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16.5.1900 Drittes Blatt
 
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1900

Mittwoch de« 16. Mai

Drittes Blatt

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Schulreformatorisches.

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Die Gießener ssmilieuv lätter r erben d,m Anzeiger bn Wechsel mitHess. Landwirt" n.Blätter pr Hess. Volkskunde" »Schtt. 4 mal beigelegt.

Politische Tagesschau»

Bei Gelegenheit der Beratung des kolonialen Nach- I tragsetats in der Budgetkommission hat der Abg. Graf I Arnim Veranlasiung genommen, für eine gewisse Umgestal- I tuua des Kolonialrats einzutreten. Er betonte bei der Be- I sprechung der Diel angefeindeten Landkonzessionen in Kamerun, I daß es vielleicht angebracht fei, den Kolonialrat jedesmal in derartigen Konzessionsfragen zu hören. Nun sei aber seinerzeit von dem Kolonialdirektor v. Buchka auf das Ver­langen des Reichstages, dem Kolonialrat derartige Kon- I Zessionen zur Begutachtung vorzulegen, daS Bedenken ge­äußert worden, daß sich diese Körperschaft nicht immer dazu eigne, da sie im wesentlichen eine Interessenvertretung sei und auf Grund der Verordnung vom 10. Oktober 1890 ein großer Teil der Mitglieder Kolonialgesellschaften ange­hörte, die in unseren Kolonieen wirtschaftliche Unternehmungen | betrieben. Angesichts dieser Sachlage betonte Graf Armm, I wie unerläßlich eS erscheine, daß bei so schwerwiegenden, i für die zukünftige Entwicklung der Kolonieen wichtigen Fragen das Urteil unabhängiger Männer, die weder durch ihre Privatinteressen, noch durch irgend welche andere Rück­sichten in ihrem Votum beeinflußt würden, in dem Kolonial­rat mehr zur Geltung komme als bisher.

Der Kolonialdirektor v. Buchka gab im allgemeinen die Richtigkeit dieser Argumente zu, und es heißt, daß auch I schon Schritte gethan sind, um Reformen anzubahnen. Wie I man auS kolonialen Kreisen schreibt, sollen bei der geplanten Umbildung der Körperschaft auch ganz Unbeteiligte heran- I gezogen werden, ohne daß die interessierten Gesellschaften I ihr bisheriges Vorschlagsrecht verlieren. Hierbei ist wohl der Gedanke maßgebend, daß Abgeordnete des Reichstags I ernannt werden sollen, damit aus diese Weise eine Brücke I für die beiderseitigen Beratungen gewonnen werden kann.

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Die Umbildung deS Kolonialrates kann übrigens nicht vor Ablauf von zwei Jahren verwirklicht werden, da erstim vorigen Jahre die Neuernennungen auf drei ^ahre erfolgt finö9 Man könnte ja eventuell eine Anzahl von weiteren Mitgliedern hinzufügen, aber der Kolonialrat besteht heute schon aus 34 Köpfen, und durch eine so große Zahl be­kommt die Körperschaft eine gewisse Schwerfälligkeit,, die sich nach manchen Richtungen hin fühlbar macht.

Man schreibt: , 3 ... I i

In der letzten Hauptversanimlung des Verems für I . Schulreform teilte anläßlich des Jahresberichtes der Vor- I sitzende den Versammelten mit, was ihm aus einer I Quelle, die er für zuverlässig zu halten Grundi hab* I über die Pläne des Kultusministeriums in der Schul- I reformfrage mitgeteilt sei. Das Latein solle nach wie I vor im Gymnasium sowohl wie im Realgymnasium in I der Sexta beginnen und in beiden wesentlich verstärkt I werden.' Das Griechische solle im Gymnasium bisOber- I iekunda yinausgeschoben, von da aber Mit 8 wochent- I Ltdien Stunden betrieben werden. In der Obersekunda I des Realgymnasiums solle das Englische beginnen. I lleberhaupt sollen die beiden Schulen einander so ge^ I nähert werden, daß sie als Einheitsschule mit Gabelung I von Ocrsckimdba an erscheinen. Dies geschehe mit Ruck- I licht auf die Zulassung der Realgymnasial-Abtturienten I zum Studium der Medizin. Die Zulassung dieser Schul- I nattung zum Studium der Rechtswissensckssift werde er- I wogen. Hierbei soll der Rat hoher Militärs Nicht ohne I Einfluß gewesen sein, die int Interesse der Kadetten- I Korps wünschen, daß die in diesen realgymnasialen An- I ftalten gewährte Vorbildung außer für die militärisch I Laufbuchi künftig auch zur Medizin und lieber noch auch [ -ur Jurisprudenz berechtige. Die Oberrealschulen sollen I ton wesentlichen unverändert bleiben, also wohl _ auch I im Punkte der Berechtigungen, und von den Reform- I schulen sei bei den Plänen des Ministeriums nicht viel die Rede gewesen. Man wünsche sie auch fernerhin als I

Experiment" zu behandeln. Man werde sie also weiter bestehen lassen, wolle auch Stadtgememden die darum bitten, nach wie vor die Erlaubnis zur Einrichtung geben, im übrigen aber weder fördernd noch hindernd emgreifen. | Dieser Reform-Entwurf solle demnächst einer Konferenz , von Sachverständigen vorgelegt werden. ^n der Ver­sammlung des genannten Vereins hielt man es zwar für möglich, daß ein rein büreaukratisches Denken zum Zwecke der Rettung des unverkürzten Lateinunterrichts und zum Zwecke der Abfindung mit zwei gelehrten rufen zu einer solchen formalen Konstruktion gelangen könne man prach dann aber einstimmig die Meinung aus, daß eine solche Lösung der Aufgabt: wenni sie dem Kaiser zur Genehmigung vorgelegt werde, dessen Zi stimmung schwerlich finden könne.

Wir können an diese Nachricht nicht glauben denn die Verwirklichung dieses Planes Ware alles andere eher, denn eine Schulreform. Vor allem: was soll die noch stärkere Betonung des Lateinischen? Seit 300 Jahren hegt dies Lateinische wie ein Mehltau auf der deutschem ort» ainalen Jntettigenz und hindert die freie selbständige htterarische Entfaltung der deutschen Sprache und damit I des deutschen Geistes man vergleiche doch gefälligst I einmal die Ausführungen unseres großen Dichters und I Schriftstellers Herder über diesen Punkt unb nun will I man unter dem Zeichen DerReform" noch eine stärkere I Betonung des Lateinischen einführen für die Elative Preis- I nnfip des Griechischen bis zur Obersekunda? Eine solche I Reform" wäre 'in Rückschritt schlimmster Art Wo bleiben die Oberrealschulen nut ihren aus dem modernen I Bedürfnisse abgeleiteten berechtigten Forderungen? Sollen I Heeinfaai mit diesemReformprogramm" erdrückt werden? tu ende und abertausend Männer aus Standen und «SESSi die Bildung Wissen und Können darstellen, I ssüwSSt®

Vision einverstanden ist. Jüngst erst hat bekanntlich m | Berlin eine Versammlung der Resormfreunde stottge- ! chnben, die in noch nicht zehn^Tngen rwolftauiend Unter­schriften aus den gebildeten Standen unseres Volkes für hr Gleichberechtigungsprogramm erhalten hat, und nun will man mtt einkr Reform, di- das Griechische beschneidet, das Lateinische verstärkt und die Oberrealschule nut ihren hervorragen^it Leistungen aus dem Gebiete des Deut chen, der modernen Sprachen, der Mathematik und Na urwrssen- fchaften übergeht, die berechtigten Wünsche werter Kre.se "^'Was^in^der^vorgeschlagenenReform" geboten wird, ist wie gesagt, ein Rückschritt, geeignet, die rnh.ge Entwickelung der ncudeutschen Schulreform ernsthaft in ^raae zu stellen Es müssen Darum alle, die die Bedeutung der S^ulfrage erkannt'haben, mit erhöhter Energie zu- sarnmenstehen, um gegen die versuchte Ueberrumpelung

Traiuicrung, sie ist in, Gegenteil der Meinung, dag ideale Gesinnung in Der Heranwachsenden Jugend durch energische I 1 Pflege des deutschen Geistes in seinen glanzenden Offen- I barungen heutiger .Kultur schöner erreicht wird, als durch I dm vlülologischen Luftspiegelungen einer alten, von uns I längst sittlich, national und intellektuell Überholten Kultur. I Tie geistige Zucht aber wird durch eine verstärkte Behänd- I lung der deutsck)en Litteratur, der deutschen Sprache und I Geschichte in ihrer glanzvollen Entwickelung, durch Be-I schäftigung mit modernen Sprachen und der glorieicheii I Naturwissenschaft strenger geübt, als durch bw auoschlietz- I lictie Beschäftigung mit Den alten Sprack)en, über Die be- I le^rt zu werden, erfolgreicher für Die allgemeine I

ist, als jeden Tritt in der sprachlichen Tretmühle fatalistisch I Umgäbe' Der Bekenner des modernen Bildungspro­gramms ist es deshalb, unermüdlich in treuer Arbeit fort- I zu fahren und namentlich auf die Gefahren der beabsich­tigten Reform nachdrücklich aufmerksam zu mack)en I

Was es im übrigen für Untverjitatskuriojct I noch giebt, erzählt neuerdings die //Zeitschrift für Philo- I sophie und Pädagogik": An allen 21 deutschen Uniber- I itäten werden Die Gymnasial-Abiturienten m allen tS'^ri I Der philosophischen Fakultät zur Promotion zugelassem I Die Zulassung Der Abiturienten Der Realgymnasien unD I Oberrealschulen wird sehr verschieden gehandhabt, selbst I an Universitäten desselben Bundesstaates. Die Real- I gymnasial-Abiturienten werden an 12 Universitäten (bav I unter echs preußische von zehn) in allen Facher^ an acht

Universen nur in den Fächern der neueren Sprachen

I Matbematik unb Naturwissenschaften, an 1 Universität | I (Erlangen) nur im Fache ber Mathematik und Nauirwrssen- schaften zugelassen. Die Oberrealschul-Abiturienten werben

I in einer Universität (Greifswald) in ^n Fachern z- I netaffeu, an 5 Universitäten nur in dem Fache der Mathe- I niatif und Naturwissenschaften an 13 Umversttal en. (dar- I unter 6 preußische) gar nicht, bei 2 Universitäten ist noch I keine Entscheidung getroffen. An allen Universitäten I ist. ein akademisches Triennium Voraussetzung der Zu- I lassung: Dispens hiervon kann an preußischen Univer- I fitäten nur der Unterrichtsminister erteilen; an den meisten I anderen deutschen Universitäten ist dieses Recht der Fakultät I selbst Vorbehalten. Eine Anrechnung von mehreren an I technischen Hochschulen zugebrachten Semestern findet bei I etlichen nichtpreußischen Universitäten m den mathemattsch- I wissenschaftlichen Fächern statt; doch wird wohl hierin bei I den preußischen Universitäten bald eine Aenderung gemast I ber neuen Lehramts-Prüfungsordnung vom 12 Sep- I tember 1898 eintreten, nach ber brei Semester Besuch tech- I nischer Hochschulen auf bas für bie Zulassung zur Prüfung

: I erforberte Triennium in ben mathematisch-naturwissen- : I schaftlichen Fächern angerechnet werben Em Dispens von ' 1 ber münblichen Prüfung kann bei uns m ^^ßen auf Grund einer gut abgelegten Lehramtsprüfung stattsinden.

Vor einiger Zeit hatte derReichsbote" die katholische Universität Freiburg in der Schweiz, die bekanntlich vor mehr denn Jahresfrist durch ben Exodus deutscher Professoren von sich reden machte, alsmönchische Winkelschule charak­terisiert, in der die deutsche Wissenschaft geächtet werde und der deutsche Name wie die deutsche Ehre vogelfrei seien. Das hat ben dort wirkenden Professor Dr. Ruh land, in Deutschland als rühiger Agitator für den Bund der Landwirte bekannt, in Harnisch gebracht, und er legt in einer Zuschrift an denReichsboten" für \S^urg cme Lanze ein. Seit dem Fortgänge der acht deutschen Pro. fessoren sei das wissenschaftliche 9^^

gesunken. Ruhland führt aus, so wert er als Protestant dazu in ber Lage sei, könne er behaupten, baß > schaftlichen Arbeiten ber in Freiburg wirkenden katholischen Theologen den echten wisstnschafthchen Geist eines Nikolaus Paulus atmeten, der als kaiholischer Priester nach mühsamer

I Quellenforschung das Märchen vom Selbstmorde Luthers zer- störthabe. Es seien 13 reichsteutfcheProfessoren und 89reichs- Ocutfche Studenten an der Universität gegenüber 3 P'ofef. ioren unb 23 Studenten polnischer Nationalität, Zahlen Deren Verhältnis schon dagegen spreche daß die Deutschen von den Polen in ihrem nationalen Empfinden behelligt würden. Gegenteilige Behauptungen stützten sich, auf An- gaben der 8. Demissionäre, und feien daher parteiisch.

I Wenn Professor Ruhland mit soviel Nachdruck betont, I daß die Darstellungen der Demissionäre parteiisch seien, so I muß man demgegenüber doch bemerken, daß auch er als em I Mitglied der angegriffenen Universität, das sich mit dieser I identisch fühlt, Partei ist und die Dinge durch eine parteiisch I gefärbte Brille ansieht. Wenn er bie Zustände m Freiburg äußerst erquicklich findet, so ist das ja seine Sache, aber er I kann nicht verlangen, daß die Betrachtungsweise durch die I Brillengläser, durch die er die Dinge anblickt, als einzig I richtig unb objektiv hingenommen wirb. Niemand wird I glauben, baß in der heutigen Zeit, wo der Kampf ums Dasem I wahrlich ernst unb schwer genug ist, die acht Professoren I leichtherzig um unbedeutender Kleinigkeiten willen das chnen I werte Lehramt und ihre Existenz geopfert haben -- auch der I nicht, dem die genaueren Thatsachen ihres Konfliktes mit I den Herren Python und Decurtius unbekannt find. Der Reichsbote" weist in seinen Bemerkungen, die er an die Ruhlandsche Zuschrift knüpft, darauf hin, daß die auS- geschiedenen Professoren die Rechtfertigungsversuche der Herren Python und Decurtius in der Replik ^..Herr Python und die Universität Freiburg in der Schweiz, München 1899 in der unbarmherzigsten Weise zerpflückt haben; ftrner, daß die Hauptorgane des deutschen Zentrums, DieGermania , in ihrer wissenschaftlichen Beilage und dieKöln. Volkszkg. , jene Rechtfertigungsversuche als völlig ungenügend und gänzlich mißlungen erklärt haben. Das besagt genug. Man kann ber Zentrumspresse gewiß nicht vorwerfen, daß sie gegen katholische Institutionen Partei nähme, wenn sie Nicht bie zwingende Notwendigkeit dazu treibt.

Die von Professor Ruhland angeführten Zahlen be-- weisen noch nichts gegen ben polnischen Terrorismus. Die Thaksache, daß zielbewußte, konsequent und mit einiger Be- harrlickkcitvorgehendeMinoritätenihren Geist zum herrschenden . zu machen verstehen, ist gar nicht so selten. Die reichs­deutschen Studenten, Deren Mehrzahl jedenfalls mehr der landschaftlichen Reize wegen nach Freiburg geht, werden wenig Neigung verspüren, sich dort durch Nationalitaten- kämpfe das Dasein zu verbittern, den Polen aber liegt die Neigung dazu gleichsam im Blut. Jedenfalls wiegen die von' den acht durch Jntriguen verdrängten Professoren an- geführten Thatsachen und die vom Kultusmimster Dr. Studt I im preußischen Abgeordnetenhause am 7. März gethanen amtlichen Neuerungen schwerer, als bie ^erlich Aw führnng von Zahlen. Deshalb sind bie BedenJJrofen Ruhland« nicht hinreichcnd, um b,c^""iStubt^mit ber wordene Meinung umzustimmen, welcher . putsche Bemer-nng. daß Freiburg eure * Lrnck ge. Jünglinge zu sein scheine, kurz

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