215 Zweites Blatt
Freitag de« 14. September 150. Jahrgang 1000
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Die Wirren in China.
Nach Meldungen aus Peking hatte Prinz Tsching eine Zusammenkunft mit Sir Robert Hart. Das Resultat dieser Zusammenkunft wird geheim gehalten. Der Prinz hat die gleichen Vollmachten wie Prinz Kung vom Jahre 1860. Er überbrachte ein Kaiserliches Dekret mit besonderer Anweisung vom Kaiser an Hart.
Die „Köln. Ztg." schreibt zu der Darstellung der Lage in Peking durch den „Times".Korrespondenten Dr. Morrison: Dieselbe beleuchte die durch den russischen Vorschlag geschaffene Lage aus das grellste. Die an dem Pekinger Verbrechen schuldigen Personen würden so deutlich gekennzeichnet, daß die ganze zivilisierte Welt entrüstet aufbegehren würde, wollte man diese ungestraft lassen. Sie laffe jetzt schon erkennen, daß ihre Straflosigkeit in den Augen der Chinesen einer Prämie für weitere Verbrechen gleichkommen würde. Es würde nicht lange dauern, bis ein neuer Ausbruch des Fremdenhasses einen neuen China-Feldzug notwendig machen würde. Das zu verhindern, sei der hervorragendste Programmpunkt aller Mächte.
Wie die „Post" von unterrichteter Seite erfährt, bestätigt sich die Meldung, daß die japanische Regierung nicht abgeneigt sei, sich einem Vorschläge der Mächte, dre Gesandtschaften nach Tientsin zu verlegen und die überflüssigen Truppen aus Peking zurück- zuzreh en, anzuschließen. — Dasselbe Blatt sagt weiter: Wenn die Petersburger Meldung, daß die französische Regierung ihre Zustimmung zu dem russischen Räumungsvorschlage gegeben habe, sich bestätigen sollte, so wü den jedenfalls die französischen Truppen erst dann aus Peking zurückgezogen werden, wenn auch die Ruffen nach Berück- fichtigung aller lokalen Interessen sich zur Räumung Pekings entschließen. Aus Paris wird telegraphiert: Die Pekinger Kommandanten jener Kontingente, die seitens ihrer Regierungen autorisiert wurden, einen geeigneten Moment zum Verlassen Pekings abzuwarten, beabsichtigen den Marsch nach Tientsin, sobald die Regenverhältnisse dies gestatten, in genügender Stärke anzutreten, um ansehnliche Abteilungen nach allen Seiten zur Aufsuchung der Boxertrupps abgeben zu können.
Das amerikanische Staatsdepartement veröffentlicht eine kaiserlich chinesische Verordnung, die ihm von dem chinesischen Gesandten in Washington übermittelt wurde. Diese Verordnung, datiert vom 24. August, hat folgenden Wortlaut: Wir bewilligen Li-Hung-Tschang eine uneingeschränkte Vollmacht. Er soll, ohne zu zögern, über alle Fragen, die seinem Urteil anheimgestellt sind, entscheiden. Bei der großen Entfernung, in der wir uns von ihm befinden, können wir seine Handlungen nicht kontrollieren. — Die Regierung der Vereinigten Staaten hat geantwortet, sie sei nicht im Stande, den Wert der Vollmachten Li-Hung-Tschangs zu beurteilen. Bevor nicht die Beglaubigungsbriefe geprüft sind, werden keine weiteren Schritte unternommen werden. Man will abwarten, ob Li-Hung-Tschang nicht nur die Verhandlungen beginnen, sondern auch die unverbrüchliche Versicherung geben kann, daß das Leben und Eigentum der amerikanischen Unter- thanen im ganzen chinesischen Reiche fichergestellt wird.
Die Ernennung Li Hung-Tschangs zumFriedens- v ermittler gilt in London als ein Triumph der russischen Politik. „Morningleader" meldet aus Shanghai, in dortigen gut unterrichteten Kreisen versichere man, daß Li-Hung- Tschang Frankreich und Deutschland Konzessionen gemacht habe, um sie zur Räumung Pekings zu bestimmen. Die Russen sollen die Mandschurei erhalten; worin die Konzessionen an Deutschland und Frankreich bestehen, wisse man noch nicht. — Dem Ersuchen des chinesischen Gesandten in Washington entsprechend, wird die amerikanische Regierung dem Vizekönig Li-Hung-Tschang das Panzerschiff „Nashville" zur Verfügung stellen, das ihn nach Taku bringen soll.
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Eine Truppenmacht der Verbündeten in der Stärke von 4000 Mann (Engländer, Russen, Italiener und Japaner) ist am 8. d. M. von Tientsin nach Tsinghaisien, südwestlich von Tientsin, abmarschiert, von wo aus Boxer den Bezirk von Tientsin bedrohen. Der Vormarsch wird in zwei Kolonnen erfolgen, um die Boxer in den Flanken anzugreifen. General Dorward befehligt auch die Japaner. Die Kolonne führt Belagerungsgeschütze mit und wird von einer starken Abteilung Kavallerie begleitet. Ein deutsches Kavallerie-Regiment und eine Batterie britischer Artillerie sind in Tientsin eingetroffen.
Freifrau v. Ketteler ist unter dem Schutz eines von Kapitän Pohl geführten deutschen Matrosen-Detache- ments am 7. ds. aus Peking abgereift und in Tientsin eingetroffen. Für die Weiterbeförderung der Freifrau von Ketteler, die sich zunächst nach Amerika begiebt, von wo sie im November in Münster eintreffen will, hat Admiral Kirchhoff alle Vorkehrungen getroffen. — Nach einer Londoner Blättermeldung soll es nunmehr feststehen, daß Freiherr von Ketteler von einem chinesischen Offizier auf Befehl der Kaiserin-Witwe ermordet worden ist. Ferner sei erwiesen, daß eine Vereinbarung zwischen der Kaiserin und dem Prinzen Tuan bestand zur Ermordung sämtlicher fremden Gesandten für den 30. Juli. — Eine Hungersnot in Peking scheine für den Winter unvermeidlich.
Die „Times" berichtet aus Peking, der russische Einfluß wachse täglich. Der japanische Vertreter stehe gänzlich unter dem Regime seines russischen Kollegen.
Die russisch-chinesische Bank verließ ihre Pekinger Bureaus und siedelte nach Shanghai über.
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Infolge des telegraphischen Glückwunsches des deutschen Kaisers ist ein vom 1. September datiertes Dank- Telegramm des ersten Sekretärs der deutschen Gesandtschaft in Peking, von Below, beim auswärtigen Amte eingelaufen. In einem zweiten Telegramm des Legationsrats von Below vom 2. September heißt es der Nordd. Allg. Ztg. zufolge: Dolmetscher Cordes ist wieder hergestellt und das Befinden der übrigen Gesandtschafts-Mitglieder gut, wenn auch durch die Ereignisse der letzten Monate beeinflußt.
Den im deutschen Marinehospital zu Aokohama befindlichen verwundeten deutschen Seeoffizieren und Mannschaften geht es den Umständen nach gut, und zuversichtlich erwarten sie unter der sorgsamen Pflege, die ihnen Leiter und Angestellte des Krankenhauses zuteil werden lassen, ihre völlige Wiederherstellung, soweit die Natur ihrer Verwundungen das zuläßt. Kapitän LanS sowohl wie die Herren unter Seymour haben unerschütterliche Zuversicht zu der Leistungsfähigkeit unserer Matrosen. Unter furchtbaren Entbehrungen, die Kommandierende wie Mannschaften in gleicher Weise zu ertragen hatten, bei Hunger und Durst, Schlaflosigkeit und den fortwährenden Angriffen der chinesischen Truppen, die auch nachts im Lager oder auf dem Marsch keine Ruhe ließen, zeigten die deutschen Matrosen und Seesoldaten eine Ausdauer, eine frischfröhliche Kampfeslust und einen so echten Soldatengeist, daß sich ihre Vorgesetzten gar nicht überschwenglich genug darüber ausdrücken können. Selbst als der Mangel an Schießbedarf die Lage recht bedenklich gestaltete und an die Selbstbeherrschung und moralische Kraft jedes einzelnen die größten Anforderungen stellte, versiegte die gute Stimmung der Mannschaft nicht, und ihre Offiziere konnten sich keine beffern Kameraden auf dem Kampfplatz wünschen. Kapitän Lans meinte, die Haltung seiner Unteroffiziere und Mannschaften bei dem Angriff auf die Forts von Taku sei eine völlige Offenbarung für ihn gewesen. Nie habe er bei einer Gefechtsübung im Frieden so wenig einzugreifen brauchen wie bei dem nächtlichen Feuer auf die chinesischen Festungen, die ein wirklich mörderisches- und ein auch nach unfern Begriffen gutgezieltes Feuer aus ihren 24om-Geschützen auf die Schiffe der Verbündeten abgaben. Das Feuer hätte allerdings noch besser sein können, bei wirklich vorzüglichen artilleristischen Leistungen wäre es den Chinesen ein leichtes gewesen, die kleinen Kanonenboote zu zerstören. So blieb glücklicherweise ihre Leistung, wenn sie auch nach den Erfahrungen des japanischen Krieges eine fast unbegreifliche Vervollkommnung aufwies, doch hinter dem höchsten erreichbaren Ziele zurück, und ihre Granaten schlugen ausnahmslos zu hoch ein, sodaß vitale Teile des Schiffes nicht verletzt wurden. Das Oberdeck und der Kommando-Aufbau sahen allerdings auch ohne das grausam genug aus. Die prächtige Ruhe, die alle, Offiziere wie Mannschaften, unter dem furchtbaren Feuer aus den modernsten, 35 Kaliber langen Krupp'schen Geschützen bewahrten, ist neben dem thatsächlich errungenen Erfolge der Einnahme der Forts das schönste Ergebnis des Gefechts, das weit über die augenblickliche Lage hinaus Wert hat als ein unschätzbares Unterpfand für die Leistungsfähigkeit unserer Marine.
Von unterrichteter Seite wird folgendes mitgeteilt: Durch einen Teil der Preffe ging in der letzten Zeit die Mitteilung, daß in Bayern eine gewisse Verstimmung bestände wegen der vom Reiche befolgten China-Politik.
Daß man es hier wieder einmal mit einer faustdicken Lüge zu thun hat, ist für den Kenner der Verhältnisse von vornherein klar. Noch jeder Schritt, den das Auswärtige Amt in Berlin in der China-Frage gethan hat, hat Bayerns volle Zustimmung gefunden, ja es wurden sogar von München aus mitunter Vorschläge unterbreitet, die wiederum in Berlin entsprechende Beachtung fanden und jene Lage mit herbeiführen halfen, in der sich heute das Reich in der China Angelegenheit befindet. Von einer Mißstimmung Bayerns über die gegenwärtigen Verhältniffe kann aber um so weniger die Rede sein, als sich trotz einzelner Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mächten in Bezug auf die Endziele der China Expedition in Deutschland nichts geändert hat und man sowohl in Berlin wie in München nach wie vor vollständig darüber einig ist, daß China in erster Linie für die Ermordung des deutschen Gesandten entsprechende Genugthuung zu geben und für die dauernde Herstellung gesicherter Zustände vollständig Gewähr zu leisten hat.
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Das russische Schiff „Zar" und das russischerseits gemietete deutsche Schiff „Phra" passierten mit russischen Truppen und Mitgliedern des Roten Kreuzes an Bord auf ihrer Fahrt nach Ostasien den Bosporus.
Nach einer Meldung aus Taku trafen die österreichischen Kriegsschiffe „Kaiserin Elisabeth" und „Aspern" dort ein und landeten 14 Offiziere, 168 Mann und zwei Geschütze. Weitere österreichische Truppenlandungen werden nicht erfolgen.
Die anfänglichen Kosten für die Entsendung indischer Truppen nach China belaufen sich nach englischen Meldungen auf mehr als 40 Millionen Mark. Bedeutende Reserven und Vorräte werden schnell nachgesandt.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
London, 13. September. Aus Shanghai wird gemeldet Prinz Tsching ist nach Peking zurückgckehrt. Prmz Yunglu befindet sich in der Umgegend bei Stadt. Li-Hung-Tschang meldete seine Abreise nach Taku für den nächsten Freitag in seiner Eigenschaft als Vize- komg der Provinz Petschili an. Er erklärte sich bereit, zu unterhandeln und den Kaiser wieder auf den Thron zu setzen, nicht aber die Bestrafung des Prinzen Tuan und der übrigen hohen Würdenträger zu vermitteln.
London, 13. September. Aus Shanghai wird gemeldet: Die Russen griffen Peitang zweimal an, jedoch ohne Resultat. Li-Hung-Tschang ist vom. Prinzen Tsching benachrichtigt worden, eine der Großmächte, bereit Namen er zu nennen sich weigert, habe folgenbe Bedingungen für einen Waffenstillstand gestellt: Neutralisation eines großen Teiles der Küsten-Region, Erlaubnis für die Großmächte, Garnisonen in den Ver- tragshäfen zu unterhalten, Hinrichtung der Führer der Boxer.
London, 13. September. Dem New Yorker Korre-. spondenten des „Globe" zufolge hat die amerikanische Regierung den amerikanischen Truppen, welche an der Expedition gegen die Stadt Shanghai-Tientuha teilnehmen sollten, befohlen, sich zu r ü ckz u zie h e n.
Marseille, 13. September. Die tonkinesische Post bringt Meldungen über Angriffe der Schwarzflaggen auf französisches Gebiet. Der Kommandant der Grenzwache verfügte, daß die Soldaten neu 'bewaffnet werden.
Marseille, 13. Sept. Das Packetboot Australia kam gestern mit 119 europäischen kranken und verwundeten Soldaten aus China hier an.
Wien, 13. September, lieber die Beschießun a und Zerstörung der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Peking veröffentlicht die „Polit. Korresp." folgenden Bericht von einem chinesischen Beamten: Am 14. Llbends kam es zu großen Zusammenrottungen in der Hatamen-Straße und in der bei der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft vorbeiführende Sir W bert Hart-Straße. Boxer, unterstützt von hauptstädtiMm Geiindel vollführten ein wüstes Geschrei bis tief in die Nacht. Bon der Gesandtschaft wurde auf die Aufrührer geschossen, von denen einige fielen. Am 19. Juni wurde deutsche Gesandte ermordet. Hierdurch kam es zum vollständigen Bruch mit den fremden Mächten. Die Re- Z^bning glaubte, daß nun nichts mehr zu retten sei, und« beschloß, die Kansu-Truppen zum Angriff auf die Gesandtschaften vorzuschicken. Am 20. Juni 4 Uhr nachmittags? eröffneten diese Truppen ein Gewehr- und Geschützfeuer^ Am 21. Juni bemerkte der Verfasser des Berichtes die Soldaten der Kansu-Truppen auf den Dachfirsten der Nach^ barhäuser sitzen, von mo sie die österreichische Gesandtschaft beschossen. Zwischen 1 und 3 Uhr nachmittags zerstörten die Angreifer diese Gesandtschaft und steckten sie in Brand. *


