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3.4.1900 Zweites Blatt
 
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m. 78 Zweites Blatt

Dienstag de« 3. April

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Fchnkßr.ße Ar. 7.

Grsüsdeilage«: Gießener Familienblütter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Adreffe für Depeschen: Anzeiger Kiek«, Fernsprecher Nr. 51.

Amtlich« Heil.

Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 17, 19 und 20 Abs. 2 des Reichs« Viehseuchengesetzes und des § 1 der Instruktion dazu be­stimmen wir mit Genehmigung des Großherzoglichen Mini- fiknumS^deS Innern das Nachstehende:

§ i. c e . t s l^ZAlleS zu den Biehmärkten in Gießen aufgetrtebene Klouenvieh (Rindvieh und Schweine) wird beim Marktein­gar g kreisveterinärärztlich untersucht und nur zugelassen, wein eS seuchenfrei befunden worden ist.

§ 2.

Die Gastställe und Ställe von Viehhändlern in Gießen, Heuchelheim und Wieseck werden der veterinärärztlichen Aufsicht unterstellt.

§ 3.

Vieh, welches an den Markttagen und an den 4 vor­hergehenden Tagen in den Bezirk der Gemarkungen Gießen, D«seck und Heuchelheim eingebracht uud daselbst eingestellt wir d, muß an dem ersten Standort mindestens 7 Tage lang mbleiben und darf ihn innerhalb der nächsten 14 Tage nach Ablauf der 7tägigen Quarantäne nur verlosten, wenn t« nach dem Zeugnis des Großherzoglichen Kreisveterinär- artleS keine seuchenverdächtigen Erscheinungen gezeigt hat. Vom dieser Quarantänepflicht ist das Vieh nur dann befreit, wein es auf den Markt gebracht und der tierärztlichen Un­ter! nchung daselbst unterworfen wird. Alle Tiere, die vom 4. Lage vor dem Markt bis zum letzten Markttag eingestellt weiden, sind sofort vom Eigentümer oder Begleiter der tirre der Ortspolizeibehörde, und von dieser dem Groß­herzoglichen Kreisveterinäramt anzumelden; in gleicher Weise ist der Besitzer des Stalles zur Anmeldung verpflichtet und veumtwortlich.

§ 4.

DaS Handeln auf Straßen und Plätzen der Stadt Gießen, der Orte Wieseck und Heuchelheim ist verboten.

§ 5.

Bieh aus Gemarkungen, in welchen die Seuche herrscht, baff nicht aufgetrieben werden und wird nicht zugelasten.

§ 6.

Zuwiderhandlungen werden auf Grund des § 328 des Reichsstrafgesetzbuchs und § 66 Abs. 4 des ReichSviehseuchen- gesetzes bestraft.

Gießen, den 28. März 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Kaiser Wilhelm I. und Benedetti.

Die Briefe, die König Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser, am Vorabend des großen Krieges, im Juli 1870, von Ems aus an die Königin Auguste gerichtet hat, knllhalten sehr wichtige Beiträge zur Geschichte der Ent­stehung des Kriegs, und werfen einige bezeichnende Streiflichter auf den soeben gestorbenen Grafen Bene- kitti. Ta diese Briese erst vor wenigen Jahren bekannt geworden sind (Professor Wilh. Oncken hat sie in seiner 189 7 erschienenen Festschrift zum 100. Geburtstage Kaiser Wilhelms:Unser Heldenkaiser", veröffentlicht), so mögen biet die zwei vom 13. Juli 1870, also dem entscheidenden titge, datierten Briefe noch einmal wiedergegeben fein, wie lauten:

L m s, 13. 7.1870. Herzlichen Dank, daß Du des heutigen, jon ft so lieben Jahrestages so freundlich gedenkst! Die Citifer Damen sind enchantiert von ihrer Aufnahme und ihrrm Aufenthalt bei Dir zurückgekehrt und eingerückt im Äloß. Ich sprach sie nur kurz auf der Abendpromenade, ein heftiger Regen uns auseinander jagte. Das große Ereignis der Tagesfrage ist das alleinige Gespräch, seit- dem an diesem Morgen das Kölner Extrablatt die erste yumbe des Zurücktrittes des Thronkandidaten brachte; ich sendete es sofort auch an Benedetti, der mir sagen ließ,, dch er die Nachricht bereits gestern abend aus Paris er- hallen hätte, woraus folgt, daß man es in Paris früher mßte, a-ls ich. Er kam auf die Promenade, Und statt ihn iatisfait zu finden, verlangte er von mir, daß ich a tout jannais erklären sollte, daß ich nie wieder meine Zustim- mirng geben würde, wenn etwa diese Kandidatur wieder auf lebte, was ich natürlich sehr entschieden zurückwies, um' jo mehr, da ich noch gar keine Details direkt erhalten , fort le, und als er immer dringender und fast impertinent wunde, sagte ich zuletzt, Mettons que Votre ernpereur lui ireme diese Kandidatur aufnähme, so würde ich ja mit meünem geforderten Versprechen ihm entgegentreten müssen ? ßuazum, er schien instruiert zu sein, diese Forderung mir

abzupressen, die er sogleich nach Paris melden wollte, um auch zu irgend einer offiziellen Kundgebung zu ver­anlassen, die ich bei der ganzen Sache bisher zu ver­meiden hatte, ams der bekannten Stellung, die ich zu der­selben seit sechs Monaten anzunehmen verpflichtet bin: d. h. als Gouvernement habe ich nichts mit der Sache zu thun. Ich lege hier die Briefe bei, die ich soeben erhielt bitte Dich, sie mir noch heute zurückzusenden, da sie mir immer nötig sind, zur Hand zu haben; auch mein Brief an Leopold vom 21. Jumi liegt in Kopie bei. Des Fürsten Raisonnement über Kriegsfragen ist sehr richtig. Die Post wartet 2 Uhr 45 Min. Dein W. .

Ems, 13. Juli 1870. Die Benedetti'sche Prätension von heute früh ist nicht allein geblieben; Weither be­richtet über seine erste Unterredung mit Gramont-Olivier, in der sie ipsissima verba gesagt haben: Die Hohen- zollern-Kandidatur-Beilegung sei überhaupt Nebensache, die Verheimlichung der Unter- Ha n d l u n g e n sei eine Verletzung des Kaisers und Frank­reichs, also die Hauptsache; diese müsse g u gemacht werden, (und dies sei durch ein Schreiben meinerseits an den Kaiser N. zu erreichen, in dem ich ausspräche, daß ich nicht die Absicht gehabt, den Kaiser und Frankreich zu beleidigen; dies Schreiben könne publique werden und in der Kammer als Verteidigung Preußens paradieren! Hat man je eine solche Insolenz gesehen? Ich soll also als reuiger Sünder vor der Welt auftreten in einer Sache, die ich gar nicht angeregt, geführt und geleitet habe, son­dern Prim, und den läßt man ganz aus dem Spiele! Leider hat Werther nicht sofort nach solcher Zumutung das Zim­mer verlassen und seine interlokuteurs an den Minister Bismarck verwiesen. Ja, sie sind so weit gegangen, zu sagen, sie würden Benedetti mit der Sache beauftragen! Der wollte heute abend abreisen, nachdem ich durch Anton (Fürsten Nadziwill) hatte sagen lassen, daß ich ihm eine zweite Unterredung in der bereits heute früh definitiv abgelehnten Sache nicht erteilen könne, zu der er per Te­legramm nochmals angewiesen worden war, hat er sich unerwartet rasch gefügt, was berechtigt, anzunehmen, daß er die neue Forderung bereits erhalten hat!? Leider mutz aus diesen unbegreiflichen proeedes geschlossen werden, daß sie uns coute qui coute herausfordern wollen, und daß der Kaiser malgre lui von seinen unerfahrenen Faiseurs über­flügelt ist. Somit wird die Lage in wenig Stunden wieder sehr ernst. Eben kommt ein Telegramm aus Stuttgart, in dem Varnbüler sagt, die beleidigenden Zumutungen Frankreichs von heute seien so verletzend für Württemberg, daß er den französischen Gesandten beauftragt habe, sofort nach Paris zu schreiben, daß man sich dergleichen verbitte. Worauf das gehet, wissen wir aber hier noch nicht., Uebrigens haben Bray und Varnbüler dem französischem Gesandten schon in den letzten Tagen gesagt, daß, wenn Preußen angegriffen würde, ganz Deutschland wie ein Mann aufstehen werde. Das ist sehr brav wenn es' geschähe! Morgen komme ich zum Diner. Dein W.

Hessischer Landtag.

Zweite Kammer der Laudstäude.

M. G. Darmstadt, 30. März 1900.

Fortsetzung der Beratung der Regierungsvorlage, betr. die Errichtung von lOneuen Oberförstereien in Zusammenhang mit Kap. 112 der Nachtragssorderungen, betr. Lokalfor st Verwaltung und Forstschutz.

Finanzminister Küchler erinnert an einen der ver­hängnisvollsten Fehler in der Hessischen Verwaltungs­geschichte, die frühere Aufteilung der Gemeindewälder an die Ortsbürger in Privatbesitz. Alle wirtschaftlichen Werte, die in diesen Waldungen als Gesamtteilen gesteckt hätten, seien verloren gegangen, da die wirtschaftlichen Kräfte des einzelnen nicht ausgereicht hätten, um die weithiuaus- gerückte Rente zu ziehen. Tie früheren Waldflächen seien größtenteils devastiert worden, sie aufzuforsten, dazu reichten des einzelnen Kräfte wieder nicht aus. Er erachte es vom sozialpolitischen Gesichtspunkte aus als heilige Pflicht der Staatsverwaltung, was nicht versäumt sei, ein­zuholen, denn sonst sei der Vorwurf wirtschaftlicher Kurz­sichtigkeit und Unfähigkeit begründet. Nun sei die Frage, welche organisierte Einrichtung bietet die beste Garantie, diese Aufgaben im finanziellen Interesse des Staates rasch und wirksam zu lösen? Es sei nicht zu bestreiten, daß die Organisation die wirksamste sei, die dem verantwortlichen Leiter den besten Einblick gestatte, die ihm die zu lösenden Aufgaben derart zuweise, daß er für den vollen Erfolg persönlich verantwortlich gemacht werden könne. Mit diesem Grundsatz sei die vorliegende Frage glatt beant­wortet. Niemals dürfe man vor der besten Form der Ver­waltungseinrichtung zurückschrecken. Redner entwickelte die Gründe, die allein dazu trieben, kleine Bezirke zu organisieren mit allein verantwortlichen Trägern der Ver­waltung an der Spitze. Er erinnerte an die außerordent­lichen Werte, um die es sich drehe und stellte ihnen die

Steigerung der Schuldenlast gegenüber. Er bitte dringend, der Vorlage die Zustimmung nicht zu versagen.

Berichterstatter Abg. M o l t h a n richtet namens des Finanzausschusses einen warmen Appell an die Abgeord­neten, der Vorlage zuzustimmen; der Wirkungskreis der Oberförstereien müsse verringert werden, wenn ein wirklich rationeller Forstbetrieb Platz greifen solle.

Abg. Brauer istpiit den! großen! Zielen einverstanden, befürchtet aber durch die auf einmal zu schaffende Ver- n-ehrung der Stellen Nachteile für die Landwirtschaft.

M. G. Darmstadt, 31. März 1900.

Abg. Schröder: Die von dem Finanzminister gestern vorgetragenen Gedanken seien allgemein anerkannte Wahr­heiten. Mit dem Grundgedanken der neuen Organisation sei er einverstanden, doch scheine es ihm bedenklich, diese auf einmal ins Leben zu rufen. Redner bringt einige Be­denken vor.

Abg. Schönberger erwartet viel von der Energie und Schueidigkeit des Finanzministers. Redner führt mehr­mals aus, daß man nicht akademische Bildung brauche, um richtig zu wirtschaften. Im Volk herrsche der Glaube, und ein anderer Grund stehe auch nicht zur Verfügung, daß zu viele Forstassistenten da seien, für die diese Stellen geschaffen werden sollten. Im Bericht sei nichts von den Verhältnissen in anderen Staaten gesagt. Die Vorlage sei nicht genügend begründet, man möge sie ver­schieben und der Bevölkerung Zeit lassen, sich zu äußern. Im nächsten Budget-möge man die; Frage Nochmals'beraten. Man dürfe nicht voreilig sein mit der Annahme dieser Proposition, die in zwei Formen innerhalb 14 Tagen in Erscheinung getreten sei.

Abg. K ö h l e r - Langsdorf will die Forderung in Kap. 112 (180187 Mk.) bereinigen; im übrigen stimme er dem Abg. Schönberger zu und glaube, daß die vorhandenen Oberförster recht n*ohl für die zu bewältigenden Aufgaben ausreichen. Man möge die Sache verzögern. Er wünsche dringend, daß man die bisherigen Gesetze und Verord­nungen auf dem Gebiete der Forstverwaltung zusammen- stelle und revidiere, solange das nicht geschehen sei, müsse er alle Forderungen ablehnen.

Abg. Korell schließt sich den Darlegungen des Abg. Schönberger an. Tie überzeugenden Ausführungen des überzeugten Berichterstatters des überzeugten Ausschusses hätten ihn nicht überzeugt. Redner bringt einige Be­schwerden gegen die angebliche Willkür eines Oberförsters vor; (es hanoelt sich um Erschwerung von Holzabgaben in kleinen Quantitäten an Geschäftsleute). Er bitte die rhein- hessischen Herren, der Vorlage nicht zuzustimmen, sondern sich zuerst eingehend mit der Sache zu beschäftigen.

Abg. Leun hält den Sprung auf 17 neue Stellen für zu weit. Den Steuerzahlern fei man die größte Rücksicht schuldig; die Ausgaben für andere Zwecke seien außer­ordentlich hoch. Man dürfe au chden Zuzug der Stu­dierenden der Forstwirtschaft nicht vermehren.

Ministerialrat Milbrand setzt vom geschäftlichen Standpunkt die Sachlage auseinander. Er loeift zahlen­mäßig, auch die Verhältnisse Sachsens berührend, nach, daß durch eine richtige Bewirtschaftung unter gleichen Be­dingungen jdie lErträgnisse ^verdreifacht- Werdern können. .Das Bestreben müsse sein, jeden einzelnen Stamm des Waldes zu einen wertvollen Nutzstamm zu machen; der Ober­förster müsse jedes einzelne Individuum im Revier pflegen und seine Beschaffenheit, seinen Wert beurteilen. Aber heute stehe noch der fleißigste und strebsamste Ober­förster vor einer Arbeit, die er nicht bewältigen könne; denn die Reviere seien noch zu groß. An eine allmähliche Schaffung der neuen Organisation könne man nicht denken; im forstwirtschaftlichen Betrieb seien stabile Verhältnisse notwendig. Selbst bei Annahme der Vorlage seien die Dberförftereien immer noch zu groß. Wenn so Hilfs-Ar­beiter unbedingt notwendig seien, so gestehe er zu, daß die Regierung aus diplomatischen Gründen nur die Ein­stellung von Assistenten beantragt habe, weil sie deren Be­willigung sicher habe erwarten dürfen. Daß es richtiger sei, zehn neue Dberförftereien zu gründen, habe man sofort im Ausschuß ausgeführt. Im Interesse der Steuerzahler liege es, die Vorlage zu bewilligen.

Abg. Schill vermißt bei den Vorlagen der Regierung Sparsamkeit.

Finanzminister Küchler: Bei jeder Gelegenheit, die er ergriffen habe, um zur Sparsamkeit zu mahnen, habe er betont, daß er darunter nicht verstehen könnte, pro­duktive Ausgaben zu beschränken oder zu verschieben. Um solche Ausgaben handle es sich hier. Was die Befürch­tungen, die man an die Höhe der Ausgaben knüpfe, an* lange, so übersehe man, daß nach dem Besoldungsgesetze bei ihrer Anstellung als Oberförster die Assistentendienst-- zeit so angerechnet werde, als ob sie als Oberförster ge­dient hätten. Die Ersparnisse seien sehr gering, wenn man nur Assistenten bewillige. Habe nun diese Befürchtung! eine irrige tatsächliche Voraussetzung, so sei die an die Wvhnungsverhältnisse geknüpfte Sorge nicht zutreffend,