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11.11.1900 Drittes Blatt
 
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Nr. 265 Drittes Blatt. Sonntag den 11 November 150. Jahrgang IWO

Gießener Anzeiger

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Die Wiederwahl Mc. Mnleys.

Dieselben Gegner wie 1896 standen sich auch diesmal gegenüber, aber die Lage hatte sich seit der vor vier Jahren wesentlich geändert. Damals hieß es, klipp und klar Stell­ung zur Währungsfrage nehmen. Goldwährung und Silberwährung waren die beiden Schlagworte der sich be­kämpfenden Parteien. Diesesmal war die Währungsfrage zwar nicht verschwunden, doch in den Hintergrund ge­drängt worden. Neue, große Interessen waren aufge­taucht. Es galt für die Republikaner, die Erfolge der Mc Kinleyschen Expansionspolitik gegen die Demokraten zu verteidigen, die sich prinzipiell gegen den Imperialismus ausgesprochen hatten, und die, wie Bryan in einer seiner setzten Reden verkündete, den Philippinen sogar die voll­ständige Unabhängigkeit zurückgeben wollten.

Das amerikanische Volk hat also in seiner großen Mehrheit die Mc. Kinleysche Eroberungspolitik gut be- heißen, und zugleich den Weg bei auswärtigen Fragen bestimmt vorgezeichnet. Das 72 Millionen-Land will nicht Mehr wie früher sich auf sich! selbst beschränken, sich allein um seine eigenen Interessen kümmern, es will vielmehr eilt Faktor in der großen internationalen Politik sein, dessen Gewicht Beachtung und Berücksichtigung findet. Mc. Kinley hat die Periode des Eintretens der Vereinigten Staaten in die internationale Arena eingeleitet. Mit seiner Wiederwahl hat das amerikanische Volk das Siegel der Billigung auf sein Vorgehen gedrückt. Eine vorsichtige und den Umständen angemessene Geltend­en achung des amerikanischen Einflusses in allen wichti­geren Fragen der Weltpvlitik wird die Folge seiner Wiederwahl sein.

Deutschland hat, ebenso wie andere Mächte, be­reits die amerikanischen Prätensionen kennen zu lernen Gelegenheit gehabt und seine Politik derjenigen der Hlnion gegenüber einzurichten versucht. In der Erkenntnis der großen gemeinsamen Interessen des amerikanischen und des deutschen Volkes^jvird es weiter die Aufgabe der Politiker beider Länder sein, Reibungen, die natur­gemäß zwischen zwei aufstrebenden Völkern sich nicht ver­meiden lassen, nach Möglichkeit des Charakters der Ge­fährlichkeit zu entäußern. In Handels- und wirt- jichaftspolitischer Beziehung ist ja von ameri­kanischer Seite im vorigen Jahre bereits das nötige Ent­gegenkommen gezeigt worden, indem eine Reihe in Deutschland unangenehm berührender Punkte des ameri­kanischen Zolltarifs eine Umgestaltung zu Gunsten des deutschen Handels erfuhren. Es wird wohl auch weiter von Mc. Kinley Wert darauf gelegt werden, da stdas wohl­

erwogene Interesse beider Nationen gemeinsames Entgegenkommen bedingt, und daß es verfehlt wäre, durch eine engherzige Uebervorteilungspolitik einen Riß in die guten traditionellen Beziehungen beider Staaten zu bringen.

Die nächste Frage, welche die Interessen Amerikas mit denen der übrigen zivilisierten Nationen vereinigt, ist die chinesische. Es galt als der unsichere Kanto­nist, der sich bei der gemeinsamen Aktion im Hinter­treffen hält, um die Gelegenheit zu erspähen, wo er für sich einen besonderen Fang thun kann. Wie viel von dieser Meinung auf das Konto der amerikanischen Wahlperiode zu setzen ist, wieviel davon wirklich begrün­det ist, wird man jetzt erfahren, wo Mc. Kinley das Heft wieder fest in der Hand hat und keine Diskreditierung durch die Wählermassen mehr zu befürchten braucht. Ver­mutlich werden die Vereinigten Staaten jetzt etwas mehr Energie in der ostasiatischen Frage entfalten, muß doch das Bestreben der Republikaner der Union aus ganz selbst- verständlich-egoistischen Gründen darauf hinauslaufen, das Augenmerk der Nation auf auswärtige Dinge zu richten, um ungestört im Innern die so notwendigen Reformen, die das Ziel der Demokraten waren und sind, zu ver­eiteln. Die so vielfach beliebte Politik der Ablenkung der Aufmerksamkeit bedingt allein schon eine größere Jnten- sivität bei der Behandlung des chinesischen Problems.

So wird also die Wiederwahl Mc. Kinleys dazu bei­tragen, manche Unsicherheiten in der amerikanischen Po­litik der letzten Wochen und Monate zu beseitigen und manches, was mehr undeutlich und verwischt erschien, schärfer zu pointieren; es wäre verkehrt, wollte man die Wiederwahl einfach mit dem Worte abthun: es bleibt alles beim alten; sie biete infolgedessen wenig Interesse. Wenn nicht alles trügt, kommt vielmehr für die Ver­einigten Staaten eine neue Zeit, folgenschwerer Bethätig- ung auf auswärtigem Gebiete. Da ziemt sichs wohl, aufmerksam Acht zu geben, daß einerseits der friedliche Wettbewerb nicht in eine Form gehässiger Nebenbuhlerei ausartet, und daß bei aller Freundschaft und Sympathie auf der andern Seite das deutsche Interesse nicht in den Hintergrund gedrängt wird.

Tie offiziöseNordd. Allg. Ztg." hebt hervor, daß die Wiederwahl Mc. Kinleys in der deutschen Presse von den Blättern aller Parteirichtungen freundlich ausgenom­men werde. Das Blatt sagt sodann:

Auch wir schließen uns gern der Zuversicht an, daß Mc. Kinley auch während der neuen Administration, zu deren Antritt wir ihn aufrichtig beglück­

wünschen, ein gutes und freundschaftliches Ber^ hältnis zwischen dem Deutschen Reich und dem großen transatlantischen Freistaat zum Segen der vielfach ver­flochtenen Beziehungen beider Länder zu fördern bereit: sein wird.

Politische Tagesschau.

ueber die Behandlung gerichtlicher Zeu­gen bemerkt im Hinblick auf die gegenwärtig sich ab­spielenden Sensationsprozesse dieKons. Korr.":

Es herrscht gegenwärtig in weiten Kreisen ber Bevölkerung nicht nur eine st e i g e n d e A b n'e i g u n g, sondern sogar eine wahre Furcht davor, als Zeuge vor Gericht auftreten zu müssen. Durch diesen Umstand wird, das kann nicht geleugnet werden, manche Ge­richtsverhandlung erschwert und mancher Schuld be­weis, wenn nicht vereitelt, so doch in die Länge gezogen. Der Natur der Sache nach ist es eine Ehren­pflicht, für die Schuld ober Unschuld eines Mitmenschen. Zeugnis abzulegen, und nur ungern wird sich ein ehrlicher Mensch dieser Pflicht entziehen. Gleichwohl kann es nicht wundernehmen, daß jetzt sehr weite Be­völkerungskreise und zwar hauptsächlich solche von An­sehen und Bildung sich, wo es nur irgend angeht, der Zeugnisabgabe vor Gericht zu entziehen suchen. Mau darf nur die verschiedenen Gerichtsverhandlungen nach­lesen, dann wird man die Ursache dieser ErscheinunK finden. Einmal betrachten es die Verteidiger, na­mentlich inSensationsprozessen", für ihre Hauptauf­gabe, die Unglaubwürdigkeit der Zeugen, die ihre«. Klienten entgegenstehen, nachzuweisen und dabei die ihrer Zeugenpflicht genügenden Personen zu diskredi­tieren, wenn nicht gar zu beschimpfen; dann aber wird den Zeugen vor Gericht nicbit immer diejenige Behand­lung zuteil, auf welche sie Anspruch zu haben meine». Wer also nicht gezwungen ist, vor Gericht zu erscheinen, sucht sich fern und mit seiner etwaigen Kenntnis ein­zelner bei Strafthaten in Betracht kommenden Dinge hinter dem Berge zu halten. Das ist im Interesse unserer Rechtspflege sehr bedauerlich aber auch be­denklich. Man sollte also darauf Bedacht nehmen, iw Bezug auf die Behandlung der Zeugen vor Gericht in jeder Hinsicht Wandel zu schaffen".

In einem vor kurzem erschienenen Buch überDie Scholastik der Gegenwart" schreibt Dr. Alex v. Peez über die jetzige Gymnasialbildung u. a.:Thun denn die neun Jahre Vorbildung der Gymnasien ihre Schuldigkeit

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Kaiferstadt.) (Nachdruck verboten.)

Der Fall Sternberg. Die Unsterblichen des 10. November. Die Funkefeier derSchlaraffia". Am Lutherdenkmal auf dem Neuen Markt. Kamerad Scharnhorst.

Ein unerquicklicher Prozeß, dieser Fall Sternberg, de» auf die geheimen Laster der Wüstlinge, die feile Dienstwilligkeit ber Kupplerinnen und nicht zuletzt auf die bodenlose Verdorbenheit eines Teiles unserer haupt­städtischen Jugend seine Streiflichter wirft und die Zu­stände in unserer Kriminalpolizei wahrlich auch »licht gerade rosig beleuchtet! Aber gerade dieses Un­erquickliche reizt, und selten werden die Abendblätter schneller abgesetzt und heißer überflogen als in diesen T^gen. Da just auch! in Könitz eine Aufwärmung der Winter schen Affaire vor sich geht und jedes Ber­liner Blatt spaltenlange Artikel darüber bringt, so ent­wickeln sich mit ziemlicher Sicherheit an den meisten Stammtischen gewaltige Redeschlachten pro und contra Stierstädter, Lewy, Masloff rc., und ganz brave alte Herren, die bei irgend einem lukrativen Gewerbe wohl­habend geworden sind und sich die hellen Augen zeit­lebens niemals durch übereifriges Lesen verdorben haben, craFetn in diesen Debatten über Blutmord bei allen mög­lichen Völkerschaften. Mag der Himmel wissen, wo sie diese Engros-Posten von Weisheit billig erstanden haben! Nur über eins sind sie fast alle einig: das ist die in ihrer frühen Ueberreife und dreisten Verlogenheit ge­radezu schauerlich anmutende Zeugin im Sternberg-Pro- tzeß: Frieda Woyda, eine 13jährige Sumpfblume schlimmster Art.

Wo viel Lickst ist, da ist eben auch, viel Schatten. (Äinen übereifrigen Schluß auf den Durchschnitt unserer Heranwachsenden Geschlechter aus diesen bösen Vor­kommnissen zu ziehen, wäre verfehlt. Es giefct auch noch neinen, herzerfrischenden Idealismus unter unseren jungen Herren und Fräulein. Man braucht nur einmal n.m Theater des Westens einer Schülervorstellung mnFreischütz" beizuwohnen, um sich' davon zu

überzeugen. Wie die Wangen da glühen und die jungen Augen leuchten! Wie sich angstvoll die Mienen spannen, wenn der Sieg sich scheinbar auf die Seite des Bösen neigt! Auch dasSchil l e r t h e a t er" hat von Zeit zu Zeit solche Schülertage, die im höchsten Grade dankens­wert erscheinen. Zum 10. November, dem Geburtstage Schillers, wird dortW ilhelm Teil"" gegeben und aus sämtlichen Gemeindeschulen Berlins finden sich dazu die Zuschauer Zusammen: eine Schillerfeier, die ihre Früchte tragen wird. Auch das König!. Schauspiel­haus gedenkt des Tages durch die Neueinstudierung der(5 em eie" undTurando t", und Paul Lindau bietet dem Publikum desBerliner Theaters"" die Maria Stuar t", während dasLessing-Thea­ter gleichmütig feinIohann i § feue r" weiter schürt nnd oasDeutsche Theater"" TolstoisM a ch t der Finsternis" auf dem Plan hat. Schiller selbst hat sich, wie Goethe, in Berlin nicht sehr wohl gefühlt, ob­gleich ihm Ehrungen von Hoch und Niedrig damals zu teil geworden sind. Sein Aufenthalt fällt in die ersten Maitage des Jahres 1804. Mit Frau und Kindern leistete er der Einladung Jsslands Folge, ber zur Feier seiner Anwesenheit denWallenstein"",bie Jungfrau von Orleans" und bieBraut von Messina" aufführen ließ. Die Königin Luise sowohl als auch ber ebenso ritterliche wie geniale Prinz Louis Ferdinand luden ihn zu wieder­holten Malen ein, und der König bot ihm eine Stellung an der Universität mit 3000 Thalern Gehalt nebst freier Benutzung einer tzofequipage. Aber der schlichte Dichter schlug die lockende Sinekure aus und kehrte in sein liebes Weimar zurück. Berlin war ihm zu kalt, zu gespreizt, zu lärmvoll. Auch, das Denkmal, das ihm vor dem Schau­spielhause am 10. November 1871 errichtet worden ist, macht diesen kalten und gespreizten Eindruck, obgleich es der Hand Reinhold Begas' entstammt. Das Volk sagt von diesem Schiller, daß er den Krampf in der rechten Hand habe, die bemüht ist, eine Unlast von den Falten seines Umbangs zu halten, und hat ihm die kalauernden Worte in den Mund gelegt:Herrjott, mir rutscht immer der Paletot!" Trotzdem geht man immer mit einem gehobenen Gefühl über denSchillerplatz"", den das Volk noch immerGendarmen-Markt" nennt. Der Dichter desDon

Carlos"" ist eben doch der Liebling des liberalen Berlins. Auch! dieSchlaraffia Ber olin a", ein Zweig deö über den ganzen Erdball verbreiteten Bruderbundes vo» Künstlern, Schriftstellern und anderen Freunden ber Kunst und des Humors begeht zum Anbeuten an ihren großen Vorläufer und nachträglich erkürten Ehrenschla- ' raffen Funke (bas ist Schiller nach seinemLieb an die Freube") eine große Feier, in der geistvolle Reden auf den Dichter mit ernsten und launigen Vorträgen über ihn und seine Werke abwechseln. In der Nacht vom 9. zum 10. November aber legte eine stattliche Schar der für alles Hohe und Edle begeisterten Schlaraffenritteo einen mächtigen Lorbeerkranz am Denkmal auf. dem Schillerplatz nieder, der durch eine kurze Ansprache ge­weiht wurde. Nicht weit davon brausten die Wogen des Berliner Nachtlebens; die Straßenbahnen rollten sausend vorüber, die Nachtdroschken klappten, ein verschlafener Kutscher gähnte, verdächtig geputzte Dirnen kicherten und schwatzten; aber das störte nicht den freudigen Ernst der dankbar ergriffenen Schar, in deren Herzen das schöne Wort:Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht!" immer von neuem fein wirksames Echo findet.

Auch, das Lutherdenkmal auf dem Neuen Mark! bleibt zum 10. November nicht ohne Kranzspenden. Der Evangelische Verein" wie auch derGustav Adolf-Verein"" rc. sorgen für diesen Schmuck, und die Berliner Currende singt von den Stufen herab ein paar kräftige Lutherlieder. Dieses Denkmal ist ein wirk­liche Schmuck der Hauptstadt, von Otto begonnen und bent herrlichen Toberentz, vor dem vor allem die im Vordergründe auf Sockeln sitzenden Gestalten Huttens und Sickingens stammen, 1895 vollendet. Selbstverständlich toirb auch- Scharnhorst an seinem Geburtstage nichk vergessen; ist er dochfeen lumpiger Ziviliste"", wie bf? beiden anderen, sondern einer von denen, die in Denk­mälern nun einmal die Majorität in Berlin haben und wahrscheinlich auch behalten werden. Der Schöpfer unseres modernen Heerwesens, der Begründer der allgemeine» Wehrpflicht, der arme Sprößling einer Mecklenburger Schullehrerstochter, den das tückische Blei nur allzufrüh traf, hat sein Denkmal wahrlich ehrlich verdient. A. W.