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8.6.1900 Zweites Blatt
 
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Freüag den 8 Juni

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Die Wirren in China.

AuS Schanghai wird gemeldet, die Russen haben die sofortige Entsendung von 2000 Manu aus Port-Arthur nach Peking beschlossen, um die Boxer zu züchtigen, welche die Kosaken bei dem Versuch, die belgischen Ingenieure zu befreien, angegriffen haben. Die Mehrzahl der Mit­glieder der Gesandtschaften in Peking schicken ihre Familien fort. Vornehme chinesische Einwohner folgen ihrem Bei­spiele. Wie aus Brüssel telegraphirt wird, übernimmt auf Ansuchen Belgiens die österreichische Schutztruppe in China den Schutz der Belgier. DerCentral News" wird aus Tientsin telegraphiert: Die Ermordung der Missionare Robinson und Norman wird bestätigt. Robinsons Leiche war furchtbar verstümmelt und die Ein­geweide waren herausgeriffen. Die Rebellen verbrannten und zerstörten die Station Anting und umzingelten Lang­fang. In Peking laufen keine Züge aus oder ein, und die Lokomotivführer weigern sich, ohne ausländischen bewaffneten Schutz ihre Lokomotiven zu besteigen. Es laufen Gerüchte um über einen Kampf und einen Tumult im Palaste von Peking. Die amerikanische Regierung beschloß die Ent­sendung des KanonenbootsHelena" von Manila nach Tientsin mit Marinetruppen zum Schutz der Amerikaner. Weitere Verstärkungen werden folgen. DieHelena" führt 10 Offiziere und 166 Mann an Bord. Man erwartet, daß Admiral Remey noch eine oder zwei Kompagnien See­soldaten mitsendet.

Politische Tagesschau.

Wider Erwarten kam eS schon in der Sitzung des Reichstags am Mittwoch zur Abstimmung über den § 1 des Flottengesetzes, der die Verstärkung der Flotte enthält. Mit 152 gegen 79 Stimmen wurde, wie ja ohne weiteres an­zunehmen war, der Paragraph angenommen; zwei Ab­geordnete enthielten sich der Abstimmung. Es fehlten also auch in dieser wichtigen Sache noch über 140 Abgeordnete. Der Referent Müller-Fulda und Staatssekretär Tirpitz wechselten Erklärungen über die abgelehnte Vermehrung der Auslandsschiffe. Abg. Bebel griff sehr lebhaft das Zentrum an wegen seiner Haltung in der Flottenfrage und provozierte dadurch den Abg. Gröber zu einer Erwiderung. Indessen war, wie aus Berlin geschrieben wird, die Aufmerksamkeit des Hauses nicht allzu rege, weil ja schon zweimal gründ­lich Uber die einschlagenden Fragen im Plenum verhandelt worden. Di- Abgg. Bassermann, Graf Stolberg, Graf Arnim, Rickert, Liebermann von Sonnen­berg beschränkten sich auf kurze Erklärungen für die An« nähme. Abg. Richter faßte in einer halbstündigen Rede die Grüyde zusammen, aus denen seine Partei gegen das Flottengesetz stimme. Die Erwähnung der Torpedo, bootödivision auf dem Rhein gab zu mehreren scherzhaften Reden und Gegenreden Anlaß. Der Rest des Flottengesetzes wird am Donnerstag anstandslos passieren. Jndeß wird an den § 6 eine Generaldebatte über die Deckungsfrage angeknüpft werden. Bei den nachfolgenden Steuergesetzen verteilt sich dann die Diskussion auf die einzeluen vorgeschlagenen Tarifsätze.

Der Krieg in Südafrika.

Lord Roberts hat nun in der Hauptstadt von Trans­vaal die Flagge gehißt, unter der das Geschick dieses Landes sich nunmehr abwickeln wird. Es ist em denkwürdiges Er­eignis und wird als solches allenthalben verstanden werden. Für dis ganze Welt ist die Einnahme von Pretoria das Zeichen des endgiltigen Erfolges Englands. DerStand." sagt der Einmarsch der britischen Armee m Pretoria kenn- lekfrnet eine Epoche in der Geschichte und bildet das Ende der holländischen Republik, wie den Beginn der Existenz eines unter britischer Herrschaft vereinigten Südafrikas.

Der Berliner Korrespondent desTelegraph" berichtet über das Verhältnis Kaiser Wilhelms zum Burenkriege Folgendes:Ich bestehe auf der Authen­tizität dessen, was ich hier wiederhole, daß der deutsche ^tfer von unseren Rückschlägen in Afrika mit tiefem Be­dauern und'Sympathie für die tapferen Gefallenen erfuhr und daß er die ganze Zett über unsere (der Engländer) Sieae iubelte und unseren sicheren und letzten Erfolg hoffte Ml kann versichern daß kein Mann im Reichl sich mehr und o über die letzten Nach- SS« gefreut hat wie Kaiser Wilhelm selbst.

Diese Gefühle hat er wiederholt seinen erhabenen Ver­wandten in England und jedem englischen Offizier gegen­über ausgedruckt, mit dem er wahrend des Krieges zusam- menkam Als Marschall Roberts das Kommando über, nahm erklärt« der Kaiser, datz die Buren keine Aussicht auf Erfolg mehr hätten".

at der Kaiser wie folgt benannt: Das Werk

gun

F e ft e Kronprin z", das Werk ,F e ft e Kaiseri n", das Werk bei

auf dem| Gorgimont: bei Le Point du jour:

altmodische Puritaner, in dogmatischer wie in geselliger Hinsicht und gerade wie die strengeren Puritaner im sieb­zehnten Jahrhundert besitzen sie neben dieser kirchlichen Rigorosität eine Charakterfestigkeit, die ihnen zu einer un­verhältnismäßig großen politischen Macht verholfen hat. Außerhalb Pretorias ist das Land einsam und schweigend, wie ganz Transvaal mit Aussnahrne der GrubenbezirkH Hier und dort, in langen Zwischenräumen, stößt man aufi eine Gruppe von Häusern, die man aber kaum ein Dorf nennen kann. Wenn die Bergwerke nicht wären, würde die Bevölkerungsdichte Transvaals kaum einen Menschen aufs die englische Quadratmeile betragen.

Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 7. Juni. Unter den bei Lindley gefangen genommenen Engländern befinden sich zwei Kompag­nien der Aeomanry desHerzogS von Cambridge, darunter verschiedene Mitglieder deS höchsten Adels.

Pretoria, 7. Juni. Auf Verlangen des Generals Buller ist ein Waffenstillstand von drei Tagen geschloffen worden. Präsident Stein befindet sich an der Spitze be­deutender Streitkräfte östlich von Kronstadt und rückt gegen Wynburg vor. _____________________

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Juni. Der Kaiser hörte heute vormittag den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts v. Lucanus. In Gegenwart des Kaisers fand dann die Beratung über eine wissenschaftliche Expedition nach Baalbek statt. Au derselben nahmen u. a. teil: Der türkische Bot­schafter Tewfill Pascha, der Generaldirektor der Museen, Wirkt. Geheimrat Dr. Schöne und Professor Dr. Puchstein aus Freiburg in Baden.

Die bei Metz in Ausführung begriffenen Befesti -

Saulny:Feste Lothringen". Es soll dies, wie er in einem Erlaß an den Statthalter hervorhebt,ein Zeichen sein, wie eng verbunden ich und mein Haus uns mit dem Reichs lande fühlen".

Dem Generalmajor z. D. Graf v. Klinkow- st r o e m und dem Generalmajor z. D. Graf zur Lippe- Biest er feld ist der Rote Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub, dem Prinzen Albrecht zu Solms- Braunfels (der bekanntlichi mit der Verwaltung des Fideikommisses für den minderjährigen Fürsten, seinen Neffen, betraut ist. D. Red.) der Stern zum Kronenorden zweiter Klasse, dem Polizeipräsidenten von Wiesbaden Prinz v. Ratibor der Kronenorden dritter Klasse und dem Ober-Bürgermeister von Wiesbaden Dr. v. I b e l l der Rote Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife ver­liehen worden.

Finanzminister v. M i q u e l ist heute vormittag nach Posen abgereist, um der morgen dort stattfindenden Er­öffnung der landwirtschaftlichen Ausstellung beizuwohnen.

DieNordd. Allg. Ztg." erfährt: Der Direktor der Kolonialabteilung, v. Buchka, wird auf seinen Antrag von seinemPo st en enthoben werden. Zu seinem' Nachfolger ist der Gesandte in Chile, Dr. St übel, ausersehen.

Von der Schulkonferenz (Siehe Leitartikel) wird noch! gemeldet: Während der um 1 Uhr eingetretenen Pause wurde ein vom Minister Dr. Studt in seiner Woh- nung dargebotenes Frühstück eingenommen. An der Kon­ferenz nahmen 50 Herren teil, darunter außer den bereits Genannten: Ministerialdirektor Dr. Althoff, General Frhr. von Funck, General-Inspekteur des Militär-Erziehungs­und Bildungswesens und Generalmajor Frhr. von Secken­dorfs, Kommandeur des Kadettenkorps zu Berlin, sowie die Professoren! von Bezold, Koser und von Wilamowitz- Moellendorff. \

Nach einer Meldung aus Rom macht das italienische auswärtige Amt bekannt, daß die Auswanderung italienischer Landarbeiter nach Ostpreußen durchaus nicht ratsam sei. Die Gleichgiltigkeit und Habsucht der Grundbesitzer bereite den Tagelöhnern eine so elende Lage, daß die Lohn-, Nahrungs- und Wohnungs- Verhältnisse selbst in Italien besser seien. (?)

Nach einer weiteren Meldung aus Rom soll die Frage betreffend die Errichtung einer amtlichen Ver­tretung des heiligen Stuhles in ®eHm von diesem neuerlich ernstlich erörtert werden. Als Aeqinva­lent für das Entgegenkommen würde dann der Vatikan die Wünsche der deutschen Regierung hinsichtlich der theolo­gischen Fakultät in Straßbura ohne weiteres befriedigen. Wie ferner mitgeteilt wird, habe sich der Papst auf perfönlichen Wunsch Kaiser Wilhelmsbe- reit erklärt^ dem Kölner Erzbischof beim nächstem

Im Kriegsamt verlautet, daß Marschall Roberts die I Eisenbahnlinie PretoriaDelagoa zerstören | will, uni ZU verhindern, daß die Burenkommandos nach I Lydenburg per Bahn entkommen. Es geht das Gerücht, daß | die Bahn bereits westliche von Middelburg zerstört ist.

Die Generale Hunter und Baden-Powell trafen | in Lichten burg ein: ohne Buren vorzufinden.

Der Afrikanderbund beschloß, alle Geschäfte I ohne die Engländer zu mack>en und diese kommer- I ziell und industriell in ganz Südafrika zu boykot - ] tieren. Das wird ihnen freilich wenig nützen.

Das Bureaü Reuter telegraphierte aus Newcastle: I Historische Erinnerungen! binden die Buren an Laings | Nek. Sie haben sich noch nicht völlig entschließen können, I es aufzugeben. Für sieben Kanonen sind Verschanzungen I aufgeworfen. Es ist aber unmöglich, zu sagen, wie viele I Kanonen die Buren haben.

200 Mann der Kapstädter Volunteers gingen zur Ver- I stärkung der Streitkräfte des Generals Warreus nach Dou- I glas ab.

Laut Nachrichten aus Johannesburg erklären die I Grubendirektoren, die Gruben seien niemals so g u t I beaufsichtigt gewesen, wie während des Krieges. Man I hat in den Gruben einen Aufruf Krügers gefunden, der I die Beschädigung der Anlagen untersagt.

Eine Schilderung, die James Bryce, einer der gründ- I lichsten Kenner Südafrikas, übrigens ein Gegner des Krie- I ges, in Deutschland in der letzten Zeit auch durch den I Brief Mommsens an Professor Müller in Oxford in wei- I teren Kreisen bekannt geworden, von Pretoria ent- | wirft, dürfte allgemein interessieren. Bryce sagt:

Einen großen Gegensatz zu dem geschäftigen Johannes­burg bietet das schläfrige Pretoria, das vor dreiundvierttg Jahren gegründet und 1863 der Sitz der Regierung wurde. D»e Stadt, die etwa 12 000 Einwohner zählt, darunter 8000 Weiße, liegt in einem warmen und gutbewässerten Thale, etwa 48 Kilometer in nordöstlicher Richtung von Johannesburg, ganz hinter Gummibäumen und Weiden versteckt. Von den niedrigen Bergen aus, die sich hinter der Stadt erheben und seit 1896 mit Batterien gefrönt sind, hat man eine hübsche Aussicht über das Thal hin. Die Straßen sind breit und nach einem Regen so schlammig, daß sie fast unpassierbar sind, die Häuser unregelmäßig, gebaut, selten malerisch. Nichts kann häßlicher sein, als die große holländische Kirche, die in der Mitte des Mark­tes oen besten Platz einnimmt. Das Regierungsgebäude, in dem auch der Volsraad tagt, kann jedoch stattlich, ja prächtig genannt werden. Es soll 200000 L. gekostet haben. | Der Saal, in dem der erste Volksraad zusammentritt, ist | geräumig und schon. Obgleich ziemlich viel Buren und ' Holländer dort wohnen, und man viel holländisch sprechen | hört, ist doch der Eindruck im allgemeinen der einer eng­lischen Kolonialstadt: die englisch-kapländische Bevölkerung ist auch recht beträchtlich und einflußreich. Es giebt inj Pretoria wenig Handel und gar keine Industrie; der Orb ist eigentlich nur der Sitz der Verwaltung und der Gerichts­höfe, nur sind die meisten Rechtsanwälte Engländer aus der Kapkolonie ober aus dem Mutterlande. Die großen Interessen, die in den Goldfeldern auf dem Spiele stehen, und die zwischen den Gesellschaften entstehenden Streitig­keiten geben zu vielen Prozessen Anlaß, und eine ganze Straße, die gewöhnlich das Aasvogelsnest (Geiemest) ge­nannt wird, besteht aus den Kontoren der Rechtsanwälte. Diese und die Richter, von denen die bedeutendsten eben­falls entweder Kapholländer oder englischer Abkunft sind, bilden den gebildetsten und, abgesehen von der Politik, einflußreichsten Teil der Gesellschaft. Johannesburg ent­hält fast den ganzen Reichtum und die halbe weiße Be­völkerung Transvaals, eines Landes, das so groß ist, wie Großbritannien. Pretoria und das einsame Land im Norden, Osten und Westen les giebt noch einige Gold- und Kohlengruben in anderen Gegenden, meistens im Osten des Landes, mit einer kleinen, größten­teils neu eingewanderten Jndustriebevölkerung) enthält den Rest der Bevölkerung und die ganze politische Macht. Präsident Krüger wohnt in einem Hause, das ihm von der Republik geschenkt worden ist. Es ist ein langes, nied­riges Landhaus, wie ein indisches Bungalow gebaut, und unterscheidet sich in nichts von den anderen Häusern. Der Präsident bezieht ein Jahresgehalt von 7000 L., außerdem noch das foganannte Kaffeegeld zu Repräsentationszwecken. Gerade gegenüber steht die kleine Kapelle der Dopper- sekte, in der er zuweilen predigt. Wie die Schotten in früheren Zeiten, haben die Buren im allgemeinen mehr Interesse für kirchliche als für weltliche Politik gezeigt. Ein scharfer Konflikt tobte früher zwischen ihnen, indem die eine Partei sich der holländisch-reformierten Kirche im Kaplande anzuschließen wünschte, die andere dagegen vorzog, für sich zu bleiben, da sie, scheinbar mit Unrecht, der Rechtgläubigkeit jener Kirche mißtraute. Die Döppers! (d. h. Wiedertäufer) halten noch streng an ihren alten Sitten fest. Als ich nach ihren Glaubensartikeln fragte, bekam ich zur Antwort, daß sie lange Westen trügen und sich weigerten, Gesänge zu singen. Sie sind in Wahrheit