Ausgabe 
2.10.1900 Drittes Blatt
 
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«t. 230

Drittes Blatt

Dienstag de« 2. October

1900

Markos Bauer.

Giessen, Kirohenplatz 11.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar. 7.

Plakatstil ist modern, olle silbernen Gebrauchssachen histo­risch, von der Moderne unberührt. Ebenso ist es mit dem Gold und bei der Bronze und £en Möbeln noch mehr. Die Gesellschaft hat kein Vertrau^ zur Moderne, wendet sich vielmehr dem Historischen zu. Wenn die Moderne glaubt, die Tradition einfach eliminieren zu können, sso rrrt sie sich. Palast und Kirche haben mit der Moderne «ine Fühlung genommen.

Wie stellt sich nun Deutschland zu dem allen? Wir haben «allen Grund, mit Paris außerordentlich zu­frieden zu sein. Tüchtiger Arbeit von Jahrzehnten, aber vor allem dem Verdienste der Organisation, Geheimrat Richter und Professor Hoffacker an der Spitze, verdanken wir das. Mit wenigem haben wir eine Wirkung erzielt, die neben der französischen anständig dasteht. Diesen er­freulichen Erfolg wollen wir uns nicht verkümmern lassen. Wir wollen uns aber auch nicht überheben Md nicht von der Pflicht ablenken lassen, im einzelnen mit Ernst und Eifer weiter zu arbeiten. Auch die Fülle ider Preise soll uns nicht zum Glauben an unsere absolute Sieghaftigkeit auf dem Weltmarkt verleiten. Dieser Erfolg kani selbst für diejenigen, die am Zustandekommen des Werkes Mitarbei­ten, überraschend. Es ging zum Teil daraus hervor, daß wir nicht Gebiete für uns auswählten, auf Ebenen die Fran­zosen uns naturgemäß überlegen sein müssen. Auch der Umstand spricht mit, daß die Arbeiten der modernen Rich­tung bei Uns im Vordergründe standen'. Diese boten etwas überraschendes. Man erblickte in ihnen zugleich etwas spezifisch germanisches. Auch das recht stramme Herein­ziehen der Kunst, besonders der figuralen Plastik und der Bronzekunst, in das Kunstgewerbe wirkte mit. Es tziebt kaum eine Gruppe des Kunstgewerbes, in der Deutschland nicht einen Vorstoß gemacht hätte und auf dem Weltmarkt nicht bestehen könnte. Mer wir müssen uns doch fragen, ob wir es nicht lediglich mit einem Einzelnen Versuchsstück oder schon mit einer allgemeinen Kunstrichtung zu thun haben. Wir müssen uns auch sagen, daß wir nicht für uns allein arbeiten wollen, sondern auch für andere auf dem Weltmarkt. Gerade nach dieser Richtung hat aber Deutsch­land nach Chicago noch erheblich gewonnen. Etwas erfreu­licheres und vollkommeneres konnten wir nicht erwarten. Hoffentlich führt uns die Zufriedenheit nicht zur Ueber- hebung, sondern zu strammer, ernster Arbeit.

Der Vortrag fand lebhaften Beifall.

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Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den s folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

Gratisvettagen: Gießener FamttieMütter, Der hessische Landwirt, ______________ Mittler für hessische Volkskunde.

e Petersburg, 27. September. DemDaily-Telegr." zufolge haben russische Theehändler aus Hankau die Nach­richt erhalten, daß die militärischen Operationen in China bereits einen ungünstigen Einfluß auf den Th erhandel ausgeübt haben. Die Warenhäuser seien voll, aber es finde kein Handel statt, und es fehle an Dampfern, um den Thee zu transportieren. Die Gesell­schaften weigerten sich wegen des Risikos zu versichern und die Banken seien geschlossen, da sie fürchteten, Vorschüsse zu leisten. Die Chinesen hätten daher kein Geld, um die Arbeiten auf ihren Pflanzungen auszuführen. Man sage voraus, daß, wenn der Krieg noch viel länger dauere, eS im nächsten Jahre überhaupt keinen chinesischen Thee geben werde eine offenbare Uebertreibung, da Hankau doch überfüllt" sein soll.

Alle Anzcigen-Dermittlungsstellen des In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«.

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Gerichtssaal.

-nn Darmstadt, 28. September. Vor der hiesigen Straf- k am m e r wurde heute die Privatklagesache zweier katholsscher [ Geistlischer aus Rudolfswerth in Mähren gegen den Redakteur des ISeltgenstädter Anzeiger", G. May, verhandelt; die Kläger fühlten sich beleidigt, weil in einer Notiz behauptet worden war, daß sie durch Verletzung des Beichtgeheimnisses die Hinrichtung eines zum Tode verurteilten Verbrechers verhindert hätten. Der Beklagte war von dem Schöffengericht Seligenstadt mangels Beweises daß die Absicht der Beleidigung vorgelegen habe, freigesprochen. In der heu­tigen Berufungsinstanz vergleichen sich die Parteien.

Darmstadt, 28. September. In der heutigen Schwurgerichts­verhandlung wurde der 18jährige Fabrikarbeiter Joseph Peter aus Somborn bei Offenbach wegen Totschlag mit einer Gefängnisstrafe von 21/2 Jahren belegt. Er war im Wirtshause mit seinem Lands­mann, dem Arbeiter Schmidt, in Streit und Thätlichkeiten geraten und hatte ihm mit dem Taschenmesser einen tötlichen Stich beigebracht. Dem Angeklagten wurden, da er von dem Getöteten thätlich angegriffen war, mildernde Umstände zugebilligt.

Darmstadt, 28. September. Der Einspruch, den der Für st Ysenburg in Wächtersbach gegen die Z w a n g s v e r st e i g e- r u n g der in der Provinz Starkenburg gelegenen Güter des fürstlich Asenburgischen Fideikommisses erhoben hat, ist in der Be­rufsinstanz vom hiesigen Landgericht als unbegründet abgewiesen wordm. Jetzt hat nun der Graf eine Klage auf Ungültigkeit der Hypothek angestrengt. Termin steht zum 16. Oktober an. Die auf den 1. Oktober angesetzte Zwangsversteigerung erleidet dadmch keinen Aufschub.

Mainz, 28. September. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni wurde in Bingen der 20jährige Student Henry Böschke aus Herford (Westfalen), der das städtische Technikum besuchte, von dem Schiffer Nikolaus Heinrich aus Kempten nach kurzem Wort­wechsel niedergestochen. Der Schwerverletzte hatte einen Stich in den Unterleib erhalten, und starb nach drei Tagen. Der zwanzig« jährige Messerheld hatte sich heute vor dem Schwurgerichte wegen Körperverletzung mit tötlichem Erfolg zu verantworten. In Anbettacht seiner Jugend wurde er nur zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte Zuchthaussttafe von gleicher Dauer beantragt.

Schul-Anzüge

in grosser Auswahl!

Vermischtes,

Könitz, 28. September. Wie wir kürzlich mitteilten, schwebt in der Könitz er Affaire ein Ermittelungsver­fahren . gegen zwei Beamte, die im Verdacht der Durch­stecherei mit derStaatsbürgerzeitung" stehen. DemTage­blatt" zufolge handelt es sich hierbei um den Bericht des Ersten Staatsanwalts Settegast, der in anti­semitischen Zeitungen veröffentlicht wurde, sowie um das medizinische Gutachten des Konitzer Sanitätsrats Müller.

* Hamburg, 28. September. Ein gewaltiges Feuer wütet seit heute mittag im Stadtteil St. Pauli in der Hasenstraße. Das Feuer entstand auf einem Holz­lagerplatz und ergriff, durch den Wind begünstigt, das Oellager der Firma Tietgens undRobertson. Das Feuer brennt in ungeschwächter Kraft noch immer, doch ist es beinahe sicher, daß ein Weitergreifen aus­geschlossen ist. Ein großer Bezirk am Hafen ist ab- ! gesperrt. Rauch und Feuerwolken haben noch immer pine große Ausdehnung und es dürfte vor morgen mittag das Feuer nicht erloschen sein. Ein Teil der Feuerwehr, die, zumal heute noch an anderer Stelle Großfeuer ausge­brochen war, übermäßig angestrengt arbeitete, kann jedoch nachts abrücken. Wie feststeht, ist, der Brand «auf dem riesigen Holzlager der Firma I. C. Pflugk entstanden, das in kürzester Zeit niederbrannte. Die Entstehungs­ursache ist entweder Kurzschluß oder, was wahrscheinlicher, das Ueberspringen eines Funkens von einer Ramm-Ma­schine auf der Elbe. Der starke Westwind trieb die Flam­men gegen die Oel- und Thranspeicher von Tietgens und Robertson. Hier fand der Brand die Nahrung, die ihm die riesige Ausdehnung gab, und von da ergriff er die benachbarten Wohnhäuser und ein Mehllager von Botsch und Co., das jedoch teilweise stehen blieb. Das brennende Oel strömte auf die Elbe über und drohte die Schiffe zu ergreifen, doch wurde dies verhindert. Das (Oel zu löschen, ist unmöglich. Das' siedende Oel list in die Keller geströmt und muß dort ausbrennen. Der Scha­den wird auf fünf MillioUen Mark geschätzt, woran eine große Zahl Versicherungsgesellschaften parti­zipieren. Menschen sind, soviel bekannt, nicht verbrannt, wohl aber wurden mehrere Feuerwehrleute verletzt. Na­mentlich die Augen litten durch die furchtbare Hitze. Die Bewohner der verbrannten Häuser wurden in einer Schule untergebracht.

Universität und Hochschule.

Unsere Mitteilung, wonach der Konservator des Römisch-Ger­manischen Museums zu Mainz Lindenschmit und Professor Schuh­macher-Karlsruhe zu Direktoren des zu errichtenden Reichs-Limes- Museums auf der Saalburg ernannt seien, ist dahin zu berichtigen, daß die genannten Herren zu Direktoren des Mainzer Römisch-Ger­manischen Central-Museums vorgeschlagen sind. Wie die Nationalzeilung" meldet, wurde die neuerrichtete etatsmüßige Professur für Statik der Hochbaukonstruktionen an der Technischen Hochschule zu Aachen durch Regierungsbaumeifier Boost-Magdeburg besetzt. Die Stadtbibliothek in Zürich hat im Berichtsjahr 1899 eine wertvolle Bereicherung erfahren, indem sie die orientalische, insbesondere hebraistische Bibliothek des im Herbst 1898 verstorbenen Herrn Dr. M. Heidenheim, Privatdozenten der alttestamenllichen Theologie an der Universität zum Geschenk erhielt. Aus Kopenhagen schreibt man: In die hiesige Universität hat der wissenschaftliche Sozialismus seinen Einzug gehalten. Ein junger Gelehrter, Dr. Gustav Bang, hat eine Reihe Vorträge überDas Zeitalter des Kapitalismus" angefangen, zu denen der Andrang so gewaltig ist, daß der Saal lange vor Beginn der Vorlesung überfüllt ist. Professor Ernst v. Stern in Odessa, der durch seine historischen und archäologischen Schritte« bekannt gewordene Rassische Philologie, ist, wie man schreibt, nach Moskau an die dortige Universität berufen worden.

Kunst und Wissenschaft.

Die Intendanz des Frankfurter Stadttheaters teilt mit: Weber'sFreischütz" kommt neuetnstudiert und in neuer Inszenierung am 5. Oktober zur Aufführung. Frau Eleonora Düse wird in der ersten Hälfte des Oktober im Schauspielhause an zwei Abenden mit ihrer italienischen Gesellschaft gastieren.

8m Urteil fiter dir Karis» WeltMsstMug.

Im Verein für deutsches Kunstgewerbe zu Berlin hielt der Direktor des Kunstgewerbe-Museums Geheimrat Prof. Dr. Lessing einen Vortrag über die Pariser Welt-Aus­stellung. Darin führte er nach einem Bericht derMagdeb. Ztg." einleitend ans, wir Deutschen könnten mit freudigem Stolz aus die Ausstellung und das, was wir dort erreicht haben, zurückblicken. Das Eintreten von Deutschland sei der bemerkenswerteste Zug der Ausstelluna. Abgesehen gerade von der Beteiligung Deutschlands habe sich die Entwicklung der Pariser Welt- Ausstellungen zu französischen Sonderausstelluugen nie­mals mehr gezeigt, als bei der diesmaligen. England und Rußland machten nur einen Anstandsbesuch. Die Vereinigten Staaten beteiligten sich so wenig, daß von einer Ausstellung kaum noch die Rede sein könne. Die südamerikanischen Staaten blieben saft ganz weg, der Orient stellte fast nur Händlerware. Selbst Belgien sei Vur dürftig vertreten, ebenso die Schweiz, etwas besser Italien, aber nur mit minderwertiger Ware. Würdiger standen demgegenüber Deutschland und Oesterreich-Ungarn da. Unter diesen Umständen sei es schwer, sich nach der Ausstellung ein Urteil über die Stilentwicklung und das Verhältnis der Völker zueinander zu bilden. Aber man müsse es dennoch versuchen, da nicht anzunehmen sei, daß in absehbarer Zeit wieder einmal so viel Material für cme Urteilsbildung zusammenkommen werde. Die Pariser Weltausstellung 1900 werde die letzte Welt -Ausstel­lung dieser Art sein. Ob es künftigen Generationen gelingen werde, eine neue Art zu finden, sei dahingestellt. Dann führte der Vortragende folgendes aus:

Schon die äußere Anlage mit ihren Verkehrsbeschränk­ungen und anderen Belästigungen eines Teiles der Ein­wohnerschaft geht bis zum Aeußersten dessen, was eine Stadt sich bieten lassen kann. Auch Paris wird es sich nicht wieder gefallen lassen. Ein Ergebnis dieser Orts- und baulichen Verhältnisse sind die entsetzlichen schlechten Geschäfte aller Unternehmungen. Die Raumverteilung und Gruppen-Ordnung, in der man geneigt war, eine Art Mausefalle für die fremden Völker zu erklicken, hatte eine ganz andere Wirkung; sie gereichte größtenteils FrankreichzumSchaden. Sie zwang andere Länder, besonders auch Deutschland, ihre Arbeit an einzelnen be­stimmten Brennpunkten zu konzentrieren, nur das Beste und Auserwählteste dorthin zu bringen. Das numerische Uebergewicht der Franzosen drückte ihr geistiges Ueber- gewicht auch dort, wo sie es hatten, herab. Eine ganze Stunde lang z. B. durch Möbel hindurchzugehen, ist zu viel. Toujours perdrix! Auch das Beste wird bei dieser Masse schließlich nur für eine Art Mittelgut angesehen.

Was haben wir nun in Paris gelernt? Jede Welt­ausstellung muß eine Art Stichtag für die Entwickelung des Kunstgewerbes und Geschmackes sein. Die Ausstellungen von 1878 und 1889 bezeichnen einen gewissen Ruhestand. Sehr wichtige Punkte bildeten nur das Ein­treten Japans und das Auftreten der modernest englischen Möbel im Jahre 1878. Die folgende Aus­stellung brachte in beiden Punkten keine besonderen Fort­schritte, dagegen brachte sie den Eiffelturm. In ihm betrachtete man zunächst nur ein Bravourstück, seitdem ober hat sich unsere Anschauung wesentlich verschoben. Wir sehen im Eiffelturm nicht mehr blos ein technisches Wundex, 1

» Eröffnung einer neuen Formensprache: durch Konstruktion möglichst monumental zu wirken.

.188m an die nächste Ausstellung dachte,

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D'e Emen sagen: P-ms zeigt, daß mit dem alten Ä mehr zu machen ist; Andere: Paris hat den aan^en Nank/ rott des Modernen offenbart. Kein Teil hat L Reckt Wer da erwartet hatte, daß der Eiffelturm die Basis Mr eme ruhige Entwickelung des Eisenbaues ergeben bade I erlebte eine große Enttäuschung. Von einer selbständigen wirklichen Weiterentwickelung der Eisenkonstruktion Nack I der künstlerischen Richtung war nichts zu sehen. Alles I war in einer Weise bekleidet, wie man es von Franzosen I mcht für möglich gehalten hätte, in einer entsetzlichen I -Werse, die man nur im Dämmerlicht der künstlichen Be- I Züchtung allenfalls noch ertragen konnte. Auch bei Heu I Bauten, die bleiben sollen, hat man an eine künstlerische I Entwickelung der Eisen konstruktion nicht gedacht. Nur die I ^nnenbaiiten, die Installationen sind nicht nach histori- I scher, sondern Vach moderner Art ausgeführt. Sie feigen, I naß das allgemeine Formengefühl sich in der Richtung nach I dem Modernen bewegt. Im Kunstgewerbe zeigt nur (baS I Minderwertige, auf ftirze Dauer berechnete die moderne I Form, alles wertvolle dagegen und für lange Dauer be- I stimmte ebenso wie überall die historische Form. Der j

, ______15V. Jahrgang

Erscheint täglich - . ------------------------------------------2

mit Ausnahme des ®

SMeßenerAnzerger

Heneral-AnMger

Amts- nnd JliijeuuMatt für ben iKeefzen.