Ausgabe 
13.5.1900 Zweites Blatt
 
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Ausfuhr von Dünger, Rauhfutter und Stroh aus Seucheställen des Sperrgebiets ist verboten

Gießen, den 11. Mar 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Die Provinzialfvhlenweioe bet Merlau.

Der Weiüebetrieb auf der genannten Anstalt beginnt in diesem Jahre am 1. Juni. Die Fohlen müssen an diesem Tage zwischen 10 Uhr vormittags und 2 Uhr ncuch- mittags daselbst mit gezeichneter Halfter und Kette, sowie mit Gesundheitsschein der betr. Großh. Bürgermeisterei oder eines approbierten Tierarztes abgeliefert werden. Die Weidezeit dauert bis gegen Ende September, je nach den Witterungsverhältnissen dieses Monats.

Die Fohlen erhalten neben dem Weidefutter auf ca. 34 Hektaren, zu welchem in diesem Jahre noch ca. 2 Hektar freies Gelände hinzugezogen ist, jeden Morgen vor Aus-? trieb 4 Pfund Heu, abends 3 Pfund Hafer, sodann Grün­futter von Kleegras event. Wickfutter auf die Raufen. Jeder Besitzer kann jedoch Haferzusatz in Natur oder durch Be­zahlung geben lassen.

Tas Weidegeld für die bezeichnete Zeit von 4 Mo­naten beträgt pro Fohlen 55 Mark, und muß die Hälfte beim Eintrieb, die andere Hälfte vor dem 1. August an den Rechner des Landw. Vereins für die Provinz Ober­hessen, Herrn Stadtrechner Schreiner in Laubach, be­zahlt werden.

Die Besitzer der Fohlen können ihre Tiere wegen be­gründeter Verhältnisse zu jeder Zeit zurücknehmen und bezahlen dann nur für die entsprechende Weidezeit. Kranke und bösartige Tiere, sowie über eineinviertel Jahr alte Hengste, welche die anderen Tiere stören, werden aus­geschlossen.

Die Aufsicht über die Anstalt führt eine von dem Provinzialverein ernannte Kommission, bestehend aus den Herren Oberverwalter Beilstein-Laubach, Gutsbesitzer Müller-Neuhof bei Lang-Göns und Mühlenbesitzer Zimmer sen.-Bingmühle bei Lauter, von welchen Herren auch sonstige Auskunft erteilt wird. Anmeldungen sind schriftlich gleichfalls an diese Herren oder an die Geschäfts­stelle des Landw. Vereins für die Provinz Oberhessen zu Alsfeld zu richten.

Hardt-Hof, den 30. April 1900.

Der Präsident des Landw. Vereins für die Provinz Oberhessen.

____________i I. A.: Schlenke._______________

Gefunden: 1 Ohrring, 1 Cape, 1 Kinderhut, 1 Umhängetuch, 1 Gummischuh, 3 Päckchen Griffel und verschiedene Schlüssel.

Gießen, den 12. Mai 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Politische Tagesschau.

DerVorwärts" zeigt sich in seiner neuesten Num­mer von seiner liebenswürdigsten Seite. Er schreibt:Ein sozialpolitischer Fortschritt ist aus Hessen zu berichten. Vor einigen Monaten hatte die hessische Re­gierung anläßlich einer Neuorganisation der Ministerial- abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe ver­fügt, daß in Zukunft auch Vertreter des Arbeiter- standes zur Mitarbeit im Ministerium heran­gezogen werden sollten. Von unserer Seite wurde damals darauf hingewiesen, daß der Wert dieser Einrichtung da­von abhänge, auf welchem Wege man die Arbeitervertreter auswähle. Diese Frage hat nunmehr eine Regelung ge­funden, die dem hessischen Ministerium angesichts der Rückständigkeit, piie sonst bei den deutschen Regierungen auf sozialpolitischem Gebiete vorherrscht (Man sieht ganz kann derVorwärts" das Räsonnieren nicht lassen! D. Red.) zur Ehre gereicht. Man hat durch die Fabrik­inspektoren mit den Gewerkschafts-Kartellen Fühlung ge­nommen. Letztere haben eine Anzahl ihnen geeignet er­scheinender Personen in Vorschlag gebracht, aus deren Mitte die Regierung nunmehr einige Arbeitervertreter ernannt hat. (Wir haben die für Gießen in Betracht kom­menden Personen bereits ncunhaft gemacht. D. Red.) Den Betreffenden ist durch Reskript des Mi­nisteriums des Innern vom 4. d. M. mitgeteilt worden, daß sie zu Beratungen von Fragen, welche die Verhält­nisse der gewerblichen Arbeiter betreffen (Tit. VII. der Gewerbe-Ordnung) zugezogen werden sollen. Auch Ver­treter der christlichen Arbeiterorganisationen sind zur Mit­arbeit berufen worden, wogegen hn Interesse der Gleich?- berechtigung nichts einzuwenden ist. Dieselben können aus dem Zusammenarbeiten mit erfahrenen Gewerkschaft­lern, die nebenbei auch überzeugte Sozialdemokraten sind, nur nützliches lernen. (Uns wäre das Umgekehrte ent­schieden lieber, und wir hoffen gerade, daß die christlichen Arbeiter einen bestimmenden günstigen Einfluß auf die sozialdemokratischen Mitarbeiter bei diesem geistigen Zu­sammenwirken ausüben werden. D. Red.) Das Gleiche gilt für die Herren von der Regierung, die die Sachkennt­nis der gewerkschaftlichen Arbeitervertreter bald werden schätzen lernen. Manches vom grünen Tisch ans gefällte Urteil über Arbeiterverhältnisse dürfte korrigiert roerbejn tn der intimen Aussprache mit Leuten, die sich ihr Urteil auf Grund hundertfältiger Erfahrung am eigenen Leibe gebübet haben. Hoffentlich findet bas Vorgehen ber hessi- K-v? bald Nachahmung, wenigstens bei den

süddeutschen Staaten Denn baß bas preußische Ministe- ^etbeiIaHen wirb, diesozialdemokrati- schen Gewerkschaften zur Mitarbeit einzulaben, steht nicht zu erwarten. Vorderhanb ist man noch ber Meinung, U genüge, wenn man burch Polizei, Staatsanwaltschaft und Zuchthausvorlage in Fühlung mit den Arbeiterorganisa­tionen bleibe."

Aus Stadt und Sand.

(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalier, werden grnndsLtzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 12. Mai 1900.

* Ernennungen re. Am 5. Mai wurde der Assistenz- arzt bei der Landesirrenanstalt Dr. Karl Textor zum

Der Golf von Neapel und der Vesuv.

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HW

Nachdem wir be* reits eine UebersichtS- karte über den Golf von Neapel und die an' liegenden Ortschaften veröffentlicht haben, fügen wir heute eine Ansicht des BesuveS von der Stadt Neapel aus, hinzu. Die Ge­bäude am Fuß des Berges bilden den Ort Torre del Greco, links von diesemliegen die Ruinen der 79 v. Ehr. verschütteten Stadt Herkulanum. Unsere nach Photo, graphie hergestellte Abbildung wird gegen­wärtig das Jntereffe unserer Leser in her­vorragendem Maße wachrufen.

4. Arzt bei dem Landeshospital Hofheim mit dem Amts­titelOberarzt", am 9. Mai der provisorische Schuldiener an der Realschule zu Gernsheim Johannes Günther zum Pedellen an dieser Schule ernannt, der Gerichtsassessor Dupont in Bingen mit Wahrnehmung der Dienst­verrichtungen eines Amtsanwalts in Alzey beauftragt, am 5. Mai der Gerichtsschreibergehilfe August Leichner in Lich zum Registrator bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen mit Wirkung vorn Tage seines Dienstantritts an, die Finanzaccessisten Alfred Kröll aus Bingen, Karl Kuhn aus Darmstadt, Richard Schuupp aus Darmstadt zu Regierungsaffefforen ernannt.

** Dameu'Steuographenkränzche». Aus den verschiedenen im vorigen Jahre von dem Gabelsberger Stenographen­verein abgehaltenen Spezialkursen für Damen hat sich am 3. April ein Damen-Stenographenkränzchen gebildet, und zwar als Zweigverein des Gabelsberger Stenographenver­eins (eingetr. Verein). Am vergangenen Dienstag fand die erste Hauptversammlung des Kränzchens statt und wurde in derselben die Vorstandswahl sowie die Festlegung der Statuten vorgenommen. Aus dem letzteren ist zu ent­nehmen, daß der 1. Vorsitzende des G. St.-V. gleichzeitig auch als erster Vorsitzender des Kränzchens fungiert, wäh­rend die übrigen Vorstandsämter von Damen verwaltet werden. Um nun die schöne Kunst Meister Gabelsbergers auch in hiesigen Damenkreisen weiter auszubreiten und neue Jüngerinnen heranzubilden, wird, wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, bereits am 21. d. M. ein neuer Lehrkursus für Damen beginnen, worauf wir unsere verehrten Leserinnen nochmals besonders aufmerksam machen.

,** Kauf. Herr Heinrich Kniese, Restaurant zum Reiseonkel" hier, kaufte in Bad-Nauheim denHomburger Hof" um den Preis von 42 500 Mk.

** Zur Gutenberg-Feier, die am 24. Juni unter dem Protektorat unseres Großherzogs begangen werden wird, hat das Mainzer Komitee eine offizielle Fest-Postkarte in der lithographischen Kunstanstalt von Josef Scholz in Mainz herstellen lassen, deren Alleinvertrieb dem Kunst­verlag L. Kl em ent in Frankfurt a. M. übertragen wurde. Im Klementschen Kunstverlage erschien, ebenfalls der Feier gewidmet, alsJubiläums-KünstlerauSgabe die Gutenberg- Porträt-Postkarte, eine 16farbigeAquarellkarte nachThor- waldsen, mit dem Facsimile-NamenSzug Gutenbergs. Als dritte im Bunde erscheint im L. Klementschen Alleinvertrieb eine Gutenberg-Gedenk-Postkarte in Kupferdruck. Diese drei Künstlerkarten bieten in ihrer Zusammenstellung ein sich ergänzendes Gesamtbild des Erfinders und seiner Kunst, und dienen in künstlerischer Hinsicht den höchsten Anforderungen des guten Geschmacks. Alle drei Karten sind durch sämtliche Kunst-, Buch- und Papierhandlungen leziehbar. Auch ist zur Erhöhung des Sammelwertes für den 24. Juni ein direkter Versandt ab Mainz eingerichtet; alle drei Karten tragen den Geburtstags-Poststempel.

** W. Falbs Wetterprognosen bedeuten für uns schon lange etwas recht Scherzhaftes. Es macht uns immer einen nicht geringen Spaß, wenn wir die Vor-An- tünbigungen dieses sich eines unbegrünbeten Rufes er­freuenden Wetterpropheten hinterdrein vor uns sehen. In einer allgemeinen Charakteristik des MonatsMai" sagte >er sog.Prof." Falb u. a.:Mit Ausnahme der letzten Tage steht die Temperatur meist unter dem Mit- t e [, wiederholt sogar recht bedeutend. (Man weiß wie heiß es in den ersten Maitagen war!) Gewitter sind erst am Ende des Monats zu erwarten. Doch bürften, sie meist einen trockenen Charakter haben. (Vor etwa acht Tagen gabs im Bieberthal ein reckst regenreiches Gewitter.) Tages- Prognose : 1. bis 6. Mai. Die Temperatur sinkt bebeutenb unter die normale. (!) 7. bis 13. Mai. Die Temperatur ist normal. (!) Die Niederschläge verschwinden. (!) Es wirb trocken. (!) (Gerade bas Umgekehrte traf ein! Falb fährt bann fort:) 4. bis 20. Mai. Die Temperatur geht unter )ie normale zurück. Der 14. ist ein kritischer Termin 3. Ordnung. Etwa drei Tage nachher nehmen die Nieder- chläge etwas zu. Es wird ausgebreitet regnerisch. 21. bis 25. Mai. Es wird sehr kalt. Vereinzelt treten stärkere Regen ein. Im Hochgebirge ist starker Schneefall wahr- cheinlich. 26. bis 31. Mai. Die Temperatur fteigb bis zur normalen. Es treten zahlreiche, aber trockene Gewitter ein. jSer 28. ist ein durch eine Sonnenfinsternis verstärkter kritischer Termin 2. Ordnung". Nun, man wird allen diesen sonderbaren Weissagungen mit gewohnter Faftung . ?n mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften wird übrigens gegenwärtig die bedeutsame tfrage erörtert, ob sich von dem Verlauf einer Jahreszeit

Kben bS5 .ugchsten ein Schluß ziehen läßt.. Von ver­schiedener Seite wird die sogenannte Kompensationstheorie

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in ber Wettervoraussage vertreten, berzufvlge auf jede Jahreszeit, während derer die Temperatur oder der Nieder­schlag höher oder niedriger als der Durchschnitt gewesen ist, eine Jahreszeit folgen sollen, in der das Zuviel obei Zuwenig ber vvrausgegangenen Zeit ausgeglichen wird. DaL daraus abzuleitende einfache Gesetz würde also be­sagen, daß auf einen zu kalten Winter ein Sommer folgen würde, der heißer ist, als ber Durchschnitt, daß ferner auf einen sehr schnee- und regenreichen Winter ein niederschlag- armer Sommer zu erwarten wäre und umgekehrt. Nach den neuesten Untersuchungen der ungemein thätigen und kenntnisreichen amerikanischen Meteorologen ist diese The- vrie jedoch nicht berechtigt. Es soll vielmehr eher als eine Ausnahme gelten dürfen, wenn auf einen sehr kalten Winter ein ausnahmsweise heißer Frühling ober Sommer folgt. Betreffs des Regens sind die Verhältnisse noch un­gewisser, do«ch sind nach den bisherigen Erfahrungen auf besonders trockene oder nasse Jahreszeiten viel eher solche mit normalen Niederschlagsverhältnissen zu erwarten als solche, die den Gegensatz zur vorausgegangenen Jahreszeit darstellen. Der englische Meteorologe MacDowall hat in berNature" auf Grund vielfacher Berechnungen ein ande­res Gesetz aufgestellt, das größere Sicherheit geben soll. Er nimmt die Durchschnittstemperatur der 30 voraus- gehenden Jahre, um auf die Durchschnittstemperatur des folgenden Jahres einen Schluß zu ziehen. Danach ist z. B. immer ein milder Winter zu erwarten, wenn die 30 vor­ausgegangenen Winter im Durchschnitt zu kalt gewese» sind, und mit dem Sommer ist es ebenso? Nach diese» Berechnungen würde man im laufenden Jahre einen i* Temperatur und Niederschlägen normalen Somme» zu erwarten haben.

Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Totge­borenen, betrug in der Woche vom 22. bis 28. April in Mainz 31, in Darmstadt 32, in Offenbach 17, in Worms 22 und in Gießen 9, zusammen 111, davon 30 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr und 1000 Einwohner kamen auf Mainz 19,8, Darmstadt 23,5, Offenbach 20,4, Worms 30 und auf Gießen 18,0 (ohne 2 Ortsfremde 14,7). Die Todesursache anbelangend, verstarben an Masern und Röteln 4 (Darmstadt), an Keuchhusten 3 (2 in Darmstadt, 1 in Worms), an Diarrhöe und Brechdurch­fall 7 (2 in Mainz, 1 in Offenbach, 4 in WormS), an Lungenschwindsucht 16 (je 3 in Mainz, Darmstadt und Offenbach, 5 in Worms, 2 in Gießen), an akuten ent­zündlichen Krankheiten der Atmungsorgane 16 (3 in Mainz, je 5 in Darmstadt und Offenbach, 1 in Worms, 2 in Gießen), an Gehirnapoplexie 3 (Darmstadt), an allen übrigen Krankheiten 54 (22 in Mainz, 14 in Darmstadt, 7 in Offenbach, 6 in Worms, 5 in Gießen): gewaltsamen Tod erlitten 8 Personen (je 1 in Mainz, Darmstadt und Offenbach, 5 in WormS).

Butzbach, 10. Mai. Der GeschichtS- und Alter­tumsverein von Friedberg beabsichtigt im Anschluß an einen Vortrag des letzten Winters eine Besichtigung der römischen Anlagen in der Gegend von Butzbach vorzunehmen. ES handelt sich dabei besonders um die Rekonstruktion eines römischen Wartturmes auf dem Schrenzer, ferner um den Zug des Limes, der vom Schrenzer aus weithin sichtbar ist, und um die Lage der verschiedenen Butzbacher Kastelle. Außerdem sollen die 2 Erdanlagem im Gambacher Wald bei Butzbach besucht werden. Für diesen Ausflug ist der Mittwochnachmittag vor Himmelfahrt (23. Mai) in Aussicht genommen. Die Führung übernimmt LehramtS- affessor Helmke, zurzeit in Friedberg.

§ Ostheim, 11. Mai. Bei der gestrigen Bürger­meisterwahl siegte unser bisheriges Ortsoberhaupt, Herr Schneider, mit 68 Stimmen. In dem benachbarten Nieder-Weisel ist die Maul- und Klauenseuche wieder erloschen und die Sperre aufgehoben.

bm. Mainz, 11. Mai. Anläßlich der Anwesenheit der Torpedobootdivision in Mainz wird der Großher- zog kommenden Montag hier eintreffen und bis Dienstag hier verweilen. Hieraus schließt man, daß er an der einen oder andern der zu Ehren der ankommenden Flottengäste stattfindenden festlichen Veranstaltungen teilnehmen wird. Mit dem großen RaddampferLudwig 4" werden der Bürgermeister, die Stadtverordneten, die Spitzen der Be­hörden u. s. w. sich am Montag rheinabwärts begeben, um der Torpedoflotte entgegen zu fahren. Bei der Begegnung der Schiffe findet Begrüßung durch Salutschüffe statt. Von anderer Seite wird uns mttgeteilt, daß Se. König!. Hoheit der Großherzog beabsichtigt, sich schon SamStag nach Bingen zu begeben, um die Torpedoflottille nach Mainz zu begleiten.

Bingen, 11. Mai. Aus Anlaß der Anwesenheit der