Wx. 211 Drittes Blatt. Sonntag den 9. September 15». Jahrgang ü>QO
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§ch«rßT«ße Nr. 7.
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Vorboten des Sturmes.
Seitdem vor drei Jahren die auswärtige Politik des Deutschen Reiches in die Hände des seitherigen Botschafters am italienischen Hofe gelegt worden ist, hat Gras Bülow unter uneingeschränkter Anerkennung wohl aller Parteien im Lande nut Glück und Erfolg seines ebenso schweren wie, indirekt, verantwortlichen Amtes gewaltet. Der frischere und straffere Zug, der von der Wilhelmstraße in Berlin hinüberwehte nach Paris und London und überall dorthin, wo er von Nöten ivar, that nach einer Politik zarter Rücksichtnahmen dem Auslande gegenüber uns Deutschen wohl, und es wollte fast scheinen, als wäre Graf Bülow im Begriffe, auf dem Gebiete der auswärtigen Politik das Erbe seines großen Vorgängers Bismarck anzutreten, das Kraft und Festigkeit den Anmaßungen des Auslandes gegenüber, weise Ueberlegung und reifliches Abwägen aber bei allen Dingen, durch welche die friedliche Weiterentwicklung des Reiches berührt werden könnte, zur Richtschnur der deutschen auswärtigen Politik gemacht hatte. Die allerneueste Zeit aber läßt mehr und mehr Bedenken darüber auftauchen, ob wir in dem Grafen Bülow in Wirklichkeit den Testamentsvollstrecker des ersten Kanzlers zu erblicken haben. Seine laue und weiten Kreisen unverständliche Haltung den mancherlei englischen Unverschämtheiten der neuesten Zeit gegenüber hat dem Staatsmann viele seiner Freunde entfremdet und mehr noch scheint das der Fall zu sein angesichts der Politik, die neuerdings vom Deutschen Reiche in Ostasien eingeschlagen worden ist, eine Politik, die tagtäglich die Zahl derer vermehrt, die mit Sorgen der nächsten Zukunft entgegenschauen, die bereits durch die letzttägigen Ereignisse in ihrer Bedenklichkeit illustriert worden ist.
Wenn vielleicht auch angenommen werden kann, daß Graf Bülow, als er seine Zustimmung zu den großen Aktionen Deutschlands in China, zur Entsendung des Grafen Waldersee nach Ostasien und zu der Weltpolitik gab, die damit eingeleitet wurde, mehr dem Zwange höherer Instanzen gehorchte als dem eigenen Triebe, so wird er es doch in erster Linie sein, der, wenn auch nicht verfassungsrechtlich, so doch moralisch die Verantwortung zu tragen hat, und ihm wird die nicht ganz leichte Aufgabe zufallen, vor dem Lande die Schritte zu rechtfertigen und zu verteidigen, welche die auswärtige Politik des Reiches in der China-Affäre gethan hat. Die Aufgabe wird um so schwerer sein, als weite Kreise des Volkes in Mißstimmung versetzt sind, ob der fortgesetzten Ignorierung, die dem Reichstage durch die Regierung zuteil wird und weil die Gefahr vorliegt, daß sich Deutschland in einer Weise in Ostasien engagiert hat, die weder den Interessen des Reiches in China entspricht, noch auch den Machtmitteln, die es aufzubieten hat, wenn, was Gott verhüten wolle, die nur lose Einigkeit der Mächte in die Brüche geht, und die gelbe Rasse zur Ursache wird, daß die Mächte, statt den gemeinsamen Gegner zu bekämpfen, untereinander selbst zusammengeraten.
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Die Vorboten dieser tiefgehenden Unzufriedenheit zeigen sich fortgesetzt schon jetzt auf allen Seiten, und es ist dabei in hohem Maße beachtenswert, daß Graf Bülow resp. die Leitung der auswärtigen Politik Deutschlands selbst auf den Seiten mit Gegnern zu rechnen hat, von denen er bisher sagen konnte, daß sie eifrige Förderer seiner Politik waren. Ja, es ist unschwer nachzuweisen, daß gerade die Presse der rechtsstehenden Parteien, derjenigen Richtungen, welche seither für ein Groß-Deutsch- land eintraten, und gegen eine deutsche überseeische Weltpolitik kaum etwas einzuwenden hatten, das gröbste Geschütz gegen das Auswärtige Amt aufsährt. Nur ganz wenige Blätter sind es, die mit ihrem Tadel noch zurückhalten und in altem Vertrauen zum Grafen Bülow stehen, der aber trotzdem ihre Besorgnisse zwischen den Zeilen lesen könnte; von der „Kreuzztg.", „Dtsch. Tages-Ztg." und „Post" an bis zur „Köln. Ztg.", „Rhein.-Westf. Ztg." über die „Berl. N. dtachr." hinüber zur führenden Zentrumspresse, die ja, soweit nicht spezifisch katholische Interessen in Frage kommen, ebenfalls zur Regierung hält, geht mit der deutschen auswärtigen Politik scharf ins Gericht und ist durchaus nicht zurückhaltend in der Beurteilung der neuesten staatsmännischen Leistungen des Grafen Bülow. Die nationalliberale „Rheinisch-Westfälische Ztg.", hinter der die gesamte Großindustrie Westfalens und eines Teiles der Rheinprovinz steht, wirft dem Grafen sogar unverblümt vor, eine Reibungsfläche mit Rußland geschaffen und entgegen seinem klarsten und bündigsten Versprechen versucht zu haben, die führende Nolle in Ostasien an Deutschland zu reißen. Das Blatt spottet über den Walder- see-Rummel, der uns den Spott der ganzem Welt eingetragen habe. Bezeichnend sei der siünlose Taumel, mit dem gerade viele national gesinnte vaterländische Kreise auch oiese Form der Chinapolitik mitgemacht hätten. Erstaunt müsse man sein über die gedankenlose Dummheit eines großen Teils des deutschen Volkes, der, von den Offiziösen angeführt, für jeden, auch bedenklichen Schritt der Reichsregierung sich begeistere, ohne irgendwie an die Folgen zu denken. Verspottet werden die „Tintenkulis" des Auswärtigen Amts, die das Ausland, vor allem Wien, mit Lobeshymnen auf den Grafen Bülow überschwemmt hätten. „Räumen wir Peking", so schreibt die „Rhein.- Westf. Ztg.", „so haben wir uns unsterblich lächerlich gemacht und sind von Rußland gedemütigt. Räumen wir Peking nicht, so stehen wir zu Unrecht als die heißhungrigen Angreifer und Friedensstörer da; zugleich ist das sich anbahnende bessere Verhältnis zu Rußland jäh zerrissen."
Aehnlich, wenn auch hier und da in der Form weniger scharf, sind die Auslassungen, die aus vielen anderen Blättern herausklingen, und man hat deshalb wohl recht, wenn man sie als Vorboten des Sturmes ansieht, der über kurz oder lang das Reichshaus am Königsplatz durchbrausen wird, und die Frage nach dem Reichskanzler wird eine der treibenden Kräfte sein, die diesem Sturm seine Intensität mit verleihen helfen dürfte. Ob die Regierung
ihm gewachsen sein wird? Es dürfte kaum ausgeschlossen sein, daß der Regierungsapparat des Reiches, der sich in neuerer Zeit so sehr in Widerspruch mit der großen Mehrheit des Volkes gesetzt hat, erheblich beschädigt aus dem parlamentarischen Wetter hervorgeht, und wir würden das unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen kaum o!5i einen besonderen Nachteil ansehen können. Die Atmo- sphäre, die über dem Volke lagert, ist drückend und schwül, und ihre Reinigung kann nach jeder Richtung hin nun erwünscht sein. Das deutsche Volk hat ein vitales Interesse daran, seine Meinung nach oben hin deutlich laut werden zu lassen; der Respekt vor der Verfassung verlangt auch die Berücksichtigung des Volkswillens, und die leitenden Staatsmänner sollten es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, diesen Willen bei ihren Entscheidungen in Berücksichtigung zu ziehen und eventuell bei der Krone mannhaft zu vertreten; aber dazu gehören Männer dec That und Energie, nicht Männer der Repräsentation, die dem Geiste der Verfassung widersprechen.
Vermischter.
* Der mit großen Ausstellungen verbundene Medaillenschwindel wird in dem soeben erschienenes Heft 10 der „Pariser WeltaussteNung in Word und Bild", Verlag Kirchhoff & Co., Berlin (pro Heft 40 Pfg.), von dem Syndikus der Handelskammer zu Halberstadt, Dr. Otto Freiherrn v. Boenigk, treffend beleuchtet. Es wird nachgewiesen, daß sich an die Ausstellung eine Reihe von Privatunternehmungen gehängt hat, die auss die Eitelkeit der Fabrikanten und Gewerbetreibenden spekuliert und durch einen schwindelhaften Handel mit Medaillen) und Diplomen sich zu bereichern versucht.
* Das Verhalten des deutschen Kronprinzen im Felddienst läßt erkennen, daß der Thronfolger ein warmes Herz für seine militärischen Untergebenen hat. Ein Augen- und Ohrenzeuge teilt folgendes aus dem Brigade-Manöverterrain mit: Als der Kronprinz an einem der letzten heißen Tage mit seinem Zuge eiC Wäldchen in der Nähe von Stücken besetzt hielt, lehnte er einen erfrischenden Trunk, den ihm einer der Kompagnie-Offiziere anbot, mit den Worten ab: „Ich führe noch eine halbe Flasche Wein bei mir, die ich jedoch für meine Leute aufheben will, falls ihnen auf dem beschwerlichen Marsche etwas passiert." Nach Beendigung des Gefechtes bestieg der Kronprinz das Pferd seines Haupt- manns und galoppierte nach Schlunkendorf, um selbst dafür Sorge zu tragen, daß die abmarschierenden erschöpften Gardisten durch Wasser erquickt würden.
* Von Professor Galetti in Altenburg, der noch zerstreuter gewesen sein muß, als das Gerücht von manchem Gelehrten behauptet, erzählt die „Magd. Ztg." anläßlich seines 150. Geburtstages folgende rednerische Entgleisungen: Was die Farbe des Mondes betrifft, so ist sie gewöhnlich groß. — Servius kam nach Rom und wurde daselbst geboren. — Varus war der einzige römische Feld-
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)
»3u viel Waldersee". — Die Bilderwut unsrer Tage. — Eine photographische Familie. — Wer den Schaden davon hat!
Tie Stimmung eines so vielköpfigen Ungeheuers, wie das Berliner Publikum es ist, schwankt im Handumdrehen aus einem Extrem ins andere; und wenn die lieben Weiß- bierphilister auch nicht gleich „Kreuzige ihn" schrein, nachf- dem sw gestern „Hosiannah" gerufen haben, so sind sie doch im stände, dem „Liebling" von ehegestern recht bittere kritische Blicke zuzuwerfen, die bekannte Denkerstirn zu runzeln und die Unterlippe spöttisch hängen zu lassen, nota bene, wenn das des eingeklemmten Stummels wegen möglich ist. Einsichtigen Leuten war es von Anfang an nicht geheuer, wie laut und lärmend die allezeit Servilen den Abschied des „Höchstkommandierenden in China" in Scene setzten. Es waren für einen nüchtern Denkenden zu viel der Begrüßungen, Ansprachen, Anekdötchen, Abbildungen rc. und man fragte sich hier und dort, wenn auch mit Unrecht, da der Feldmarschall je die schnellste Gelegenheit, auf seinen Posten zu kommen, wahrgenommen hat: „Warum nimmt er so lange Abschied? Vielleicht ist es in China schon vorbei, wenn er endlich hinkommt?" Das Publikum vergaß die notwendigen Vorbereitungen für eine solche Expedition, sah nur immer und immer wieder die mehr als zweifelhaften Bilder in den gräßlichen sensationsbedürftigen Berliner Massenblättern: Waldersee zu Fuß, Waldersee zu Pferde, Waldersee mit Frau, Waldersee in Khati-Uniform, Waldersee mit seinem Stabe, Waldersee in Cassel, in Hannover, in Berlin, in Rom — Waldersee ^nd kein Ende! Unwillkürlich dachte man an den alten Mojtke mit seinen Riesenthaten, der jeder öffentlichen
I Ovation abhold war — und hatte sich Dank der nimmer- I müden Weihrauchspender und Hurraschreier den Magen über Nacht verdorben. Es war zuviel des Guten! Und wenn nun die Affaire in China durch die meisterhaften Schachzüge des chinesischen Bismarck wirklich früher zu Ende ginge, ehe der „neue deutsche Moltke" dort in Aktion treten konnte, mußte der ganze pomphafte Abgang des alten Herrn, der als Heerführer noch keine Gelegenheit gehabt hat, sein Licht leuchten zu lassen, nicht ungeheuer bedrückend auf ihn wirken? Diese tausend Bilder in allen Schaufenstern, nicht zu vergessen die Wachsfigur in Castans unerbittlichem Panoptikum?
Es ist die entsetzliche Bilderwut von heute, die den größten Teil der Schuld an dieser ins Maßlose gegangenen Verherrlichung trägt; die Sucht, es einander znvorzuthun und keine Gelegenheit verstreichen zu lassen, sich als best- informiert und überall gut angeschrieben zu präsentieren. Und dazu eignen sich Bilder, die ein günstiger Zufall oder ein forsches Trinkgeld, vielleicht auch nur aufdringliche Schmeichelei, den Zeitungsjockeys zur Wiedergabe in die Hände spielte, am allervorzüglick)sten. Mitunter führt ein bischen Phantasie noch viel schneller ans Ziel. Ein armer Teufel von Zeichner ist willig und Papier noch immer gieduldig. Dann entstehen die famosen Illustrationen aus Transvaal und China, deren hervorragendste den Gesandtenmord in Peking darstellte. Herr v. Ketteler zu Pferde und die Boxer mit geschwungenen Messern um ihn her, während der Botschafter bekanntlich in einer Sänfte erschossen wurde.
Es sind die selbstverständlichen Folgen einer immer größere Kreise ziehenden Modekrankheit, die hier zutage treten: das Photographie-Fieber, auch Camera-Rappel oder Okular-Wut genannt. Man sehe nur einmal Sonntags die modernen Ausflügler zum Grünewald oder nach: Finkenkrug und in die Tegeler Heide ziehen. Welcher
Unterschied gegen früher, wo sentimentale Jünglinge eine Guitarre mit grünem Bande über der Schulter hängen hatten und ein anderer vielleicht verschämt eine Flöte trug. Heute schleppt Nr. 1 einen mehr oder minder großen Moment-Apparat am Riemen über der Schulter mit und statt der Flöte trägt Nr. 2 das Stativ dazu. Ja, wie es radelnde Familien giebt, wo die Sprößlinge vor dem Abc in die Geheimnisse des Pedals eingeweiht werden, so giebt es andere, die von der Großmutter an bis zum fünfjährigen Enkelkind dem Kodak-Teufel verfallen sind und mit ihrem satanischen Knippskasten von früh bis spät auf der Lauer liegen, um im Bilde festzuhalten, wenn zwei sich raufen oder küssen, von schrecklichen Scenen gan$ zu schweigen. Alles in dieser Familie dreht sich um die leidigen Aufnahmen; ob die Beleuchtung günstig war, ob man die Linse lange genug offen gelassen oder nicht, ob- Bello wieder mit dem Schwänze gewackelt hat und wann man die Ausbeute der Woche zu entwickeln gedenkt. Ach das Entwickeln! Heiliger Daguerre, was hast Tu angerichtet! Alle möglichen und unmöglichen Räume werden zu Dunkelkammern umgewandelt; die ganze Wohnung riecht nach gräßlichen Säuren und ewigem Lampenblak, und die Fußböden bekommen Löcher wie der Schweizer Käse. Die armen Berufsphotographen aber, denen die Wertheim, Jandorf und andere Riesenbazare schon das Geschäft verdorben haben, sitzen in ihren mehr oder minder teuren Ateliers und warten auf einen Kunden. Das „Abnehmen" ist im Zunehmen; aber bei ihnen entwickelt fidv nichts. Wie viele müssen dabei untergehen, wenn sie nicht wie dieser und jener auf den Dienstmädchenfang ausgehen und den unschuldigen Würmern vom Lande mit Offerten: 3 Mark das Dutzend, bei Zusage 1 Mark Anzahlung, den Mund wässerig 'machen wollen. Reichtümer .werden sie schließlich auch dabei nicht mehr erwerben. . . A. R.


