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14.3.1900 Drittes Blatt
 
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Mittwoch den 14. März

Drittes Blatt

1900

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Gießener Anzeiger

Heneral-Anzeiger

2lnrts- und Anzeigeblutt fflt den Ktek Greben

Amtlicher Teil.

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Gratisdeilagen: Gießener Familienbiätter, Der hessische Landwirt, Dlätter für hessische Volkskunde.

Denn selbst auf der Rechten sind inzwischen manche Leute, selbst solche, die zu dem samosen Kunstparagraphen ihre Unterschrlst hergaben, kopfscheu geworden. Aber schön wäre es, wenn aus all den Wirren und Kümpfen, aus all den Sorgen und Mühen um Flotte, Stretkgesetz, Kanal und Fletfchschau, sich leuchtend als einziger schöner, großer Ge­winn, als das Ende vom Liede erhöbe: die lex Heinze!

Adresse für Depeschen: Anzeiger chleh« Fernsprecher Nr. 51.

Mn Anzeigen zu der nachmittag« für d-n Lag erscheinenden Nummer bi« Dorrn. 10 Uhr. «»Erstellungen spätesten« abend« vorher.

Rickert, Richter und Bebel wieder einmal in einer eminent wichtigen wirtschaftlichen Frage als die sicheren Stützen der Regierung zu er­blicken.

Nach den Erklärungen des Grafen Posadowsky und seineshohen Herrn", des Fürsten Hohenlohe, ist vor­läufig durch die Abstimmung über die Fleischschau ein neuer Gegensatz zwischen der Regierung und der par­lamentarischen Mehrheit, ein neuer, schöner Konfliktsstoff geschaffen. Es ist ungemein erhebend, einmal das bisherige Saldo nachzurechnen, und die einzelnen Posten mit ein­ander zu vergleichen. Da ist zunächst die Kanalvorlage. Die Konservativen und die konservativ gerichteten Teile des Centrums und der Mittelparteien sträuben sich mit allen Mitteln gegen ben Plan der Regierung; aus den eigentümlichen Maßregeln, die gegen die Landräte ergriffen wurden, erstand eine tiefgehende Erbitterung in den Reihen der Rechten, während die Linke des Jubels voll ist. Sollte also eine Auflösung des preußischen Landtags bei erneuter Ablehnung des Projektes sich als Notwendigkeit Herausstellen, so müßte Fürst Hohenlohe als preußischer Ministerpräsident alles daran setzen, die Konservativen zu decimieren, und Herr Eugen Richter wäre der Fahnenträger des neuesten Kurses. Aber da harrt ihres Schicksals die Flotte. Hier steht die Rechte durchaus auf Seite der Regierung, während der Freisinn sich sträubt und das Zentrum von Tag zu Tag eine weniger freundliche Miene zeigt. Immer deutlicher zeigen die Klerikalen die Neigung, mit dem üblichen schweren Herzen die Flottenfrage an der Klippe der Kostendeckung scheitern zu lassen. Schon mischt sich also in das brausende Hoch Eugen Richter" der gellende Ruf:Hoch Limburg- Stirum". Aber wenn in diesen beiden Fragen wenigstens die Nationalliberalen geschlossen für die Regierung ein­zutreten vermögen, so sorgt wieder die lex Heinze dafür, daß kein Mann dieser Richtung sich in die Schlachtreihe der Re­gierung, wenn anders sie dem Kunst- und Theaterparagraphen zustimmt, ohne zu erröten zu stellen vermag. Und man darf die Tragweite der lex Heinze nicht unterschätzen. Gerade ein Gesetz dieser Art ist bezeichnend für Wesen und Art einer Regierung, und Graf Posadowsky oder Fürst Hohenlohe oder wer immer seinen Schild über die verletzte Scham­haftigkeit RoerenS und seiner eauve-garde von Kaplänen halten mag, wird vor der Geschichte nicht an der Thatsache vorübergleiten, daß sie unter dem Proteste eineS Menzel, eines Böcklin, eines BegaS oder Hauptmann, ja sogar eines Wildenbruch zu Schleppträgern der Dunkelmänner wurden. Schon ist die Mischung wundervoll: Herr Satter ist für den Kanal, für die Flotte, gegen die lex Heinze, Herr Richter ist für den Kanal, gegen die Flotte, gegen die lex Heinze, die Heiligen vom Zentrum jubeln ihrer lex zu, aber sie sind zur Hälfte gegen den Kanal und zu zwei Dritteln gegen die Flotte. Nun tritt das Fleischschaugesetz noch als Sauerteig hinzu. Hier ist Graf Limburg - Stirum und das ganze Zentrum gegen die Regierung, während wieder Herr Eugen Richter jubelt und die beiden Seelen der Nationalliberalen kräftig auseinanderdrängen. In der Streikvorlage endlich, wie überhaupt in sozialpolitischen Fragen, hat Herr Bassermann zur Freude des Zentrums und der Linken der Negierung den Handschuh hingeworfen, und nur der Schild der Kon­servativen deckte die Minister. So zeigt sich dem erstaunten Auge in der That eine seltsame Mischung, und andächtig steht man vor einer Regierungskunst, die mit Grazie in allen Farben schillert.

Man darf gespannt sein schreiben dieLeipziger Neuesten Nachrichten" auf die positiven Erfolge, die sich bei alledem Herausstellen werden. Die Kanalvorlage ist abgelehnt. Die Aussichten der Flottenvorlage, die so überaus günstig waren, haben sich immer mehr verschlechtert, nicht nur, weil das Zentrum wieder einmal sein altes Spiel des HinauSzögerns treibt, sondern auch weil unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Abneigung der leitenden Kreise bei den Agrariern die Thatenfreude abnimmt. Die Streik­vorlage ist gleichfalls gefallen, man hat sie eingescharrt im dustern Keller. Das Fleischschaugesetz wird im letzten Falle Flickwerk bleiben, es wird wahrscheinlich überhaupt nicht zur Annahme gelangen. So bleibt nur noch die lex Heinze. Und da können allerdings bisher die Hoffnungen des Zen- trums als rosenrot erscheinen, und wenn nicht die Freunde der geistigen und künstlerischen Freiheit Mann für Mann zur Abstimmung erscheinen, so könnte auf diesem Gebiete und nur hier die Regierung, die ja der klerikalen Auffassung sich völlig angeschlossen hat, einen glänzenden Triumph feiern. Vorläufig freilich zweifeln wir selbst hier noch.

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und

Mt Herren Vertrauensmänner des Hilfsvereins für die Geisteskranken in Hessen.

Am 1. Mai l. IS. werden in der hiesigen Anstalt mehrere Wärterftellerr frei, und ersuchen wir Sie hier­durch ergebenst, zur geeigneten Wiederbesetzung dieser Stellen durch gesunde, geistig geweckte und gut beleumundete, un­verheiratete junge Männer Ihren Beistand uns gewähren m wollen.

Anfangslohn 350 Mk., nach 1 Dienstjahr 400 Mk., nach 2 Dienstjahren 500 Mk., dazu freie Station, ein­schließlich vollständiger Dienstkleidung, und nach 6jähriger guter Führung eine bare Prämie von Tausend Mark.

Bei Ihnen einlaufende Meldungen bitten wir nebst Ihren gutächtlichen Aeußerungen zunächst nur brieflich an ums gelangen zu lassen. In derselben Weise wollen sich Bewerber, welche den unmittelbaren Weg der Meldung vor- ziehen, an uns wenden.

Heppenheim a. b. B., 6. März 1900.

Großherzogliche Direktion der Landes-Irrenanstalt. ' Medizinalrat Dr. Bieberbach.

Tas Ende vom Liede.

Wie rührend zaghaft klingt es, wenn das holde Käthchen von Heilbronn mit seinen blauen Kinderaugen aufschaut zum Grafen Wetter vom Strahl unb lispelt?Mein hoher Herr". Und sanft elegisch klang auch von den umbarteten Lippen des Grafen Posadowsky die Anrede an die Reichs­boten, die hartherzig für das amerikanische Fleisch eine sorgfältige Untersuchung forderten:Meine hohen Herren". Aber ach, der Graf vom Strahl sträubt sich recht lange gegen den Liebreiz des blonden PflegetöchterchenS des Waffenschmiedes Theobald Friedeborn, und auch der Reichstag hat sich spröde gezeigt gegen die kosenden Worte des Mini­sters, nur diehohen Herren" von der äußersten Linken, die Pachnicke, Wurm und Fischbeck, sowie der Proletarier Singer, zeigten jene sanft hingebende Stimmung des Heil­bronner Jungfräuleins:Mein Friederich, mein Angebe­teter! Was soll ich auch von dieser Rede denken? Du willst?Du sagst?"Nichts, nichts, mein süßes Kind."

Es war einerecht ansehnliche Mehrheit, die das Fleisch, schaugesetz in seinen wichtigsten Bestimmungen nach den Be­schlüssen der Kommission, also in ziemlich schroffem Wider- spruch zu den Wünschen der Regierung annahm. Und diese Mehrheit wird schwerlich durch Abkommandierungen und ähnliche taktische Kleinmittel bei der dritten Lesung sich in eine Minderheit umformen. Denn allzu bedeutsam ist das Gesetz für die Zukunft der deutschen Landwirtschaft und zugleich für die Gestaltung der künftigen Handelsverträge. Das ist nicht zuviel gesagt. Denn wenn jetzt schon die Regierung mit voller Klarheit erkennt, daß die schönen Tage der Leichlherzigkeit, wie sie unter Herrn von Caprivi gekommen waren, für alle Zeiten vorüber sind, daß der deutsche Reichstag fest entschlossen ist, nicht zum zweiten Male bei dem Abschluß von Verträgen diewirt­schaftliche Stärkung der Bundesgenoffen" zum leitenden Gesichtspunkt zu machen, so wird auch in den künftigen Verhandlungen die Stellung unserer Regierung eine ganz andere Stärkung erfahren, als wenn das Ausland mit einer windelweichen Volksvertretung rechnen darf. Nicht einmal das schwere Geschütz, das Fürst Hohenlohe noch zuletzt ab feuerte, die in acht Zeilen niedergelegte Versicherung, daß er zwar einst versprochen habe,selbstredend gegenüber der ausländischen Einfuhr von Fleisch und Fleischwaren min­destens gleichwertige hygienische Vorsichtsmaßregeln zur An­wendung zu bringen, wie gegenüber den inländischen Er­zeugnissen", daß er aber trotzdem sich gegen die Beschlüsse - der Kommission erklären müsse, selbst diese Kanonade aus demlong Tom" des Reichskanzlers brachte die Störrigen nicht auf den Pfad der Umkehr. Nur bei den National­liberalen finden sich einige sturmerprobte Männer, die mit ihrer Entscheidung, wie Herr Paasche mitteilte, noch ab» warten werden, ob die Regierung ihren Standpunkt wahrt, uni sich darüber klar zu werden, welche Ueberzeugung sie hegen. Es ist nicht übermäßig erquicklich, die radikalen Parteien unter Führung der Herren

Vermischtes.

* Ein tapferer Knabe. Auf Anordnung des Kaisers ist. der Realschüler Walther R a e t t i g zu Berlin öffentlich belobt worden, weil er im August vorigen Jahres in Schwerin a. W. bei einem Ferienaufenthalt einen elf­jährigen Knaben unter eigener höchster Lebensgefahr vom sicherem Tode des Ertrinkens gerettet hat. Die Belobigung erfolgte mit Aussicht auf spätere Verleihung der Rettungs­medaille am Bande.

*Einstundjetzt. DieStraßburger Post" schreibt: Denjenigen, der jeden Tag im Schnellzug mit Speisewagen und allen Bequemlichkeiten nach Wien fahren kann, wird folgende Anzeige interessieren, welche im Straßburger An­zeigeblatt vom 10. März 1800 zu finden ist:Das Hand­werk der Schiffleute zu Ulm an der Donau macht andurch bekannt, daß am 17. Ventose (8. Mürz) das erste und den 11. Germinal (1. April) das zweite, dann aber alle acht Tage ohnfehlbar ein Ordinari Schiff von Ulm nach Wien abfährt, und an alle an der Donau gelegene Orte Güter und Reisende zu den billigsten Preisen aufnimmt. Für die Be­quemlichkeit der Passagiere wird dadurch bestens gesorgt sein, daß für dieselben ein besonderes Zimmerchen zuge­richtet wird, welches bei kalter Witterung geheizt werden kann. Diejenigen Passagiere, welche für ihre Person selbst akkordieren wollen, wenden sich an denjenigen Schiffs- meister, welcher das Ordinari-Schiff führt, und jedes mal auf deren HerbergeZur goldenen Sonne", woselbst auch Passagiere logieren und sich die billigste Bedienung ver­sprechen können, zu erfragen ist". So reisten vor 100 Jahren unsere Altvordern nach Wien. Bis nach Ulm mit der Kutsch und von dort zu Schiff.

* Die Kosten des Krieges für England. The Economist" teilt mit, daß für 1900/1901 die totale Ausgabe auf 61500 000 Pfund Sterling (einundeinehalbe Milliarde Mark) beträgt, wovon 1. für die normale Ver­größerung 21 778 000 Pfd. Sterl., 2. für die fortlaufenden Mehrausgaben für das Heer 1 925 000 Pfd. Sterl., 3. für spezielle zeitliche Maßregeln zur Verteidigung des Mutter­landes 6 288 000 Pfd. Sterl. Man nimmt bei 4. an, daß das ganze Heer zu Felde in Süd-Afrika bis 30. September unterhalten wird. Die außergewöhnlichen Kriegsausgaben (die zu 3. und 4. zusammen) betrugen folglich 37 797 000 Pfund Sterling. Jedenfalls soll der südafrikanische Krieg die Ursache der großen Mehrausgaben für das englische Heer sein, in Wirklichkeit rüstet man gegen Rußland.

* Die römische Schreibart des neuen Jahr­hunderts MDCCC oder MCM? Wie soll man schreiben? Die Pariser Akademie hat beide Schreibarten für zulässig erklärt, jedoch der Bezeichnung MCM für Aufschriften und Medaillen den Vorzug gegeben.

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