»it. 137 Zweites Blatt
Freitag de« 15 Juni
1900
Gießener Anzeiger
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Der Schluß der Reichstagssesfion
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Bekanntmachung.
Betr.: Schießübungen.
»ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß dal hessische Jäger-Bataillon Nr. 11 zu Marburg am 16., 21. md 23. l. Mts, von 7 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags Sestlhlsschießeu mit scharfer Munition südlich Holzhausen mit Micher und südöstlicher Schußrichtung abhalten wird.
Zu diesem Zwecke werden die den Forstort „die Seift" durchkreuzenden, von Holzhausen, Roßdorf, Mardorf und Erfurts- hausen in Richtung auf Roßberg, Hönigen und Deckenbach fihreuden Waldwege durch Sicherheitsposten abgesperrt werden, anb darf das vorstehend bezeichnete Gelände während der an- Mbenen Zeit nicht betreten werden.
Gießen, den 12. Juni 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
«rfteut »glich Btt Ausnahme des
Montag».
Die Gießener PaMttienötLtter Verden dem Anzeiger
Wechsel mit „Hess. Buibairr m. „Blätter ßr heil. Bolktkunde- Gchtt. 4ewü beigelegt.
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Dtt Vorstavd.
Wenn die Hundstage herannahen, Pflegen im Reichs- figc die heißesten Tage vorüber zu sein. Man kann es greifen, daß bei der gegenwärtigen, sich- täglich steigern- ivtil Hitze das Verlangen nach dem Abschluß der Tagunh fth bei den Abgeordneten recht lebhaft fühlbar macht. So ist denn am Dienstag mit dem Rest des noch merledigten Arbeitsstoffes aufgeräumt worden. Um das ermöglichen, hat der Reichstag noch am Montag eine gewöhnliche Ausdauer entwickelt in einer Sitzung, die mqezu neun Stunden währte, denn sie began um 12 Uhr mö endete um 8 Uhr 45 Min. Die Dienstagssitzung dauerte Hi 11 bis 6 Uhr. Das bedeutsamste des Tages war die Klärung des greisen Kanzlers, der aus die Entstehung b 5 deutschen Flotte hinwies und des weiteren ausführte, tci die Begeisterung für eine deutsche Flotte immer mit der
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später, am 3. März 1853 zur Welt kam. Kraft seiner Machtvollkommenheit durchbrach Nassir-Ed-din die Jahrhunderte alte persische Gepflogenheit, dem ältesten Sohn den Thron zu hinterlassen, und ernannte den fünfjährigen Musaffer- Ed-din zum Wali-Ahd, zum Kronprinzen. Der älteste Sohih des verstorbenen Schah, Sultan Massud-Schah, dem unmittelbar nach, seiner Geburt der Titel Sill es Sultan, Schatten des Herrschers, verliehen worden war, erhielt die Statthalterschaft der Provinzen Schiras und Jasd. Das Cherchez la femme hat in dieser Angelegenheit keine geringe Rolle gespielt.
Der Regent Persiens besitzt neben vier gesetzmäßigen, Frauen, den Akdi, eine unbeschränkte Anzahl von Konkubinen, Ssighe, deren Kinder alle gleichberechtigt mit denen der Hauptsrauen sind. Nachdem nun in Massud dem Schah ein Erbe geboren war, verliebte sich dieser in eine arme Tänzerin niedriger Herkunft. Er nahm sie in den Harem auf und unter dem Titel Furugh es Sultana, Leuchte des Reiches, stieg sie zu den höchsten Ehren auf. Ihre Verwandten erhielten die einflußreichsten Aemter. Ihre Kinder wuvden den Sprößlingen der Akdis in jeder Weise vor- 0 $ Nach, den Berichten soll sie weder jung noch besonders schö-n gewesen sein, als der jugendliche Schah ihr sein Herz schenkte, nichtsdestoweniger war ihr Einfluß auf Nassir-Ed-din schrankenlos. Sie setzte es durch, daß ihr Erstgeborener, Kassim Khan, 1856 zum Thronfolger ernannt wurde. Die russischen und englischen Diplomaten in Teheran ballten ob dieser Rechtsverletzung, aus der unabsehbare Verwicklungen entstehen konnten, die Faust sn der Tasche, wagten aber nicht, ihr Veto dagegen einzulegen, da die Heratfrage zwischen England und Persien brennend geworden war, und oer Schah bei guter Laune erhalten werden mußte.
Es war sehr ungemütlich« in Persien, bis der Zankapfel Kassim Khan selbst die Gewitterwolken, die den Frieden des Riesenreiches bedrohten, dessen Flächeninhalt bfem der Staaten Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Frankreich «gleichkornrnt, zerstreute. Kassim Khan starb, nach ihm sämtliche anderen Kinder der Furugh es Sultana, und beim Tode aller zeigten sich Erscheinungen, die auf Vergiftung schließen ließen. Ihr Tod dürste jedenfalls verschiedene andere Menschenleben gekostet haben. Ob aber die Schuldtragenden ihr Schicksal ereilte, erscheint fraglich.
Schweren Herzens und nach langem Zögern ging num Nassir-Ed-din daran, Musaffer zum Mali Ahd zu erklären., Er hegte keinerlei Zuneigung zu dem Sohne, liebte feine Mutter längst nicht mehr und haßte geradezu ihre Sippe, besonders ihren Vater, Prinz Fath Allah. Ein Teil dieses« Hasses traf naturgemäß auch den Kronprinzen, den Man deshalb von Teheran fernhielt. Man machte ihn zum Statthalter von Aser-Meidschan, der an der russischen und türkischen Grenze gelegenen Provinz, dessen östliche Küsts das Kaspische Meer bespült. In Täbnis residierend und mit seiner schmalen Appanage von 70 000 Toman, etwa 400 000 Mark, auf Sparen angewiesen, konzentrierten sich seine Interessen auf Sport, Jagd und Militärwesen, besonders Artillerie, die er theoretisch und praktisch bei jeder sich darbietenden Gelegenheit zu studieren bemüht war. An sonstiger Bildung steht er seinen Brüdern nach, besonders seinem Halbbruder Sill es Sultan, der die französische, englische, russische und deutsche Sprache notdürftig beherrscht, während ein jüngerer Bruder, Kamran Mirza, französisch und englisch perfekt spricht. Dieser Kamran, der Glückliche, das Kind einer Ssighe, deren Vater Maurerpolier — Maamar Baschi — gewesen, war das Lieblings- kind Nassiri-Ed-dins und wäre von ihm nach dem Tode- Kassims am liebsten zum Nachfolger ausgerufen worden,' wenn er die fremden Mächte nicht gescheut hätte. Schon! im Knabenalter erhielt Kamran den höchsten vom „Schatz in Schah (König der Könige), dessen Banner die Sonne ist, der heilige, erhabene und große Monarch, der unbeschränkte Herrscher und Kaiser aller Staaten von Iran" erteilbarenj Titel Naib es Sultana, Regent des Reiches. Er war beim Tode seines Vaters Statthalter von Teheran und Amir i Kahir, Oberbefehlshaber aller Truppen. Wie ersichtlich, hatte Musaffer-Ed-din-Mirza keinen leichten Stand, als ihn der plötzliche Tod seines Vaters zum Schah machte. Seine natürliche Klugheit und tüchtige, mit europäischen Diplomatie vertraute staatsmännische Berater, die er teils von seinem Vorgänger übernahm, teils selbst zu finden wußte, ließen ihn jedoch alle Hindeünisse beseitigen und seinem Lande den inneren Frieden bewahren. Er erfreute sich größerer Popularität als der oft blutdürstige, rücksichtslose Nassir-Ed-din, wozu auch sein dem Vater wenig! ähnliches sympathisches Aeußere beiträgt. Von Mittelgröße, trägt sein kräftiger Körper einen nach orientalr- fchen Begriffen schönen Kopf, dessen fast arische Züge em Erbteil der schönen Mutter sind. ,
Während der kurzen Zeit ferner Regierung setzte ev das von seinem Vater begonnene Reformwerk fort, dass durch die jetzige Europareife neue Förderung erfahren
wartet glatte Erledigung. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Flottenbegeisterung, die bis in die Reihen der freisinnigen Volkspartei hineinwirkte, zumal die Marineschwärmerei eine Art alten liberalen Erbstückes aus der Bewegung von 1848 darstellt, erheblich mit von Einfluß gewesen ist auf die Entschließungen eines Teiles der anfänglich. widerstrebenden Elemente im Reichstage. Dazu kam die Erinnerung an die Tage des Samoa-Konfliktes. Endlich, erfolgte gerade um die Zeit, als die Flottenkämpse im Reichstage ihren Anfang nahmen, die Beschlagnahme deutscher Dampfer durch englische Kriegsschiffe, die vielfach, lebhafte Entrüstung wachrief. Alle diese Umstände trugen dazu bei, daß die wesentlichsten Punkte der Vorlage schließlich« bewilligt wurden, obwohl die Deckungsfrage in etwas eigenartiger Weife gelöst wurde.
Hat die Reichstagsmehrheit in der Ablehnung' desGefetzentwurseszumSchutzederArbeits- willigen bewiefen, daß sie für polizeiliche Maßregeln' aus sozialpolitischem Gebiete nicht zu haben fei, so hat! sie andererseits auch ebenso die recht anspruchsvollen Anträge der Sozialdemokratie abgewiesen. Dagegen hat die Reichstagsmajorität den erfreulichen Willen entschiedenen Wirkens auf dem Felde praktischer Sozialpolitik bekundet. Das Deutsche Reich, das in der sozialen Gesetzgebung allen anderen Staaten ohnehin schon weit voraus ist, hat durchs die Arbeit des Reichstages im letzten Winter diesen Vorsprung noch vergrößert. Vor allem ist hier die Reform der Unfallversicherung zu nennen, die ein erhebliches Arbeitspensum darstellte. In Verbindung mit der bereits erledigten Reform der Invalidenversicherung und der in der künftigen Tagung zu erledigenden Kr an ke n versich,e ru n g wird damit ein Riesenbau sozialer Fürsorge vollendet sein, auf den unser Volk mit Recht stolz sein kann. Auch die Novelle zur Gewerbeordnung ist hier zu nennen. Ebenso ist mit Befriedigung hervorzuheben, daß das im Interesse der Volksgesundheit liegende Gesetz zur Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten noch vor dem Auseinandergehen der Reichsboten erledigt wurde.
Auf dem Gebiete der Münzpolitik hat der Reichstag in der letzten Tagung einen entscheidenden Schritt auf dem Wege von der hinkenden zur vollen Goldwährung gethan, indem er das Haupthindernis der reinen Goldwährung, die als vollwertige Zahlmünze bis zu jebehn Betrage geltenden Thaler auf den Aussterbeetat setzte.
Auch der Landwirtschaft hat der Reichstag in dem Kompromiß über das Fleischbeschau gesetz eine willkommene Gabe geboten. Konnte die Mehrheit sich auch nicht für die Forderungen einer kleinen Gruppe agrarischer Kreise erwärmen, so hat sie doch ein so weites Entgegenkommen gezeigt, daß die überwiegende Mehrheit der Landwirte durchaus mit dem Gesetze zufrieden sein wird und kann, wie ja denn auch eine erhebliche Anzahl der Konservativen dem Gesetze in der beschlossenen Form beistimmte.
Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß die seit Jahren in der Schwebe befindliche sogenannte Lex Heinze nach anfänglichen aufregenden Schwierigkeiten und starken Hindernissen schließlich nach Beseitigung der die .Kunst und die Freiheit des geistigen Lebens bedrohenden Steine des! Anstoßes endlich auch zum Abschlüsse gebracht ist.
Der Schah von Perfieu.
Der Herrscher eines der größten Reiche Asiens weilte dieser Tage in unserer Nähe. Der Schah von Persien steht int Begriff, in einem französischen Badeorte Wiederherstellung! seiner geschwächten Gesundheit zu suchen und zugleich den Monarchen der Weltmächte seinen Besuch zu machen. In seinem Zustande ist unterwegs eine Verschlimmerung eingetreten. Der Sonderzua mußte auf Station Schönfeld hinterstellt werden. Doch bereits in der Nacht vom 12. zum 13. dieses Monats traf er in Karlsruhe ein und am Morgen des folgenden Tages ist er nach Contrexville bei Mireeourt in den Vogesen abgereist.
Der Schah Musaffer-Ed-din Mirza, zu deutsch Sieger des Glaubens, weilt zum ersten Male auf europäischem Boden. Sein Vater, der am 1. Mai 1896 durch die Kugel eines Fanatikers getötete Schah Nassir-Ed-din, war der erste Beherrscher Persiens, der eine Europareise Erachte. Auch dem neuen Schah wurde es nicht leicht gemacht, sein Land zu verlassen. Es galt Vorurteile zu besiegen, Bedenken gewisser konservativer Kreise zum Schweigen zu bringen. Aber die wiederholten großen Reisen seines Vaters hatten bereits den Bann gebrochen, den Aberglauben und Fremdenhaß um die Fürsten des Reiches der Sonne gezogen, der es ihnen verwehrte, Puders als an der Spitze von Heeressäulen in fremdes Gebiet zu kommen.
Musaffer-Ed-din folgte seinem Vater auf dem Throne, obgleich« er nicht der älteste Sohn des Schahs war. Ein solcher wurde dem Schah zwei Jahre nach dessen Throne besteigung geboren, während Musaffer-Ed-din drei Jahre
»ansbuch
Etaeifterung für die deutsche Einheit Hand in Hand ge- uo;iqen fei. Fürst Hohenlohe las, wie man aus Berlin 'Hldet die Rede nick)t ohne Pausen mit leiser Stimme, ' Maß nicht alles, was er fagte, überall verständlich wurde, ■HÄ die Abgeordneten, die sich dicht um feinen Platz .Mart hatten, sich völlig still verhielten. Der Schluß 1 h Session erfolgte in kurzen Worten durch den Präsi- •bfliten Grafen Ballestrem mit einem Hoch auf den Kaiser.
Die abgelaufene Session weist eine ungewöhnlich hohe ffüirahl von Sitzungen auf. Kommt das nun freilich in , Ecu Linie auf das Konto des Umstandes, daß der Reichs- tan ihn Vorjahre nicht geschlossen, sondern nur vertagt • tfoe, so ist doch feit dem Wieberzusammentntt im No- ' bAb-er ein erhebliches Stück parlamentarischer Arbeit ge- worden Nicht nur arbeitsvoll, sondern auch sehr nwNrM war die parlamentarische Kampagne des letzten iBinbexd. Beim Beginne der Verhandlungen ließ sich das itaum. vermuten. Zu den ersten Thaten des wieder zu- Sbiwengetretenen Reichstages gehörte die recht schroffe ! Biegung des Gesetz-Entwurfes zum Schutze der ' Irbeiitswilligen, der von der Mehrheit nicht einmal einer 1 kvMiiissionsberatung für wert erachtet wurde. Der schließ- mj: Verlauf der Flottenberatung fand eine uner-
199.
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung
Vetr.: Die Wahl der Vertreter der GesellenauSschüsse von Handwerkerinnungen zum GesellenauSschuß der Handwerkskammer.
Nach Durchführung des in den §§ 7 und 8 der Wahl- erbnnng für den GesellenauSschuß der Handwerkskammer (Reg..Bl. v. 1899, S. 1377 ff.) vorgeschriebenen Verfahrens »irb hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß Karl Wilhelm Gengnagel, Bäcker zu Gießen, als Mitglied, md Johannes Hahn, Bäcker daselbst, als deffen Ersatz, «ann zum Gesellenausschuß der Handwerkskammer für den 3. Wahlbezirk gewählt worden ist.
Gießen, den 11. Juni 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Gießen, 12. Juni 1900. vetr.: Die Vertilgung der Blutlaus.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzh. Bürgermeistereien des KreiseS.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 30. April l. IS. (Kreisblatt Nr. 102) noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung erinnert.
v. Bechtold.


