Ausgabe 
17.7.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 164 Erstes Blatt. 'LNastag den 17 IM

1906

Heneral-Anzeiger

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Politische Wochenschau.

Irgendwelche Klarheit über die Lage in Peking hat auch die verflossene Wyche nicht gebracht; man ist nach wie vor auf die einander vielfach widersprechenden Nach­richten angewiesen, welche entweder von einzelnen chine­sischen Bizekönigen, welche die Ereignisse, denen der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteler aum Opfer gefallen ist, nicht billigen, verbreitet werden oder aber angeblich durch Läufer aus der chinesischen Hauptstadt überbracht worden sink. Daß die Mandarinen die Situation möglichst rosig zu färben bestrebt sind und die volle Gefahr, in der die Fremden in Peking, falls sie wirklich noch- am Leben sind, schweben, so lange wie nur irgend möglich verleugnen möchten, liegt auf der Hand; auch die übrigen Mitteilungen sind durchaus nicht zweifelsohne, und man thut aut, ihnen mit einem gewissen Mißtrauen zu begegnen. Leider hat auch die letzte Woche wieder reichliche Opfer gefordert, wenn auch' die genaue Zahl der Verluste der internationalen Truppen noch nicht bekannt ist. Hierüber die Oeffentlichkeit fortdauernd auf dem Laufenden zu erhalten, ist eine Pflicht der Regierungen. Vorläufig ist die Situation auf dem Kriegsschauplätze für die Verbündeten sehr mißlich, und man muß sich leider auf das Schlimmste gefaßt machen angesichts der gewaltigen Uebermach-t, in der die Chinesen den vereinigten Truppenteilen gegenüberstehen. Man muß sogar mit einer völligen Aufreibung der Verteidiger von Tientsin rechnen, wenn nicht recht bald Hilfe kommt. Diese kann vorläufig nur Japan bringen, dem ja endlich ein Attrndat seitens der Mächte übertragen worden ist, nach­dem der von Rußland dagegen geleistete mehr oder minder offene Widerstand besiegt werden konnte.

Wie schon gesagt, man weiß heute weder, wie die Lage im Innern Chinas ist, noch wer die augenblicklichen Macht­haber sind, ob die Kaiserin-Witwe noch herrscht, ob der Kaiser am Leben ist oder nicht. Nur in einer Beziehung besteht jetzt völlige Klarheit: über die Ziele, weübe die deutsche Regierung bei ihrem Vorgehen in China im Auge hat. Das Rundschreiben des Staatssekretärs Grafen Bülow an die verbündeten deutschen Regierungen bringt in seinem ersten Teile freilich nichts neues, aber trotzdem kann seine Veröffentlichung nur um so freudiger begrüßt werden, als daraus das völlige loyale Verhalten der diplomatischen Vertreter in Peking außer Zweifel ge­stellt und die Behauptung ad absurdum geführt wird, als seien die Feindseligkeiten der Chinesen von den Fremden provoziert worden. Mit rückhaltloser Offenheit legt sodann Graf Bülow dar, welche Absichten die deutsche Regierung in China habe, und er bestätigt, was wir schon oft zu betonen Gelegenheit hatten: an eine Aufteilung des chine­sischen Reiches wird nicht gedacht, ebensowenig verfolgt Deutschland irgendwelche Sonderinteressen. Es erstrebt im Einverständnisse mit den Mächten die Herstellung geregelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Re­gierung und selbstverständlich weitestgehende Genug- thuung für die verübten Greuelthaten. Daß dieses Pro­gramm der deutschen Regierung die Billigung der gesam­ten nationalen Presse findet, ist natürliche aber auch die des Auslandes verhält sich zustimmend. Und so glauben wir «denn tzanz gerne,.daß der vor«einigen Tagen zusammen­berufene Ausschuß des Bundesrats sein volles Vertrauen ausgedrückt hat zu der Politik, welche die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten des deutschen Reiches ver­folgt.

Bekanntlich, war in den letzten Tagen viel die Rede von einer Einberufung des Reichstages. Doch hat man von einer solchen an maßgebender Stelle Abstand genommen, und man wird sich damit begnügen, das Reichs­parlament in diesem Jahre möglichst früh, vielleicht schon Ende Oktober, zusammentreten zu lassen wenn nicht ganz besondere Ereignisse eine sofortige Berufung not­wendig machen.

Daß wir offiziell mit China nicht im Kriegszustände leben, beweist die Ernennung des bisherigen Gesandten in Luxemburg, Mumm v. Schwarzenstein, zum Nachfolger des ermordeten Freiherrn von Ketteler.

Die ostasiatischen Wirren absorbieren natürlich noch das gesamte Interesse, alle übrigen Ereignisse treten da­gegen ganz zurück. In Rumänien ist an Stelle des Ministeriums Cantacuzeno ein Ministerium Carp getreten. Auch in Spanien kriselte es wieder im Kabinett, doch war nur der Finanzminister Villeverde das Opfer, der als Nachfolger den" Senator Salazar erhielt. Der zwischen Deutschland und der nordamerikanischen Union abge- schllossene Reziprozitätsvertrag ist freilich in wirt­schaftlicher Hinsicht nicht von großer Bedeutung, aber im­merhin als ein erfreuliches Zeichen der guten Beziehungen zwischen beiden Ländern anzusehen. Die Wolken des Un­willens der Armee ziehen sich dichter und schwärzer über dem Haupte der Regierung Frankreichs zusammen, und die Nationalisten schüren natürlich den Zorn des Mi­litärs. Janwnt, der Generalissimus des französischen; Heeres, die Generalstabschefs des Landheeres und der Ma­

rine quittieren ihre Stegen in offener Auflehnung gegen den Kriegsminister, und dafür werden sie von den Nationalisten ebenso gepriesen, wie einst Esterhazy und heute noch Henry. Da der Kriegsminister bei den letzten Ernennungen, die u. a. den Vorwand zum Rücktritte der Generale bilden, einen Vorstoß gegen die Gesetze der An- ciennetät gemacht hat, richtet sich die Stimmung des Heeres gegen ihn, und man kann von dem Vorhandensein einer bedenklichen Gährung der in solchen Dingen so empfind­lichen Kriegsleute sprechen. In der Kammer und im Pariser Gemeinderate geht es lustig weiter; an der Spitze der Nationalisten flegeln dort Lafies und Mery die Re­gierung an, billigen Ruhm bei ihren Leuten erntend. Aus dem Transvaal hört man, daß am 11. ds. die Buren den Nitralshügel auf der rechten englischen Flanke, nur 18 Kilometer westlich von Pretoria, genommen, zwei Ge­schütze erobert, viele Gefangenen gemacht und den Eng­ländern schwere Verluste an Toten und Verwundeten zu­gefügt haben. Ob es wahr ift, was man dem Präsidenten' Krüger in den Mund legt? Er soll sich nämlich mit Zu­versicht dahin geäußert haben, daß es den Buren gelingen« werde, sich Pretorias wieder zu bemächtigen. Das würde eigentlich beinahe heißen, Lord Roberts werde mit [einer gesamten Truppenmacht von den Buren entscheidend auf das Haupt geschlagen werden. Eine solche Hoffnung kann fteilich, am die Verluste anknüpfen, die für Lord Roberts von dem Winter unzertrennlich sind. Aber gerade die Schonung, die der englische Oberkommandierende jetzt schon längere Zeit Leuten und Pferden angedeihen läßt, geht jener Spekulation der Buren auf den ungünstigen Einfluß des Winters einigermaßen zuwider. Die Fabri­kanten von Sensationsnachrichten haben übrigens, so sehr China s ie auch beschäftigen mag, den Burenkrieg nicht aus dem Auge verloren; so wurde beispielsweise gemeldet, die Buren hätten den Genexal Buller mit seinem ganzen Generalstabe gefangen genommen._____________________

Politische Tagesschau.

DerReichsanzeiger" schreibt im nichtamtlichen Teile: Das handelspolitische Verhältnis Deutsch­lands zu den Bereinigten Staaten von Amerika entbehrte bisher Der erforderlichen Gleiche Mäßigkeit in der gegenseitigen Behandlung beider Teile. Während von deutscher Seite die Auffassung zur Anwen­dung gebracht wurde, daß nach dem preußisch-amerika­nischen Vertrage von 1828 den Vereinigten Staaten An­spruch« aus meistbegünstigte Behandlung zustehe, und dem­gemäß für die Einfuhr aus den Vereinigten Staaten der deutsche Konventionaltarif zu gelten habe, ließen die letz­teren auf Grund ihrer abweichenden Auffassung des er­wähnten Vertrags die deutsche Einfuhr von denjenigen Zollermäßigungen nicht teilnehmen, welche der Präsident auf Grund der in Sektion 3 des Dingleytarifs ihm er­teilten Ermächtigung einigen anderen Ländern eingeräumt hatte. Nach, längeren Verhandlungen ist es jetzt gelungen, diese Ungleichheit zu beseitigen. Durch Proklamation vom 13. d. M. hat der Präsident der Vereinigten Staaten die­jenigen Zollermäßigungen, welche er an Frankreich, Italien und Portugal gewährt hat, mit alleiniger Ausnahme der für portugiesische Schaumweine zugestandenen und auch von ^ranrreid) und Italien nicht erlangten Vergünstigung auf die Einfuhr aus Deutschland für anwendbar erklärt, wogegen deutscherseits auf die amerikanische Einfuhr wie bisher der aus den Verträgen mit Oesterreichs-Ungarn, Italien, Belgien, Rumänien, Rußland, Serbien und der Schweiz sich ergebende Konventionaltarif angewendet wer­den wird. Es darf mit Befriedigung begrüßt werden, daß auf diese Weise ein Anlaß zur handel Apolitischen. Verstimmung zwischen den beiden großen, in lebhaftem Warenaustausch miteinander stehenden Ländern aus der Welt geschafft und eine Grundlagezuweiterer wirtschaftlicher Annäherung hergestellt ist. DieNordd. Allg. Ztg." sagt am Schluß eines Artikels über das neue Abkommen. Damit ist, trotz der über die Auslegung der Meistbegünstigungsklausel fortdauernden Meinungsverschiedenheit, thatscichlch das alte Prinzip der gleichen gegenseitigen Behandlung wiederhergestellt. Wird dieses in Zukunft von einer Seite verletzt, so kann sich, der andere Teil durch das beiden Kontrahenten zustehende Recht dreimonatiger .Kündigung des Abkommens vor waigen Nachteilen schützen. Sollte sich Deutschland zur Kündigung veranlaßt sehen, so würde damit jede Ver­pflichtung erlöschen, den Vereinigten Staaten von Amerika weiter den Konventionaltarif zu gewähren. Darin, daß dies von amerikanischer Seite durch den Abschluß des Ab­kommens ausdrücklich anerkannt und damit die Gefahr eines wirtschaftlichen Konflikts zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ganzwesent­lichverringert worden ist, liegt die größte Bedeutung der getroffenen Vereinbarung.

Wir hatten in unserer Stummer 161, erstes Blatt, einen Artikel unter der UoberschriftZur Frage der Aus­

bildung des katholischen Clerus" veröffentlich^ dazu wird uns jetzt aus Kreisen der evangelischen Geist­lichkeit geschrieben:

Ihr geschätztes Blatt macht auf eilte Broschüre des; bischöflichen Seminars zu Mainz, Dr. Holzammer, über obige Frage aufmerksam. Da mir diese Broschüre nichk vorliegt, (wir wiederholen, daß sie auch! uns nicht vor­liegt und daß wir wortgetreu den Angaben derStraßb. Post" gefolgt sind. D. Red.) kann ich nicht darüber urteilen, aber einige Bemerkungen möchte ich an Ihren Artikel knüpfen. Es ist zunächst nicht richtig, wenn gesagt wird, Professor Schmid, der ordnungsmäßig ge­wählte, aber vom Papst nicht bestätigte Bischof von Mainz sei später aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich habe selbst von 1861 bis 1864 philosophische Kollegien bei ihm gehört, auch' persönlich mit ihm verkehrt und weiß bestimmt, daß er nicht ausgetreten, allerdings aber dem katholischen Gottesdienst sich ferngehalten und den evange­lischen besucht hat. Auch ist er nieives Wissens später nicht «ochne Assistenz eines katholischen Geistlichen beerdigt woirden.

Wenn nun die Zustände unter Dozenten und Hörern so dargestellt werden, wie es der Artikel thut, so muß doch auch die Qualität der Geistlichen, die, nehmen wir nur einmal ein Jahrzehnt lang, aus den Hörsälen der betreffenden Professoren her vorgeg äugen ist, eine minder­wertige gewesen sein? Sollte sich jemand finden, das zu behaupten? So durchaus ehrenwerte und in .Gießen da­mals hochgeachtete und hochverehrte Männer die Profes­soren Schmid und Lutterbeck gewesen, schon durch ihr Aeußeres die Achtung herausfordernd, so waren auch die Geistlichen jener Schule durchaus tüchtige Leute. Be­sonders einen Vorzug durften sie ihr eigen nennen das war ihre Weitherzigkeit, die sie auch Den Angehörigen anderer Konfessionen Christen und Brüder sehen ließ; das war demgemäß ihre T o l e r a n z, die ihnen auch möglich, maochte, in einem freundschaftlichen Verkehre mit Geistlichen der evangelischen Kirche nichts Unrechtes: zu finden. Das hörte allerdings mit Beginn der Aera Talwigk-Ketteler", in der die katholisch-theologische Fa­kultät zu Gießen, wie es damals hieß,trocken gelegt" wurde, auf. Was für einen Staub in den 50 er Jahres das sog. Konkordat, welches damalsstillschweigend" ge­schlossen wurde, aufwirbelte, werden die Aelteren unter uns noch in gutem Gedächtnis haben. Es war das die Zeit der traurigsten Reaktion in Hessen, «eine Zeit, die hoffentlich niemals wiederkehrt. Heber die Frage, ob die Männer, welche ein so wichtiges Amt im Volk verwalten, wie die Geistlichen, besser vorgebildet werden, wenn sie unter Menschen verschiedener Anschauung zunächst sich be­wegen und deren Anschauungen kennen lernen, oder wenn sie von der Gymnasialzeit an bis zur Kutte in Konvikten) Seminarien usw. abgeschlossen von der übrigen Menschheit gehalten werden sind übrigens alle Unbefangenen sich längst klar. Daß man auch auf anderen Gebieten dem Ein- sperrungssystem nicht hold ist, beweist der fortwährende Ansturm der Lehrerschaft gegen dasInternat" der Semi- narien, wiewohl dieses den Zöglingen eine viel freiere Bewegung gestattet, als in geistlichen Seminarien geschieht.

Mesdnichtk der ®r. Stffifdjtn Gemrdr-MMorts.

Die Jahresberichte der Gewerbe-Inspektoren im Groß- Herzogtum Hessen sind als Beilage zurDarmstÄ>ter Leitung" erschienen. Die über 24 Bogen starke Broschüre enthält reichliches Material. Man hat dieses Jahr der Veröffentlichung der Berichte mit größerem Interesse ent- qeqengesehen, als dies früher der Fall war. Einmal glaubte man bezüglich der Thätigkeit der beiden im Jahre 1898 den vier Gewerbe-Inspektoren beigegebenen Assisten­tinnen wenn auch« noch« kein abschließenDes, aber ein doch mehr auf die praktische Erfahrung sich! gründendes, und darum für weitere Schlüsse maßgebendes Urteil zu ver­nehmen. Man erinnert sich wohl noch, daß durchs Einstel­lung von weiblichen Hilfskräften in der Beaufsichtigung der gewerblickien Anlagen unser Land als erstes voran­gegangen ist, und daß man diesen Schritt der Regierung verschieden beurteilt hat. Sodann war es die Ausführung der Beschlüsse des Reichstages und Bundesrates, über die Fabrikthätigkeit verheirateter Frauen Er­hebungen zu veranlassen, die die dafür interessierten Kreise mit besonderer Spannung erwarteten. Und man kann sagen, die Angelegenheit ist in ziemlich ausführlicher Weise zu Eledigung gekommen. .

Die Urteile der Inspektoren über die Notwendigkeit und Mitzlichkeit ihrer weiblichen Hilfskräfte sind ver­schieden ausgefallen. So berichtet der Gießener In­spektor, dem als Assistentin Fräulein Schumann zu Mainz beigetteten ist: c

Ob der Verkehr der Assistenttn mit den Arbeiter­innen selbst bisher ersprießlich war, läßt sch zur Zeit noch nicht beurteilen. Weibliche Bertrauenspersonen find im diesseittgen Bezirk unter den Arbeiterinnen ncht vorhandeii, sDoaß ein Verkehr der Assis^nttn nut solchen