Ausgabe 
8.11.1900 Drittes Blatt
 
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9lt. 262 Drittes Blatt. Donnerstag den 8 November 150. Jahrgang LSOO

Erscheint tägNch mit Ausnahme drS

Montags.

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Aus Stadt und Land.

Gießen, 7. November 1900.

Aus der Schule. Zu der Frage, wie wir zwei­stellige Zahlen aussprechen sollen, äußert sich der Direktor der Berliner Sternwarte, Professor Förster, in der Zeitschrift für mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht. Beim Schreiben setzen wir sinngemäß die Zehner vor die Einer, beim. Sprechen dagegen stellen wir die Einer voran und lasten die Zehner folgen. Wir schreiben z. B. 46, aber wir lesen nichtvierzig sechs", sondernsechs und vierzig". Förster bezeichnet das als einen groben Uebel- staud. Es sei zweifellos, daß gerade bei schnellrechnenden Personen durch diesen Widerspruch zwischen Schreiben und Sprechen viele Rechenfehler verursacht werden. Erfahr­ungen und Nachweisungen seien dafür in Fülle vorhanden. Man könne geradezu behaupten, daß Deutschland bei seiner wissenschaftlichen und technischen Rechenarbeit in dem Wett­bewerb mit anderen Völkern, deren Sprachen diesen Mangel nicht haben, im Nachteile sei. Förster hält es für wünschens­wert, daß man in der Schule endlich anfange, zweckmäßiges und sinngemäßes Zählen zu lehren. Er schlägt vor, vom Jahre 1901 ab die ABDSchützeu stattsechs und vierzig" sagen zu lastenvierzig sechs", wie wir auch sagen hundert drei" oderhundert und drei". Folge­richtigerweise soll dann auch stattdreizehn",vierzehn" u. s. w. gesagt werdenzehn drei",zehn vier" u. s. w. Nurelf" undzwölf" will Förster beibehalten wiffen. Zu diesen Ausführungen schreibt man uns: Im Interesse der Lehrerschaft und der Schüler wäre es ebenfalls sehr wünschenswert und heilsam, wenn der Vor­schlag Förster- gesetzlich eingeführt würde. Warum soll das Kind anders schreiben als es spricht? Gerade durch die unlogische Schreibweise ist den Schülern das Zahlen­schreiben bei der Verbindung von Zehnern und Einern mit den Hunderten bedeutend erschwert und nur dadurch ent­stehen beim Zahlenschreiben so leicht die Fehler. Wie oft schreibt der Anfänger statt64"46" oder umgekehrt. Bei Verbindungen von Millionen, Tausendern, Hundertern reiht sich logisch Ziffer an Ziffer. Sobald aber Zehner und @iner daneben austreten, so tritt jedesmal die Um­kehrung ein. Daß dies vermeidbare Uebelftände sind und ihre Beseitigung bedeutende Erleichterungen bedeuten, dürfte jedem klar sein. Die jetzige Zahlensprechweise sollte ebenso wie die Buchstabiermethode aus der Schule verbannt werden.

* Ratgeber für Inserenten. In der gegenwärtigen Zeit, wo Preiserhöhungen auf allen Gebieten des wirt­schaftlichen Lebens sich bemerkbar machen, möchten wir die Handel- und Gewerbetreibenden auf eine Erscheinung Hin­weisen, die gewiß von vielen willkommen geheißen wird. Diese versetzt den Geschäftsmann in die Lage, sein Ein­kommen trotz der steigenden Unkosten stetig zu erhöhen. Im Verlag der Deutschen Verlagsanstalt zu Ochtrup erschien soeben ein Praktischer Ratgeber für In­serenten. Dieses sehr umfangreiche, mit gutem Geschick bearbeitete Reklamewerk bringt weit über Tausend wirklich gediegene, teils recht originelle und moderne, zugkräftige Jnseratvorlageu, die dem Inserenten kostspieliges Elichs- Anschaffen, sowie zeitraubendes Entwerfen auffallender An­noncen ersparen und den Verkehr mit den Zeitungen wesent­lich vereinfachen. Selbst bei telephonischer oder telegraphischer Bestellnng ist dadurch noch die Möglichkeit gegeben, In­serate genau nach Wahl des Auftraggebers in gewünschter auffälliger Form auszuführen.

Darmstadt, 5. November. Wegen des Ablebens des Prinzen Christian Viktor zu Schleswig-Hol­stein ist eine Hoftrauer vom 3. November bis zum 10. dS. Ms. einschließlich angeordnet worden.

fc. Fulda, 4. November. Der 14jährige Sohn einer hiesigen Witwe spielte heute mit einem geladenen Revolver. Plötzlich entlud sich die Waffe und die Kugel drang einem 10jährigen Knaben in die Brust, sodaß er nach iy3 Stun­den starb.

Grotzh. Handelskammer Friedberg.

In der 16. Sitzung der Großh. Handelskammer Fried­berg für die Kreise Friedberg, Büdingen und Schotten am Donnerstag, den 1. November, waren an­wesend: Fertsch, Langsdorf, Bindewald (Friedberg) Sprengel (Bad-Nauheim), Martini (Vilbel), Wetzell (Nieder-Erlenbach), Schäfer (Büdingen), ClooS (Nidda), Engel, Kromm (Schotten), ferner als Sekretär Rechtsanwalt und Notar Stahl. Ent­schuldigt fehlte Hanner (Büdingen).

Zum Antrag Küchel (Butzbach) betr. Einführung eines Zolles von mindestens Mk. 4 per 100 Kilogramm auf gemahlene Erdfarben war von Joutz (Butzbach) be­antragt, einen Zoll von Mk. 1 zu befürworten. Die Kammer lehnte beide Anträge nach eingehender Debatte und stattgehabter Umfrage bei den Jntereffenten ab.

Der Vorsitzende berichtete sodann über den Verlauf des Hess. Handelskammertags, der am 21. Oktober l. I in Mainz getagt und der sich mit folgenden Gegenständen beschäftigt hatte:

1. Beratung des Entwurfs eines neuen Hess Handelskammergesetzes. Von den Beschlüssen des Handelstags verdient besondere Er­wähnung: gesetzliche Festlegung der Kammerbezirke, direktes, gleiches Wahlrecht zur Handelskammer und Erhebung der Bei­träge zur Handelskammer durch die staatlichen oder Gemeindeein­nehmer sowie die gesetzliche Anerkennung des Handelskammertages als Vertretung und Verwaltung der gemeinsamen Interessen der Handelskammern.

2. Die Umfrage des deutschen Handelstags betr. Einrichtung einer Centralhandelsstelle.

3. Die Zulassung der hessischen Industriellen zu der im Jahr 1902 in Düsseldorf stattsindenden Industrie-Ausstellung.

4. Einführung einer weiteren Briefbestellung mit Empfangsbe­scheinigung.

5. Der neue Zolltarif."

Auf Veranlassung von Schäfer (Büdingen) spricht sich die Kammer einstimmig gegen die von den deutschen Stearin- und Stearinkerzen-Fabriken beantragte Zoll­erhöhung auf Olein aus, da diese Zollerhöhung die gesamte Textil- und Seifen-Jndustrie schwer zu schädigen und der kartellierten Stearinkerzen Fabrikation doch nicht dauernd zu helfen geeignet ist.

Der OrtSgewerbeverein Nidda hatte sich mit der Bitte an die Kammer gewandt, bei den Landständen dahin wirken zu wollen, daß der Brand Versicherungsbeitrag für einzelne gewerbliche Betriebe, die seither mit dem zwei- und dreifachen Beitrag herangezogen wurden, mit Rücksicht auf die begründete geringe Feuergefährlichkeit auf eine den landwirtschaftlichen Betrieben entsprechende Stufe herabgesetzt werden möge. Es wurde beschlossen, sich zu­nächst das erforderliche statistische Material zu verschaffen und eventuell alsdann im erbetenen Sinne vorstellig zu werden.

Bezüglich des Antrages der Firma Fahlberg, Lift und Co. in Salbke Westerhusen betr. Besteuerung von Saccharin spricht sich die Kammer zwar für eine angemessene Besteuerung des Saccharins im Verhältnis zu Zucker aus, verwirft aber entschieden den Apothekenzwang, da letz­terer die Industrie die Artikels lahmlegen würde.

Es findet sodann die Auslosung der pro 1900 auS- scheidenden Mitglieder statt. In getrennter Auslosung werden für den älteren Kammerbezirk auSgelost: für Fried­berg: H- L. Langsdorf, für Butzbach: W. Joutz, für Büdingen: O. Schaefer, für Schotten: W. Engel. Für Friedberg findet ferner eine Ersatzwahl für den ausgeschie­denen Herrn Salli Meyer statt. Der Termin der Wahl soll noch näher bestimmt werden. Zu Wahlkommissären bezw. Beifitzern und Ersatzmännern werden ernannt: für Friedberg: H. Bindewald, Alex. Weber, Isaak Mai, Martin Reuß, A. Meyer; für Butzbach: H. Küchel, Karl Hader­mann, Ernst Vogt, Gg. Loth, Jak. Grünin. er; für Büdingen: L. Hanner, Franz Lehning, Ludwig Rothschild, Karl Schneider, Karl Block; für Schotten: W. Kromm, H. Rockemer, Her­mann Heß, Phil. Donecki, Julius Kaufmann.

Die Kaiser!. Oberpostdirektion Darmstadt fragte bei der Kammer an, für welchen Modus sich die Interessenten bezüglich der Erledigung von solchen Postsend­ungen aussprechen, die im Ortsverkehr als unbe- stellbar zurückkommen, ob für Nachsendung mit Straf­porto, oder ob Zurückgabe an den Absender. Der Kammer wäre es erwünscht, hierüber Aeußerungen von Jntereffenten zu entsprechenden Verwertung zu erhalten.

Das Reichsversicherungsamt ersucht die Kammer, die Interessenten darauf aufmerksam zu machen, daß nach § 1 Abs. 1 Ziff. 7 des am 1. Oktober 1900 in Kraft tretenden Gewerbe-Unfallversicherungsgesetzes vom 30. Juni 1900 sich die Unfallversicherung nunmehr auch auf solche Lagerungs-, Holzfüllungs- oder der Beförderung von Personen oder Gütern dienende Betriebe erstrecken, die mit einem Handelsgewerbe verbunden sind, dessen Inhaber im Handelsregister eingetragen steht. (Nähere Bekanntmachung wird noch erfolgen).

Auf Vorschlag des Vorsitzenden beschließt die Kammer gleich zahlreichen anderen Handelskammern die Gültig­keit der Monats-Fahrkarten auf 30 Tage vom Tage der Ausgabe an gerechnet, zu beantragen.

Prozeß Sternberg.

Berlin, 5. November.

Hierauf wird Frieda Woyda wieder vorgerufen und eingehend darüber gefragt, wie sie zu den kleinen Lügen gerommen ist, auf die sie von ihrer Schwester er­tappt worden sein soll. Tas Kind behauptet u. a.: Im Waisenhause haben ihr die Kinder erzählt, einige Kinder, die anscheinend gestorben waren, seien, als sie noch warm waren und sogar noch geschrieen haben, in einen Sack ge­näht und in einen Sarg gelegt worden. Tiefe Geschichte habe sie zu Hause erzählt. Tas Mädchen behauptet auch im Widerspruch mit Stierstädter, daß dieser und nicht sie davon gesprochen habe, daß sie durch das Essen im Waisen­hause vergiftet werden sollte. Weitere sehr eindringliche Fragen des Vorsitzenden sollen den Versuch desselben, aus dem Munde des Mädchens herauszubringen, ob Stier­städter oder Frau Blümke die Vorgänge richtig geschildert hat, die sich abspielten, als Frau Blümke von der Lügen­haftigkeit der Frieda Woyda Mitteilung gemacht hatte. Das Mädchen behauptet: Herr Stierstädter habe gesagt, die Mutter brauche nicht vor Gericht zu erzählen, daß Frieda öfter gelogen habe. Wenn man alles sagen wollte, müsse ja alles von Bedeutung sein. Der Vorsitzende bemüht sich, ohne zu ermüden, aus dem Mädchen heraus- rubekommen, weshalb sie fünf Monate lang der Polizei und dem Gericht ihre früheren angeblichen Lügen aufrecht er­halten habe und nun mit einem Male ihr Gewissen er­leichtern wolle. T-as Mädchen erklärt, sie sei von ganz alleine darauf gekommen, weil sie sah, daß Herr Stier­städter immer wieder kam und ihr Fragen über Dinge vorlegte, die sie gar nicht wußte. Sie habe keine Ruhe gehabt, habe nicht einschlafen können und habe gedacht: Wenn sie immer bei ihrer Aussage verbleibe und es wäre doch nicht wahr, dann würde sie der liebe Gott bestrafen. Im Anschluß hieran fragt Justizrat Tr. S e l l o die Zeugin eingeheno nach ihrem Religionsunterricht, nach den Ge­boten, namentlich nach dem Gebot, kein falsches Zeugnis wider den Nächsten abzulegen rc.

Der nächste Zeuge Blümke bestätigt die Aussage seiner Ehefrau, daß Frieda Woyda eines Tages vor etwa vier bis fünf Wochen zugegeben habe, daß fie gar nichts wisse und falsch ausgesagt habe. Ter Zeuge bestätigt auch die Angaben der Ehefrau über die Vorschläge, die ihm von einem Herrn Wolff und einem Herrn Hofmeier gemacht worden sind. Ein Herr Wißmann habe ihn mit Herrn Wolff bekannt gemacht, der ihm schriftliche Arbeiten über­tragen wollte. Tabei sei dann wiederhalt das Projekt zur Sprache gebracht worden, daß für seine Frau und ihn ein Konfektionsgeschäft aufgemacht und Geld dafür her gegeben werden könnte. Bei diesen Gelegen­heiten habe Herr Wolff vermieden,' genaueres zu sagen und den Namen Sternberg oder einen anderen zu nennen. Die Sache habe ihn gewundert, und er habe der Polizei Mitteilung davon gemacht. Es habe dann ein Herr- mcier, der Vertreter eines Goldwarengeschäfts, sich mit ihm in Verbindung gesetzt und ihm in Aussicht gestellt, bei ihm Nebenbeschäftigung zu erhalten. Es sei ihm ge­sagt worden, er würde Ringe und Goldsachen zum Ein­kaufspreise erhalten können. Er habe einen Ring geschenkt erhalten und es sei ihm eine gol­dene Uhr in Aussicht gestellt worden. Herr Hömeyer sei dadurch zu ihm gekommen, daß er über einen Inspektor einer Versicherungsgesellschaft Auskunft haben wollte. Er sei über die Angebote sehr erstaunt gewesen und sei nicht weiter darauf eingegangen. Staatsanwalt Brant : Ich frage den Zeugen nunmehr auf seinen Eid: Ist von seiner Seite auf das Mädchen eingewirkt worden, hat kein Mensch, wer es auch sei, Sie zu veranlassen ge­sucht, auf das Mädchen einzuwirken, damit sie ihre Aussage ändere? Zeuge : Nein, kein Mensch! Auf Befragen des Justizrats Tr. Sello bekundet der. Zeuge, daß der Kri­minalschutzmann Stierstädter ihm die Möglichkeit einer An­stellung bei derMorgenpost" in Aussicht gestellt habe. Stierstädter habe ihm gesagt, er stehe mit dem Redakteur derMorgenpost" in naher Verbindung. Zeuge Stier­städter bestreitet dies. Er will nur gesagt haben, bei solcher Zeitung brauchen sie ev. immer Leute. Auf weiteres Befragen des Justizrats Tr. Sello erklärt der Zeuge, daß er ausdrücklich Herrn Stier st ädter davon Mit­teilung gemacht habe, daß Frieda Woyda ihre Aussage geändert habe. Stier st ädter tritt dieser Behauptung entschieden ent­gegen. Zeuge Blümke bleibt aber dabei. R.-A. Heinemann: Hat Herr Stierstädter auch von seinen Vor­gesetzten gesprochen. Zeuge: Stierstädter hat gesagt, es werde diesmal eine große Sache werden, es würden wohl mehrere seiner Vorgesetzten purzeln, namentlich Herr v. Meerscheidt-Hüllessem, der ihm ver­boten habe, in der Sache zu arbeiten und sich mit Blümkes weiter in Verbindung zu setzen. Er werde Ver­schiedenes zur Sprache bringen, denn verschiedene Beamte begünstigten Herrn Sternberg. Ter Zeuge Stierstädter bestreitet die Aussagen des Zeugen wiederum und erklärt: