Ausgabe 
17.5.1900 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag den 17 Mai

Erstes Blatt.

tm6 Airzeigedlertt füt* den Ävers (ßiefjeit*

Alle Anzcigen-verMittlimgSßellen beS Ja- unb AuSlaabr» nehmen Anzeigen fit den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwärtS 20 Pfg-

Rrbofti»», Lkpedition und S)rudtrci:

Kchskstraße Ar. 7.

Bezugspreis viertcljährl. 9R(. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestelle» vierteljährl. Mk. 1,9$ monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierieljährt. mit Bestellgeld.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Dlälier für hesslfche Volkskunde.

Adresse für Depeschen: ANzeiger HietztL.

Fernsprecher Nr. 51.

Meßwer Anzeiger

E-eneral-^nzeiger

Annahme een Anzeigen zu der nachmittags für de» felgenden Lag erscheinenden Nummer bis vor«. 10 Uhr. Lbbestellungen spätestens abends vorher.

Politische Tagesschau.

Trotz des offiziösen Dementis erhalten sich die Ge­rüchte von Kämpfen zwischen Deutschen und Belgier« in dem streitigen Grenzgebiet zwischen dem Kongostaat und Deutsch- Ostafrika. Lionel Decle, der Führer der Kairo-Kap- Expedition des Daily Telegraph, meldet uuterm 20. April auS Uvira in Nord-Tanganyika:

Die Lage hier ist kritisch. Die Deutschen haben das gesamte Kongostaat-Gebiet bis zum Rusizi Fluß und zum Norden des Seees flfou gewaltsam ergriffen und dreitausend Quadratmeilen des «ongogebietes mit tausend Soldaten, fünfzehn Offizieren und Geschützen besetzt. Ende Februar sandten sie ein Ultimatum, das d,e sofortige Zurückziehung der Kongostaat Stationen östlich vom Rufizifluß unter Androhung kriegerischer Maßregeln verlangte. Da dies nicht geschah, folgte ein weiteres Ultimatum an den kommandierenden Offizier der belgischen Station mit der Erklärung, falls er sich am 1. April nicht mrückgezogen hätte, würden die Deutschen die Station angreifen. Der belgische Offizier zog sich zürück, und die Deutschen brannten darauf die | Station nieder. Das streitige Gebiet war an die Belgier verpachtet und | »en ihnen seit 1896 effektiv okkupiert außer während der Zeit der , Rebellion, wo es ihnen entriffen war. Deutschlands Standpunkt geht dahin, es habe, als der Kongostaat 1885 und 1894 sich neutral erklärte, «ls Grenze die Linie vom nördlichsten Punkte des Tanganyika-Sees brs dreißig Grad zwanzig Minuten östlicher Länge anerkannt. Der Kivu- Zee war auf den Karten fälschlich westlich von der Linie angegeben. Nachdem aber gefunden worden, daß er östlich von der Linie liegt, ver­langt nun Deutschland alles Gebiet bis zum Kivu-See. Verhandlungen hierüber schweben zwischen König Leopold und Deutschland, doch ignorieren beide Regierungen die gegenwärtigen Ereigniffe, obwohl die deutschen Offiziere auf Befehl von Berlin handelten. England kann dabei in­teressiert werden, da Deutschland verlangt, daß die natürlichen Grenzen allein zulässig seien. Die Deutschen beanspruchen auch Mpororo, wovon «in Teil britisch ist, und die Konzentration enormer Truppenmaffen au der britischen Grenze erfordert zweifellos Aufklärung.

Daß die Angaben des englischen Berichterstatters in den Einzelheiten übertrieben sein müssen, unterliegt für und keinem Zweifel. Die 3000 Quadratmeilen des an­geblich von den Deutschen besetzten Gebiets werden ebenso wie die 1000 Soldaten und die 15 Offiziere, die gegen die Belgier aufgetreten sein sollen, um ein Erhebliches reduziert werden müsien, wenn die Grenzen der Wahrscheinlichkeit inne gehalten bleiben sollen. In der Hauptsache aber wird man doch annehmen müsien, daß es in der That zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen den streitenden Teilen gekommen ist, obwohl an amtlichen Stellen noch keine Be­stätigung dieser Nachrichten vorlag. ES handelt sich> jetzt »m dieselbe Streitfrage, die der belgische Kammerpräsident Bernaert vor einiger Zeit durch mündliche Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt in friedlicher Weise zu erledigen suchte. Seine Bemühungen scheiterten damals an dem völlig unzulänglichen Kartenmaterial, das bislang nur über das strittige Gebiet existiert.

Der Krieg in Südafrika.

General Buller hat sich dieses Mal als einen bessern Propheten gezeigt, als man nach seinen bisherigen Vor- tzersagungen erwarten konnte. Er meldet aus Kamps !acm vom 15.:Wir haben Dundee besetzt. 2o00 Buren uwen gestern nach Glenroe ab." Kamps Farm liegt an her etiwr 50 Kilometer langen Straße Helpmakaar-Dundee, beinahe genau in der Mitte zwischen beiden Orten. Man kann daraus, obgleich genauere Nachrichten fehlen, den Hergang so konstruieren, daß es Buller gelungen ist, nach Umgehung der äußersten linken Flanke der Duren bei delpmakaar den ganzen östlichen Schenkel tfcer Stellung bis rum Scheitelpunkte Dundee aufzurollen. Das Manöver war leicht, nachdem die Umgehung gelungen war, weil dadurch die Straße hinter den burtschen Stellungen in die Hände der Engländer kam. Die Umgehung aber wieder war kein großes strategisches Metstnstuck, da dem englischen General eine gewaltige Truppenzahl zur Verstigung stand, die Buren hingegen auf das Häuflein von ->00iann so hoch wenigstens schätzt sie Buller selbst öufammen- «eschmolzen waren, da ferner das überraschend schnelle Vordringen des Oberkommandierenden im Freistaat auch trtter diesen Burenabteilungen seine moralische Wirkung aeübt haben wird. Uebrigens haben die Stellungen in Artal, namentlich die Pässe in den Drakensbergen, für dr> Buren an strategischem Wert verloren, seitdem ihre bauplarmee hinter den Vaal zurückgegaflgen rst und, wie sttzt bekannt wird, auch die Freistaalbezirke Ladybrand und Lcksburq vollständig von den Ihrigen geräumt sind. Die Besetzung des nördlichen Zipfels von Natal war ja zuletzt nicht mehr Selbstzweck, sondern sollte nur Bullers Armee w lanae wie möglich hier festhalten und vor alten Dmgen sie durch die Drakensberge über

jnutf) den im Freistaat kämpfenden Buren in den Rucken G; Die letztere Sorge besteht Nicht mehr, seitdem der Freistaat geräumt ist. Daß sich aber Buller durch Abmarsch L»ch Westen mit dem Hauptheere vereinigen wird, ist schon deswegen nicht anzunehmen, weil er dadurch aus den ,vofcn strategischen Vorteil verzichten wurde, durch

weiteres Vordringen nach Norden den Feind, wenn er der [ ' Robertssckjxn Armee erfolgreich Widerstand leisten sollte, I im Rücken bedrohen zu können, und weil er ferner damit I die ihm gegenüber stehenden feindlichen Abteilungen frei I geben würde, die sich natürlich dann mit ihrem Hauptheere I vereinigen könnten. Ein weiteres Vordringen Bullers nach I Norden können jedoch die Buren mehr nördlich jetzt, wo I ihre klaren sehr zusammengeschmolzen sind, vielleicht eher I verhindern, als auf den ausgedehnten Stellungen auf den I Dnrkens- und Biggarsbergen, denn das Gelände bleibt I auch weiter nördlich noch für die Verteidigung günstig. Ob I nun in dieser oder in anderer Absicht, die- Buren haben I ihre bisherigen Positionen in Natal vollständig geräumt. I Eine Reuter-Depesche aus Kroonstad vom 14. meldet, daß I alle Sreitkräfte der Buren sich am Baalflusse zusammen- I ziehen. Der Feind verlasse seine Stellungen auf den I Biggarsbergen und die südlichen und westlichen Grenzen. I Das Kommando von Harrysmith sei auf dem Rüc^uge I nach Bethlehem und das Buren-Kommando von Brandfort I in Heilbron zusammengezogen. Nach Johannisburger I Meldungen beabsichtigen die Buren, ihre Gefangenen nach I dem felsigen Lydenburg überzuführen und dort den letzten I Widerstand zu leisten. Wenn das zuträfe, so beabsichtigten I die Buren in Natal also, sich mit dem Hauptheere am Vaal I zu vereinigen und Buller den Einmarsch rn Transvaal I kampflos freizugeben, lieber die englischen Operationen I bezüglich Vorbereitungen bei Kroonstad fährt dre obige I Depesche folgendermaßen fort:Die Wiederherstellungs- I arbeiten der Eisenbahn bis Kroonstad werden wahrschein- I lich am Donnerstag beendet sein. Der Verpflegungsdienst I

! geht seinen regelrechten Gang. Mannschaften und Pferde I | erhalten ganze Rationen. Die Gesundheit der Truppen I

ist gut." Sie fügt schließlich hinzu, man glaube, daß nicht | mehr als 2000 Freistaatler am Vaalfluß kämpfen wurden.

Was die Reste der Oranjekommandos anbetrifft, die bisher hartnäckig im Bezirke Ladybrand ihr Wesen trieben, so besagt eine Reutermeldung aus Brandsdrift, I östlich von Thabanchu, wo zuletzt Rundle sein Lager hatte, vom 13. ds.:Der Bezirk Ladybraiid ist vom Feinde ge--.

I säubert. Dieser räumte seine Stellung bei Mequatlings- nek und befindet sich jetzt in der Nälje von Lindley." Das

I letztere kann man nur schwer glauben. Lindley liegt in I der Luftlinie reichlich 160 Kilometer von Ladybrand ent^ I fernt. Am 11. aber stellte Rundle erst fest, daß der Feind I abgezogen sei. Er konnte also am 13. unmöglich schon in I der Nähe von Lindley sein. Glaubhafter ist die Meldung I aus Maseru vom 13., daß die Buren in beträchtlicher I Zahl am Caledon entling über Ficksburg nach Bethlehem I zögen. Damit war die allgemeine Marschrichtung ange- | | geben, die auch, möglichst weit von der englischen Einfalls- I linie entfernt, sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich hat;

denn hier sind sie in ihrer rechten (westlichen) Flanke I sicher, während die linke (östliche) durch den Fluß gedeckt I erscheint.

Werden alle diese Nachrichten in englischen Herzen I freudige Gefühle erwecken, so ist doch die Ungewißheit über I das Ähicksal von Mafeking ein Tropfen Wermut in dem I Freudenbecher der Engländer. Noch immer will vom Ent- I satze der bedrängten Stadt nichts verlauten, und um ihn I dennoch wahrsckjeinlich zu machen, stellt man allerhand I Vermutungen auf, die das Ausbleiben der erwarteten Nach- I richt auf unregelmäßige telegraphische Vermittlung schie-. I ben. Die Erregung der Engländer wird noch gesteigert I durch folgendes Telegramm aus Kapstadt vom 14.:Bis­her liegt eine amtliche Bestätigung der Meldung nicht vor, I daß eine britische Entsatzkolonne für Mafeking in Vryburg I angekommen sei."

Ueber die Stimmung in Pretoria meldet der I aus der Gefangenschaft entlassene Journalist Hellawell, I daß die Buren glauben, der Krieg würde in vier bis sechs Wochen beendet sein. Die Burghers seien int I allgemeinen mutlos und viele desertieren. Um den Verlust I Kroonstads wettzumachen, sei die Nachricht verbreitet ge­wesen, Mafeking sei gefallen. Der Präsident des zweiten I Raads, Steinekamp, konstatierte auch die Mutlosigkeit der I Burghers und hielt ein baldiges Ende des Krieges für I möglich. Nach Cronjes Niederlage, meldet Hellawell, sei | der Friede sehr nahe gewesen, und nur Krügers energisches I Auftreten habe den Präsidenten Steijn verhindert, die

Waffen niederzulegen. Krüger sei sehr erbittert gegen Hof-, I meyr, der den Krieg nicht durch eine Rebellion der Kap- I Holländer unterstützte. Die Polizei und die Eisenbahnbeam- I ten seien bereit, bei dem Nnrücken Roberts' in englische I Dienste zu treten.

Die B u r e n d e l e g a t i o n ist am 15. d. M. in New-, I Aork eingetroffen. Eine aus neun Mitgliedern beste- I yende Deputation des New-?)orker Komitees fuhr ihnen I entgegen. Der Sprecher der Deputation, Richter van Hoe- I ven, sagte, als er an Bokd des die Buren bringenden Dam- I pfersMaasdam" gekommen war, das New-Porker Ko- I mitee wolle sich bemühen, den Burendelegierten den Auf- I enthalt zugleich angenehm und für deren Vaterland nütz- I lich zu machen. Montagu White war bereits vorher an

M. 114.

Erscheint täglich mit Ausnahme des

MontagS.

Gießener KamikteuvtLiter »erden dem Anzeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" b.Matter für Hess. Volkskunde" »dchtl. 4 mal beigelegt.

Bord des Dampfers gekommen, um die Burenmission übev den Stand der Dinge zu informieren und ihnen seine vvlla Unterstützung anzubieten.

*

Telegramme deS Oietzeuer Anzeigers.

London, 16. Mai. Einer amtlichen Statistik zufolge betragen die englischen Verluste bis zum 12. er. rm aanzcn 18,799 Man«. pr

Loudon, 16. Mai. Das Kriegsamt veröffentlicht diese Nacht 1 Uhr folgendes Telegramm Lord Roberts: Kronstadt 15. 1 Uhr 10Min. vormittags. Oberst Baden Powell berichtet unterm 7. Mai, daß Alles in Mafe- kina gut sei. Das Fieber nehme ab, und der moralische Zustand der Truppen sei befriedigend. Die Vorräte würden noch bis spät in den Juni reichen.

Lorenzo M-rquez, 16. Mai. Einer Information auS Bureuquellen zufolge bemächtigten sich die Buren am vergangenen Sonntag der Stadtviertels der Ein­geborenen von Mafeking. Nach kurzer Zett mußten sie aber den Ort wieder aufgeben.

Madrid, 16. Mai. Eine Anzahl Republikaner, die aus einer republikanischen Versammlung zurückkehrten, begaben sich zum Konsul des Oranjefreistaates, um demselben ihre . Sympathieen für den Freistaat zu bezeugen. Sie gaben der Hoffnung Ausdruck, daß dem Freistaate die Un­abhängigkeit gewährt bleiben werde.

Washington, 16. Mai. Präsident Mac Kinley er­klärte, er werde die Delegation der Buren amtlich empfangen, wenn sie mit LegitimationSpapieren versehen sei, und wenn sie um den Empfang nachsuchten. Im gegen- teiligeu Falle würde er ihnen nur einen Höflichkeitsbesuch zugestehcn. _

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai. Aus Wiesbaden wird vmn 15. Mai gemeldet: Der K a i s e r ist hier um' 4 Uhr 52 Min. von Schloß Urville eingetrosfen. Ein offizieller Empfang fand nicht statt. Auf dem Bahnhofe hatten sich etnge- I funden: Der Großherzog von Sachse n-We i mar, I der zur Kur hier wellt, Polizeipräsident Prinz von 9t I tibor, der Vertreter der .Prinzessin Luise. Der Kaiser I trug die Uniform der Gardekürassiere. Der Kaiser unter» I hielt sich im Empfangspavillon längere Zeit mit dem Groß- I Herzog von Weimar und fuhr dann an der Seite seines I Adjutanten, General von Mackensen unter den Hochrufen I der zahlreichen Menschenmenge nach dem Schloß. Um 6 Uhr fuhr der Kaiser zum Intendanten Kammerherrn I von Hülsen, wo er mit Gefolge am Diner teilnahm. Um I halb 8 Uhr wohnte der Kaiser im Theater der General- | probe des Oberon bei.

Zur Enthüllung des Kaiserdenkmals I wird sich der Kaiser Ende August nach Erfurt be- I geben.

Beim Staatssekretär Grafen Bülow fand gestern ein Diner statt, an dem u. a. der französische und der ame­rikanische Botschafter, der sächsische, dänische und schwedische I Gesandte teilnahmen.

Die Budget-Kommission des Reichs- I tages hat heute die Beratung der F l o t t e n v o r l a g e. I fortgesetzt und zunächst die ersten fünf Paragraphen über I den Schiffsbestand, Indienststellung und Personalbestand | unverändert nach den Beschlüssen der ersten Lesung ange­nommen. Für die endgiltige Formulierung der §§ 6 und 7 über die Deckungsfrage wurde eine Subkommission, gewählt. Alsdann wurde eine Resolution beschlossen, die für Beginn der nächsten Session einen Gesetzentwurf über die Saccharin-Besteuerung vorzulegen ersucht, fer­ner eine andere Resolution, welche die Oeffnung der GrenzezurAbhilfedesArbeitermangels for­dert. Hierauf wurde die Novelle zum Stempelsteuer-- g e s e tz beraten, in der besonders der Oberlandstallmeister Graf Lehndorf die Befreiung des Totalisators- befürwortete. Es wurden die erhöhten Sätze für die Lotterielose beibehalten, also 20 Prozent für inländische und 25 Prozent für ausländische - Lose. Die Begünstigung des Totalisators wurde abgc» l e hn f, ebenso wurde auch eine Begünstigung der Kirchenbau-Lotterien, wie namentlich Abg. Gröber beantragte, allgemein bekämpft. Ein Beschluß darüber ist noch nicht gefaßt. Tie Beratungen werden morgen fortgesetzt.

Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Freiherr v. Thielmann, hat sich der Wordnung des Vereins zur Förderung der Frankfurter Börse gegenüber dahin g - äußert, die Erhöhung der U m s a tz st e u e r Jetun ft - nanziellen Interesse des Reiches in i ch t ^^lorderllch er glaube mit dem bisherigen Nmsatzftempel von zwei Zehntel.

des preuMchen Kultus.