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Drittes Blatt
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* Das Fleischeiufuhrverbot.
Gießen, am 14. März 1900.
Der Reichstag Hal die Fleischbeschauvorlage in zweiter Lesung nach den Kommissionsbeschlüssen mit einer nicht Dringen Majorität angenommen, indem er in den wesent. iichen streitigen Fragen über die Vorlage und die Wünsche der Regierung zur Tagesordnung überging. Die Kardinal- streitsrage, um die eS sich bei der Vorlage handelt, und die sür das Schicksal der Vorlage, deren dritte Lesung nicht mehr lange aus sich warten lassen wird, entscheidend sein wird, ist der § 14a, den die Reichstagsmehrheit in weit- gt-hendem Maße Über die Regierungsvorlage hinaus verschärft hat. Die Regierungsvorlage hatte, um jede Einfuhr gesundheitsschädlichen Fleisches wirksam zu verhindern, eine ergehende Untersuchung des vom Auslande eingeführten Fleisches vorgeschrieben und die Bestimmung getroffen, daß ' bk Vorlegung aller derjenigen tierischen Organe bei der Untersuchung verlangt werden kann, welche der Sitz von Seuchen sein können. Ferner hatte die Regierungsvorlage dem Bundesrat die Vollmacht erteilt, jede Einfuhr zu verbieten, bei welcher die Unschädlichkeit nicht mehr zuverlässig festgestellt werden kann. Mit dieser Garantie gegen die Einfuhr gesundheitsschädlichen Fleisches hat sich die Reichstag-Mehrheit nicht zufrieden gegeben, sondern mit 168 gegen 99 Stimmen den § 14a, wie er von der Kommission gefußt worden war, zum Beschluß erhoben. Dieser § 14a geht weit über bas hinaus, was die Regierung forderte und was von vornherein als das Ziel der Fleischbeschauvorlage hingestellt wurde. Nach dem Beschluß des Reichstags sollen über die Bestimmungen der Regierungsvorlage hinaus die Einfuhr von gepökeltem oder ähnlich zubereitetem Fleisch, ausgenommen Schweineschinken, Speck und Därmen, firner von Fleisch in Büchsen, von Würsten oder sonstigen Gemengen aus Fleischteilen, von dem Tage des Inkrafttretens dieses Gesetzes an verboten sein. Vom 1. Januar 1904 ab, dem Tage des Ablaufens der Handelsverträge, aber soll die Einfuhr sämtlichen Fleisches, ausgenommen Speck und Schweinschmalz, rundweg verboten sein.
Gegen diesen Beschluß sind sowohl von feiten der Minderheit des Reichstags, als auch von der Regierung die ernstesten Bedenken erhoben worden. Der Satz, daß die deutsche Landwirtschaft nicht im stände sei, den Bedarf der Bevölkerung Deutschlands an Fleisch zu decken, hat im Reichstage keine ernsthafte Anfechtung erfahren, und konnte dies auch nicht. Denn die Ziffern der Einfuhr zeigen deutlich, daß eine Ergänzung der deutschen Fleischproduktion bisher unumgänglich war, da ja kein Fleisch eingeführt wird, das nicht dem Verbrauch dient. Bon den Verteidigern des § 14a ist allerdings geltend gemacht worden, daß, wenn die deutsche Landwirtschaft auch bisher nicht den Fleischbedarf Deutschlands gedeckt habe, es doch außer Zweifel fei, daß sie es bis zum 1. Januar 1904 vermöge, Es ist unbestreitbar und eine erfreuliche Thatsache, daß die deutsche Viehzucht sich in einem lebhaften und allem Anschein nach andauernden Aufschwung befindet. So zeigt eine Zusammenstellung des statistischen Jahrbuchs über öie Vermehrung des Viehbestandes während der Zeit von 1892 bis 1897, daß die Anzahl der Schweine in dieser Zeit von 12 174288 auf 14274557 und die des Rindviehs von 17 555694 auf 18490772 gestiegen ist. Wenn auch anzunehmen ist, daß diese Steigerung, welche einen erfreulichen Aufschwung der deutschen Landwirtschaft auf diesem Gebiete erkennen läßt, weiter anhalten wird, so ist doch mit Recht dagegen Einspruch erhoben worden, folgenschwere Beschlüsse zu fassen, die zur Unterlage nicht den gegenwärtigen Zustand, sondern einen Zustand haben, der fürs erste nur angestrebt wird.
Bon feiten der Regierung sind bei den Verhandlungen im Reichstag schwerwiegende Gründe gegen diesen Beschluß des Reichstags erhoben worden, und der Staatssekretär Graf Posadowsky hat erklärt, daß an den maßgebenden Stellen die schwersten Bedenken gegen das Verbot bestehen, welches den Preis für ein unentbehrliches Nahrungsmittel, d<r schon bisher für weite Dolkskreise zuweilen unerschwinglich war, auf eine gefährliche Höhe treiben könnte. Freilich ist die Auffassung im Reichstage, sowohl bei den Freunden wie bei den Gegnern des Einfuhrverbots, allgemein die gewesen, daß Graf Posadowsky nicht mit freudigem Herzen b-en Standpunkt der Regierung gegenüber dem der Reichstagsmehrheit, mit deren Anschauung er im Grunde des Herzens anscheinend sympathisiert, vertreten hat. In der Dhat wird auch jetzt bereits berichtet, daß die Regierung zu einem Kompromiß in Bezug auf den Paragraph 14a
und einen anderen streitigen Punkt der Vorlag?, die Frage der Hausschlachtungen, bereit sei. Daß die Regierung auf die Kontrolle der Hausschlachtung verzichten würde, war anzunehmen, nachdem der Reichstag mit überwältigender Mehrheit die Freigabe dieser Kontrolle gefordert hat. Und in der That darf nicht verkannt werden, daß diese Kontrolle, so wünschenswert sie theoretisch sein mag, für die kleinen Landwirte eine schwere Last bedeuten würde, die von ihnen kaum getragen werden könnte. In Bezug auf den Paragraph 14a verlautet, daß die Regierung auf das Verbot der Einfuhr von Würsten und Büchsenfleisch eingehen, dagegen bei dem Widerstand gegen die anderen Forderungen dieses Paragraphen beharren will. Aber freilich bis zur dritten Lesung kann sich noch vielerlei ereignen, jedenfalls wird man sich schon jetzt allenthalben darüber klar werden müssen, von wie weitgehender und folgenschwerer Bedeutung für die weitesten Volkskreise die Frage ist, welche in dieser dritten Lesung zur Entscheidung kommt.
* *
Berlin, 11. März. Die „Natlib. Korresp." schreibt: Bei dem Fleischsch augesetz ist mit Recht beklagt worden, daß der Bericht über die Kommissionsberatungen erst unmittelbar vor Beginn der Plenarberatung bekannt gegeben worden ist, sodaß der Oeffentlichkeit jede Mitwirkung daran entzogen wurde, trotz der so weite Kreise berührenden Veränderungen, die der Gesetzentwurf in letzter Stunde in der Kommission erfahren hatte. In Sachen der „lex Heinze" scheint ein ähnliches Verfahren beabsichtigt zu fein. Wir enthalten uns jedes Urteils, aus welchen sachlichen Gründen; genug, es steht fest, daß ein sogen. Kompromißantrag seit mehreren Tagen ausgearbeitet ist, der schon lange mehr als 200 Unterschriften aus den beiden konservativen Parteien, dem Zentrum und den Antisemiten gefunden hat. In Anbetracht der Beunruhigung, die durch die zweite Lesung der Vorlage gerechtfertigterweise hervorgerufen worden ist, und in Anbetracht dessen, daß der Reichstag in allererster Linie als Organ des Volkes dafür zu sorgen verpflichtet ist, daß das Volk in so wichtigen Fragen zeitig aufgeklärt wird, würden wir es beklagen, wenn auch diese Kompromißvorschläge, deren Wortlaut bisher als ein Geheimnis der betreffenden parlamentarischen Kreise behandelt wird, bis unmittelbar vor der dritten Lesung der Oeffentlichkeit vorenthalten würden.
Lokales und ProvinsteUes.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 14. März 1900.
* «eschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 227 Jahr«, am 15 März 1673, starb in Rom der „Dante der Maler", Salvator Rosa. Der naturalistischen Schule angehörig, behandelte er vorzugsweise die düstere Sette des Lebens und der Natur. Er war zugleich Dichter, Tonkünftler, Improvisator, Kupferstecher und Kom« pontst Der Künstler wurde am 20, Juni 1615 zu Renella bei Neapel geboren.
** NittershausKonzert. Für den am Samstag dem 17. März abends 8 Uhr im Klub-Saale stattfindenden Opern- und Lieder-Abend des Kgl. Hofopernsängers Alfred Rittershaus aus Berlin gibt sich in unseren musikalischen Kreisen das lebhafteste Interesse kund. Da der Besuch voraussichtlich ein sehr reger sein wird, so können wir nur raten, sich rechtzeitig Karten in der Musikalienhandlung von Ernst CH allier zu bestellen. Das Programm ist ebenso reichhaltig als interessant. Herr Ritters- hauS beginnt mit dem berühmten Liede „Vorrei morir“ (Todessehnen) von Tosti — früher ein Paradestück Mier- zwinski's — welches an die Kunst des Singens die höchsten Anforderungen stellt und eine vollendete Beherrschung der mezza voce erfordert. Die Schubert'sche Ballade „Erlkönig" bildet die zweite Nummer. Als Schluß des ersten Teils singt Herr Rittershaus die bekannte „Hohe-6- Nummer" Wachtels, das Postillons lieb aus der Adam- schen Oper „Der Postillon von Lonjumeau". Zu Beginn des zweiten Teils bringt der Künstler die große Szene und Arie aus „Bajazzo", „Lache Bajazzo, mit dem Tode im Herzen", in welcher der um fein Lebensglück betrogene „Sanio" feinem Schmerz um den Verrat und die Untreue seines Weibes so erschütternden Ausdruck gibt, zum Vortrag. Herr Rittershaus hat diese Partie unter Leitung Leon- cavallo'S studiert und ist deshalb in der Lage, sie genau nach den Intentionen des Dichter-Komponisten wiederzugeben. — Dann hören wir zwei der schönsten Schubert-Lieder, „Der Neugierige" und „Die Nebensonnen" sowie eine eigene Komposition des Konzertgebers, „Das Mädchen
und der Schmetterling". Mit der machtvollen „Erzählung vom Gral" aus Wagner's „Lohengrin" beschließt Herr Uttershaus seine Vorträge. — Es steht unseren Mufik- reunden also ein außerordentlich genußreicher Abend bevor.
** Aus Anlaß des Osterfestes erhalten die gewöhnlichen Rückfahrkarten von sonst kürzerer Geltungsdauer auf den königlich preußischen und grotzherzog- lich hessischen Staatsbahnen eine verlängerte Giltigkeit von einschließlich dem zwölften Tage vor dem und bis zum zwölften Tage einschließlich nach dem ersten Oster- eiertage. In diesem Jahre erstreckt sich die Verlängerung ;er Giltigkeitsdauer von einschließlich dem 3. bis zum 27. April einschließlich. Es haben somit alle in der Zeit vom 3. bis zum 24. April gelösten Rückfahrkarten von sonst kürzerer Geltungsdauer Giltigkeit bis zum 27. April einschließlich auf den preußischen und hessischen Staatsbahnen. Die Rückreise muß spätestens ßm letzten Tage der Giltigkeitsdauer bis um 12 Uhr Mitternacht einschließlich angetreten und darf nach Ablauf dieses Tages nicht mehr unterbrochen werden, ist vielmehr alsdann mit den rm unmiteltbaren Anschluß nach der Ausgangsstation fahrenden Zügen ohne weiteren Aufenthalt zurückzulegeu. Als> unmittelbarer Anschluß gilt der nächste von der Aufchluß- station in der Richtung nach der Ausgangsstation abgehende Zug. Inwieweit die anderen Eisessbahnen und Dampfschiffahrtsgesellschaften dieser Vergünstigung sich anschließen, wird noch durch besondere Bekanntmachungen zur Kenntnis gebracht werden.
** Die atmen Witwen. Von der sozialen Lage per Witwen in Deutschland entwirft der bekannte Statistiker Prinzing auf Grund reichen Zahlenmaterials in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft ein düsteres Bild. Durch den Tod ihres Mannes tritt die Frau meist in die Reihe der ErwerbSthätigen ein, um teils in selbständiger, teils in abhängiger Stellung ihr tägliches Brot zu verdienen. Der. Prozentsatz der von eigenem Vermögen, von Pensionen und Renten lebenden Witwen nimmt mit dem höheren Alter derselben regelmäßig zu; denn die ältere Witwe hat eher Vermögen, da bei der längeren Dauer des Ehestandes Geld zurückgelegt werden konnte. Außerdem kann sie leichter mit einem kleinen Vermögen auskommen, da ihre Kinder meist herangewachsen sind und sich selber fortbringen. Die deutsche Berufszählung ergiebt jedoch, daß der größte Teil der Witwen in recht dürftigen Verhältnissen lebt. Mehr als ein Sechstel aller Wittwen in Deutschland ist entweder auf öffentliche Unterstützung und private Mildthätigkeit angewiesen, oder lebt, namentlich in Städten, wegen des unsicheren und ungenügenden Verdienstes in den ungünstigsten Verhältnissen. — Hier, meinen wir, wäre ein reiches Feld für eine wahrhaft praktische Thätigkeit der Frauenbewegung gegeben. Jede Frau, die selbständig zu erwerben versteht, ober sich sonst in guten Vermögensverhältnissen befindet, sollte eine kleine Steuer zu einem Witwenfonds beitragen, dessen Organisation praktische Frauen in die Hand nehmen müßten. __________
Marburg, 12. März. Im großen Saalbau-Saale tagte heute abend eine von hervorragenden hiesigen Einwohnern, besonders Professoren, einberufene öffentliche Protest-Versammlung gegen den von den Stadtverordneten gefaßten Beschluß, die Bäume, wenigstens teilweise in den Alleen unserer Stadt niederlegen zu lassen. Eingefunden hatten Zich nahezu 200 Personen. Man bedauerte sehr, daß ine herrlichen schattigen Promenaden auf solche Weise der Verwüstung anheimfallen sollten; ein Teil der alten Baumriesen, die aber noch sehr gesundes Holz hätten, fei bereits der Axt zum Opfer gefallen. Andere Städte würden alles darum geben, wenn sie solche Alleen besäßen. Nachdem eine ganze Anzahl von Rednern sich gegen den Beschluß her städtischen Behörden ausgesprochen hatte, gelangten zwei Resolutionen in der Sache zur Annahme. T
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