder auf Perron eins an. Und so opferte der schwergeprüfte Familien­vater zum dritten Male die zwei Nickel!...'. Es lebe da.s Zeitalter des Verkehrs! ... A. R.

jedermanns Geschmack ist. Es sind gerade die guten Ele­mente des Volkes, welche im Biergarten ihre Erholung suchen. Es wäre ganz gut, wenn es mehr Biergärten unb; dafür weniger Animierkneipen gäbe. Immer und immer wieder zeigt sich erschreckend aufs neue, welch entsetzlichenl Einfluß diese Lasterhöhlen ausüben. Vor zwei Jahren heiratete ein Gerichtsdiener, ein ordentlicher, solider Munn, ein braves, wirtschaftliches Mädchen, und die Ehe ließ sich vorzüglich an. Da geriet der Mann zufällig einmal/, vielleicht, weil er gerade einmal auf dem Nachhausewege! ein Glas Bier trinken wollte, in solch ein Lokal, und damit war sein Schicksal besiegelt. Eine.Kellnerin wußte ihm in ihre Netze zu ziehen, und seitdem war er wie umgewän-i delt. Er vernachlässigte seine Frau, ließ sie darben, um! alles hier Animierhebe zuzuwenden und erklärte auf Vor­würfe trotzig, er wolle auch seinAmüsement" haben. Und- nun ereignete sich das Furchtbare. Ihm wurde ein Kind geboren, und statt daß dieses freudige Ereignis die Galten; einander näher gebracht hätte, gab es ihm Gelegenheit/ einen finsteren Entschluß auszuführen. Seine Frau war ja nur auf seine Pflege angewiesen, und so überreichte er ihr zum Frühstück Semmeln, die mit Butter und Phosphor bestrichen waren. Er wollte sie vergiften. Zum Glück genoß die bedauernswerte Frau nichts davon, das Ver­brechen kam zu tage, und gefesselt brachte man den Lieb­haber der Dirne und diese selbst ins Gefängnis. EiH Opfer der Animierkneipe verloren fürs Leben.

Verloren für seinen Beruf, wenn auch glücklicherweise nicht fürs Leben scheint auch Willy Arends zu sein, der (ehemalige) Meisterfahrer. Er war ein einfacher Schlosserstift, als er entdeckte, daß es seine beiden Beine: mit den Wellen einer Maschine aufnehmen könnten. Diesen! erfreulichen Umstand beutete er aus. Er machte die- Ge­winnung einer gut entwickelten Beinmuskulatur zu seinem Lebenszweck und das Pedaltreten zu seinen Beruf. Sehr richtig von ihm, hätte er versucht, einIntellektueller"' zu werden, so wäre ihm dieser Versuch höchstwahrschein­lich danebengelungen, und wäre er ihm geglückt, so wäre er dabei in irgend einem obskuren Winkel verhungert. Er erwählte also das besser Teil. Bald war er der gefeiertem Liebling des Volkes und erhielt den KosenamenWilly".! Willy gewann Gold und Ehren die Fülle. Aber nach einer Zeit der Triumphe trat eine Epoche des Niederganges ein. Zwar noch oft bewies er, daß er noch, schneller als x-mal in der Runde umherfahren könne als irgend ein Konkurrent/ aber sehr oft wurde er überholt. Endgiltig scheint aber jetzt erst sein Schicksal besiegelt. Er sollte sich im Sport- park Friedenau mit demgroßen" Franzosen Jaequelin! messen, aber er kam nicht dazu. Er wurde schon im Bor­laufe von einem Licht zweiter Güte geschlagen. Als er vom Rade stieg, äußerte er selber resigniert, daß es mit seiner Rennherrschaft wohl vorbei fei. Eine schöne Karriere das, für die man mit 25 Jahren unbrauchbar wird. Man kann diesen Heroen des Strampelkultus ihre Preise und Gehälter, ihre Fabriksubventionen und ihre Wettgewinne von Herzen gönnen, man kann sich damit abfinden, daß es Leute giebt, die es für eine menschenwürdige Daseins­aufgabe halten, ewig auf Asphalt im Kreise umherzujagen, aber gegen den verblödenden Einfluß, den die allzuweit getriebene Sportliebe auf das Volk übt, muß man sich erklären. Heutzutage nimmt Sp o r t soviel Raum in einer großen Zeitung ein wie Politik. Kann man sie nicht einmal beide für einige Zeit weglassen?