Dienstag beit 18. September 150. Jahrgang at>OO
Drittes Blatt.
Meßmer Anzeiger
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Politische Wochenschau.
Es wird Herbst. Wie es in der Natur draußen die kahlen Felder, das buntschillernde und täglich dünner werdende Laub der Bäume sowie die immer früher sich senkende Dämmerung ankünden, so bezeichnet in der Politik das häufigere Austauchen parlamentarischer Notizen in der Presse und manches andere den Wendepunkt, an dem die sommerliche Stille der intensiveren Thätigkeit des Winterhalbjahres den Platz zu räumen hat. Die Männer, die berufen sind, an der ReichDmaschine zu arbeiten, sind nahezu alle wiederum beisammen, sogar der Reichjskanzler und preußische Ministerpräsident Fürst Hohenlohe hat sich, nachdem er in Werki die Ernte glücklich eingebracht hat, erinnert, daß sein hohes Amt ihm auch Pflichten auferlegt, und ist jnach der Reichshauptstadt zurückgekehrt, die er selbst während der kritischsten Zeit der auswärtigen Politik mit der größten Seelenruhe gemieden hatte. Seine Rückkehr muß wohl aud)\ in amtlichen Kreisen als Ereignis betrachtet worden sein, denn die gesamte offizielle Presse, der „ReichDanz." lgn der Spitze, beeilte sich, die glückliche Ankunft des seit lange schmerzlich Vermißten urbi et orbi zu verkünden. Daß der alte Herr voller Thatkraft zurückgekehrt ist, J)a§ dürften die verschiedenen Sitzungen des preußischen Staatsministeriums beweisen, die im Laufe der vergangenen Woch^ stattfanden. Ist auch nicht sonderlich viel, über ihre Verhandlungen an die Öffentlichkeit gelangt, so genügt doch der Beschluß bezüglich der Herabminderung der K o h l e n n o t, durch Ermäßigung der Einfuhrtarife für ausländische Kohlen zu dem Beweis, daß man begonnen hat, ernstlich! zu arbeiten. Wenn auch kaum anzunehmen ist, daß durch, diese Maßregel die thatsächlich vorhandene Not in der nächsten Zeit merkbar herabgemindert wird, so ist das Vorgehen der preußischen Regierung schon um deswillen zu begrüßen, weil es beweist, daß sie sich der weittragenden Folgen nicht verschließt, die eine Fortdauer oder womöglich Steigerung des gegenwärtigen Zustandes für unser wirtschaftliches Leben haben kann.
JRefcen dieser (Im vollsten Sinne des Wortes „brennenden ' Frage stand noch immer die vielgestaltige und immer von neuem wechselnde chinesische Frage im Vordergrund der öffentlichen Erörterungen. Es mehren sich allgemach dre anfänglich nur vereinzelt erhobenen Stimmen, die ihrem Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß die Volksvertretung des Deutschen Reiches noch immer nicht rn dre Lage gesetzt werden soll, ihre Meinung über die Vorgänge in China zum Ausdruck und zur Geltung zu bringen. Aber mit der Frage der Einberufung des Reichstags wird zurzeit förmlich Fangball gespielt, und es giebt nachgerade kaum noch einen Termin, zu dem von offiziösen und sich, offiziös geberdenden Organen nicht die Einberufung des Reichstags angekündigt und alsbald wieder abgekündigt wurde.
Im übrigen hat das chinesische Problem in der letzten Woche keine wesentlichen Veränderungen aufzuweisen vermocht. Die Vorbereitungen zu den Friedensverhandlungen, über die mehr in die Welt hinaustelegraphiert wird, als das Objekt wert ist, sind thatsächlich noch nicht um einen Schritt weiter gerückt. Der abgefeimte Unterhändler Li- Hung-Tschang pendelt Noch immer zwischen den Mächten einerseits und fben chinesischen Machthabern andererseits hin und her, da er, schlau wie er ist, es mit keiner der beiden Parteien verderben will. Welche praktischen Folgen der von Rußland als Zankapfel in das antichinesische Konzert geworfene Vorschlag der Räumung Pekings nach sich ziehen wird, ,läßt sicht bisher ebenfalls noch nicht über- sehen;.. das aber steht bereits fest, daß der Vorschlag nicht die Räumung Pekings zur Folge haben wird.
Nicht minder unharmonisch als das europäische Konzert erklingt zurzeit das ö st e r r e i ch i s ch e Parteikonzert. Die Rolle des Li-Hung-Tschang hat hier das Kabinett Körber zu spielen versucht, indem es die undankbare und unfruchtbare Rolle des Vermittlers zwischen den beiden streitenden Parteien, den Deutschen und den Tschechen, zu übernehmen versuchte. Aber es lag in der Natur der Sache begründet, daß dieser „Versuch mit untauglichen Mitteln" scheitern mußte. So hat das Kabinett sich wohl oder übel zu dem letzten Rettungsmittel, der Auflösung des Reichsrats entschließen müssen. Aber ob die Neuwahlen eine Volksvertretung bringen Mr den, mit deren Hilfe den heillosen politischen Wirren in Oesterreich ein Ende gemacht werden kann, das muß doch als sehr zweifelhaft erscheinen.
Ohne irgend ein überraschendes Resultat sind die Wahlen zum norwegischen Storthing verlaufen, die zu Beginn dieser Woche beendet wurden. Wie im vorigen Storthing so hat auch diesmal die Linke eine große Mehrheit behauptet, während die Rechte und die Gemäßigten zusammen nicht §inmal halb so viel Mandate zu erringen vermochten wie die Linken Dieses Resultat, das in Schweden mit sehr.schmerzlichen Gefühlen ausgenommen worden ist, bedeutet eine weitere Verschärfung des Konfliktes zwischen den beiden feindlichen Brüdern, zwischen Schweden und Norwegen.
Dagegen ist der Konflikt zwischen Rumänien und Bulgarien alles in allem in ein ruhigeres Fahrwasser verlaufen, wenn auch die Nachrichten von beiden Seiten noch immer recht alarmierend klingen. Aber man braucht diese Nachrichten nicht allzu tragisch zu nehmen, denn auf dem Balkan wird grundsätzlich um 50 Prozent übertrieben. Der Heldenmut sitzt den radaulustigen Bulgaren in Wahrheit doch mehr auf der Zunge als im Herzen und zudem ist Fürst Ferdinand darüber unterrichtet, daß die Mächte in dieser kriegerisch bewegten Zeit für ein Kriegsschnuspiel auf dem Balkan nicht die allergeringste Verwendung haben.
Die Engländer glauben den Krieg gegen die Buren in der Hauptsache beendet, nachdem das Hauptheer unter Louis Botha durch die Kämpfe bei Machadodorp, die Einnahme pon Lydenburg und die weiteren Umgehungsbewegungen Bullers, Hamiltons und Frenchs zersprengt worden sein soll. Es ist angeblich auch von Burenseite eine Proklamation (erlassen worden, laut der man auf weiteren geordneten Widerstand gegen die englischen Truppen verzichten und sich nur noch dem Kleinkriege hingeben, also freie Banden bilden will. Der Krieg dieser Art ist schon lange im Oranjefreistaat im Gang« und hat den Buren im ganzen nur Erfolge gebracht, die, wenn auch nicht dauernder Art, dennoch den Engländern stets neue, unangenehme Ueberraschungen bereiteten. Einen Augenblick triumphierten die Engländer schon, als sie erfuhren, Präsident Krüger habe Transvaal verlassen und sei in Lourenco Marques eingetroffen. Später wurde dann gemeldet, Transvaal habe in der Person Schalk-Burgers einen Ersatz für den Präsidenten Krüger erhalten und der bewährte Staatssekretär Reitz stehe diesem nach wie vor zur Seite. Immerhin giebt aber die Entfernung .Krügers aus Transvaal zu denken und General Louis Botha ll ihretwegen auch schon sein Oberkommando niederg l -1 haben. Elf Monate bauert der Krieg jetzt, und nach? den anfänglichen Erfolgen 'der Buren, die sie weit nach Natal und in die Kapkolonie führten, sind sie auf eine nicht große Ecke des Transvaal zusammengedrängt. Wenn nun Präsident Krüger, wie es heißt, Ende September auf ein halbes Jahr nach Europa zu gehen gedenkt, um dort für eine Intervention zu wirken, dann ist das nur eine Redewendung. Denn nachdem däe Herren Fischer, Wolmarans, Leyds usw. in diesem Punkte nichts erreicht haben, kann Oom Paul auf keine größeren Erfolge hoffen. In den sechs Monaten denken sich die Engländer endgiltig festgesetzt, und alle die einzelnen Burenkommandos gefangen oder, was ihnen noch besser scheint, möglichst erschossen zu haben. Letzteres wird nämlich unverhohlen in der englischen Presse angeregt, und man kann aus diesem Bekenntnis schöner Seelen schließen, daß es den Leuten dieses Schlages am -liebsten wäre, wenn man die Buren möglichst vom Erdboden vertilgte, damit man in Afrika nicht unter diesen unbequemen Zeugen englischer Eroberungspolitik zu leben braucht.__
Aus Stadt und Land.
Gießen, 17. September 1900.
* * Die Gerichtsferien nahmen mit dem letzten Samstag ihr Ende und heute wurden auf allcn Stationen der Rechtspflege die Arbeiten wieder in Gemäßheit des ausgestellten Arbeitsplans ausgenommen.
* * Auszeichnung. Dem Generalsekretär des hessischen Landwirtschaftsrats Dr. Karl Müller wurde der Charakter als Oekonomierat verliehen.
• • Unterbringung weiblicher Strafgefangener. Das Groß- lerzoglich hessische Ministerium der Justiz hat eine Ver
fügung erlassen, der zufolge weibliche Strafgefangene evang. Konfession, die zu längerer Freiheitsstrafe verurteilt sind, bei guter Führung im Falle bedingter Begnadigung in das Fraueuheim Elisabethenhof zu Eckenheim bei Frankfurt a. M. verbracht werden können. .Die Zentralbehörde des Hessischen Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen hat sich bei VereinS- pfleglingen zur Uebernahme des Pflegegeldes bereit erklärt. — Dieses Zusammenwirken von Behörde, Anstalt und Verein in der angeführten Weise ist außerordentlich zu begrüßen. Wie schwer fällt es doch einem aus dem Gefängnis entlaffenen weiblichen Wesen, ein Unterkommen zu finden. Selbst wenn ihnen auch die Strafzeit durch Begnadigung gekürzt worden ist, die guten Vorsätze find bald vergessen, sowie die goldene Freiheit genossen wird. Und die anfangs Widerstrebenden bringen die alten „guten" Bekannten bald wieder auf schlechte Wege. — Dagegen werden es weibliche Strafgefangene als wohlthuenden Tausch empfinden, wenn ihnen, gutes Betragen vorausgesetzt, der Rest der Haft in Aufenthalt im Frauenheim umgewandelt wird. Dort find sie vor dem früheren Anhang sicher, werden in ihren guten Vorsätzen befestigt und können auf Grund des vom Frauenheim ausgestellten Zeugnisses später leicht eine Stelle finden. — Darum für Mädchen, zumal bei erstmaliger Hast, weniger Bestrafung, mehr Erziehung!
[] Effolderbach, 15. September. Am Donnerstag nachmittag gegen 4 Uhr ertönten hier die Sturmglocken. ES brannte die gefüllte, noch ungedroschene Scheuer des Beigeordneten Lenz mit mehreren Stallungen total nieder. Wie wir hören, soll der Brand durch das Latwergekochen entstanden sein. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.
Butzbach, 16. September. Die hiesige altehrwürdige St. Markuskirche, die besonders auch wegen der darin befindlichen Crypta des Landgrafen Philipp von Hessen- Butzbach weithin bekannt ist und viel besucht wird, soll in nächster Zeit bedeutendere bauliche Veränderungen erfahren. Seit Jahren zeigen sich an dem nördlichen Seitenschiff, wie auch im nördlichen Chor bedenkliche Riffe und Sprünge, die erkennen lassen, daß die Umfassungsmauer das Deckengewölbe nicht zu tragen vermag. Es hat dies zum Teil gewiß darin seinen Grund, daß dem nördlichen Seitenschiff die Strebepfeiler, die sich sonst überall an Chor und Schiff befinden, fehlen. Zum andern beabsichtigt man die „Stukkatur", mit der man vor Zeiten Pfeiler, Säulen, Gewölbe rc. überdeckt und damit ihre Schönheit verdeckt hat — wieder entfernen zu lassen. Zurzeit läßt Kirchenbaumeister Hofmann zu Herborn, eine Autorität in diesem Fache, zeichnerische Aufnahmen der gesamten Kirche machen, um sodann dem hiesigen Kichenvorstande bestimmte Vorschläge zu einer gründlichen Renovation und zugleich die entsprechenden Kostenberechnungen vorzulegen.
Mainz, 16. September. Die Tragödie der Primadonna, über die uns kürzlich berichtet wurde, hat sich zum Glück in ein Lustspiel verwandelt. Fräulein Hedwig Ma ter na, die Primadonna des Stadttheaters, hat sich, wie sie dem „B. T." in einem lustigen Briefe mitteilt, weder „in den Rhein, noch in den Main", sondern nur in das Studium ihrer Rollen gestürzt und von den düsteren Gründen, die für die Verzweiflungsthat der Künstlerin an- geführt wurden, — daß ihr Verehrer ihr einen Absagebrief geschrieben habe und dergleichen! — ist kein einziger bisher in dem offenbar beneidenswert Hellen Dasein des Fräulein Materna in Erscheinung getreten. — Wir freuen uns, daß der trübe Vorfall so in nichts zerfließt und gratulieren der Künstlerin zu der angenehmen Thatfache, daß sie weder das Leben noch Liebe und Humor verloren hat. Fräulein Materna ist übrigens eine Nichte der nicht berühmt gewesenen Wagnerfängerin gleichen Namens. Nach kurzem Engagement in Köln gehört sie seit Jahren unserer Oper als die vorzüglichste Künstlerin an.
Vermischtes.
„FiaSco". Die Theaterdirektion Kruse & Helm in Gießen kündigt für die bevorstehende Spielzeit u. a. Schillers „Fi eS co" an. Das giebt uns Anlaß eine kleine kuriose Geschichte, die nicht erfunden ist, mitzuteilen: Tine sogenannte „Schmiere", die sich den Marktflecken WolcySka an der deutsch-russischen Grenze zur Ausübung ihrer künstlerischen Thätigkeit auserkoren hatte, kündigte ihre erste Vorstellung in folgender Weise an:
„Die Verschwörung des Fiasco, Doggen von Genua und Venedig. Vaterländisches Heldengroßes berühmtes Ritterschauspiel mit ei'm wirr-


