Donnerstag den 9. August
Zweites Blatt
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Die Wirren in China.
Dem in Newyork erscheinenden „Journal and Adver- tifer" wird aus Shanghai vom 6. August gemeldet, ein Oberst der amerikanischen Marinetruppen habe durch einen eingeborenen Lauser eine „Conger" unterzeichnete Depesche erhalten, die besagt: „Helfet, wenn überhaupt, sofort; in Peking ist keine Regierung, ausgenommen die militärischen Befehlshaber, welche die Vernichtung der Ausländer beschlossen habeen." Wie englische Quellen behaupten, soll die Entsatzexpedition der Mächte jetzt glücklich auf dem Wege nach Peking sein, jedoch fehlen zuverlässige Nachrichten über den Vormarsch. Es scheint, daß die verbündeten Truppen abermals auf einen unerwartet starken Widerstand gestoßen sind und daß von allen Seiten chinesische Truppen anrücken, um Peking zu decken. So wird dem „Standard" aus Shanghai vom 5. August berichtet, japanische Kundschafter seien auf eine große chinesische Truppenmacht, bestehend aus Kavallerie und Infanterie, südwestlich von Tientsin, und auf eine andere große Abteilung in der Nähe von Lutai, nordöstlich von Tientsin, gestoßen. Diese Nachrichten, wie auch andere Anzeichen deuten darauf hin, daß der Vormarsch in größerem Maße, trotz der amtlichen englischen Meldung, überhaupt noch nicht angetreten ist, und daß der Vorstoß nach Peitsang ebenso wie diese Erkundungen der Japaner, nur Maßregeln sind, um Tientsin zu sichern. Minister Del- cassee hat denn auch.in dem französischen Ministerrate erklärt, keine Depesche berechtige zu dem Glauben, daß der Marsch auf Peking beschlossen sei. Delcassee teilte ferner mit, Scheng habe den französischen Konsul in Shanghai amtlich benachrichtigt, ein kaiserlicher Erlaß vom 2. August besage, die fremden Gesandten würden, sobald sie wollten, unter Eskorte nach Tientsin geführt werden, und sie dürften von nun an in offener Schrift mit ihren Regierungen verkehren. Die Gesandten aber weigern sich offenbar, sich einer chinesischen Eskorte anzuvertrauen, und sie werden dazu ihre Gründe haben. Nach einer Meldung der „Daily Mail" aus Shanghai vom 5. August hat General Gaselee, der britische Befehlshaber, bessere Artillerie verlangt; Admiral Bruce erklärt, daß er nicht über eine genügende Anzahl von Offizieren- verfüge. Lihungtschang hat dem „Standard" zufolge in Peking um einen einmonatlichen Urlaui^gebeten, er sei in große Aufregung versetzt worden durch oie Nachricht, daß zwei fremdenfreundlichss Mitglieder des Tsungliyamen (Hsutschingtscheng und Yucm- tsching), hingerichtet worden seien. Die Hingerichteten seien nicht geköpft, sonderngezweiteilt worden. In Shanghai hatte, laut einer Reutermeldung vom 6., die Nachricht, daß der britische Konsul in T s ch i n k i a n g (am Schnittpunkt des Kaiserkanals mit dem Yangtse) einen Flußdampfer mit Beschlag belegt habe, wie man annahm, zur Ueberführung der Fremden nach Shanghai, einige Erregung verursacht. Ter britische Konsul in Shanghai gab jedoch bekannt, daß keine Absicht bestehe, die Fremden aus den Yangtsehäfen zu entfernen.
Im englischen Unterhause hat der Unterstaatssekretär Brodrick die Mitteilung gemacht, daß laut Meldungdes britischen Konsuls in Tientsin am 4. August derVormarschderverbündetenTruppenauf Peking begonnen habe. Heber den Angriff der Chinesen auf Tientsin, der am 1. August stattgefunden haben soll, sagt weder Herr Brodrick noch irgend eine andere amtliche Quelle ein ° Wort, obzwar Berichte darüber vorliegen; müssen. Wir sind also nach wie vor auf die bereits mitgeteilten dunklen Andeutungen der Privatquellen darüber angewiesen, da aber nun amtlich gemeldet wird, daß der Vormarsch am 4. August begonnen habe, so muß inzwischen die Scharte vollkommen ausgewetzt und die Chinesenstadt Tientsin wieder vom Feinde gesäubert worden sein. Private amerikanische Berichte behaupten, schon am 5. August sei es bei Peitsang zwischen Chinesen und den Verbündeten zu einem für die letzteren sehr verlustreichen Gefecht gekommen — die Meldung spricht von 1200 Toten Ünd Verwundeten, — nach dem die Chinesen sich zurückgezogen hätten. Näheres und Zuverlässiges darüber liegt bis jetzt Nicht vor.
Eine Meldung des „Daily Expreß" aus Tientsin vom 2. August giebt die Streitkräfte der Verbündeten auf 20 000 Japaner unter General Aomagutschi, 10 000 Russen, 9000 Briten und 7000 Mann der übrigen Mächte an. Aus Peking liegen in Tientsin Nachrichten der japanischen Gesandtschaft vor, die bis zum 1. August reichen; über ihren Inhalt erfahren wir nichts. Auf der Höhe der Vertrauenswürdigkeit steht ein kaiserlicher Erlaß vom 2. August, den, nach einer Meldung der „Times" aus Shanghai, der Taotai Scheng bekannt giebt. Darin heißt es, daß die ftemden Konsulate und Missionare für die Unruhen im Norden nicht verantwortlich seien, es werde daher befohlen, den christlichen Eingeborenen Schutz zu gewähren. Vom 5. August wird der „Daily Mail" aus Shanghai berichtet, zum Schutze der dortigen Konsulate seien Feldgeschütze gelandet worden.
Aus London wird weiter gemeldet: Die Unklar
heit über die Lage in China, die neuerdings noch zunimmt, wird gesteigert durch den Mangel an zuverlässigen Nachrichten und eine Ueberflut von Gerüchten. Der Berichterstatter des „Daily Expreß" in Tientsin meldet vom 3. los., die Russen seien auf dem Vormarsch auf eine Boxerabteilung gestoßen, die in einem Dorfe nordöstlich der Marschlinie die Bewohner erbarmungslos niedermetzelte, weil diese den Verbündeten Lebensmittel geliefert hätten. Die Boxer seien ohne sonderlichen Verlust zurückgeworfen worden. Eine russische Streifwache stellte bei Yangtsun ein chinesisches Lager von etwa 5000 Mann fest, und 15 Kilometer westnordwestlich wurden einige weitere chinesische Lager mit zwischen 15 000 bis 20000 Mann ermittelt. Dabei seien fortwährend noch von Süden her chinesische Verstärkungen im Anzuge. Nach einer Meldung desselben Blattes aus Shanghai vom 6. ds. hätte Li-Hung-Tschang dem Konsularkorps amtlich mitgeteilt, die Pekinger Gesandten seien, am letzten'Freitag nachmittagi unter Bedeckung nach Tientsin abgegangen. Infolge der neuerdings von den Vizekönigen dem Throne übermittelten Denkschrift wäre Yunglu zum Oberbefehlshaber des zum Schutze der Gesandten abkommandierten Heeres ernannt worden. Der Berichterstatter fügt hinzu, die Konsuln glaubten diese Nachricht Li-Hung-Tschangs nicht, da sie zuverlässige Kunde erhalten hätten, daß angesichts des Erlasses über Yunglus Ernennung Lipingheng und Kangyi sich vereinigt hätten, um den Abzug der Gesandten zu hindern. Die Lieferung von Lebensmittel an die Gesandten sei eingestellt und auch sonst alles aufgeboten worden, um die Ausführung des Erlasses zu hindern. Hier erregt in politischen Kreisen neuerdings die Nachricht besondere Aufmerksamkeit, daß Graf Bülow mit dem englischen pnd dem russischen Botschafter verhandle. Die hiesige chinesische Gesandtschaft soll eifrig mit Packen beschäftigt sein. Der erste Sekretär geht mit langem. Urlaub nach Shanghai und nimmt Münzmaschinen aus Birmingham mit. Auch« Sir Halliday Ma- cartney, §>er englische Sekretär der Gesandtschaft, schickt sich an, sein Haus zu räumen. Der Flotten-Attachee Tschen reiste nach Newcastle ab, um das Kommando des neuen chinesischen Kreuzers zu übernehmen.
Aus Aden wird gemeldet: Durch Herausfliegen einer Mannlochpackung (Kesselverschluß) an Bord des Kreuzers „Bussard" wurden schwer verletzt und sind gestorben: die Heizer Beer und Timps; schwerere Verletzungen erlitten Feuermeistersmaat Schäfer, Heizer Müller und Arthur Fischer. Ferner sind Maschinist Heppner und Heizer Tesch leicht verletzt. Die Verwundeten wurden in Aden auSgeschifft. Der „Bussard" verlängerte seinen Aufenthalt in Aden um zwei Tage.
Rüstungen.
Die Meldungen für einen etwaigen Ersatztransport nach China, die durch die vier Bezirks- KommandoS in Berlin entgegengenommen werden, sind, wie eine Korrespondenz meldet, außerordentlich zahlreich erfolgt. Die meisten Meldungen kamen aus Handwerkerkreisen; daneben sind viele Arbeiter vertreten.
Wie aus Brüssel geschrieben wird, haben sich bis jetzt zum Eintritt in das belgische Freiwilligen- Bataillon für China 470 Mann gemeldet. Alle sollen einer scharfen ärztlichen Untersuchung unterzogen werden, auch wird von ihnen eine unbescholtene Vergangenheit verlangt. Nach heutigen Blättermeldungen sollen die Aerzte, die das Korps begleiten, bereits bestimmt fein. Das Bataillon soll 400 Maulesel mitnehmen.
Telegramme deS Gietzener Anzeigers.
Berlin, 8. August. General - Feldmarschall Graf Waldersee wird als Oberbefehlshaber der verbündeten Truppen nach China gesandt. Er begiebt sich heute zum Kaiser nach WilhelmShöhe zur Entgegennahme seiner Instruktionen. — Auch die zweite Abordnung des deutschen Roten Kreuzes hat sich nunmehr nach China begeben. Sie besteht aus 4 Aerzten und 15 Krankenpflegern und hat die Aufgabe, den Lazarettdienst auf dem augenblicklich in Yokohama befindlichen, von der Hamburg- Amerika-Linie zur Verfügung gestellten Lazarettschiff „Savoya" zu übernehmen. Die Abordnung wird sich in Genua nach Ostasien einschifsen.
London, 8. August. Daily Expreß meldet aus Tientsin: 6000 Verbündete mit 14 Geschützen verteidigen die Stadt. 15000 Mann chinesische Truppen sind im Südosten Tientsins signalisiert. Ein kaiserliches Dekret befiehlt den Chinesen, Tientsin aus alle Fälle und um jeden Preis zurückzuerobern.
London, 8. August. „Daily Telegraph" meldet aus Shanghai! Große Mengen Gold und Silber sind in San Fu eingetrosfen. Man glaubt, daß es sich um einen Teil der kaiserlichen Schätze handelt.
London, 8. August. ®in Telegramm aus Tientsin
vom Sonntagmorgen bestätigt, daß am Sonntag bei Tagesanbruch 16000 Mann verbündete Truppen die Chinesen bei Peitsang angriffen und ihnen eine Schlacht lieferten, während der der Feind aus seinen Verschanzungen verdrängt wurde. Der endgiltige Ausgang des Kampfes ist jedoch noch unbekannt. — Das Kriegsministerium in Washington hat folgende Depesche des Generals Chaffee, datiert Tientsin, 5. August, empfangen: In einem Kriegstat wurde heute beschlossen, eine Schlacht zu liefern. Die Chinesen sind in Peitsang, sowie östlich und westlich davon verschanzt. Weiterhin ist der Feind durch Ueberschwemmungen geschützt und thatsächlich unangreifbar. Japanische, englische und amerikanische Truppen in einer Gesamtstärke von etwa 10000 Mann griffen die Chinesen auf dem westlichen Hügel in der Flanke an. Die übrigen Truppen, Russen und Franzosen, etwa 4000 Mann, rückten auf der anderen Seite des Peiho zwischen dem Fluß und der Eisenbahn vor. Die feindliche Stellung ist offenbar sehr stark. Zwischen Peitsang und Dangtseng stehen 30000 Mann Chinesen. Dangtseng ist der Zielpunkt unserer Operationen.
London, 8. August. Aus Shanghai wird gemeldet, daß in einem Telegramm, das dem japanischen Konsul aus Peking vom japanischen Vertreter zugesandt worden ist und in welchem gesagt wird, daß die Gesandten sich am 1. August in Peking noch wohl befanden, noch folgender Zusatz enthalten war: Wir erwarten einen Angriff und haben nur noch für 6Tage Lebensmittel und per Mann 25 Patronen. Der japanische Legations-Sekretär ist gestorben. Chinesische Beamte versichern, daß diese Nachricht mit den ihnen zugegangenen nicht übereinstimmt.
Brussel, 8. August. Der Minister des Aeußern hat heute das erste Telegramm des belgischen Gesandten in Peking erhalten: Vom 4. bis 16. Juli verteidigten wir unter Mithilfe von 8 österreichischen Matrosen unsere Legation, ohne sie indessen retten zu können. Die österreichische, holländische und italienische Gesandtschaft sind niedergebrannt. Auch die fränzösische liegt in Trümmern. Alle Fremden flüchteten in die englische Gesandtschaft, wo sie von den Chinesen belagert werden. Vom 20. Juli bis zum 2. August, :bem heutigen Tage, hatten wir 58 Tote und 70 Verwundete. Seit dem 17. Juli haben die Angriffe aufgehört, die Lebensmittel nehmen ab. Wir hoffen, noch diese Woche entsetzt zu werden. Sämtliche Belgier in Peking sind wohlauf. Die Haltung des Legationssekretärs und der übrigen Beamten ist über jedes Lob erhaben. Wir ersuchen Sie, unseren Familien Nachricht zukommen zu lassen.
Der Krieg in Südafrika.
Wie man über Holland erfährt, gelangen immer noch offizielle Kriegsnachrichten der Transvaal- Regierung, die mit der Unterschrift des Staatssekretärs I. W. Reitz erscheinen, über Lorenzo Marques nach Europa. In diesen Nachrichten wurde unter dem Datum des 10. Juni mitgeteilt, daß die englische Regierung den Generälen LouiSBotha und De laNey je ein Jahreseinkommen von 10000 Pfund Sterling angeboten habe, und es wurde hinzugefügt, Krüger sei überzeugt, daß auch ihm, Steyn und Christian de Wet dasselbe Angebot gemacht werden würde. Die Generäle hätten aber erwidert, sie würden lieber den Tod wählen, als ihr Land und ihre Landsleute verraten. Vielleicht wird man diese Angaben englicherseits als „Buren-Lügen" brandmarken und mit einem Anscheine von Entrüstung bestreiten, daß England durch Geldmittel zu erreichen versuche, was es mit Waffengewalt nicht erreichen könne. Indessen erst gestern schlug die „Times" vor, England solle die chinesischen Mandarinen durch Geld auf seine Seite zu bringen suchen, und sie bezeichnete einen Mandarin besonders, dem mit 50000 Pfund Sterling geholfen wäre.
Dem „Daily Telegraph" wird aus Pretoria vom 5. August gemeldet, kleine Bnrenabteilungen bedrängen die Briten von allen Seiten infolge des Rückzuges der Garnison von Sp ri g g S. Die Buren haben diesen durch seine Kohlenproduktion wichtigen Platz im östlichen Randgebiet wieder besetzt.
Harrysmith ergab sich General Macdon ald. Dadurch ist die Eisenbahnverbindung nach Natal wieder hergestellt. Ein heftiges Gefecht begann am 5. dS. am Elandöriver. Dasselbe dauerte am 6. ds. fort. Einzelheiten fehlen, jedoch glaubt man, daß eS den Generälen Harrington und Hamilton gelungen ist, bte


