Nr. 29 Fünftes Blatt.
Sonmag den 4. Februar
1900
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* Der Streik inIBöhmen.
Wenn in der politischen Unterhaltung einmal der Name Oesterreichs genannt wird, so steht vor der Phantasie sofort der ganze, unselige Nationalitätenstrcit mit seinen vernichtenden Wirkungen, seinem Haß und seinem Verderben. Er beherrscht die Stimmung des Volkes, er bestimmt den Charakter der Ministerien, er bildet den Inhalt aller Verhandlungen, denen der Reichsrat, wenn er einmal wieder einberusen wurde, sich hingiebt. - Die sozialen Zustände, das wirtschaftliche Leben, all jene so überaus wichtigen Bcgingungen des Gedeihens, stehen im Hintergründe, der Nationalitätenstreit läßt ihnen keinen Raum, und erst eine Katastrophe, wie sie jetzt in den böhmischen Bergwerken ausgebrochen ist, und weithin ihre Kreise zieht, drängt einmal die leidige Frage, der Badeni, Thun und so mancher andere erlag, in den Hintergrund; man merkt plötzlich, daß in Oesterreich, das selbst das ungeheuer wichtige Problem des ungarischen Ausgleichs unter den Gesichtspunkt des Stammeshaders rückte, noch andere Fragen zu lösen sind.
Die Heimsuchung, die jetzt über das wirtschaftliche Leben der unter der Habsburger Krone stehenden Länder hereingebrochen ist, scheint in ihrem Umfange und in ihren Wirkungen noch gewaltiger zu sein, als der so folgenreiche Streik der westlichen deutschen Kohlenreviere im Jahre 1889. Damals hat Kaiser Wilhelm bei dem Empfang der Arbeitgeber ihnen die Pflicht ans Herz gelegt, „für das Wohl ihrer Arbeiter nach besten Kräften zu sorgen, und vor allen Dingen dem vorzubeugen, daß die Bevölkerung einer ganzen Provinz wiederum in solche Streitigkeiten verwickelt werde". Im deutschen Reiche hatte bereits damals das soziale Pflichtgefühl die Grundlage ersprießlicher Reformen geschaffen, man hat seit jenen Tagen weiter gearbeitet, und nirgends ist in solchem Umfange die Fürsorge für die Arbeiter in folchem Maße bethätigt worden, wie bei uns. Es giebt gerade im Privatbesitz eine Anzahl musterhaft geregelter Betriebe. Wohl hat seit jener Zeit noch hier und da einmal die Unzufriedenheit sich in Ausstandsversuchen Luft gemacht, und es ist zuweilen auch, wie in Herne, zu argen Ausschreitungen gekommen, aber ivenn damals, bei jenem ersten Ausstand, noch die Sym
pathien der Öffentlichkeit in vollem Maße auf Seiten der Arbeiter waren, so war später die sozialdemokratische Verhetzung die Wurzel der Unzufriedenheit, und auch dort, wo man sonst den Arbeitern weit entgegenzukommen bereit ist, blieb man reserviert und kühl. In Oesterreich liegen die Dinge anders. Hier hat der unselige Nationalitätenstreit jede fruchtbare sozialpolitische Thätigkeit verhindert, hier hat die Lage der Arbeiter in Jahrzehnten keine Verbesserung erfahren, und wenn jetzt einmal die Unzufriedenheit und die Not nach einem Ventil sucht, so stehen wiederum die allgemeinen Sympathien auf der Seite der Bedrückten. Sicherlich wird man darum nicht mit allem einverstanden sein, was von den Arbeitern gefordert wird, es ist nun einmal das natürliche Merkmal jeder oppositionellen Bewegung, daß sie ihre Ziele möglichst extrem anfstellt, aber wer nur einmal oberflächlich hineingeblickt hat in die Verhältnisse, unter denen die böhmischen Kohlenarbeiter in den Bergwerken der Wiener Geld- und Ge- bnrtsmagnaten leben, der wird zu dem Urteil gelangen, daß noch viel, sehr viel sogar gebessert werden muß, ehe diese Verhältnisse den Bedingungen der Menschenwürde entsprechen.
Auch jetzt haben, wie einst im westlichen Deutschland, die böhmischen Arbeiter die Forderung erhoben, die achtstündige Normalschicht unter Einrechnung der zur Ein- und Ausfahrt erforderlichen Zeit dnrchzuführen, einen Mindestlohn festzusetzen, und die Arbeitslöhne zu erhöhen. Schon bei Beginn der vorigen Woche waren, als diese Forderungen auf Ablehnung stießen, nicht weniger als 45 000 Arbeiter in den Ausstand getreten. Nur für die staatlichen '-betriebe wurde ein Entgegenkommen in Aussicht gestellt, und hohe Beamte wurden von Wien aus in das Streikrevier entsandt, um auch für die privaten Arbeitgeber zu wirken, und eine Einigung herbeizuführen. Denn in den leitenden Kreisen war man sich keinen Augenblick im unklaren über die Gefahren, die von einer Verlängerung des Streiks drohten. Heute ist die Kohle das notwendige Requisit für jeden industriellen Betrieb, sie bildet die Grundbedingung für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Verkehrs, sie dient dem Reichen wie dem Armen als Mittel, die Kälte des Winters zu ertragen, und wenn gemeldet wird, daß einzelne Schulen geschlossen werden
mußten, weil die Mittel zur Heizung der Klassenzimmer fehlen, so bedarf es kaum eines weiteren Hinweises auf die in alle Beziehungen des Lebens dringende Wirkung des Mangels an diesem kostbaren Brennstoff. Es verdient volle Anerkennung, daß die böhmischen Arbeiter bisher noch nirgends zu einer Gewaltthat geschritten sind, um ihre Forderungen durchzusetzen, und daß, vorläufig wenigstens, dem Lande noch alle jene furchtbaren Szenen erspart geblieben sind, wie sie Zola im „Germinal" aus dem großen französischen Streik festgehalten hat. Man hat an alle vom Ausstand bedrohten Plätze Militär gesandt, aber noch hat Flinte und Säbel ruhen dürfen, und noch ist der wirtschaftliche Gegensatz nicht durch vergossenes Blut verschärft worden.
Es handelt sich in der That in den böhmischen Revieren nicht um eine „Machtprobe", nicht um die Benutzung günstiger Konjunkturen zur Vergewaltigung der Unternehmer, sondern'um einen Verzweiflungskampf. Und dennoch muß man den Arbeitern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie bereit sind, jedem billigen Vorschlag ihr Ohr zu leihen, während die Haltung der Grubenbesitzer durchaus darauf gerichtet scheint, die herrschenden Gegensätze noch zu verschärfen. Haben doch die Arbeiter willig die Konferenzen beschickt, zu denen von Wien aus die Herren v. Blumberg und Spens-Boden delegiert waren, während die Arbeitgeber jede Konzession auf das schroffste zurück weisen. Sie haben überdies neuen Brennstoff in die Glut geschleudert, indem sie daran gingen, die ihnen gehörenden Arbeiterwohnungen, soweit sie, von Streikenden besetzt sind, gewaltsam zu räumen. Sogar die „Post", die doch wahrlich nicht übertriebener Antipathien gegen die Arbeil geber verdächtig ist, konstatiert, daß die Bevölkerung offen für die Bergleute Partei ergreift, und eine Reihe hoch- angesehener Wiener Geschäftsleute, Professoren, Advokaten und anderer Angehöriger der gebildeten Klassen hat direkt eine Sympathieerklärung erlassen, in der sie die Forderung, bei steigenden Gewinnen der Unternehmung einen höheren Lohn und eine möglichste Abkürzung der schweren, und mit so großen Gefahren für Leben und Gesundheit verknüpften Arbeitszeit zu erhalten, als eine durchaus gerechte Forderung bezeichnet. Schon jetzt können- die böhmischen Arbeiter damit rechnen, daß ein Teil ihrer Forderungen, selbst wenn
Feuilleton.
Dom Monat Ieöruar.
Aevruar 1900.
Karl der Große nannte den Februar „Hornung", d. h. der „unechte" Monat, welcher auf den „echten Wintermonat Januar folgt. Bald bringt uns der Februar rechtes Winterwetter und bald wärmenden Sonnenschein, so daß man leicht in dem Gedanken schwelgt, es könnte bald etwas Neues, diesjähriges auf dem Markt erscheinen.
Die Fleischversorgung im Februar ist nicht so mannigfaltig, und die Küche ist hauptsächlich auf Schlachtfleisch angewiesen, weil das Fleisch vieler Tiere in diesem Monat wenig schmackhaft ist. Kalbfleisch ist jetzt gut und für Schweinefleisch in jeder Art, frisch gepökelt oder geräuchert, die rechte Zeit.
Im Februar ist der Abschuß nur von Hochwild gestattet. Hirsch- -umd Damwild kommt spärlich, Rehwild hat durch die hohe Schneedecke viel Mangel gelitten. ^Naturgemäß liefern die jetzt geschossenen Rehe einen mäßigen Braten, wenn sie nicht aus Revieren kommen, in denen das Wild reichlich gefüttert wurde. Unser heimischer Reh- braten läßt sich vorteilhaft durch Renntierrücken oder -Keule ersetzen. Hirsch und Wildschwein werden knapp. Rücken und Keule von Hirsch und Reh werden fast über ihren Wert bezahlt; dagegen ist das übrige Fleisch des Wildbrets, das nicht zum Braten verwendet wird, noch wohlfeil, giebt aber immerhin sehr schmackhafte Ragouts, Wildsuppen und kräftige Civet. Zu diesem sehr schmackhaften Gericht nimmt man meistens die vier Läufe, die Leber und die Seitenteile des Hasen. Zunächst brät man 180 Gramm mageren, in Würfel geschnittenen Speck in Butter, nimmt ihn heraus, und legt die Hasenstücke hinein, läßt sie auf beiden Seiten im Fett schmoren, bestreut sie mit einem Eßlöffel Mehl und den Speckwürfeln, giebt eine halbe Flasche Rotwein und ein viertel Liter Brühe aus Liebigs Fleisch-Extrakt daran und würzt sie mit etwas Zitronenschale, einem Bündel feiner Kräuter, einigen Wachholderbeeren, Salz, Pfeffer und Gewürz- förnern, deckt das Kasserol zu und läßt das Civet eine halbe Stunde dämpfen. Man fügt alsdann noch einige in Butter und Zucker gedünstete Zwiebeln und Champignons bei, nimmt das Fleisch heraus und läßt die Sauce ein wenig einkochen. Zu Civet von Reh verwendet man am besten das Brust-, Hals und Schuhterfleisch in eben erwähnter Zubereitung.
Fasanen steigen erheblich im Geldwert und sind bereits die reinen Luxusvögel geworden. An Stelle unserer heimischen Rebhühner werden in den Delikateßläden die eben so guten roten Rebhühner (Perdrix rouges) verkauft, die einst in Frankreich in solchen Massen lebten, daß der Hof gegen die „toujours perdrix" protestierte. Aus der Krim kommen russische Wachteln; die hübschen Vögel sind eine vorzügliche Speise, für die Kenner gern den geforderten Preis zahlen, um sich des kostbaren Bissens zu erfreuen. Russisches Wildgeflügel wird in allen Sorten angeboten und findet guten Absatz, desgleichen italienische Schnepfen und Küammetsvögel. Lebendes Hausgeflügel ist in d iesem Monat von nicht hervorragender Güte, und die Vorräte werden knapp, da alle Hausvögel die im Verdacht stehen für Leger und Brüter sich zu bewähren, zurückbehalten werden. Junge Tauben sind kaum für gute Worte und teures Geld zu haben. Frische Eier gehören zu den gefragtesten Dingen des Marktes. Von Mastgeflügel kommen jetzt ganz besonders norddeutsche Züchtungen in Betracht, die unter dem Namen Hamburger Geflügel im Handel sind.
Die eine zeitlang knapp gestandene Versorgung mit Seefischen wird mit Eintritt milder, ruhiger Witterung normal; gut und billig sind die Massenfische der Nordsee, Schellfisch und Kabeljau. Auch für den Markthandel mit lebenden Fischen wird wärmeres Wetter günstigen Einfluß zeigen. Für Flußfische ist die Kälte gleichbedeutend mit Schonzeit, denn unter der Eisdecke zu fischen erfordert Vorrichtungen, über welche unsere Fischer meist noch nicht verfügen. Sehr gut sind jetzt Bachforellen, große und mittelgroße Aale. In guter Auswahl ist auch Zander vorhanden. Von Delikatetzsischen sind zu erwähnen: Lachsforelle, Ostender Steinbutt, Meerlachs. Von geräucherten Fischen werden Winter-Rheinsalm, Weserlachs Aal und geräucherter Sigi aus der Newa angeboten.
Von weiteren Delikatessen sehen wir lebende Hummern, milden Caviar, englische, holländische, Holsteiner, amerikanische und Helgoländer Austern. Letztere werden zu Ragouts und Saucen verwendet oder auch mariniert. In Amerika ist die Auster ein Volksnahrungsmittel und findet in der Küche mehr Verwendung als bei uns. Vorzüglich ist eine amerikanische Austernsuppe. 2—3 Dutzend Austern werden aufgelöst, in Hälften zerteilt und die Bärte abgeschnitteu; letztere mit dem Saft thut man in einen Topf mit 1 Liter Brühe aus 15 Gramm Liebig s Fleisch- Extrakt, Salz, Pfeffer und etwas gehackter Petersilie. Wenn dies eine Viertel Stunde gekocht hat, legt man die Austern hinein und sobald diese heiß sind, legiert man die Suppe
mit.3 Eidottern, die man vorher in ein viertel Liter guten süßen Rahm gequirlt hat.
Der Gemüsemarkt bietet jetzt ein recht eintöniges Bild. Unsere Land- und Landesprodukte, Grünkohl und Spinat, sind die Massenartikel. Aus Holland treffen bedeutende Transporte Rotkohls ein, dessen fette Blätter viel ausgiebiger sind als unser einheimischer. Ebenso finden wir Rosenkohl, der in den Delikateßläden als „Brüsseler Kohl verkauft wird. Der Beiname „Brüsseler" bedeutet die Sorte und wird seit langer Zeit auch bei uns Brüsseler Zwerg-Rosenkohl gebaut; was hier feilgeboten wird, ist fast ausschließlich auf deutschem Boden gewachsen. Ebenso werden Schwarzwurzeln als französische Gewächse gepriesen, indes werden solche aus unseren Gärtnereien genau so gut und stark geliefert. Sehr gut ist von frischen Gemüsen griechischer und italienischer Blumenkohl. Daß es nun dem Frühling entgegen geht zeigen die Sträußchen grüner Petersilie, Schnittlauchbündelchen und Brunnenkresse. Mit Ausnahme der aus unseren Frühbeeten gelieferten Radieschen beruht der Handel mit Delikateßge- müfen meist noch auf französischer Zufuhr. Nicht zu übersetzen ist der echte See- oder Meerkohl. Die im Dunkel getriebenen Stiele einer Strandkohlart sind ein feines, gesundes, leicht verdauliches Gemüse. Tie jungen Sprossen werden wie Spargel zubereitet und stehen demselben an Zartheit und Wohlgeschmack kaum nach. Man wäscht und bürstet die Meerkohlsprossen, schneidet die unteren schwärzlichen Enden in Stückchen ab, bindet die Sprossen wie Spargel in Bündel zusammen, legt sie in schwach gesalzenes siedendes Wasser und läßt sie rasch weich kochen. Dann nimmt man sie aus dem Wasser, läßt sie ablaufen, beseitigt die darum geschlungenen Bänder, legt die Sprossen mit den Köpfen nach innen auf eine runde Schüssel und giebt eine Sauce aus 125 Gramm Butter, 1 Zwiebel, 100 Gramm Mehl, 20 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt, Salz und Muskatnus darüber.
Für Salat ist Endivien aller Art jetzt sehr gut. Als Neuheit für Kompott ist Rhabarber in hellroten, dickfleischigen Stielen aus englischen Treibereien vorhanden. Auch frischen Erdbeeren begegnen wir in den Delikateßläden, sowie englischen Treibhaus-Trauben, St. MichaelAnnanas, Apfelsinen und Blutorangen, welche von Tag zu Tag besser werden. Vom Rhein her kommt als erster Frühlingsgruß Waldmeister, damit ist die Saison der Maibowlen eröffnet.
Perigord-Trüffeln sind noch in frischer Ware zu haben, es dürften wohl aber bald die letzten sein; als Ersatz treffen täglich frische Champignons ein.


