Sonntag den 18. März
Aweites Blatt
Nr. 65
1900
Gießener Anzeiger
Heimat-Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Schietzübuuge«.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kennt- nis, daß das in unserer Bekanntmachung vom 13. L Mts. (Anzeiger Nr. 62 und 63) bemerkte Gchieheu des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116 vom 19. bis 24. März l. Js. nicht ftattfiudet.
Gießen, den 17. März 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Bechtold.
Gießen, am 15. März 1900.
Betr.: Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen au die Grotzherzoglicheu Bürgermeistereien der Amtsgerichtsbezirke Orüuberg und Homberg.
Die Ableistung des Huldigungs- und VerfastungseideS der in Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großh. Hessischen Unterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, verheiratet haben, soll Samstag den 7. April d. I., vormittags 9 Uhr, in dem Rathause zu Grüuberg stattfinden.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu dem Termine vorzuladen und, wie geschehen, unter Angabe der Namen der Vorgeladenen bis zum 2. k. Mts. anzuzeigen oder zu berichten, daß niemand vorzuladen war.
Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Die Maul- nnd Klauenseuche.
Nachdem die Seuche in Zell, Kreis Alsfeld, erloschen ist, ist die angeordnete Sperre wieder aufgehoben worden.
Die wegen Ausbruchs der Seuche in Atzenhain, Kreis Alsfeld, angeordnete Gemarkungssperre ist aufgehoben und statt dessen über die verseuchte Hofraite Gehöftesperre angeordnet worden.
In Klein-Karben, Kreis Friedberg, ist die Seuche erloschen und sind die angeordneten Sperrmaßregeln aufgehoben worden.
Zu Rockenberg, Kreis Friedberg, ist in einem Ge
höfte die Seuche ausgebrochen und Gehöftesperre verfügt worden.
Zu Altenberg und Ebersgöns, Kreis Wetzlar, ist die Seuche ausgebrochen. In Wetzlar ist die Seuche erloschen.
Gießen, den 16. März 1900.
Großh. Kreisamt Gießen.
____v. Bechtold.___________________
Bekanntmachung.
Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird die Abhaltung des auf den 21. März dss. Js. in der Stadt Wetzlar anstehenden Viehmarktes an die Bedingungen geknüpft, welche durch meine Bekanntmachung vom 4. Oktober 1898 angeordnet und in Nr. 234 des Kreisblattes von 1898 veröffentlicht worden sind.
Aus der Provinz Oberhessen des Großherzogtums Heffen, den preußischen Kreisen Dillenburg, Marburg, Ufingen und Weilburg und den Orten Ebersgöns, Dornholzhausen und Altenberg des hiesigen Kreises dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht aufgetrieben werden.
Wetzlar, den 13. März 1900.
Der Königliche Landrat.
Staatsminister R. V. v. Puttkamer
Mit dem verstorbenen Staatsminister a. D. v. Puttkamer scheidet ein Mann aus dem Leben, der wiederholt
die öffentliche Meinung lebhaft beschäftigt hat. Er war am 5. Mai 1828 in Frankfurt a. M. geboren. Nach längerer Beschäftigung im Verwaltungsdienste, wo er von Stufe zu Stufe bis zum Oberpräsidenten von Schlesien gestiegen war, hatte er als Nachfolger Falks im Kultusministerium (14. Juli 1879) die Aufgabe, einen Teil der KampfeSmaßregeln seines Vorgängers gegen den Ultramontanismus rückgängig zu machen. Vom 21. Januar 1880 datiert die Einführung der nach ihm benannten deutschen Rechtschreibung, die nur dazu gedient hat, die auf diesem Gebiete herrschende Verwirrung zu vermehren. Im Jahre 1881 wurde er Minister des Innern und Vizepräsident des preußischen StaatS- ministeriums. Der von ihm mit besonderer Energie gegen die Sozialdemokratie geführte Kampf hatte größere Erfolge nicht aufzuweisen und fand in seinen Mitteln nicht überall Anklang bei den bürgerlichen Parteien. Seinen Sturz führte seine Wahlpolitik herbei, die in einem Handschreiben des Kaisers Friedrich vom 7. Juni 1888 herbe Mißbilligung fand, worauf Puttkamer seine Entlastung einreichte und erhielt. Seit 1891 war Puttkamer Oberpräsident von Pommern.
* Politische Wochenschau.
Gießen, 17. März.
Daß alle Protestversammlungen die Reichstagsmehrbeit nicht hindern würde, die Kommissionsbeschlüsse zur Lex Heinze bezw. die Kompromißanträge gutzuheißen, durfte' von vornherein nicht angezweifelt werden. Auch, wenn die Agitation gegen das Gesetz früher begonnen hätte, so würde dies auf die Beschlüsse des Reichstages kaum einen nennenswerten Einfluß ausgeübt haben. Heiß war der Kampf noch in letzter Stunde entbrannt, unser Reichsparlament saß recht erregte Sitzungen, und selbst die sonst so verpönte Obstruktion wurde zu Hilfe genommen, um d>er Minderheit als Waffe zu dienen, aber der Sieg blieb doch schließlich der mit dem Zentrum vereinigten Rechten. Nun haben die verbündeten Regierungen das Wort, und es muß sich bald zeigen, ob sie den Entwurf in der vom Reichstage genehmigten Fassung Gesetz werden lassen. — Daß wir noch sehr bewegten Zeiten auf dem Gebiete unserer inneren Politik entgegengehen, kann niemand verkennen, wenn man auch über die Fragen, in denen eine Einigung der Parteien schwer zu erzielen sein würde, Kompromisse abzuschließen sucht, wie es z. B. mit dem Fleischbeschaugesetze der Fall ist. Das preußische Staatsministerium hat bereits einem derartigen Kompromisse ^ugestimmt, und man zweifelt angeblich in den maßgebenden Kreisen nicht an einem Zustandekommen desselben im Reichstage. — Flottengesetz und Kanalvorlage rücken ihrer Beratung nun immer näher — ersteres in der Reichslagskommission, letztere im preußischen Abgeordnetenhause. Im Laufe der verflossenen Woche wurden
Feuilleton.
Nicht allein der Triumphator, Nicht allein der sieggekrönte Günstling jener blinden Göttin, Auch der blut'ge Sohn des Unglücks, Auch der heldenmütige Kämpfer, Der dem ungeheuren Schicksal Unterlag, wird ewig leben In der Menschen Angedenken.
H. Heine.
Eine Enkelin Napoleons I. lebt, wie Pariser Matter aus Anlaß der Erstaufführung von Emil Rostands ,.L'Aiglon" in Erinnerung bringen, in Vitz-Villeroy, einem kleinen Dorfe des Departements de la Somme, Mme. Charlotte Mesnard, die ein bescheidenes Dasein als Lehrerin führt, ist eine geborene Leon, eine Tochter des Grafen Leon, der im Jahre 1806 als Sohn des Kaisers Napoleon und der Eleonore de la Plaigne, einer Hofdame der Caroline Rnrat, geboren ist. Die Geburt dieses Sohnes erfüllte damals den Kaiser mit großer Freude, er dachte sogar, luie man sich erzählte, eine zeitlang daran, ihn zu seinem Erben zu machen: der Name Leon, den er ihm gab, zeigt schon, wie stolz er auf diesen Sohn war. Er ließ ihn oft ,ju sich in die Tuilerien kommen, sogar noch, nachdem er sich mit Marie-Louise vermählt hatte, und spielte mit ihm. Die Geburt des Königs von Rom ließ jedoch den Stern des kleinen Leon erbleichen. Nach dem Sturze des Kaisers kümmerte sich seine Familie nicht mehr um ihn, und für den Grafen Leon begann eine abenteuerliche Existenz. Er
stürzte sich in allerhand Unternehmungen, mischte sich sogar in die Politik und nlachte Napoleon III. gegenüber seine Verwandtschaft geltend, als dieser auf den Kaiserthron gelangt war. Er starb im Jahre 1881, die letzten Jahre seines Lebens hatte er in großem Elend verbracht. Als er in einem kleinen Hause in Pontoise verschieden ioar, fiel noch allen, die ihn sahen, die frappante Aehnlichkeit mit Napoleon I. auf; sein Gesicht glich genau der überlieferten Totenmaske des Kaisers.
Ein Stück Prairieleben in den Straßen von Paris. Eine merkwürdige Szene spielte sich dieser Tage in dem belebtesten Teil der fashionablen Geschäftsgegend von Paris ab. Zwei Mitglieder einer Truppe Sioux-Indianer, die seit kurzem bemüht ist, den Besuchern des „Nouveau Cirque" eine Idee von dem Leben im wilden Westen Amerikas zu geben, hatten ihren freien Nachmittag dazu benutzt, sich diverse Weinkneipcn der lustigen Seinestadt von innen anzusehen. Das stattliche Pärchen — „Schwarze Wolke", ein junger Bursche, der früher zur Bufsalo-Bill-Truppe gehört hatte, und „Strahlende Augen", seine kaum 17jährige Braut — war bald von dem Genuß des feurigen Rebensaftes derart berauscht, daß es sich einbildete, in der fernen Heimat mitten unter einem feindlichen Stamme zu sein. Und so betrat denn der rothäutige Jüngling und seine Squaw mutig den Krieas- pfad in der Rue St. Honore. Mit wirklichem Jndianer- geheul machten sich die Kinder der Prairie daran, nach den friedlich vorbeigehenden Bürgern ihre Lassos zu werfen und sogar die — zum Glück blind geladeneii — Pistolen abzuknallen. Schon drohte eine Panik zu entstehen, da gerieten die „Strahlenden Augen" in Konflikt mit einem schweren Omnibus und mußten, nicht unerheblich verletzt, zur nächsten Apotheke getragen werden. Die „Schwarze Wolke" wurde ohne Schwierigkeit festgenommen und blieb bis zum Abend in polizeilichem Gewahrsam.
Krösus im Arm en grab. Unter dieser Spitzmarke veröffentlicht die „N.-Aorker Staatsztg." folgende wahrhaft tragische Geschichte aus Duluth im Staate Minnesota: Vor etwas mehr als einem Jahre starb im Armenhause von Donglas County ein Deutscher, Namens Johann Müller, und wurde auf dem Armenfriedhof beerdigt. Er hatte nicht weit von hier Regierungs-Waldländereien erworben, war aber in Schulden geraten; diese betrugen indessen nicht mehr als 800 Dollars, die durch zwei Hypotheken auf das Grundstück gesichert waren. Kurz vor Müllers Tode wurden auf seinen Ländereien Eisenadern entdeckt, die nunmehr einen Wert von hunderttausenden von Dollars haben. Ein katholischer Priester von hier, der eine von den Hypotheken in Händen hatte, brachte einen Teil der Ländereien an sich, und verkaufte diese für nahezu 500 000 Dollars an die „Carnegie Steel-Company", die jetzt die Adern ausbeutet. Man suchte nach Entdeckung der Eisenadern nach Müller, konnte diesen aber nicht finden, obgleich er sich ganz in der Nähe im Armenhause befand, wo er bald nachher auch starb. Inzwischen hat man ausfindig gemacht, daß Müller in Deutschland Verwandte hat, arme Dorfbewohner, und die Wahrscheinlichkeit ist, daß es diesen mit Hilfe tüchtiger Rechtsbeistände gelingen wird, nach Tilgung der unbedeutenden Schulden, die auf Müllers Eigentum ruhten, den Rechtstitel, den der Priester besaß, umzustoßen, die Ländereien an sich zu bringen, und dann ein großes Erbe anzutreten. — Bei der starken Verbreitung des Namens Müller in Deutschland wird es nicht ganz leicht sein, die Verwandten des im Armenhause verstorbenen Krösus ausfindig zu machen. Da sie arme Dorfbewohner sind, und zum Prozeßführen, namentlich in Amerika, sehr viel Geld gehört, dürften sie wohl auch außer stände sein, die erforderlichen Schritte zu thun, um die Erbschaft des unter so tragischen Umständen verstorbenen Verwandten antreten zu können.


