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4.9.1900 Drittes Blatt
 
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«. 206

Dieartag de» 4. September 150. Jahrgang 1900

Drittes Blatt.

Gießener Anzeiger

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Stelle des Lecturer in German ist durch Dr. Thistlethwaite ou6 Halle besetzt, der an der dortigen Universität englischer Lektor war. Dr. Breusing, Assistent für Geologie an der technischen Hochschule in Hannover, ist aus einer Studienreise, die er vor kurzem nach Niederl.- Guyana antrat, gestorben. In Dresden starb der a.-o.Professor ffc Elemente der Bauformenlehre, Ornamenten- und Bauformenzeichnen, Richard Eck, nach 2bjähriger Thätigkeit an der dortigen technischen Hochschule.

Politische Tagesschau.

DieLeipz. N. Nachr." wollen authentisch erfahren haben, daß nach den ersten Berichten über die Ereignisse in China Kaiser Wilhelm in der Form einer Randbemer- tung angeordnet hat:An Bendemann telegraphieren, er solle für jeden ermordet en Deutschen eine chine­sische Stadt bombardieren." Den Bemühungen des Äuswärtigen Amtes gelang, die Nebermittlung und die Konsequenzen dieses kaiserlichen Willensausdruckes zu ver­hindern.Die Quelle, aus der diese Nachricht unß zu­geht," schreibt daß Blatt,schließt einen Zweifel an ihrer Nichtigkeit auß. Wir unsererseits sind der Ansicht, daß die Tendenz des Monarchen, wiewohl die erste Erregung über die chinesischen Greuelthaten vielleicht einen zu starken, wenn auch begreiflichen Einfluß außgeübt hat, durchaus die richtige war. Aus die Ermordung KettelerS mußte daß Bombarde­ment von Taku die Antwort bilden. Wir hätten hiermit unsere politische Stellung nur befestigt und unß für die künftigen Verhandlungen eine starke Position geschaffen!"

Die neue Reichsmilit'ärgerichtSordnuug, die am 1. Ok­tober d. I. in Kraft tritt, scheint in Bayern nicht mit sonderlich erfreuten Gefühlen begrüßt zu werden. Wenigstens geht das aus einem Artikel desWürzb. Journ." hervor, in dem anläßlich der letzten Sitzung des Würzburger Militärgerichts bedauert wird, daß daß nach vielen Kämpfen und Mühen von der bayerischen Volkßvertretung errungene besondere bayerische Militärstrafverfahren nunmehr zu exi­stieren aufhört, und der dann fortfährt:

»Während in dem deutschen Dor« und Musterfiaat Preußen bis zum heutigen Tage das militärische Gerichtsverfahren noch in denselben Gleisen verläuft, wie zu den Zetten- des alten Fritz, hat Bayern schon «or dreißig Jahren in seinem Militärstrafprozeß den modernen Ansprüchen die Form einer geordneten Rechtsprechung Genüge geleistet, ein Vor­gehen, das leider in den anvern Bundesstaaten keine Nachahmung fand. Die Freunde einer geordneten Rechtspflege spendeten diesem Vorgehen allenthalben Beifall und stellten in den parlamentarischen Verhandlungen wiederholt Bayern als nachahmenswertes Muster in dieser Beziehung hin. Destoweniger gefiel es den militärischen Reaktionären, die noch immer das Heer als eine von allen bürgerlichen Beziehungen losgelöste Institution erhalten wollen. Anscheinend den Forderungen nach einer Modernisierung des preußischen, in allen deutschen Bundesstaaten mit Ausnahme Bayerns gütigen Militärvehmgerichtsverfahrens nachgebend, legte die Reichsregierung einen Gesetzentwurf für eine allgemeine Militär­strafprozeßordnung dem Reichstag vor, die zwar auf dem Papier nach dem Prinzip der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens aufgebaut, im übrigen aber nur eine Kopie des alten preußischen Militärvehmgerichtsverfahrens war. Auch die Oeffentlichkeit und Münd­lichkeit ist darin mit so viel Klauseln umgeben, daß fast gar nichts mehr davon übrig bleibt, und wo noch etwas fehlte, um diesen Grundsatz Vollständig illusorisch zu machen, da gaben ihm die preußischen und baye­rischen Vollzugsverordnungen den Gnadenstoß. Von den schönen Ver­sprechungen, die der bayerische Kriegsminister bezüglich der unbedingten Erhaltung der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit der Militärgerichtsver- chandlungen den bayerischen Abgeordneten gab, ist nicht die Spur mehr übrig geblieben, und mit der selbständigen bayerischen Militärjustizpflege tst auch die bayerische Militärhoheit in die Brüche gegangen."

Aus Stadt und Land.

Gießen, 3. September 1900.

* Unfälle an Bahnübergängen. Die Großh. Kreis- ämter richten an die Bürgermeistereien folgendes AuS- schreiben:Nach den im Gebiet der Preußisch-Hessischen GemeinschaftSverwaltung für das Rechnungsjahr 1898/99 veranlaßten statistischen Erhebungen ist die Zahl der U n- sälle, die durch Ueberfahren von Fuhrwerken auf unbewachten Nebenbahn-Uebergängen entstehen, sehr hoch. Die meisten Unfälle find dadurch entstanden, daß die Wagenführer entweder versuchten, noch vor dem Zuge, dessen Geschwindigkeit fie unterschätzten, den Uebergang zu überschreiten, oder sich überhaupt nicht darum kümmerten, ob sich dem Uebergange ein Zug näherte. Die Bahuord- nung für die Nebeneisenbahnen Deutschlands vom 5. Juli 1892 sieht eine Bewachung der in Schienenhöhe liegenden Wegeübergänge, d. h. die Anbringung von Schranken, nur in Außnahmesällen vor. Eine Minderung der in Rede stehenden Unfälle kann daher nur dadurch erreicht werden, daß die FuhrwerkSbesitzer und Wagenführer beim Befahren solcher Bahnübergänge an der erforderlichen Vorsicht nicht fehlen lasten. Diejenigen von Ihnen, deren Gemark­ungen von Nebenbahnen berührt werden, weisen wir deshalb an, durch ortßübliche Bekanntmachungen wiederholt auf die Gefahren hinzuweisen, welche durch Unaufmerksamkeit beim Befahren von Uebergängen entstehen."

Hungen, 31. August. Der verstorbene Prinz Her­mann zu SolmS-BraunfelS stand biß zum Jahre 1866 in königlich hannöverischen Diensten, da er dem dor­nigen Königßhause nahe verwandt war. Infolge der Er-

eigniffe des Jahres 1866 trat er aus dem Staatsdienste aus, hat aber als preußischer Abgeordneter und früher als Mitglied des Reichstages feine hervorragenden Geisteßgaben in den Dienst des Vaterlandes gestellt, daß Braunfelsische Fürstenhaus auch längere Zeit in der 1. Hess. Kammer ver­treten. Am 31. Mai 1888 hielt er mit seiner Gemahlin feinen festlichen Einzug in unserer Stadt, in der er von da an während der Sommermonate residierte. Ein schon länger vorhandenes und in letzter Zeit in rascher Zunahme be­griffenes Herzleiden hat seinem Leben ein frühes Ende be­reitet. Seine Herzensgüte und Leutseligkeit sowie die herz­liche und thatkrästige Anteilnahme an dem Wohle der Stadt und manche Beweise aufrichtiger Nächstenliebe sichern, so schreibt dieLandpost", dem hohen Verblichenen ein blei­bendes und ehrendes Andenken in unserer Stadt.

Darmstadt, 2. September. Der Großherzog kehrte heute von Berlin hierher zurück.

Mainz, 31. August. Vor ca. zwei Monaten wurde der hier bekannte Taglöhner Gallert mit durchschnit­tenem Halse in seiner Wohnung aufgefunden, die Wunde mar sehr gefährlich, und es gelang der Kunst der Aerzte nur mit Mühe, den Mann am Leben zu erhalten^. Der schwer Verwundete war aber bei der Untersuchung gegen den unbekannten Thäter nicht zu bewegen, den Namen desjenigen zu nennen, der ihm die Verletzung bei­gebracht hatte, und aus diesem Grunde mußte das Ver­fahren gegen den Unbekannten eingestellt werden. Heute Morgen nun teilte der damals schwer Verletzte der Polizei mit, daß es seine Ehefrau gewesen sei, welche ihm mit einem scharfen Messer das Leben hätte nehmen wollen. Nunmehr wurde gegen dieselbe eine Untersuchung wegen! Mordversuchs eingeleitet.

Mainz, 2. September. In Bretzenheim erhielt vor längerer Zeit ein katholischer Kirchengesaugverein die Erlaubnis, seine Proben in einem der Schulsäle der Gemeinde abzuhalten. Kürzlich ersuchte auch ein sozial­demokratischer Gesangverein um die Erlaubnis, wurde jedoch von dem Gemeinderat abgewiesen. In der gestrigen Sitzung des Gemeinderats stellte der Bürger­meister, der Konsequenz halber, den Antrag, nunmehr auch dem katholischen Gesangverein zu verbieten, seine Gesangs­proben in dem Gemeindeschulhaus abzuhalten. Mit großer Majorität wurde dieser Antrag gegen die Stimmen der Zentrumspartei von den nationalliberalen und so<,ialistischeu Gemeinderäten angenommen.

Bingen, 2. September. In den letzten Tagen wurden ein 12-und ein 13jährigeS Mädchen wegen Raubs verhaftet. Beide Mädchen hatten kleinen Kindern Geld­beträge, die sie von ihren Eltern erhallen hatten, gewaltsam weggenommen.

Frankfurt a. M., 31. August. Am Freitagnach­mittag kam der 31jährige Gustav Fischer, genannt Gruber, in das Cafee Hohenzollern auf der Kaiserstraße, wo eine Büffetiere bedienstet ist, mit welcher Gruber schon längere Zeit ein Verhältnis unterhielt. Gruber war Kommis in einem hiesigen Tapetengeschäft, doch war ihm seine Stellung znm 1. September gekündigt worden. Das Mädchen wünschte bei der Aussichtslosigkeit der beiderseitigen Ver­hältnisse den Verkehr mit Gruber aufzugeben und hatte ihm dies am Donnerstag mitgeteilt. Gruber versuchte sie umzusttmmen, was ihm jedoch nicht gelang. In seiner Verzweiflung jagte er sich in dem Lokal eine Re­volverkugel in ptte Brust, auf dem Weg nach dem Krankenhause gab er feinen Geist auf.

UnioerstM und Hochschule.

Bei der Universität Breslau fehlt es seit dem vorigen Halb­jahr an einem klinischen Unterricht in der Jrrenheilkunde, ob­wohl an der schlesischen Hochschule eine ordentliche Profeffur der Psych­iatrie besteht. Der bedauerliche Zustand hat seinen Grund darin, daß der Breslauer Magistrat die städtische Jrrenheilanstalt oder einen Teil dieser nicht mehr wie bisher für den klinischen Unterricht hergeben will. Für eine staatliche Universitätsanstalt für Psychiatrie rechtzeitig zu sorgen, ist aber versehen worden. Neuerdings sind Verhandlungen zwischen der preußischen Unterrichtsverwaltung und dem Magistrat in Breslau ge­pflogen worden zu dem Zweck, eine neue Vereinbarung mit der alten Grundlage zu erzielen. DenHochschul.-Nachr." zufolge haben diese Verhandlungen zu keinem Ergebnis geführt.

In Belgien macht sich eine rührige Propaganda für die Er­richtung einer rein vlämischen Hochschule geltend. Hervorragende Vlamen ohne Unterschied der Partei, Liberale, Katholiken und Demo­kraten, sind dafür thätig. Der a-o. Professor der höheren Geodäsie an der böhmischen technischen Hochschule in Prag Josef Licka ist zum a.-o. Professor der Geodäsie an der böhmischen technischen Hochschule in Brünn, der Professor am Lyceum in Cahors (Frankreich) St. Za­ra mb a ist zum a.-o. Professor der Mathematik an der Universität in Krakau ernannt worden. Als Nachfolger des Anfang Juni in London verstorbenen Professors Karl Adolf Buchheim ist H. G. Atkins, ein Schüler Dr. Karl Breuls (Cambridge), bisher Inatrnotor in German an der Seeoffizierschule zu Greenwich, an King's College in London be­rufen worden. Die in Glasgow durch Dr.Tillvs Rücktritt erledigte

Kunst und Wissenschaft.

Seit langer Zeit liegt wieder eine beglaubigte Nckch- r.icht von Andree vor. Ltider gestattet fie nicht, neue Hoffnungen aufkommen zu lassen, daß die kühnen Lustschiffer noch am Leben find, denn die Mitteilung, die unS jetzt zugeht, ist die erste, die Andree überhaupt auS den Lüften auf die Erde gelangen ließ. Die Nachricht lautet: Stockholm, 31. August. Der Landeshauptmann Grendahl in Ftnmarken (Norwegen) meldet heute demAftorbladet" aus Skjervö:Andrees Bojee Nr. 4 ist hier gefunden wordm: fie enthielt folgende Mitteilung:Boje Nr. 4, die erste, die auS- gewörfen ist, am 11. Juli (1397, haben wir leider htnzuzusetzm. D. Red.) 10 Uhr nachmittags, Greenwich, mittlere Zett. Unsere Reise ist bisher gut verlausen; wir befinden uns ungefähr 250 Meter hoch. Richtung anfangs Norden, 10 Grad Osten (Kompaß nicht abweichend). Es wurden 4 Uhr 50 Minuten nachmittags Greenwich mittlere Zett Brieftauben abgesandt. Sie stiegen gegen Westen. Wir befinden uns jetzt über dem Eis, das sehr zerklüftet ist. DaS Wetter ist herrlich, die Stimmung ausge­zeichnet. Andree, Strindberg, Fränkel."

Arbeiterbewegung.

Mainz, 1. September. Auf dem Stadthaus hielt gestern Oberbürgermeister Dr. Gaßner mit einer größeren Anzahl von streikenden Lederarbeitern nochmals «ine Besprechung ab, die aber ebenfalls zu keinem Resultate führte. In einer am Nachmittag abgehaltenen Versammlung erklärten die Streikenden, daß fie die Arbeit nicht eher aufnehmen würben, als bis jetzt sämlliche Forder­ungen bewilligt wären. Rechtsanwalt Dr. Fuld soll darüber be­fragt werden, ob auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches die Leder­werke nicht gezwungm werden können, den einbehaltenen Wochenloh» herauSzuzahlen. Ferner wurde die Lohnkommtsfion beauftragt, ein Flugblatt an die Mainzer Bevölkerung zu erlassen. Der Vorsitzende der Versammlung ermahnte die Streikenden, wie bisher auch in Zu­kunft die Ruhe zu bewahren und unter keinen Umständen Anlaß zu Exzessen zu geben. ES sei Ehrenpflicht der Streikendm, dm Stteik- brechern aus dem Wege zu gehm, um so jedm Anlaß zu Streitig­keiten zu vermeiden.

Eharleroi, 2. September. Die Zahl der ausständigm Glas­arbeiter betrug gestern abend 8229 Mann. Eine weitere Anzahl Oefen sind gelöscht wordm.

Auszug MS -en Kirchenbücher»

-er Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getaufte.

Matthäusgemetnde.

Den 26. August. Dem Bierbrauer Christian Bepperling eine Tochter, Elise Luise, geboren den 17. Juni.

Dmselben. Dem Schuhmacher Theodor Sudt ein Sohn, Theodor, geboren den 30. Juli.

Denselben. Dem Metzgermeister Heinrich Hmkel ein Sohn, Heinrich Karl Georg Gottlieb, geboren den 16. Juli.

Markusgemeinde.

Den 25. August. Dem Agent Heinrich Schmitt eine Tochter, Marie, geboren den 22. Juli.

Dm 26. August, Dem Schneidermeister Konrad Boß ein Sohn, Wilhelm Kaspar Heinrich Karl Julius, geboren den 29. Juli.

Den 30. August. Dem Sattlermeister Christian Spies eine Tochter, Marie Luise Elise Wilhelmine, geborm den 17. August.

Denselben. Dem Bäckermeister Ludwig Rühl eine Tochter, Ma­thilde Christine Luise, geboren den 10. August.

Lukasgemeinde.

Den 26. August. Dem Fuhrmann Wilhelm Hillgärtner ein Sohn, Heinrich Karl, geborm den 29. Juli.

Denselben. Dem Bäckermeister Heinrich Prieß eine Tochter, Erna Marte Lydia Hedwig, geboren den 11. Juli.

Beerdigte.

Matthäusgemeind e.

Den 29. August. Johanna Fulda, geb. Rausch, Witwe des ver­storbenen Rmtners Georg Fulda, 73 Jahre alt, starb den 27. August.

Den 30. August. Johann Adam Wemer, Werkmeister, ein Witwer, 64 Jahre alt, starb den 28. August.

Johannesgemeinde.

Den 29. August. Melchior Schäfer, Gastwirt, 54 Jahre alt, starb dm 27. August.

P. P.

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