Nr. 103
Freit«« dm 4. Mai
Drittes Blatt
1900
Gießener Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Deutsche Interessen in Hiuteriudieu, auf den Suuda-Jnjeln und den Philippinen.
Der Ankauf der beiden größten englischen Schiffahrts- Gesellschaften in Hinterindien durch den „Norddeutschen! Lloyd in Bremen" und die Vereinigung der gesamten hinterindischen Küstenschiffahrt in den Händen einer deutschen Gesellschaft legt es nahe, auf die Ausbreitung der deutschen Interessen in Südostasien einen Blick zu werfen.
Im Südosten Asiens und seiner Inselwelt, einem Gebiete von mehr als vier Millionen Quadrat-Kilometern Laudfläche, mit der hohen Bevölkerungsziffer von 80 Mill. Menschen, breiten sich starke deutsche Interessen an ben wichtigsten und fruchtbarsten Plätzen in stetiger Steigerung aus.
Deutschland unterhält mit Britisch- und Französisch- Hinterindien, Siam, den niederländischen und den ehemalig spanischen Inseln einen Handel im Werte von 80bis> 90 Mill. Mark und sicht alljährlich 250 bis 300 beladenq Schiffe mit 5—600 OOO/Registertonnen Zwischen seinen Häfen, und denen des südlichen und südöstlichen Asien hin und her dampfen.
Es bestehen auf dein h i n t e r i n d i s ch e u Fest- lande, das Europa und besonders Deutschland mit Reis, tropischen Hölzern und Gewürzen versorgt, 30 und mehr deutsche Handelshäuser mit einem Betriebskapitate von 10 bis 20 Millionen und Umsätzen, die bei vielen das Zehnfache des Anlagekapitals betragen. Dank der reichen Ge- schäftsbeziehungen, die sich nicht auf Europa beschränken, sondern fast über die ganze Welt erstrecken; ein Bankhaus hat einen llmschlag von vielen Millionen. Die meisten dieser Häuser sind zumeist wieder liiert mit Reis-, Oel- und Sägemühlen und dergleichen im Werte von drei bis 4 Millionen, die ähnlich günstige Erträge erzielen.
In dem Grundbesitze, der ganz überwiegend von diesen Firmen repräsentiert wird, und in ihren Baulichkeiten stecken nach einer runden Schätzung Beträge von 50 Millionen. Ein Teil des Grundbesitzes entfällt auf deutsche Kaffee-, Caeao-, Vanille-, Tabak- und Kautschukplantagen und ein Zinnbergwerk nebst Schmelze, sowie einer Dockanlage im Bezirke Singapore, an der Deutsche beteiligt sind. Zu dem schon 1898 vorhandenen regen Küstenschiffahrtsbetriebe sind inzwischen bedeutende Erweiterungen durch den Erwerb zweier englischer Linien getreten. Ein Kohlenunternehmer, ferner einige Detail- geschäftte liegen in deutschen Händen, und eine Reihe hervorragender Deutscher sind zur Reorganisation der siamesischen Staatsverwaltung mit hohem Gehalte berufen worden. Ihr Einkommen in Siam wird auf fast eine halbe Million geschätzt, das der übrigen Deutschen, abzüglich der großen Kaufleute, ist mit doppeltem Betrage nicht zu hoch angesetzt.
Tie Gesamtsumme der in Frage stehenden geldwerten Interessen auf dem Festlande beträgt gegen 75 Millionen.
Noch weit intensiver bethätigt sich die deutsche Unternehmung in der fruchtbaren niederländischen Inselwelt, mit ihren Schätzen an kostbaren Gewürzen, Kaffee und Tabak. Deutsche und holländische Interessen sind hier vielfach in der Form von Teilhaberschaft und Kreditvereinigung so eng verwachsen, daß eine Aussonderung der deutschen Werte nicht in allen Fällen möglich ist.
.Mehr als 20 größtenteils rein deutsche Handelshäuser bestehen in Niederländisch-Jndien, die mit Hilfe eines Kapitals von 10 Mill. Mark im Ein- und Ausfuhrgeschäfte wie auch hier und da im Detailgeschäft Umsätze bis zur zehnfachen Höhe erzielen. Die Verschiffung der gesamten Tabakernte von Ostsumatra, etwa 200OOOBallen zu je 80 Kilogramm im Jahre, liegt z. B. in den Händen dreier deutscher Häuser.
Bildet auch der .Handel mit Deutschland und Holland Pen Kern der Geschäfte der deutschen Handelshäuser, so erstrecken sich diese doch auch in reichem Maße auf England, Frankreich und die Vereinigten Staaten. Während über die Kreditgewährung bei diesen Transaktionen bestimmte Angaben nicht vorliegen, lassen die Berichte den außerordentlichen Umfang der Finanzgeschäfte deutscher Bankinstitute, besonders in Lem Bezirke Batavia erkennen.
Die industriellen Unternehmungen beschränken sich auf einige, an sich aber keineswegs unbedeutende Anlagen, wie elektrische Betriebswerke, Eisfabrik und Sägemühlen; wichtiger ist jedenfalls die Beteiligung an 7 Goldminengesellschaften im Betrage von 2 einviertel Mill. Mark und an den javanischen Kleinbahnen.
Auf dem Plantagenbau aber beruhen die größten Interessen der Deutschen, namentlich in Sumatra. Dort gehören ihnen 9TabaksPlantagen mit 16330 Hektar Fläche, 6 Kaffeeplantagen im Umfange von 8520 Hektar, auf Java ferner Kaffee- und Pfefferplantagen von ähnlichem Umfange, auf Banda eine Muskatfiflanzung; die Erträge sind insgesamt auf 20 bis 30 Mtll. Mark aiuu^ setzen. Hierzu tritt der Wert der Baulichkeiten, Wohnhäuser, Lagerräume und des Grundbesitzes. Der zahlenmäßige Kapitalien-- und Kreditbetrag von 100 bis 150
Millionen wird kaum den Gesamtwert der deutschen Inter-, essen erschöpfen.
Auf den nunmehr amerikanischen Philippinen waren zur spanischen Zeit die Deutschen gleichfalls nicht unbedeutend vertreten. In 14 Jmporthäusern und 6 Platzgeschäften stak 1898 ein werbendes Kapital von sechseinhalb bis sieben Millionen, das den dreifachen Umsatz in deutschen, spanischen und amerikanischen Einfuhrwaren, Stahl, Glas, Gewebewaren, Maschinen und im Tabakexport erzielte. Die entsprechenden Warenkredite wurden auf anderthalb Millionen, der Zucker-, Tabak und Reisplantagenbesitz von mehr als 3000 Hektar im Umfang auf ebensoviel, die Goldminenbeteiligung und der Betrieb von Cigarren- und Zementfabriken, Apotheken und lithographischen Anstalten auf einundeineviertel Million geschätzt. Ferner waren dort 4 deutsche Rhedereien, 3 Seeversicherungs-Gesellschaften und drei Feuerversicherungs- Gesellschaften ständig vertreten: letztere hatten einen Jahresumsatz von zweieinhalb Millionen Mark. Außerdem unterhielten dort deutsche technische Firmen Materiallager.
Einschließlich des sonstigen Grundbesitzes, der jedoch nicht sehr ivertvoll war, mag die Gesamtsumme der deutschen Werte in den Philippinen gegen 15 Millionen betragen haben.
Im ganzen Gebiete sind also etwa 240 Mill, deutschen Kapitals in Südostasien thätig.
Noch einmal Mr Mgeschlagruen ZollrrhöhuMN.
Die zur Deckung der Flottenkosten vorgeschlagenen Zoll erhöhungen auf Zigarren, Zigaretten, Schaumwein und Liköre werden voraussichtlich keine erhebliche finanzielle Wirkung ausüben. Bei Schaumwein soll allerdings auch die inländische Produktion besteuert werden, und es wird darauf ankommen, in welcher Höhe hierfür der Steuersatz angesetzt werden wird. Der gegenwärtige Zoll satz für ausländische Schaumweine beträgt 80 Mk. für 100 Kg. — das Gewicht wird einschließlich Flasche berechnet — uud man wird wohl, um der deutschen Schaumweinfabrikation den bisherigen Zollschutz zu erhalten, diesen Satz um den Betrag der Jnlandsteuer erhöhen. Die Einfuhr der genannten Artikel ist, abgesehen von Zigarren, in stetiger Zunahme begriffen. In den letzten drei Jahren wurden im deutschen Zollgebiet verzollt (Doppelzentner): 1897 1898 1899
Zigarren . .
. 3104
3015
3 176
Ztgarretten
. 2122
2 603
3 214
Schaumweine .
. 24 567
26 779
27 891
Liköre . . .
. 1629
1 718
1 881
Im vergangenen Jahre betrug die Zolleinnahme von Zigarren und Zigaretten (270 Mk. pro 100 Kilogramm) 1 725 300 Mk, von Schaumwein 2 231 280 Mk., von Likören (180 Mk. per 100 Kilogramm) 338 580 Mk., zusammen 4 3 Mill. Mk. Der Etnfuhrwert stellt sich für die genannten Artikel zusammen auf ungefähr 2N/z Mill. Mk. Nach bt-m bisherigen Tarif betrug somit die Zollbelastung durchschnittlich 20 Piozent des Wertes, wobei zu berücksichtigen ist, daß Zigarren, Zigaretten und Liköre jetzt schon einer Inlands st euer unterliegen, sodaß als Schutzzoll für die inländische Produktion eigentlich nur die Differenz zwischen der inneren Steuer und dem Zoll in Betracht kommt.
Es ist zu erwarten, daß die Zollerhöhung einschränkend auf die Einfuhr einwirken wird. Was den Zoll auf Zigaretten betrifft, so ist von einem Teil der deutschen Zigarettenfabrikanten eine Erhöhung desselben zur Erschwerung des in rascher, andauernder Steigerung begriffenen Zigarettenimports schon vor einiger Zeit angeregt worden. Mehr als die Hälfte der Einfuhr ist egyp- tischer Herkunft; in zweiter Linie käme Rußland in Betracht und dann noch Oesterreich-Ungarn, Frankreich und Algerien, die Vereinigten Staaten, England und die Türkei u. s. w.
An der Einfuhr von Zigarren ist in erster Linie Kuba beteiligt, außerdem Holland sowie ferner Oesterreich- Ungarn, die Philippinen, die Schweiz, Belgien usw. Daß der Import der echten Havana-Zigarren durch die Zollerhöhung wesentlich eingeschränkt werde, ist wohl kaum anzu- nehmen. Hierbei würde es sich um eine reine Luxusbesteuerung handeln. Es kommt aber auch in Betracht, daß infolge des erhöhten Zollschutzes auch die Preise des inländischen Fabrikats steigen werden.
Noch mehr als bei Zigarren und Zigaretten würde bei Schaumweinen und Likören eine Zollerhöhung als Luxussteuer zu bezeichnen sein. Bei beiden Artikeln handelt es sich hauptsächlich um Einfuhren aus Frankreich. Die importierten Schaumweine sind fast ausschließlich und die eingesührten Liköre zu etwa 70 Prozent französischen Ur
sprungs. Obwohl die deutsche Schaumwein-Industrie in kräftiger Entwickelung begriffen ist, und ihren Export rasch vermehrt hat, so übersteigt doch das Quantum des in Deutschland getrunkenen französischen Schaumweins um ungefähr 50 Prozent unserer Ausfuhr an deutschen Schaumweinen.
Bis zur nächsten Reichstagssession hat der Staatssekretär Graf v. Posadowsky die Vorlage des neuen Zolltarifs in Aussicht gestellt, und es ist somit wahrscheinlich, daß für Zigarren, Zigaretten, Schaumweine und Liköre gleich diejenigen Zollsätze in Vorschlag gebracht werden, die in den künftigen autonomen Tarif eingestellt werden sollen.
Vermischtes.
* Ein Verächter der deutschen Frau. Der Turiner Schriftsteller Enrico Thovez veröffentlicht irn „Corriere della Sera" einen Artikel „Germania trion- f a n t e" (das triumphierende Deutschland), der im deutschen Leser einen sehr peinlichen Eindruck hervorruft. —< Signor Thovez giebt sich den Anschein, als lobe er die Deutschen und verstehe ihre nationalen Tugenden, aber bei einer Vergleichung, die er zwischen Deutschen und Engländern zieht, kommen wir Deutschen verteufelt schlecht weg. Seine boshaften Bemerkungen konnten der Feder eines Pariser Schriftstellers aus den siebziger Jahren (inzwischen haben uns zwar die Franzosen würdigen gelernt) entstammen. Signor Thovez beklagt zunächst, daß unter den Besuchern Italiens nicht mehr, wie früher, die Engländer, sondern die Deutschen überwiegen, und „die blonden Söhne Hermanns des Befreiers"' haben, nach seiner Ansicht, die ästhetische «garmonie der italienischen Fremdenplätze auf immer zerstört. Das könne ihnen niemand verzeihen. Tie Deutschen seien schlecht angezogen. Ihre äußere Erscheinung sei stillos und rieche nach Barbarei. Trotz ihrer stattlichen Gestalt fehle den Deutschen noch ein deutlicher nationaler Typus. An Stelle der tadellosen britannischen Korrektheit trügen die Deutschen die tiefste Gleichgiltigkeit gegen die Aesthetik des Körpers zur Schau. Die maßvolle Haltung des Engländers verwandle sich bei dem Deutschen in naive Gutmütigkeit, ungeschlachte Unbefangenheit und lärmende Lustigkeit. Statt der gut sitzen-, den, fast geometrischen Anzüge der Engländer sehe man bei den Deutschen die seltsamsten Kleiderzusammenstell^ ungen, wie sie nur die vollkommenste Gleichgiltigkeit gegen die Mode einer Person ohne Geschmack eingeben könne. Unordentliche Kleidung, schlecht gepflegtes Haar, plumpes Schuhwerk sei bei den deutschen Jtalienfahrern häufig zu bemerken. „Wo der Engländer die Orangen mit der Gabel aß, reinigt jetzt der Deutsche mit den Lippen sein Messer; wo der Nachtigallenlaut der englischen Kehlen ertönte, krachen jetzt metallische Silben aus deutschem Schlunde; statt der weichen, gpldschimmernden Haarpracht der Engländerinnen erscheint das struppige, schwache Haar der kahlen deutschen Frauenköpfe". An was für einem weiblichen Prachtexemplar der deutschen Race mag wohl Signor Thovez seine Studien angestellt haben? Sollte er vielleicht auf einer Eisenbahnfahrt mit dem Dienstmädchen einer- deutschen Herrschaft zusammengetroffen sein? Aber deutsche Dienstmädchen selbst aus der weltabgelegensten Gegend sind doch noch besser erzogen als die „deutsche Dame" des Signor Thovez. Oder sollte der Turiner Schriftsteller von einer Deutschen ein Körbchen bekommen haben und nun, da er erkannt hat, daß die Trauben hoch hängen, in üblicher Weise finden, daß sie sauer sind? Von Signor Thovez abgesehen, ist in Italien nur eine Stimme darüber, daß sich die deutschen Frauen und Mädchen durch ihre frische, zweckmäßige Reiseklcidung, die allen Aufputz verschmäht und nur durch Eleganz dcS Schnittes und Sauberkeit zu wirken versucht, sehr vorteilhaft von reisenden Damen anderer Nationen abhcben. Die Männer unserer Nation erblickt man freilich nicht selten im staubigen, durchschwitzten Touristenanzug, aber doch nur auf der Straße. Im Hotel lassen sie es an der gebührenden Sorgfalt in der äußeren Erscheinung nicht fehlen.
„Henneberg-Seide“
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