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13/11/1900 Drittes Blatt
 
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Dienstag dm 13 November

Drittes Blatt

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ihm, Stierstädter, ein schönes Sümmchen geboten worden sei. '

Justizrat Dr. Sello erklärt hierauf, er halte es für seine Pflicht, nunmehr kund zu thun, daß er fern früheres Bedenken, ob nicht Herr Stier­städter zu Ungunsten Sternbergs Beziehungen mit der Zeugin unterhalten habe, für wider-

Aus Stadt und Fand.

Gießen, 12. November.

-r. Breungeshain, 10. November. Gestern nachmittag «achte der Klubwtrt vom HoherodSkopf, der seit etwa 8 Tagen seine Wohnung für den Winter wieder im Dorfe aufgefchlagen hat, die unliebsame Entdeckung, daß im Slub- hause ein Einbruch verübt und ihm mehrere Flaschen Champagner, ein Schinken, ein Quantum Solperfleisch und mehrere Kistchen Cigarren gestohlen waren. Italiener, die beim Bahnbau bei Ilbeshausen beschäftigt find und vor­gestern in einer hiesigen Wirtschaft Champagner spendierten, sollen die Thäter sein.

Niedergirmes, 9. November. In vergangener Nacht gegen 1 Uhr wurden die Bewohner unseres Ortes durch Feuerlärm aus dem Schlafe geweckt. Es war ein Scheunenbrand ausgebrochen, welcher die den Landwirten PH. Götz und Philipp Reinhardt V. gehörigen Scheunen ergriffen hatte. Trotz angestrengtester Löschversuche, welche uon den hiesigen. Mannschaften und der aus dem benach­barten BlaSbach herbeigeeilten Hilfe gemacht wurden, gelang es nicht, die beiden Gebäude zu retten. Sie brannten fast vollständig nieder, der Rest mußte zusammengeriffen werden, «m die drohende Weiterverbreitung des Brandes zu ver­hindern. Beide Besitzer sind versichert und zwar nicht nur hie Gebäude, sondern auch ihr Inhalt. Außer von BlaS- hach war auch noch von andern Orten Hilfe gekommen, hoch brauchte diese nicht mehr in Anspruch genommen zu «erden.

Mainz, 9. Nevember. Die sogenannteMeer- rettigflottille", die alljährlich, mitMeerrettig beladen, lon Bamberg hier eintrifft, ist wieder am Fischthor ein» getroffen. Schon seit undenklichen Zeiten treffen im Herbst die Meerrettigverkäufer mit ihren großen Fahrzeugen, die hoch beladen sind, hier ein, um ihre Waren und schließlich auch die stets neuen Fahrzeuge hier abzusetzen und dann vieder die Rückreise gewöhnlich mit der Bahn anzutreten. 3on Jahr zu Jahr nimmt aber dieser Transport ab; «ährend in früheren Jahren weit über hundert Schiffe be­loben von Bamberg hier eintrafen, sind jetzt nur noch drei hier eingetroffen; in einigen Jahren dürften auch diese, dem Zuge der Zeit folgend, verschwunden sein.

Pfeffer sofort zu laden.

Die Zeugin Pfeffer sagt ferner aus, sie habe der Margarethe Fischer einmal geschrieben, sie solle doch in dieser entsetzlichen Sache die Wahrheit sagan. Wenn Sternberg schuldig sei, dann müsse sie es sägen. Sei die ganze Woyda-Sache aber nicht wahr, dann wäre es furchtbar, wenn Sternberg unschuldig verurteilt würde. Angeklagter Sternberg wirft den Aussagen dieser Zeugin wiederholt in höchster Erregung das Wort Lüge entgegen, sodaß der Vorsitzende ihm das ernstlich! untersagt. Er entschuldigt sich damit, daß er hier um seine ganze Existenz kämpfe und naturgemäß durch solche total un­wahren Beschuldigungen erregt werde. Er meine, die Zeugin müßte sich schämen, so etwas hier auszusagen. Präs.: Wer sich in diesem Prozesse zu schämen hat, ist eine Sache für sich

Der betreffende Brief der Margarethe Fischer

wird verlesen. ,

Nach! einer kurzen Pause wird die Zeugin Pfeffer auf Antrag des Staatsanwalts noch über Unterredungen, die Direktor Luppa und ein Herr Direktor Bopp mit ihr gehabt haben, vernommen. Bei einer dieser Unterredungen habe Bopp auf ihre bedrängte Lage hingewiesen, der Briefe der Margarethe Fischer Erwähnung gethan und sie gefragt ob sie' diese nicht herausgeben könne. Sie habe es aber ab gelehnt, auch nachdem ihr 1000 Mark ge­boten worden seien. Bopp habe auch gelegentlich davon gesprochen, daß sie fortgeben solle. Sonstige po­sitive Angebote weiß die Zeugin nicht zu melden.

Die alsdann an Gerichtsstelle erschienene Verwandte der Zeugin Pfeffer ist jetzt 28 Jahre alt Sie soll darüber bekunden, ob es wahr sei, daß der Angeklagte Sternberg sie, als sie noch Kind war, also vor etwa 15 Jahren unsittlich berührt habe. Dre Zeugin Pfeffer behauptet es, das junge Mädchen erklärt aber, daß sie sich auf einen derartigen Vorfall ganz und gar nicht besinnen könne, sie bleibt auch dabei, obwohl die Zeugm Pfeffer ihr einzelne Daten vorhält, die ihr Gedächtnis schärfen sollen. .r. ,,

' R-A Dr. Werthauer be mtragt, den Schreib,achver- ständigen Sekretär Altrichter mit der Prüfung der Frage zu betrauen, ob einige der zahlreich emgelaufenen ano­nymen Briefe etwa von der Hand des Schutzmanns Stier­städter herrühren. Der Gerichtshof beschließt die Vor­ladung des Herrn Altrichter. Der Staatsanwalt bean­tragt, auf Grund einiger anonymer Briefe noch ewige Zeugen zu laden, die angeblich über Bestechungsversuche an 'der Frieda Woyda bezw. über Zugeständnisse des An­geklagten Sternberg bekunden sollen, u. a. die Redakteure Dr. Brehmer, Cuno und den Berichterstatter Wolter. Die Zeugen sollen sämtlich geladen werden. Hierauf wird die weitere Verhandlung auf Samstag 9 einhalb Uhr vertagt.

legt erachte. c ,

Angekl. Sternberg: Er stehe dochnicht ganz aufdemStandpunktderVerteidigung. Wenn auch kein Anhaltspunkt dafür vorliege, daß Herr Stier- | städter die Pfeffer beeinflußt habe, so behaupte er doch, daß Frl. Pfeffer von einer intensiven Feindschaft gegen ihn beseelt sei und den ganzen Haß, den sie gegen ihn hege, auf Herrn Stierstädter übertragen habe. Es kommt über diese Behauptung des Angeklagten zu einer sehr erreten Szene zwischen ihm und der Zeugin. Die Zeugin, die sich in immer größeren Groll ymemredet, behauptet schließlich, daß er sie zur Kuppelei t r e i b e n w o l l e n , daß er von ihr verlangt habe, ihm kleine Mädchen von 1214 Jahren zuzuführen und daß er auch! gegen eine kleine Verwandte Unanständig­keiten begangen habe bezw. habe begehen wollen. Sie habe sich geweigert, ihm dieses Verlangen zu erfüllen und auf das Zuchthaus verwiesen, worauf er angeblich gesagt habe, es schade ja nichts, wenn sie emmal in's Zuchthaus gehe. Der Angeklagte zeigt hier durch heftige Geberden an, daß er diese ganze Erzählung für Er­findung erachte und giebt dieser Ansicht auch- erregten mündluhen Ausdruck, wird aber wiederholt von der sehr empörten Zeugin mit den Worten unterbrochen:. Es ist doch wahr? Wenn mich ein Millionär tyier schließlich noch zur Kupplerin machen will, dann kenne ich keine Rücksicht mehr.

Der Gerichtshof beschließt, die Verwandte der Zeugm

Gerichtssaal.

l. Gießen, 9. November. (Schöffengericht.) Ein älterer Schneider aus Beuern, der indes viel lieber als fahrender Musikant auf der Harmonika sein Dasein zu fristen sucht, wobei er es keineswegs verschmäht, die

Mildthätigkeit seiner Mitmenschen in Anspruchs zu nehmen, ist seitens seiner Heimatsgemeinde, um wieder an geord­nete Verhältnisse Gewöhnt zu werden, zwangsweise m einer dortigen Familie untergebracht worden. Um fernem Groll dieserhalb Luft zu machen, ließ sich der Gemaß­regelte öfters zu Ausschreitungen hinreißen, die ihn nut den Bestimmungen des Strafgesetzbuches in Konflikt; bringen. Erst neuerdings ist er wieder wegen UebertretunA des h 360 11 St.-G.-B. mit einer Haftstrafe von 3 Tagen belegt worden. Doch hat er dagegen Einspruch erhoben, der indes wegen Nichterscheinens des Einsprucherhebenden kostenfällig verworfen wird. Demnächst wird em wegeu Bettelns, Landstreicherei, Diebstahls und Sachbeschädig­ung mehrfach vorbestrafter Arbeiter aus Remscheid dem Antrag des Amtsanwalts gemäß in eineHaftstrafe von 14 Tagen genommen, von der die seit dem 5. d. Mts. erlittene Untersuchungshaft in Abzug gebracht werden soll, coer i Nachdem die unterm 26. Oktober für heute vertagte Labe Strafsache gegen eine hiesige Lauffrau wegen Dieb aM 9 - I in Verhinderung der Angeklagten infolge ihrer Zeugew- Vernehmung beim Amtsgericht Wetzlar wiederholt aus­gesetzt und neuer Verhandlungstermin für den 27 No­vember anberaumt werden mußte, wird m die Verhand­lung gegen einen vorbestraften Weißbinder von Wieseck einqetreten, der sich wegen Sachbeschädigung zu verant­worten hat, weil er dringend verdächtig ist, m der Nacht zum 10. September zwischen 2 und Uhr das Fenster eines ihm schräg gegenüber liegenden Hauses m t dessen Bewohnern er auf gespanntem puße leben soll, durch baß Einwerfen einer Fensterscheibe un Werte von 25 Pfg. be­schädigt zu haben. Der Angeklagte stellt die ihm zur Last gelegte Beschuldigung in Abrede, wie er auch da» Bestehen eines gespannten Verhältnisses zwischen ihm und der angeblich Geschädigten bestreitet. Durch die Zeuge« kann indes weder das eine noch das andere erwiesen wer­den sodaß auf Freisprechung erkannt wird. In der Privatbeleidigungssache eines hiesigen Postschaffners gegen die Ehefrau eines hiesigen Bahnassistenten lautet das Urteil lauf eine Geldstrafe von 15 Mark wegen Vergehen« im Sinne § 223 St.-G.-B. Der letzte Geaenstand der Tagesordnung, ebenfalls eine Privatbeleidigungsklage gegen einen Zimmermann aus Allendorf a. d. Lahn fmdet durch Vergleiche seine Erledigung.

Prozeß Sternberg.

Berlin, 9. November.

Nach Eröffnung der heutigen Sitzung teilt Staats­anwalt Braut mit. Durch das Schreiben emes Lehrers tvecde ihm mitgeteilt, daß die Frieda Woyda auch! drei ihrer Mitschülerinnen von den Vorgängen erzählt habe. Ls stehe zwar noch nicht fest, zu welchem Zeitpunkte dies zewesen ist, er beantrage aber, die drei Schülerinnen sofort als Zeuginnen vorzuladen. Der Gerichtshof be- Weßt dementsprechend.

Es soll sodann Frl. HelenePfeffer als Zeugm vernommen werden. Die Zeugin Pfeffer ist eine 40 Jahre alte kranke Dame. Sie war vor etwa 18 Jahren, als Herr Sternberg noch unverheiratet war, bei ihm Wirtschafterin und hat mit ihm engeren Verkehr gehabt. Sie fei schließlich im Groll von ihm geschieden. Er habe ihr den Vorschlag gemacht, daß sie ein Damenpen- Kionat einrichten solle und daß er dann auch öfter hinkommen wolle. Darüber seien sie in Konflikt geraten und sie sei im Unfrieden von ihm ge­mieden. Herr Sternberg habe mehrfach gesagt, er wolle für sie sorgen, er habe es aber dann nicht gethan. fern der ganzen Woyda-Sache habe sie keine Ahnung gehabt und könne darüber gar nichts sagen. Präs.: Wie sind Sie nun auf die Polizei gekommen und zwar gerade zu der Zeit, als Frieda Woyda dort vernommen wurde? Zeugin: Sie sei sehr erschreckt über die Mit­tellungen des Herrn Stierstädter gewesen und habe be­fürchtet, daß, wenn die Angelegenheit in die Zeitungen komme, auch! ihr Name damit verquickt werden würde. Deshalb sei sie auf das Polizeipräsidium gegangen. Auf dem Korridor habe sie Herrn Stierstädter gesprochen und dieser habe gesagt, sie brauche nichts zu erzählen. Die Zeugin erzählt dann auf Befragen eine Reche von Vor­fällen" in welchem von den verschiedensten nahe gelegt worden sei, doch ihrem Haß gegen Sternberg, den sie bestreite, nicht zu weit nachzugeben und sich lieber mit ihm zu versöhnen, Seine Dank­barkeit würde dann wohl keine Orenzen kennen. Zur Verlesung kommt dann em 93rtef Oer Zeu gin an den Schutzmann Stierstädter, aus dem hervor- yeht, daß sie diesem das größte Vertrauen entgegen» «rächte. .In dem Briefe wird auch eine Aeutzerung t-täer städters erwähnt, daß alles gekauft sei bis i.r die höchsten Spitzen und daß auch

Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Westdeutsche Bodenkredttanstalt. 3» der Satzung des Aufstcbtrrats erstatt«- der Vorstand einm eingehende» Bericht über die Geschäftslage. DaS Geschäft nimmt eine ruhige gesunde For - entwickelung auf der bisherigen soliden Grundlage. Die Gesamt­summe der Beleihungen stellte sich am 31. Oktober nach Abzug Der AmortisationSgutbaben, welche die Höhe von Mk 1.485 556 erreicht haben, aus Mk. 58.307.129. Dieser Betrag verteilt sich auf 1690 Hypo­theken, sodaß die Durchschnittssumme nur Mk. ^500-ausmacht. Der Pfandbriefumlauf zu gleicher Zeit betrug Mk. 52.508 200. - Der Besitz von Liegenschaften beschränkt stch auf daS Bankgebäude. DaS Erträgnis der erstm 9 Monate deS laufendm Geschäftsjahres weist gegen den gleichen Zeitraum deS Vorjahre» eine nicht umrheb' liche Zunahme auf.____________________________________________

Auszug aus den Standesamtsregisteru

-er StM Gießen.

Aufaehote.

November. 2. EliaS Schön, Eisendreher dahier, mit War- garethe Aff von Queckborn. 5. Heinrich Kornmann, Schreiner t* Großrn-Linden, mit Rosine Reininger daselbst. 5. Heinrich Ferdinand Werner, Taglöhner zu Friedberg, mit Margarethe Best, Dienstma-d daselbst. 7. Johann Jakob Pfeiff, Dachdecker in Frankfurt a. M., mit Elisabethe Freitag dahier. 7. WUHelm Keiner, Buchbinder da­hier, mit Elisabeth WUHelmine Muller Hierselbst, 7. Karl Parr, Schmied dahier, mit Marie Schneider Hierselbst. 9. Adolf August Thoma», Schlosser dahier, mit Marie Dern hier selbst.

Eheschließtrngen.

November. 3. Johann Zacharias Ernst Haubach, Hotelier da­hier, mit Marie Gerhard hier selbst. 3. Karl Johann Neuling,

Lackierer dahier, mit Henriette Karoline Wetter hier selbst. 5. Karl Schmidt, Obst- und Gemüsehändler dahier, mit Marie Albertine Janssen hierselbst. 8. Wilhelm Schmidt, Führer in Rüttenscheid, mit Marie Weigand hierselbst. 9. Konrad Schneider, Taglähner dahier, mit Josephine Pfeiffer hierselbst. «ebntte«.

Oktober. 28. Dem Metzger und Wirt Karl Hartmann eine Tochter. 30. Dem Schuhmacher Johann Stauß ein Sohn, Richard Hans. 31. Dem Musikdirektor Ernst Liese ein Sohn, Heinrich Kari Ernst. November. 2. Dem Oberlehrer Dr. Wilhelm Schottler eine Tochter. 2. Dem Schreiner Emil Hertrich ein Sohn. Ernst. 3. Dem Hilfsgerichtsschreiber Wilhelm Ernst Weisel eine Tochter, Barbara Auguste Elfriede. 4. Dem Haukburschen Florenz Goffelmeyer ewe Tochter, Elisabeth. 6. Dem PacknMer Johannes Noll ein Sohn.

Gestorbene.

November. 3. Gustav Orbig, 27 Jahre alt, GerichtSschrAber- Aspirant, von hier. 4. Karl Heinrich Drescher, 14 Tage alt, Sohn von Schreiner Konrad Drescher dahier. 5. Henriette Ratwer, ßtb. i Silß, 66 Jahre alt, Ehefrau von Ofenputzer Karl Räuber hierselbst. ! 5. Adam Lotz, 62 Jahre alt, Bahnwärter zu Butzbach. 6. Johannes Mayer, 53 Jahre alt, Buchbinder dahier.