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Ldrcff« für Depeschen: Anzeiger chietzm», Fernsprecher Nr. 5L
Die Wirren in China.
Ein Telegramm des französischen Konsuls in Shanghai oom 16. Juli meldet, der Eisenbahndirektor Sh eng dementiere die Nachricht von der Niedermetze- luug der Gesandten in Peking und der chinesische Gesandte in Washington erhielt Depeschen aus Nanking sowie vom Taotai Sheng, die besagen, daß die Gesandtschaften in Peking noch am 9. Juli sich in Sicherheit befanden. Doch ist weder der einen noch der anderen Meldung zu glauben und an dem furchtbaren Massacre, trotz aller chinesischen Versuche, sie abzuleugnen, leider nicht mehr zu zweifeln.
Ein Telegramm des amerikanischen Konsuls in Kanton meldet: Li Hung Tschang ist heute von Kanton ab» gereist, nachdem er in der vergangenen Nacht ein Edikt erhielt, durch das er zum Bizekönig von Tschili ernannt und angewiesen wurde, sich sofort dorthin zu begeben. In Kanton befürchtet man, die Abwesenheit Li Hung TschangS gebe Anlaß zu Ruhestörungen. In Kanton trafen französische Kanonenboote ein.
Der „Daily Mail" wird aus Shanghai vom 17. Juli, 3.10 nachmittags gemeldet: Die verbündeten Truppen nahmen ihren Angriff auf die ummauerte C h i - nesenstadt von Tientsin am Samstag den 14.Juli morgenA wieder auf und es gelang ihnen, eure Bresche in die Mauer zu schießen und alle Forts zu nehmen. Die Chinesen wurden völlig geschlagen. Die Verbündeten nahmen von der Chinesenstadt und ihren Nerteidigungswerken Besitz. Die G e s a m t v e r l u st e der Verbündeten in den Kämpfen um Tientsin am Donnerstag, Freitag und Samstag beliefen sich auf ungefähr 800 Tote und Verwundete.
Das ist die neueste Meldung von den Vorgängen in Tientsin. Ueber die Kämpfe in Tientsin am 13. Juli wird dem Reuterschen Büreau gemeldet: Heute wurde von den Verbündeten ein gemeinsamer Angriff auf die Eingeborenenstadt unternommen. Die chinesischen Stellungen wurden von mehr als 40 Kanonen beschossen. Die Verbündeten erlitten sehr schwere Verluste. Acht chinesische Geschütze wurden erobert. Der Feind wurde nach einem heftigen Geschützfeuer aus dem Westarsenal vertrieben, doch hielt man es für unmöglich, heute in die Stadt einzudringen. Eine starke gemischte Truppenchacht liegt jetzt dicht vor ben. Mauern der Chinesenstadt. Morgen wird wahrscheinliche ein Sturmangriff unternommen werden. — Diese Darstellung bestätigt folgende amtliche Meldung des Vize-Admirals Bendemann aus Taku vom 14. ds.: Die Verbündeten haben am 13. von allen Befestigungen um Tientsin, außer einer, Besitz ergriffen. Die Wegnahme dieser wird nach dem Eintreffen der unterwegs befindlichen russischen Geschütze erwartet. Ueber frühere Vorgänge berichtet Admiral Bendemann vom 11. Juli: Die Japaner, Russen, Amerikaner und Engländer haben am 9. das Arsenal westlich von Tientsin gestürmt und besetzt, von wo die Stadt unter Feuer gehalten wurde. (Dieses Arsenal ging dann an einem der folgenden Tage wieder an die Chinesen verloren und mußtet am 13. zurückerobert werden.) Die verwundeten Seesoldaten, außer zwei in Tientsin gebliebenen, sind heute nach Tsingtau geschickt worden; ihr Zu- K; gut. — Schließlich teilt der Chef des Kreuzerge- fchwaders über Tschifu. mit, daß er am 11. ds. die abgelösten eutoehrlichen Ingenieure und Deckoffiziere sowie Kranke uuo Verwundete zur Heimkehr mit Dampfer Stuttgart nach aT -^schickt habe. Transportführer ist Marine- Ltaosrngenteur Gehrmann. Der Korrespondent des „Daily x k m ^gegen, auf Seite der Verbündeten seien LbO Tote und Verwundete zu verzeichnen, wovon allein auf die Russen 107 entfielen einschließlich eines Artillerie- Obersten; auf englischer Seite fielen ebenfalls ein Oberst und em Kapitän. Viele Schwerverwundete sollen von den Chinesen getötet worden sein, weil der Rückzug der Europäer in solcher Eile erfolgen mußte, daß die Verwundeten nicht mitgenommen werden konnten.
Dem „Globe" wird aus Shanghai telegraphiert daß 100 000 Chinesen mit Mausergewehren und moderner Artillerie auf Shanghai im Anmarsch sind und gegenwärtig 40 Meilen von dort biwakieren. — Nach einem Telegramm des „Daily Expreß" soll Shanghai in großer Gefahr Kchw'eben. — Der deutsche Kreuzer „Gefion" ist irr Shanghai angekommen, aber nur mit halber Bemannung. Die Chinesen! drohen, den großen Oelbehälter in Brand zu stecken. Die Haltung des Volkes werde täglich unverschämter.
In der Mandschurei herrscht jetzt Kriegszustand zwischen Russen und Chinesen. Wie aus Petersburg vom berichtet wird, meldet ein Telegramm des Chefs der Weiten Station der chinesischen Osteisenbahn, Ingenieurs ^tzchow: „Am 13. Juli um 10 Uhr kam auf der Station 6HEar ein Dragoman des Generals Tschün, des Kom- m>andanten einer aus 1000 Mann bestehenden gut bewaff
neten chinesischen Truppe zu mir und erklärte, daß er infolge eines von dem Kommandanten in Zizikhar erhaltenen Befehls militärische Operationen gegen die Russen eröffnen würde, wenn wir nicht sofort die Mandschurei verließen. Ich berief infolgedessen alle Arbeiter und versammelte sie auf den Stationen, wo wir uns im Einverständnis mit dem Kommandanten der Schutzwache zur Verteidigung verschanzten. Um 2 Uhr erhielten wir einen Befehl des Hauptingenieurs, an der russischen Grenze alle fünf Sektionen mit der Kasse und den Akten zu konzentrieren. Dieser Befehl wurde von dem Ingenieur Botscharow, den: Ch^s der westlichen Station, der eine hinlängliche Zahl Schutzmannschaften hatte, bestätigt. Alle Beamten, Bediensteten und Arbeiter, insgesamt 600 Mann, sowie das Sektionstazarett mit den Kranken kamen glücklich um 5 Uhr in Zuruchaikujewsky an. Am 14. ds. nachmittags wurde unerwartet und ohne Ursache Blagowiescht- schensk von den Chinesen vom benachbarten Dorfe Sachalin aus bis neuneinhalb Uhr abends bombardiert. Auf unserer Seite fielen drei Mann, darunter ein Soldat; sechs Mann, darunter fünf Soldaten, wurden verwundet; die Truppen und die Bewohner von Blagowiescht- schensk verteidigten die Stadt in musterhafter Weise, die Gebäude wurden nur unbedeutend beschädigt. Die Verluste der Chinesen sind nicht bekannt. Die chinesische Käse rne in Sachalin und viele Wohngebäude wurden durch das Feuer unserer Geschütze in Brand gesteckt." Auch! im Süden des russischen Interessengebietes, auf der Halbinsel Liaotung treiben jetzt die Boxer ihr Unwesen. Die dänische Missionsgesellschaft erhielt in Kopenhagen telegraphische Nachrichten vom 17. ds., wonach die dänische Missionsstation in Yungkwantung auf der Halbinsel Liaotung zerstört ist. Die Missionare seien gerettet und befänden sich in Tschemulpo.
Dem „Standard" wird "us Tschifu telegraphiert, daß thatsächlich die ganz^ erwachsene männliche Bevölkerung der Provinzen Tschili, Schansi und Schantung sich zur Verteidigung der Hauptstadt zusammenschart.
Von Taku ist eine kleine Abteilung deutsch er Truppen ncuf); Kiautschou zurückgesandt worden, um dortigen etwaigen Ruhestörungen vorzubeugen.
Der „Temps" stellt fest, daß in dem Verzeichnis der chinesischen Zollverwaltung ein zu geringer Betrag für die Eingangszölle ausländischer Waffen und Munition vermerkt worden ist, obgleich China in den letzten Jahren bedeutende Mengen Waffen und Munition in Belgien, Deutschland und England gekauft hat. Die chinesischen Beamten, sagt der „Temvs", haben bei Aufstellung der Statistik die Einfuhr der Waffen wissentlich übergangen, und so konnten die Chinesen ihre Rüstungen betreiben, ohne das die Mächte auf der Grundlage der Statistik die Ausdehnung dieser Rüstungen bemerken konnten.
Unter denjenigen Landsleuten, deren Verlust wir in Peking zu beklagen haben, befindet sich auch der an der chinesischen Universität angestellte deutsche Professor v. B r ö n, der noch am 31. Mai von Peking an die „Tägliche Rundschau" einen Brief richtete, in dem er vorauszuahnen schien, daß er in Peking seinen Untergang finden werde. Brön erzählt nicht ohne Gereiztheit, daß er die Lage immer als ungemein gefahrdrohend betrachtet und darüber auch zu wiederholten Malen der deutschen Gefandtschäft Mitteilung gemacht habe, daß er jedoch stets auf eine durchaus optimistische S t i m m u n g gestoßen sei. „Hiervon", so sagt er in seinem Briefe, „ein anderes Mal, falls überhaupt noch möglich". Brön erzählt nun in sehr interessanter Weise, wie die Boxergefahr sich Immer mehr abzeichnete, wie die Boxer in einer Art von Uniform, rotem Turban und rotem Gürtel, überall herumliefen, mit den besten Waffen ausgerüstet wurden und wie alle Welt wußte, daß Prinz Tuan an ihrer Spitze stand. Am 26. Mai hätten ihm, Brön, seine Diener bereits gesagt, daß alle Europäer, die die Stadt nicht innerhalb zwei Tagen verlassen würden, getötet werden sollten, die Beratungen der Boxer hätten beim General Tungfuhsiang stattgefunden, demselben, dessen Truppen nach den letzten chinesischen Berichten bei der Erstürmung der englischen Gesandtschaft den Ausschlag gaben. Ein Bericht an die deutsche Gesandschaft habe gar keinem Verständnis begegnet und er, Brön, habe sich darauf entschlossen, sein Haus zu verlassen und nach dem französischen Hotel zu ziehen, in dem man alles zur Verteidigung eingerichtet hatte. Für den äußersten Fall war eine Mauer durchbrochen, durch die man sich nach der französischen Gesandtschaft retten konnte. Tas geschah am 28. Mai. „An diesem Tage", so erzählt Brön, „gaben wir nun jede Hoffnung auf fremde Hilfe auf und beschlossen, uns bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Dementsprechend wurde das Hotel in einen widerstandsfähigen Zustand gebracht, die Patronen wurden ausgepackt, die Massen geputzt und verteilt, das Hauptthor verbarrikadiert, die Wasserspritzen auf die Dächer geschafft
und durch eine Brücke von Dach' zu Dach die Verbindung! mit der Plattform des Vorderhauses hergestellt, um die Front des Hauses bestreichen zu können." Diese Vorkehrungen bewiesen, daß die Besorgnisse um diese Zeit sich schon weiteren Kreisen mitgeteilt hatten. An diesem Tage wurden auch die Gesandten zuerst bedenklich und faßten den Beschluß, die schleunige Entsendung von Truppenäbteil- ungen zu erbitten, die dann auch kamen, aber schließlich, man weiß in welcher heldenmütigen Weise, erlegen sind. Der Brief des Professors v. Brön zeigt, daß er über die Gefahr eine richtigere Anschauung besessen hat als die amtlichen Vertreter der Regierungen. Er berührt sehr eigenartig, dieser Brief ans dem Grabe, in dem" immer wieder die Besorgnis hervortritt, daß es seinem Schreiber nicht gelingen werde, wohlbehalten aus den verwirrten Verhältnissen herauszukommen.
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Der „Liberte" zufolge haben die französischen Minister der Kolonieen, der Marine, des Krieges und des Aeußeren die Minimalstärke der französischen Expedition für China aus 40 000 Mann berechnet. Jeder Minister wird in seinem Ressort möglichst bald die nötigen Vorkehrungen treffen, damit das Expeditionskorps in allernächster Zeit nach China abgehen kann. Es finden augenblicklich Verhandlungen statt zwischen Paris, Berlin, London und Petersburg. Eine jede dieser Regierungen soll eine Minimalzahl von 40000 Mann nach China senden. Zum Generalstabschef des sranzösischen Expeditions korps ist der Oberst Soucillion vom 4. Marineinfanterieregiment ernannt worden. Der Generalstab besteht außerdem aus einem Oberstleutnant, zwei Bataillonskommandeuren, drei Hauptleuten und einem Leutnant. In den nächsten Tagen wird ein Transportdampfer 30 Offiziere und 750 Mann Marineinfanterie für Taku an Bord nehmen; außerdem wird der Dampfer eine Ladung Maulesel an Bord nehmen. — Daily Expreß plaidiert für die Sendung Lord WolseleyS als Leiter der verbündeten Truppen in China. Ueber diplomatische Verhandlungen wegen der Ernennung eines Oberbefehlshabers für die europäischen Truppen in Ostasien ist in Berlin nichts bekannt.
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Dr. Mumm von Schwarzenstein, der an Stelle des ermordeten Frhrn. v. Ketteler nach China geht, ist in Berlin eingetroffen und wird sich spätestens am 7. August nach China einschiffen. Stationiert wird die deutsche Gesandtschaft zunächst im Fort von Tfintau. Wann sie Tsintan verlassen und wo sie dann residieren wird, wird von der Entwickelung der kommenden Ereignisse abhängen.
Wie man aus Danzig meldet, werden die oft * asiatischen Regimenter kurz vor ihrer Einschiffung vom Kaiser neue Fahnen erhalten. — Der Abmarsch des ersten Bataillons Kriegsfreiwilliger erfolgte am Dienstagabend von der Kaserne deS Garde Füsilier-Regiments. Es ist dies das 1. Bataillon des 1. ostasiatischen Infanterie-Regiments, welches, wie bereits gemeldet, ebenso wie die anderen Truppenteile des Expeditionskorps, vor seiner Abreise noch eine Schießübung auf dem Truppenübungsplatz bei Döberitz abhält.
Die Formierung der deutsch-ostasiatischen Jnsanterie-Brigaden erfolgt bekanntlich in Berlin. Die Bekleidung wird beim Bekleidungsamt des Gardekorps angefertigt, und in wenigen Tagen müffen 12,000 Röcke und Mäntel abgeliefert sein, zu welchem Zwecke 800 Militärschneider angestellt sind. — Am nächsten Freitag trifft über den Brenner die erste deutsche Truppenabteilung in Genua ein, um sich am gleichen Tage aus dem nach China gehenden Postdampfer einzuschiffen. — Auch eine Polizei- Soldatentruppe soll für China gebildet werden. In verschiedenen Berliner Polizeibezirken ist bereits eine Umfrage nach Bewerbern gehalten worden. Die bisherigen Meldungen waren außerordentlich zahlreich.
Nach einer Meldung aus Kiel ernannte der Kaiser den Kapitänleutnant Höpsner, sowie die Oberleutnants Heinrich und Püllen zu Kommandanten dreier Torpedoboote für den Kriegsschauplatz.
In Potsdam treffen ununterbrochen Freiwillige aus allen Richtungen ein, die dort eingekleidet werden. Die Kavallerie ist besonders zahlreich bei diesem Truppen-Trans- port vertreten. Heute (Mittwoch) wird das ostasiatische Reiterregiment vollzählig fein und mit seinen Exerzitien beginnen.
Aus Anlaß der Ermordung deS deutschen Gesandten in Peking haben auch der Sultan und die ottomanische Regierung durch ihre Botschaft in Berlin tiefes Beileid aus- sprechen laffen.


