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19.8.1900 Drittes Blatt
 
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iM. 193

Sonntag den 19. August

Drittes Blatt

1900

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Gießener Anzeiger

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China 1895 bis zum Juni 1900.

i.

Die neueste Geschichte Chinas und hiermit gleichzeitig diejenige des Umschwungs der Beziehungen aller fremden Mächte zu China hebt mit dem Frieden von Si- monoseki (Sommer 1895) an, welcher den fttieg mit Japan beendete. Nachdem die Schwäche des chinesischen Kolosses hinreichend genug offenbar geworden und durch das Ein­schreiten der Mächte (Deutschland, Rußland, Frankreich) die Gefahr glücklich beseitigt war, daß das sieghaft und kühn aufstrebende Japan das Reformwerk in China selbst in die Hand nehmen werde, begann eine Art von unblutiger Eroberungspolitik seitens der fremden Mächte. Die Schlag­wörter dieser Politik lassen sich in die Begriffe zusammen­fassen: Reformen der Wehrkraft mit Hilfe fremder In­strukteure; Interessengebiete der auswärtigen Mächte; Kon­zessionen für Eisenbahnbau, für Bergbau, für Nieder­lassungsrechte; Gewährung von Staatsanleihen mit Lei­stung von Garantien und Uebernahme von Verpfändungen der Staatseinnahmen; Gebietsabtretungen. Die letzten fünf Jahre tragen das Gepräge, daß auf der einen Seite die chinesische Regierung zwischen Zugeständnissen und Widerstand gegen die ihr zugemuteten Forderungen schwankt, während auf der anderen Seite die Mächte be­müht sind, mit thunlichster Beschleunigung und meist ohne gegenseitige Verständigung möglichst große Vorteile und möglichst ausgiebige Anwartschaft auf weitere Machtent­wickelung sich zu verschaffen.

Nachdem in der ersten Zeit nach Beendigung des ja­panischen Krieges von seiten der chinesischen Regierung keine Schritte gethan wurden, welche auf die Nutzbar­machung der in jenem Kriege hervorgetretenen Lehren schließen ließen, trat bald ein sichtbarer Umschwung zur Reformfreundlichkeit ein, die von der nächsten einfluß­reichen Umgebung des jungen Kaisers Kuangsü auszu­gehen schien. Die Regierung trat mit den Mächten in engere Beziehungen, verstand sich zur Bewilligung von Eisenbahnkonzessionen, zur Erschließung weiter Gebiete für die Handelsfreiheit und Missionsthätigkeit, zur lieber» lassung von Pachtgebieten an die Machte (für Rußland Port Arthur und Talienwan mit Hintetrland, für D e u t s ch- land Kiautschou, für England Wei-Hai-Wei und Kau- lung. (Auf dem Festlande, Hongkong gegenüber.)) Aber auch in die innere Politik schien ein frischer Aufschwung ge­kommen zu sein. Li-Hung-Tschang bereiste die europäischen Höfe und knüpfte vornehmlich mit Deutschland Ver­trauen erweckende Beziehungen an. Russische und namentlich auch deutsche Instrukteure arbeiteten nicht ohne Erfolg ander Reorganisation der Armee in den Nord- vst-Provinzen, während im Süden französische, audy eng­lische Militärs thätig waren. Die uralte Gelehrten­hierarchie, welche noch immer die höchsten Staatsämter nach einer vieltausendjährigen Sitte beherrschte, begann sich unter dem Einfluß moderner Ansichten zu lockern. Der Versuch, Schulen für die mittleren und selbst für die nie­deren Stände zu errichten, eine Presse ins Leben zu rufen, die Gewalt der Zentralregierung auch in den entfernteren Provinzen zur Geltung zu bringen, vor allem aber nach Art der europäischerseits verwalteten Seezölle ein geordnetes Finanzwesen einzuführen, deutete in der ^.Yat auf den Beginn des Bruches mit der traditionellen unveweglichkeit und der versteinerten, unnahbaren Kultur

Selbe» Rasse, welche dem Abendländer als eine nur inucham übertünchte Barbarei erscheinen muß. Prinz Kuna

Lt-Hung-Tschang und Kang-Yu-wei als Haupt- fortschrittlichen Richtung, als einflußreicher Ratgeber des Kaders welcher hauptsächlich für kurze Zeit einen Anschein von selbstbestimmendem Herrscher gehabt haben durfte^ L er Empfang des Prinzen Heinrich von Preußen durch den ein in der Geschichte Chinas noch Nie dagewesenes Ereignis, bildet gewissermaßen den bcr fremdenfreundlichen Bewegung. (15. Mai 1898.) a ä

Es ist nur zu begreiflich, daß die nach chinesischem Be­griff übereifrigen, weit über das zunächst erreichbare Ziel hinausgehenden Reformversuche zu einem Rückschlag, zu einer gefährlichen Reaktion führen mußten. Weniger' der Tod des Prinzen Kung (Ende Mai 1898), als eine Reihe innerer politischer Notwendigkeiten führten bereits in der zweiten Hälfte 1898 den Umschwung herbei. Die Mcmdschu- Dynastie ist bekanntlich keine rein.chinesische, und wird von zahlreichen Millionen als eine Gewaltherrschaft angesehen, mit welcher man sich nur ungern abfindet, welche man mit Vorliebe für alle erlittene Schmach und Unbill verant­wortlich macht. Die Niederlage im japanischen Krieg blieb doch der großen Masse nickst so vollständig gleichgiltig, wie man wohl vielfach nickst mit Recht außerhalb Chinas angenommen hat. Man empfand mit Unbehaglichkeit das Zunehmen des in Händen der Ausländer befindlichen Han- 75^'..welcher die eigenen Interessen in ganz realem Sinne Kwalcrte; man sah die Ausbreitung des Christentums, oeuen Vertreter den Achutz der chinesischen Regierung ge­

nossen. Das Feschalten an der eigenen, überschätzten, stolz hochgehaltenen Kultur brachte sehr schnell einen herben Gegensatz zu stände, denn der Chinese sieht in dem Fremden keinen höherstehenden Kulturmenschen, sondern mehr den rücksichtslosen Ausbeuter, der die modernen Kulturmittel, wie Eisenbahnen und Industrie, nur deshalb ins Land bringt, um sich zum Nachteil des letzteren zu bereichern. Der wahre Sinn der Reformbestrebungen blieb der großen Masse fremd. 9iur langsam brach sich wegen der noch immer äußerst schlechten Verkehrsverhältnisse die Willens­meinung der Regierung Bahn, meist aber gelangten nur falsch aufgefaßte Bruchstücke in die weiteren Kreise des Volkes. So wird es nicht wunderbar erscheinen, wenn man fast überall der reform- und fremdenfreundlichen Dynastie die Schuld für die Mißstände beimaß, welche schon vorhanden waren und sich aus den Reformen, aus den Zugeständnissen zu ergeben schienen. Auf der einen Seite gedrängt durch die Mächte, welche naturgemäß mehr und mehr forderten und das Erreichte natürlich mit voller Energie apsbeuteten, auf der anderen Seite ebenso be­ängstigt durch die zunehmende Sektenbildung, durch die wachsende Unruhe im eigenen Volk, sah sich die regierende Partei zu Peking vor die Existenzfrage gestellt. Das Neue hatte keinen Grund im Urcharakter der Chinesen, daher schien die Rückkehr zum alten als der einzig gangbare Weg. Die altchinesische Richtung fand ihre Verkörperung in der Person der Kaiserin-Witwe, einer begabten Frau, welche sich durch Klugheit und durch die Gunst der Verhältnisse aus niederem Stand zur Macht emporgeschtvungen und diese als Regentin in schweren Stürmen zu behaupten gewußt hat. Während sie äußerlich das gute Einvernehmen mit den Mächten fortsetzte, und dem blöden Volkss das Beispiel gab, als ob China noch immer in alter Machtfülle über sämtlichen (Staaten! der Welt stände, vollzog sie hinter den verschlossenen Pforten des kaiserlichen Palastes zu Peking eine Revolution, deren Einzelheiten sich der Kenntnis entziehen und vielleicht nie enthüllt werden dürften. Schon im August 1898 erschien ein noch im Namen Kuangsüs erlassener Befehl, welcher alle Reformen wider­rief. Später bemächtigte sich, die Kaiserin-Witwe selbst der Gewalt; bald sollte Kuangsü ermordet, bald zur Ab­dankung gezwungen sein, bald wurde berichtet, daß der rechtmäßige Kaiser ein Schattendasein führe, und in der sinnlichverweichlichenden Luft seines Palastes körperlich und geistig dahinsieche. Alles, was neuerdings aus dem Palast­leben in Peking berichtet wurde, ist mit Vorsicht aufzu­nehmen, aber soviel wenigstens darf als erwiesen angesehen werden, daß unmittelbar vor Losbruch der jetzigen Er­hebung in der Kaiserin-Witwe die eigentliche Regierungs­gewalt zu erblicken war. Li-Hung-Tschang hatte den Posten des Vizekönigs in einer der entlegenen Südprovinzen er­halten und war somit der Einwirkung auf den Lauf der Ereignisse an der augenblicklich entscheidenden Stelle ent­rückt. Die sonstigen, ehedem einflußreichen Anhänger der Reformströmungen Knangsüs hatten ihre Geltung einge­büßt; Kang-Yu-wei flüchtete im Herbst 1898 nach Japan. Die Partei der Reformfreunde hatte zwei große Fehler begangen. Erstens hat sie durch die offizielle Zauder-Po­litik der durch sie vertretenen Regierung Kuangsüs keinen der Mächte, nicht einmal Rußland als dauerhaften Bundes­genossen gewinnen können; vielleicht dürfte die künftige Beurteilung, welche späterhin die wahren Beweggründe erkennen und sichten wird, es für einen politischen Fehler der auswärtigen Mächte erachten, daß sie die Partei Ku­angsüs nicht gestärkt und zur entscheidenden Macht er­hoben haben. Zweitens fehlte es der Reformpartei am ausschlaggebenden Faktor, an einer sicheren, tüchtigen Mi­litärmacht, toeldye im Notfall eingreifen und jeden Wider­stand mit Gewalt niederschlagen konnte.

Aeußerlich machte sich der Umschwung bemerkbar durch die fast in ganz China, bald hier bald dort, auftauchenden unruhigen Bewegungen, namentlich durch *bie Ausschreit­ungen gegen vereinzelte Missionsanstalten im Innern, so­wie auch durch die sichtlich ablehnende Haltung der Zentral­regierung gegen weitere Zugeständnisse an die auswärtigen Mächte, z. an Italien, welche die Abtretung eines Küsten- streifens in der Provinz Tschekiang verlangt hatte. In Nordchina trat die national-chinesische Eigentümlichkeit, die Bildung religiös-politischer Geheimbünde hervor, während in Peking die Haltung des Pöbels und selbst der Truppen bereits gegen Ende 1899 so unsicher wurde, daß die Ge- sandschaften Schutzwachen aus eigenen Landungstruppen erbaten und bald darauf erhielten, leider aber in ganz un­zureichender Stärke.

Die von der Kaiserin-Witwe angefachte Bewegung hatte dasselbe Schicksal, welches allen extremen Strömungen zu widerfahren pflegt, daß nämlich eine noch weitergehende, in vorliegendem Fall noch reaktionärere Richtung nach und nach hervortritt, um mit Gewalt, mit Hilfe der Revolution die gelindere Strömung zu beseitigen und sich selbst zu bethätigen. So auch hier. Noch lassen die Nachrichten nicht erkennen, welche Ereignisse in dem herrschenden Kreise sich zu Peking abgespielt haben, wie weit die Anarchie und

der Umsturz der bestehenden Gewalten dort gelangt sind. Allem Anschein nach ist aber die Kaiserin-Witwe gestürzt und eine noch fremdenfeindlichere, auf blutige Gewalt- thaten gestützte Herrschaft, vertreten durchs den Prinzen Tuan, in den Besitz der Regierung gelangt. Hiermit würde sich in den Aufruhr, der die Volksmassen aufwühlt, gleich­zeitig eine rein persönlich-dynastisck>e Frage verkörpern. Prinz Tuan hat Rechtsansprüche auf den kaiserlichen Thron, denn als Kaiser Taokuang 1850 starb, sollte der Vater des Prinzen Tuan laut Testament Nachfolger werden, allein infolge von Jntriguen und Fälschungen gelangte statt dessen sein Bruder Hienfong auf den Thron, welchen er bis 1861 inne hatte. Eine seiner Frauen ist die jetzt so viel genannte Kaiserin-Witwe geivefen; Prinz Kung war fein jüngerer Bruder. Auf Hienfong folgte Tungtsi (1861 bis 1875), welcher als minderjährig unter der von Prinz ftung geleiteten Regentschaft stand und ohne Nack).kommen starb. Ihm folgte sein erst vier Jahre alter Neffe Kuangsü, über dessen Regierungszeit wir schon kurz berichtet haben. Als sein Nachfolger wurde im Anfang des laufenden Jahres der junge Prinz Putsing (geb. 1886 als Sohn des Prinzen Tuan) in Aussicht genommen. Infolge aller dieser Schieb - ungen besteht ein schroffen Gegensatz zwischen Tuan und der Partei der Kaiserin-Witwe, so daß es durchaus nicht unwahrscheinlich wäre, wenn Tuan die jetzigen Unruhen dazu benutzen würde, um seine Ansprüche auf den Thron von neuem geltend zu machen. In welchen Beziehungen dieser Prinz zu den Boxern steht, ist noch nicht zu erkennen, vielmehr dürften alle Angaben hierüber auf Vermutung beruhen.

Meratur.

100 Jahre sind verflossen, seit FriedrichWöhler, der Freund unseres Liebig und der Mitbegründer un­serer modernen Chemie, das Licht der Welt erblickt hat. Er war es, der der Vorstellung von der Lebenskraft, die in jedem Pflanzen- und Tierkörper wirksam fein sollte, durch seine Forschungen den Todesstoß versetzte. Dr. Bechhold widmet in der letzten Nummer derUmschau" (Frank­furt a. M.) dieser großen Persönlichkeit eine liebevolle Schilderung, in der er auch die Bedeutung seiner Ent­deckungen dem allgemeinen Verständnis näher bringt. Die gleiche Nummer enthält einen höchst interessanten Aufsaß von Dr. Tschierschkylieber den Wert der Arbeit zu ver­schiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern".

Kandel and KerKehc. KslkSVirstchast.

Die Zustände in den GastwirtschaftSküchen sollen auf Anordnung des Reichskanzlers in allernächster Zeit einer umfassenden Prüfung unterzogen werden. Es handelt sich hierbei um eine Feststel­lung, ob und inwieweit die Klagen deS Verbandes deutscher Köche zu Berlin, die dieser in einer längeren Eingabe dem Reichskanzler unter­breitet hat, berechtigt sind. Diese Klagen erstrecken sich besonders auf zahlreiche, die Gesundheit des Küchenpersonals schädigende Mißstände in den Küchen und den zur Küche gehörigen Räumen der Gast- und Schank­wirtschaften, Hotels und Garküchen. Die Erheblichkeit der Klagen ist vom Reichskanzler anerkannt worden, der infolgedeffen die Regierungs­präsidenten sofort anwies, eine gründliche Revision in die Wege zu leiten. An der Hand eines vom Reichskanzleramt zufammengestellten Fragebogens, der 20 Fragen umfaßt, wird hauptsächlich darnach geforscht werden, ob die Klagen des Köcheverbaudes in Bezug auf örtliche Lage der Küchen und ihrer Nebenräume, auf Temperatür, Ventilation, Sitz­gelegenheiten usw. begründet sind. Alle diese Punkte würden nötigen­falls ein Einschreiten auf Grund des $ 120 Absatz e der Gewerbeord­nung gestatten.

Das Hettler sche Posthandbuch, mit RedaktionSschluß tm Juni, also alle Neuerungen enthaltend, ist soebm bet uns ctn- gelaufen. Wir können dieses von der Generaldtrektton der Württem- bergtschm Posten und Telegraphen revidierte, vom bayerischen Ver- kehrSministerium warm befürwortet« Werk mit bestem Gewissen em- psthlm. Der 10. Jahrgang bringt u. a. zahlreiche Abbildungen von Musterformularen. ES wird in keinem Kontor und in den Amts­stuben keiner Behörde entbehrt werden können. Die baS Buck her- stellmde Firma Greiner n. Pfeiffer, König!. Hofbuchdrucker in Stuttgart, hoben sich ein weiteres Verdienst dadurch erworben, daß sie neben der bisherigen broschierten und gebundenen Ausgabe auch eine solche mit dem gesetzlich geschützten Register-System von König u. Co. veranstalteten (brofch. 3 Mk.).

Aerienheim. In den heißen Monaten sehnen sich mit vollem Recht besonders die ständig auf Bureaux in großen Städten beschäftigten Personen nach Ferien, um sich in freier Natur zu erholen. Den staat­lichen und städtischen Beamten wird alljährlich ein Urlaub bewilligt, die Privatbeamten dagegen sind in dieser Beziehung meist weniger gut daran; in einigen größeren Betrieben gibt es allerdings sogen. Ferienordnungen. In dieser Richtung ist besonders anerkennenswert das Vorgehen der durch ihre Nahrunflsmiltel bekannten Maggi-Gesellschaft in Berlin (Fabriken in Singen (Großh. Baden): sie gewährt jährlich ihren sämtlichen 171 Bureaubeamten Ferien; aber nicht genug damit, hat sie vereint mit der schweizerischen, österreichischen und französischen Maggi-Gesellschaft dieVilla Balmberg* oberhalb Brunnen am Vierwaldstättersee in der Schweiz als Ferienheim für ihre Beamten, deren Frauen und Kinder, eingerichtet. Hoffentlich können wir bald wieder von ähnlichen, im Jntereffe der Angestellten getroffenen Wohlfahrtseinrichtungen unseren Lesern berichten.