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Kt. 127 Drittes Blatt. Samstag de« 2. Jmi
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>4»rNt*6< Nr. 7.
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Fernsprecher Nr. 51.
Der französische Kriegsminister Marquis Galliffet
iltn wir unseren Lesern hier im Bilde vorführen, hat, wie wir mitteilten, seinen Abschied genommen, und der DivisionS- •itneral Andre ist sein Nachfolger geworden. Mit Galliffet verschwindet eine der wichtigsten Stützen des Kabinetts Maldcck-Rousseau, das vor noch nicht einem Jahr unter Ita Parole „Verteidigung der Republik« ins Leben trat,
mb als seine wesentlichste Aufgabe die Erledigung des 5VreyfuShandels betrachtete. Seit dem denkwürdigen 1. Sep- itmber 1870, als der damalige Brigadegeneral Galliffet die l ühne Attacke der französischen Reiterei auf die preußische In« I janterie bei Floing ausführte, galt der General als der Meidigste Truppenführer der französischen Armee. Seine kAhne Führung bei der Expedition in Afrika nach Cl Goa im Winter 1873 hatte noch seinen Ruhm vermehrt. Im : Mrc 1879 wurde er Kommandeur des 9. Armeekorps. L88O wurde er Befehlshaber der Truppen in Paris. 1895 i iflittiertc er den aktiven Dienst.
Als ehrlicher Anhänger der Republik übernahm er im Ministerium Waldeck-Rousseau die Rolle, den Frieden und wie Disziplin in der Armee wiederherzustellen, unter deren ä>sfizierkorps aus Anlaß des Dreyfus-ProzeffeS geradezu sHiuderhafte Zustände enthüllt wurden. Galliffet hat sein rutglichsteS gethan, um seiner schwierigen Aufgabe gerecht M werden. Mit eiserner Strenge trieb er unbotmäßige (kmrale und Offiziere zu Paaren, zog die Zügel der arg Meckerten Disziplin straff an und führte einschneidende Reformen in der Organisation des GeneraistabS durch, da- mc! nicht wieder Zustände wie zurzeit des DreyfuShandelS emnißen sollten. Jedoch ist es auch Galliffet nicht ge- Iihigen, ganz mit jenen Mißständen aufzuräumen, wie die Afflire des Kapitän Fritsche beweist, der den Anlaß zum »tritt GalliffetS gegeben hat.
Der 71jährige General motivierte seinen Rücktritt mit „.Gesundheitsrücksichten". Schon in der Kammersitzung am Montag war Galliffet unpäßlich geworden infolge des er- titakn Ansturmes der vereinigten Rechten und „Rationalisten", dtie einen Höllenlärm vollführten. Man kaun eS dem alten Unn kaum verdenken, wenn er des Haders müde geworden i]h und seinen Lebensabend in Ruhe genießen will. Denn oibttohl die Regierung am Montag mit fast 50 Stimmen Mehrheit gesiegt hat, ihre Gegner werden bei der ersten Gelegenheit den Spektakel wiederholen. Mit GalliffetS »tritt ist übrigens ein Hauptzweck der „Nationalisten" r eicht, sie --geben sich der, vielleicht nicht unberechtigten, Hoffnung hin, daß nunmehr bald das ganze Kabinett Wolde ck-Rousseau daS Feld räumen wird. Vorderhand frei- lich hält sich das Ministerium noch.
Aus Stadt und Kand.
*♦ Scheuerfest in der Pfingstwoche. Pfingsten ist nicht nm das Reisefest, sondern bei den Frauen, die eS von der pnaktis-chen Seite nehmen, auch ein Scheuerfest. Gern ver- lüifittn die Frauen auf einen Naturgenuß, wenn nur im teilten Heim alles blitzt und glänzt und neugewaschene,
tadellos weiße Vorhänge dasselbe feiertagsmäßig einrahmen. Denn dann ist die wahre Feiertagsweihe in ihren Augen hergestellt. Kommt etwa noch ein neues Feiertagskleid hinzu, oder ein neuer Modehut, so ist die Feiertagsfreude nach jeder Seite hin vollkommen. Das Auge und die Selbstliebe ist befriedigt. Und um dieser Aeußerlichkeiten willen herrscht im ganzen Hause schon eine Woche vorher eine fieberhafte Aufregung, und um dieses kurzen Festglanzes willen lebt die geschäftige Hausfrau auf gespanntestem Fuße mit jedem Staubkörnchen, Spinnenfädchen, dem blinden Aussehen jedes Möbelstückes, leider aber auch nur zu oft mit dem ganzen Hauspersonal und auch mit dem Hausherrn. Die Scheuerbürste und der Besen hat das Regiment, alles muß sich ihm unterordnen. Jeder Tisch wird verrückt, kein Schrank bleibt stehen, jedes Bett muß weiter wandern, kein Bild bleibt an dem Nagel, und selbst der ruhig blickende Großvater auf demselben und die altehrwürdige Großmutter werden in ihrer beschaulichen Ruhe gestört. Der arme Familienvater, er, der „Herr des Hauses", irrt ruhelos umher. Zwei Tage dauert das Fest, acht Tage vorher muß er jede Heimat vermissen. Das sonst anheimelnde Wohnzimmer bietet ein Bild der Verwüstung, kein Platz zum Niederlaffen — weg die gemütliche Sophaecke — offen alle Fenster und Thüren — ein Zug im Hause, daß alles Lebendige beginnt zu husten. Nicht selten werde« dann vielen durch Unwohlsein die Feiertage gründlich verdorben, noch öfter muß die Hausfrau diese mit verbundenem Kopf verbringen, hervorgerufen durch den ungewohnten Luftzug, teils durch die Nässe beim Scheuem, noch mehr aber durch die künstliche Aufregung, in welche sich dieselbe versetzt. Es ist bei manchen Frauen zur Manie geworden, eine künstliche Wichtigkeit in das Geschäft des Reinigens zu legen, und sie glauben, diese Wichtigkeit zu steigern, wenn sie verlangen, daß alles andere sich diesem Jntereffe unterordnen soll. Das letztere ist aber falsch, verehrte Frauen!
*• Der Verband der deuffchen Buchdrucker hatte im vergangenen Jahre einen Mitgliederstand von 26344, welche in 963 Orten beschäftigt waren. Der zwischen Prinzipalen und Gehilfen vereinbarte Lohntarif ist von 3070 Firmen eingeführt, welche zusammen 34000 Gehilfen beschäftigen. Der Verband steht im Gegenseitigkeitsverhältniffe mit den Verbänden in Oestereich, Elsaß-Lothringen, Ungarn, Luxemburg, Schweiz, Frankreich, Belgien, Italien, Holland, Serbien, Bulgarien, den russischen Ostseeprovinzen, Dänemarck, Schweden, Norwegen, Rumänien. Das Verbandsorgan, der in Leipzig erscheinende „Correspondent" ist in 18000 Exemplaren verbreitet. Der Verband zahlte für 292092 Tage Arbeitslosenunterstützung am Orte, für 118143 Tage auf der Reise, sür vorübergehende Arbeitslosigkeit 338426 Tage. Die Einnahmen des Verbandes beliefen sich auf 3 729198 Mk. 48 Pfg., das Vermögen auf 2 688251 Mk. 14 Pfg., von den Ausgaben entfallen 114882 Mk. 37 Pfg. auf Reiseunterstützung, 159205 Mk. 75 Pfg. auf Arbeitslosenunterstützung, sonstige Unterstützung (Umzugskosten rc.) 45 062 Mk. 91 Pfg., außerordentliche Unterstützungen 476 Mk., Unterstützung an vorübergehend Arbeitsunfähige 453899 Mk. 32 Pfg., an dauernd Arbeitsunfähige (Invaliden) 82632 Mk. 25 Pfg., Begrübnisgeld 25316 Mk. 40 Mk., für Rechtsschutz 963 Mk. 23 Pfg. Die Verwaltung erforderte einen Aufwand von 59642 Mk. 91 Pfg., sonstige Ausgaben (Generalversammlung und Tarifausschußsitzung, Unterstützung an andere Gewerkschaften u. s. w. 63016 Mk. 15 Pfg.
Vermischtes.
• Berlin, 30. Mai. Die partielle Sonnenfinsternis am Montagnachmittag war in ihrem programmmäßigen Verlauf trotz eines leichten Dunstschleiers, der den Himmel bedeckte, vorzüglich zu beobachten. Das Publikum brachte dem Gratis-Schauspiel ein lebhafte« Jntereffe entgegen, und der hohe Stand der Sonne ermöglichte die Beobachtung der Verfinsterung vielfach von den Fenstern und Balkons, sowie auch von den Dächern, auf denen sich zahlreiche Zuschauer „Tribünen" erbaut hatten. Auf den Plätzen innerhalb der Stadt bildeten sich Gruppen von „Sonnenguckern", die mit geschwärzten Operngläsern und primitiveren Schauwerkzeugen das himmlische Schauspiel besichtigten. Eine größere Zahl von Personen suchten der Sonne etwas „näher zu kommen", indem fie als Beobachtungspunkt den Kreuzberg und die Plattform des Denk« mals wählten. Fliegende Sternwarten waren auf dem Belle-Allianceplatz, dem Gendarmenmarkt und Bahnhof Börse etabliert, jedoch machten die Besitzer nur wenig lohnende
Geschäfte, da das Publikum die gesteigerten Preise für ein einmaliges „Durchsetzen" nicht zahlen wollte. Mehr Glück hatten Händler mit geschwärztem Fensterglase, die mit „eenen Jroschen det Stück preparirteS Jlas" guten Absatz ihres Saisonartikels fanden. Die Verfinsterung begann programmmäßig um 3 Uhr 54 Minuten. Langsam schob sich Frau Luna über das strahlenspendende Gestirn, bis dann um 4 Uhr 50 Minuten die größte Verfinsterung — etwa drei Fünftel der Sonne war von dem Monde bedeckt — ein« trat. Auf das Tageslicht hatte die Sonnenfinsternis absolut keinen Einfluß, eine sichtbare Verdunkelung des ErdkörperS war nicht zu verzeichnen. Um 5 Uhr 49 Minuten war die volle Sonnenscheibe wieder sichtbar.
• Was ein Barterzeuger verdient. Von der Strafkammer des Landgerichts zu Hof ist der am 15. Mai 1871 zu Kirchenlamitz geborene und wohnende Kaufmann Ferdinand Kögler, der ein Bartwuchsmittel vertrieb, wegen Vergehens des teils fortgesetzten, teils vollendeten Betruges zu 300 Mk. Geldstrafe und wegen Übertretung des Gewerbesteuergesetzes zu 10 Mk. Geldstrafe verurteilt worden. Kögler annoncierte sein Mittel in folgender Weise: „Garantiert unschädlich — Schnurrbart. Wer diese Zierde des Mannes noch nicht besitzt, verlange meinen Prospekt, welchen ich gratis und franko versende. Garantie für Erfolg. Viele Dankschreiben. Patentamtlich geschützt unter 163,055. Ferdinand Kögler, Kirchenlamitz." Wer diesen Prospekt verlangte, erhielt eine Anpreisung, an deren Spitze unter den Worten „Zur Beachtung" zu lesen ist: „Gesetzlich geschützt und eingetragen beim Kaiser!. Patentamt unter Nr. 163,055." Der Anpreisung war ein detaillierter Fragebogen beigefügt, den der Besteller ausfüllen mußte. Und wer nun die Fragen beantwortete und ein Bart- erzeugungSmittel thatsächlich bestellte, erhielt ein mit einem Blechdeckel, bezw. Nickelverschluß versehenes Gläschen mit der Aufschrift: „Pomade ans tropischem Pflanzensaft zur Erzeugung eines üppigen Bartwuchses. Durch Kaiser!. Patentamt geschützt Nr. 163,055.« Das Gläschen enthielt etwa 40 Gramm Kokosfett, das mit etwas Zwiebelöl versetzt war. Dafür ließ sich Kögler bis zu 3 Mk. und 3,75 Mk. zahlen, während der wahre Wert sich auf 20 bis 25 Pfg. belaufen dürfte. Da das Mittel nach ärztlichem Gutachten auf den Bartwuchs garnicht oder nur ganz minimal, und auch das nur unter ganz besonders günstigen Bedingungen, einzuwirken imstande ist, da auch die Behauptung vom patentamtlichen Schutze nicht wahr ist, denn Kögler hat für fein „Barterzeugungsmittel" kein Patent erwirkt, sondern nur das Warenzeichen dafür in die Zeichenrolle des kgl. Patentamtes eintragen lassen, da ferner bei den Bartlüsternen der an sie hinausgegebene Fragebogen die Meinung erwecken mußte, sie würden individuell „behandelt", während doch an jeden ein und dasselbe Mittel hinauSgegeben wurde, wurde gegen Kögler wegen Betruges Untersuchung eingeleitet. Kögler hat seinen Reingewinn aus diesem Geschäftchen nur mit 3000 Mk. angegeben, während allein in der Zeit von Mitte Februar bis Mitte September 1899, also in sieben Monaten, der Betrag von 18,000 Mk. in Postanweisungen an Kögler gelangte. Der Staatsanwalt beantragte Verurteilung wegen Betruges zu 500 Mk. und wegen zu später Anmeldung des Geschäftsbetriebes 100 Mk. Geldstrafe. Nach Angabe des Verteidigers des Angeklagten hatte derselbe an JnsertionS- unkosten in einem Vierteljahr über 2500 Mk. ausgegeben.
• Was eine zukünftige Pfarrersgattin nicht darf, ist kürzlich in Petersburg feftgeftcllt worden. Dort erhielt bei einer Wahl der Kandidat trotz seiner vortrefflichen Probepredigt nicht die genügende Stimmenzahl, weil seine Frau als junges Mädchen einmal in einem Wohlthätigkeitskonzert (!) öffentlich aufgetreten war.
Universität und Hochschule.
Eine Versammlung deutscher Bibliothekare findet am 7. und 8. Juni in Mardurg statt.
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Norddeutscher Lloyd. Vertreten in Gießen durch die Agenten: Carl Loos und I. M. Schulhof.
Bremen, 30. Mai. (Per transatlantischen Telegraph). Der Doppelschrauben-Schnellpostdampfer Kaiser Wilhelm d e r G r o ß e, Capt. H. Engelbart, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 10 Uhr vormittags wohlbehalten in New, York angekommen.
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