Ausgabe 
2.6.1900 Zweites Blatt
 
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1900

Amts- und Anzeigeblatt für den Tireis Gieren

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Samstag den 2 Juni

Mezugspreis vierteljährl. Mk. 2M monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die AbholesteL« vierteljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg.

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S!r. 127 «.weites Blatt

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5. Juck 1900: ie Herzen.

Jr Hugo Müller. 7. Mi 1900: Me Tage.

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Des Prinzen Ludwig Nördlinger Rede.

Nicht jeder Redner hat Glück, auch wenn ihn der Fürstenhut schmückt. So lange freilich die Worte seinem; Munde entströmen, wird auch eine reiche Flut des Beifalls sich über ihn ergießen; aber gerade je höher der Redner steht, je größer der Raum ist, in den seine Worte dringen, Um so schärfer wird die Kritik einsetzen, und schon manche schöne Redeblume verfiel ihrem unnachsichtigen Messer. Darum haben wohl seit Alters her die Männer, die emo Krone tragen oder doch dem Throne nahestehen, in be­wußter Zurückhaltung vor der Oeffentlichkert nur dann dasf Wort ergriffen, wenn es einem ernsten Ziele galt, und eine ernste Kundgebung Klarheit schaffen sollte über die Haltung, die der fürstliche Redner in einer zur Entscheidung' drängenden Frage einnahm. Wenn Kaiser Wilhelm I. öffentlich sprach, so war eine historische Aktion von nach­haltender Bedeutung geschaffen, so war die Notwendigkeit gegeben, die ministerielle Politik durch die Autorität der

Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der hesßsthe Landwirt, Matter für hefßfche Volkskunde.________________

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Prinz Ludwig von Bayern hat zum zweiten Male gesprochen. In der schicksalsreichen Stadt Nördlingen, arh dessen Mauern einst Kaiserliche und Schweden rangen, Hatz er vor den bayerischen Landwirten von neuem die Politik der Sammlung vertreten und die Notwendigkeit betont, daß Landwirtschaft und Industrie in geschlossenen Reihenl den Kampf u,m die Zukunft führen müßten. Tann aber hat er zurückgegriffen auf die Kritik, die an seiner Straus binger Rede geübt worden ist, und während man gespannt

Da der Anmeldetermin für die obenbezeichneten Tier- Abteilungen mit dem 1. Juli d. Js. zu Ende geht, ersuche ich diejenigen Mitglieder des Vereins, welche von meinem Anerbieten Gebrauch machen wollen, ihre betr. Tiere bis zum 10. Juni d. IS. bei der Geschäftsstelle des Vereins in Alsfeld gefl. anmelden zu wollen.

Laubach, den 26. Mai 1900.

Der Präsident des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen.

Friedrich, Graf zu SolmS-Laubach.

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e-schet-t täglich eil Ausnahme dcS

MontagS.

Die Sicßmer

In'bai dem Anzeiger ta Wechsel mitHess, islidwirt" m.Blätter ßr Hess. BolkSkunde" tztchU. 4 mal beigelegt.

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Bekanntmachung.

Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Garbenteich.

In der Zeit vom Samstag 2. Juni lfd. Js. bis ein­schließlich Freitag 15. Juni lfd. JrS. liegen auf dem Rat­hause zu Garbenteich zur Einsicht der Beteiligten offen.

l .^Das Wiesenmeliorationsprojekt (drei Pläne);

2 . Das Protokollbuch.

Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier­gegen findet statt

Samstag, 16. Juni lfd. Js., Vormittags »Vr bis ioy2 Uhr

im Rathause zu Garbenteich, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen find. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen, und auf Papier in Aktengröße, (mindestens ein halber Bogen) einzureichen.

Friedberg, den 26. Mai 1900.

Der Großh. Bereinigungskommissär

S ü f f e r t, Regierungsrat.

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So vergingen ein paar Sekunden. Unsere Augen führten eine Zwiesprache, die keines Lautes bedarf.

Endlich öffnete sich mein Mund um sie zu fragen, ob sievon hier" fei.

Die thörichte Frage erhielt ein silberhelles Lachen zur Antwort. Dies überwand meine Schüchternheit und trotzig wiederholte ich meine Frage.

Ja! Sie sind wohl nicht von hier?" gab sie zurück so schelmisch und dabei doch etwas verächtlich, daß mir das Rot immer mehr in die Wangen schoß.

Deuwel auch, dachte ich, das Mädel macht sich über dich lustig. Das ist stark! Ich nahm also meinen ganzen zwanzigjährigen ManneSmut zusammen und bemühte mich, die Situation auch geistig zu erfassen. Ach du meine Jugendrosenzeit, das war schwer! Lieber hätte ich einen vier­stündigen streng fachmännischen Vortrag über die Züchtung silbergrauer Vorstehhunde oder über die Verwendbarkeit der Wafferrüben aus einem Stenogramm in gewöhnliche Schrift übertragen, als diesem Mädel weiter in die Augen geschaut, aus denen der Schalk herausblitzte.

Ich begann mit einem kümmerlichen Gestammel. Doch nach und nach siegte meine Willenskraft ob, und ich fing an, mich und meine dummen Einleitungsworte selbst zu ironisieren. So wurde ich allmählich meiner selbst Herr. Grün in Grünen" nannte ich mich sinnreich, und meinte, sie hätte wohlFlügel am Flügel" gehabt, indem sie so schnell aus der Kirche verschwunden wäre wobei ich kalt lächelnd Flügel mit Orgel verwechselte. Aber das that nichts. Während ich derartige böse Wortwitze unbeirrt tm Tempo eines Kavalleriemarsches einander folgen ließ, fand ich meine Unbefangenheit wieder unda"?'n

Rede kurzen Sinn mit den Worten:UebrigenS hoffe ich, daß mein Name allein Sie schon etwas müder mir gegen­über stimmen wird. Ich heiße Karl M

Ein stilles Grab.

Eine Pfingsterinnerung von P. SB. (Gießen).

Wir standen nach langer Fahrt an einem schmucklosen grabe auf dem kleinen Friedhöfe eines , weltverlorenen Men ostpreußischen Dörfchens, nahe der p° Nischen Grenze, gleich einem Garten umgab der Fr.edhos Die unscheinbare ®nnh>fe Kirche, von der ein geschmackloser Dachreiter schief

Zierlicher Gedanken blickten wir auf das schlichte ibwar» Kreuz, aus dem der Name meines Großvaters and ES war, als ob die Natur sich scheute, am heutigen ksinastnachmittage unsere Totenwacht zu unterbrechen. Kem Ästchen regte sich und kein Wölkchen trübte den Himmel.

Aus den dunkeln Epheublattern schimmerten Thranen, geeint aus ernsten Männeraugen. Der einzige Psingst- Ichmuck des Grabes. ,

Plötzlich schlägt brausend em Ton an unser Ohr. Jäh ift unser stilles Gebet unterbrochen.

Doch einen Moment nur empfinden wir das Geräusch als Störung. Die Kirche singt mit ihrem Orgelmunde em Lied von Frieden, Erdenglück, Erinnern und Vergessen - ton Lust und Liebe und Lenzessreude.

Der letzte Orgelton verklmgt und von dem nächsten Baum erschallt aus einer Finkenkehle ein lustiges Maienlied.

ES war eine hinreißende Improvisation gewesen. Den Meister des Orgelspieles, der in diesem, von der großen Welt io fernen, einsamen Erdenwmkel ein gewiß bescheidenes Dasein fristete und sein echtes Künstlertum selber IvoH nicht kannte, mußte ich sehen. Ich wollte ihm danken für seine wunderbare, leidvolle und freudvolle musikalische Rhapsodie von Leben, Liebe und Lenz, die, wie alles, zu- Iktzl auch ermatten, verstummen und sterben müffen.

Ich eilte zur Kirche. Doch der Organist war nicht zu finden. Er hatte das Gotteshaus wohl durch ein Hinter­pförtchen verlassen. Mißmutig wandte ich mich wieder dem Ausgange zu, als ich etwas rascheln hörte. Ich blickte mich um und sah, wie ein flatterndes Helles Frauengewand durch eine Seitenthür verschwand.

Ein weibliches Wesen, so dachte ich, konnte unmöglich diese mächtige Klage- und Wonneweise der kleinen Orgel entlockt haben. Vielleicht war eS die Frau des Küsters.

Ich lief der Flüchtenden nach, und einige Sekunden darauf schaute ich in ein Paar merkwürdig hellbraune Mäbchen- augen, die mich mit feuchtfrohem Glanze anfunkelten. Nacken, Hals und Schultern waren von prächtigem Haar umwallt, wie von einem rotgoldenen sammtenen Mäntelchen. Das durchsichtig leichte Gewand, das von dem apfelblütenen Hals nur wenig sehen ließ und ihre knospenden Formen straff umrahmte, war von derselben Farbe wie um uns herum an den Büschen der duftende Flieder. Es giebt nämlich auch weißen Flieder.

Siebzehn Jahre, älter konnte sie nach meiner Schätzung nicht sein.

Sie schien leicht erregt. Unwillig suchte sie die koketten Stirnlöckchen glatt zu streichen, die doch kraus bleiben sollten, und mit schlanken, feinen Händen warf sie ein paar lange Strähnen, die ein kosendes Lüftchen neckend auf ihre knospende Brust gelegt hatte, hinter sich.

Mit jugendheißen Blicken verschlang ich die verführer­ische Gestalt vor mir. Ein entzückendes Greuzeköpfchen!

Das rechte Wort am rechten Ort findet man nicht immer. Was ich auf der Stelle am liebsten gethan hätte? Nun, ich war damals etwa 15 Jahre jünger als heute. Das entschuldigt viel.

Meine Lippen blieben stumm, nur meine Sinne redeten «nsinnig.

Krone zu sichern und zu stärken. Jedes Wort war ey wogen, und wenn der Geschichtsschreiber von Frredrichi Wilhelm IV. sagen konnte, daß er die Wirkung ferner ge-, sprochenen Selbsterkenntnis dem barmherzigen Himmel heimzustellen Pflegte, so galt für den jüngeren Bruder das« Urteil, das er über Friedrichs des Großen Redekunst fällte, der stets zur Sache sprach, der jeden Satz auf den Willen! der Hörer berechnete und nie vergaß, baß Königswortq nur wenn sie Thaten sind, in der Nachwelt fortleben. ^0 häufiger ein Fürst, so schrieb jüngst treffend cm liberales Blatt, ohne den staatsrechtlichen Schutz verantwortlicher Minister handelt, je leichter er dabei auch als fehlbarer Mensch erscheint, um so eher gewöhnt sich das Volk, rhw nicht als das erhabene Werkzeug des Schicksals sonderrtz als Bürger zu betrachten, der sein unzweifelhaftes Rechtz der freien Meinungsäußerung ausübt, aber auch dem gler-z Rechte jedes anderen Bürgers untersteht.

Lio.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Teil.

Steckbrief.

Der unten näher bezeichnete Ersatzreservist Karl Magel aus dem Landwehrbezirk Gießen entzieht sich der gerichtlichen Aburteilung. c t n

Sämtliche Zivil- und Militärbehörden werden ergebenst nsucht, gefälligst auf denselben ein wachsames Auge zu haben, ihn im Betretungsfalle zu verhaften und an die nächste Militärbehörde abliefern zu laffen.

Signalement.

1. Name: Karl Magel

2. Geboren: 18. April 1875.

3. Geburtsort: SolmS-Jlsdorf.

4. KreiS: Schotten.

5. Größe: 1 m 61 cm.

6. Religion: evangelisch.

7. Stand oder Gewerbe: Dienstknecht.

8. Besondere Kennzeichen: Schielt auf beiden Augen. Gießen, den 28. Mai 1900.

Detring,

Oberstleutnant und Kommandeur des Landwehrbezirks Gießen.__

Bekanntmachung

Betr.: Landwirtschaftliche Landes-Ausstellung zu Darm­stadt vom 14. bis 17. September 1900.

Nm den Mitgliedern des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen die Beschickung der rubr. Aus­stellung mit Tieren zu erleichtern, sind mir vom Ausschuß des Vereins Mittel zur Verfügung gestellt worden, durch welche den Ausstellern die Beschickungskosten teilweise ersetzt werden sollen. In Aussicht ist genommen, diesen Ersatz für EisenbahntranSportkosten, Fütterung und pflege der Tiere auf der Ausstellung, Vertretung bezw. BegletMng des Transports zur und auf der Ausstellung und Ber- ficherungSgebühren, nach der Bestimmung des Hessischen Landwirtschaftsrates für größere Ausstellungen, emtreten iU lassen Diese Unterstützung ist abhängig von emerVor- besichtiaung durch vom Provinzialverem ernannte Sachver­ständige, der die betr. Tiere unterworfen werden müffen.

Betracht kommen hierbei Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe Die Pferdeausstellung wird vom Landespferde- mchtverein arrangiert, und sind Anmeldungen bezw. Unter- NtzungSgesuche in dieser Abteilung an den Landespferde­zuchtverein in Darmstadt zu richten.