Ausgabe 
17.11.1900 Drittes Blatt
 
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Samstag den 17. November

150. Jahrgang

Mr. 270

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Drittes Blatt

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Amts- unb Zlnzeigeblatt ffir den 'Kreis Gieren

$3cjugspreU vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholkstrllka vierteljährl. Mk. 1,90 moucrtlich 65 Pfg.

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Alle Anzeigen-BermittlungZstellen des In- und AuSlandeK nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwärtS 20 Pfg.

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Oppert, Professor in Paris. Ferner die Univerfitätsprofefforen Dr. Wundt-Leipzig, Dr. Goetz-Jena, Dr. Bütschli.Heidelberg, Dr. His- Leipzig, Poincare-Paris, Dr. Stolz-Innsbruck, Dr. de Fries» Amsterdam.

Siegfried Wagner'sBSrenhäirter" ist nun auf fast sämt­lichen größeren Bühnen Deutschlands ausgeführt worden: Bruchstücke daraus wurden von den meisten Konzertkapellen zu Gehör gebracht. Ein sehr wirkungsvolles, frisches Stückchen aus dieser Oper ist der Oberst Muffelmarsch" (Ausgaben für Klavier und für Klavier und Violine ä 1.50 Mk., Leipzig bei Max Brockhaus), der, leicht spielbar, jedem willkommen sein wird, dem weder der Klavierauszug noch ein Potpourri zur Verfügung steht. Die genannte Verlagshandlung ver- sendet ferner Humperdinck's allerliebstenRosenringel". Das Bolks- liedchen erschien in vier ganz leichten Ausgaben: zweihändig, für eine Kinderstimme (ä 60 Pfg.)

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Blättern erschienen öfter seine Annoncen folgenden In­halts:Ehescheidungen ohne Aufsehen und leicht .von 25 Dollars aufwärts zu erhalten". Das Geschäft ging sehr gut, die Kunden kamen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, sogar aus England und vom Kontinent. Nach den Newyorker Gesetzen werden Ehescheidungsfälle nicht vor öffentlichen Geruhten untersucht, sondern bestimmte Juristen werden als Referenten bestellt, nehmen die Zeugenaussagen auf und berichten darüber. Wenn nun ein männlicher Kunde die Scheidung wünschte, lieferte Maisons Agentur falsche Zeugen, die beschjvoren, daß der Lebenswandel der Frau sittlich nicht einwandsfrei wäre. Falls die Frau die Scheidung nachsuchte, veranlaßte Maison einen weiblichen Komplicen, als Verklagte zu er­scheinen und fälsichlich zu bekennen, sich mit dem Gatten vergangen zu haben. Die Referenten, die keinen Grund hatten, Meineid zu vermuten, gaben daraufhin reaelmäßig ihr Gutachten an die Gerichte ab, daß die Scheidung ge­währt werden sollte. Maison hatte ein halbes Dutzend angenommene Namen und brauchte einen ganzen Stab falscher Zeugen, Juristen und anderer Gehilfen. Der be­trügerische Charakter der Agentur wurde durch den Steno­graphen Amos Russell aufgedeckt. Dieser war häufig hin­zugezogen worden, um Zeugenaussagen aufzunehmen, und er hatte bemerkt, daß in den verschiedenen Fällen ständig dieselben Zeugen und Rechtsanwälte erschienen. Er teilte der Polizei seinen Verdacht mit, sodaß gestern in Maisons Bureau eine Haussuchung gehalten wurde. Maison war aber gewarnt worden und hatte sich aus dem Staube ge­macht. Die Polizei verhaftete einen Rechtsanwalt Henry Zeimer, der die Geschäfte Maisons leitete, Mary Tomp- kins, die berufsmäßige Verklagte, und Frank Wilson, einen berufsmäßigen Mitangeklagten. Als Zeugin dient Mrs. Herrick, eine Kundin, die eine Ehescheidung erhielt. Die Tompkins hat ein ausführliches Geständnis abgelegt und viele andere Personen, für die Vollmachten ausgestellt worden sind, mit hineingezogen. Detektivs suchen im Lande nach Maison. Alle von dieser Agentur erwirkten Ehescheidungen sind aufhebbar, und die Gerichtshöfe dürfen sie uimstoßen. Viele dieser Frauen und Männer, die durch ihre Vermittelung Ehescheidungen herbeigeführt hatten, haben sich inzwischen wieder verheiratet; diese Ehen aber können für nicht ailtig erklärt werden. Die Richter des Supreme Court sind über diese Enthüllungen natür­lich im höchsten Maße betroffen. Eine vollständige Re­vision der Newyorker Ehescheidungsgesetze wird wahrschein- ' lich die Folge des großartigen Schwindels sein. Eine große Sonderjury wird bereits morgen eine Untersuchung einleiten. Neue überraschende Enthüllungen werden noch, erwartet. ______________________________________

Kunst und Wissenschaft.

Frankfurt a. M., 14. November. Der Vorstand des Verbandes deutscher Journalisten- und Schriftsteller-Vereine (den Vorsitz führt gegen­wärtig der Münchener Verein) hat an die Verbandsvereine das Ersuchen gerichtet, sich über die Frage der T h e a t e r z e n s u r zu äußern. Der Frankfurter Journalisten- und Schriftsteller-Verein hat in seiner letzten Sitzung diese Frage behandelt, und auf Grund eines einleitenden Refe­rats des zweiten Vorsitzenden Regiffeur W. Quincke und einer längeren Debatte, an der sich Landtagsabgeordneter Sänger, W. Quincke, Dr. Goldschmidt, Strasburger, Henning u. A. beteiligten, sich gegen jede Art von Censur ausgesprochen.

München, 14. November. Zu Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften in München wurden ernannt: Geheimrat Röntgen- München, Hochschulprofessor Dr. Sigmund GüntherMünchen. Dr.

Vermischtes.

* Eisenbahnunfälle aus früherer Zeit, j Das furchtbare Eisenbahnunglück bei Offenbach, das eine Anzahl blühender Menschenleben in einem Nu dahin­raffte, hat die Teilnahme der ganzen civilisierten Welt in hohem Grade erregt. Derartige Unfälle sind, wenn sie auch glücklicherweise selten vorkommen, bei aller Vor­sicht und bei strengster Ueberwachung, nicht völlig zu ver­meiden. Forderte doch schon die Eröffnung der ersten » Eisenbahn der Welt, die von Liverpool nach Manchester ging, am 15. September 1830 ihr Opfer! Die Lokomotive Northumbrian" führte den ersten Zug, in dem Stephen- son, der Herzog von Wellington, der Staatssekretär Sir Robert Peel und andere Berühmtheiten Englands saßen; in gewissen Abständen folgten dann noch sieben Züge. In dem 17 Meilen von Liverpool entfernten Packside hielten die Lokomotiven an, um Wasser einzunehmen. Der Northumbrian" wollte hier die übrigen Züge bei sich llorbeilassen. Einer der Fahrtteilnehmer, der um das Zu­standekommen dieser ersten Eisenbahnlinie hochverdiente Huskisson, verließ seinen Wagen, um den Herzog von Wellington zu begrüßen. Soeben hatte er die ihm freund­lichst zum Wagen heraus entgegengestreckte Hand des Siegers von Waterloo gefaßt, als die Umstehenden ihm ängstlich zuriesen:Steigen Sie ein, Sir) Die Lokomotive ko>mmt!" Huskisson suchte, verwirrt wie er war, um die offene Wagenthür, die über die nebenliegenden Schienen hinausragte (!), herumzukommen, da brauste dieRakete" heran, warf iyn zu Boden und zermalmte ihm ein Bein. Huskisson hatte noch Kraft, die Worte auszustoßen:Ich muß sterben!" Er gab noch an demselben Abend im nahen Pfarrhause von Eccles seinen Geist auf. Damit fiel ein - düsterer Schalten auf diese erste Eisenbahnfahrt der Welt. Ter Herzog von Wellington war nur mit Mühe zu be- wegen, weiterzufahren, er ließ sich endlich dazu überreden, ' aber mit dem Festjubel war es aus. Auf der Leipzig- Dresdener Bahn, bekanntlich der ersten Sachsens, fand das erste Unglück am 12. April 1839 bei Wurzen statt. Dabei wurde ein Passagier verletzt, der, jedoch nur aus Billigkeitsrücksichten" die Kurkosten ausgezahlt erhielt. Tas furchtbarste Unglück seit Erbauung der Eisenbahnen trug sich am 8. Mai 1842 auf der Rive-Gauche-Bahn zwischen Paris und Versailles zu. Die beiden vorgespann­ten Lokomotiven entgleisten, die ihnen folaenden Wagen türmten sich auf einander, im Nu brannte der ganze Zug, und zweihundert Personen waren in wenigen Sekunden weiter nichts als ein Häufchen Asche, darunter der berühmte Weltumsegler Dumont d'Urville mit seiner Fanul.ie.

* Die Stadt Berlin hatte im Mittel des Etats- j whres 1898/99 eine Bevölkerung von 17886 36 Ein­wohnern einschließlich des Militärs. Sie hat sich ver­mehrt: gegen das Jahr 1897/98 um 44 348, gegen das Er- gebnis der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 um i 111382 Bewohner. ,

* Ein großer Ehescheidun gs-Sch windel in Newyork. Ueber einen höchst merkwürdigen Ehe- _ fcheidungs-Schjwindel wird aus Newyork unter dem 11. November gemeldet: Die Entdeckung einer betrügerischen Scheidungsagentur, die ihre Geschäfte in erstaunlichem Maßstabe führte, hat hier die größte Sensation erregt, öunderte von Ehescheidungen sind durch die schändlichsten Meineide und Fälschungen erlangt worden. Ein gewisser Waldo Maison war der Leiter der Agentur. In den

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Landwirtschaftliches.

Auskunftsstelle in landwirtschaftlichen Rechtsfragen. Mit dem Inkrafttreten des Bürger­lichen Gesetzbuches hat der Landwirtschaftsrat eine Aus­kunftsstelle errichtet, bei der die Mitglieder der land­wirtschaftlichen Vereine unentgeltlichen brieflichen Auf­schluß in allen Rechtsfragen erhalten, welche mit der Einftihrung des Bürgerlichen Gesetzbuches zusammen­hängen und in Beziehung zur landwirtschaftlichen Berufs­ausübung stehen. Insbesondere ist den Landwirten Ge­legenheit geboten, durch die veränderte Rechtslage auf folgenden Gebieten Rat und Auskunft zu erhalten: Eigen­tums- und Besitzverhältnisse der Grundstücke und deren dingliche Belastung, Grundbucheinrichtung und Grundbuch­verkehr, Grenzstreitigkeiten, Nachbarrecht, Enteignungs­sachen, Zwangsversteigerungen und Zwangsverwaltung von Grundstücken, Streitigkeiten über An- und Verkauf von Vieh und über Bezug von landwirtschaftlichen Ver­brauchsstoffen, Währschaftsftagen, Miet- und Pachtverhält­nisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Testaments­und Erbanaelegenheiten, Vormundschaftssachen. Die An­fragen werden vertraulich behandelt und die Auskünfte und Ratschläge nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr und Verbindlichkeit, gegeben.

Wöchentliche Uebersicht der Todesfälle in Gießen.

45. Woche vom 4. November bis 10. November 1900. (Einwohnerzahl: angenommen zu 24 800, inkl. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 14,67%o, nach Abzug der Ortsfremden 12,580/«.

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