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1.7.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den L Juli

1900

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Sieben, 30. Juni 1900.

* DaS Regierungsblatt Nr. 47 vom 28. Juni hat zum Inhalt: Verordnung, die Eintragung der Grunddienstbarkeit betreffend.

Bureaurosten der Landburgermeister. Das hessische Ministerium steht z. Z. in Verhandlung mit den Ortsvor- ständen wegen Feststellung der Bureaukosten der Bürger­meister in den Landgemeinden. In Heffen ist das Amt des Landbürgermeisters Ehrenamt; er erhält nur Bureaukosten, die indeß oft nicht im Verhältnis zu seinem Aufwand an Zeit stehen, und besonders mit Inkrafttreten der sozial­politischen Gesetze einer Revision bedurften. Es soll nun daraus hingewirkt werden, daß die Bureaukosten nach Maß­gabe der Arbeitslast, sowie der Kopfzahl und SteuerleistungS- ^ähigkeit der Einwohner, der Größe der Gemarkung und der Höhe des Gemeindevermögens festgestellt werden. ES ist demnach vorgeschlagen worden, 1. für den Kopf der Ein­wohner eine mit deren Höhe allmählich abnehmende Ver- hältniSzahl anzunehmen, welche fällt von 30 Pfg. für Orte von 1200 Seelen, auf 20 Pfg. für Orte von 16001800 Seelen und mehr; 2. die Größe der Gemarkung in der Weise zu berücksichtigen, daß für je 10 Hektar Wald 50 Pf., für je 10 Hektar Feld 1 Mk. angesetzt werden; 3. für das Vermögen der Gemeinden an­zusetzen bis zu 100,000 Mk. das Tausend zu 1 Mk., für je weitere 100,000 Mk. 10 Pf. weniger bis herab zu 50 Pf. für 1 Million und 40 Pf. über eine Million Mark Gemeindevermögen. Die nach obigen Annahmen sich be­rechnenden Beträge sollen darstellen eine Vergütung für alle Geschäfte der Landbürgermeistereien als Gemeinde­verwaltung--, Standesamts-, Ortspolizeibehörden, sowie für Thätigkeit im Gemeinde-Kranken-Verficherungswesen; über die Vergütung für Geschäfte der Bürgermeister als Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft schweben Verhandlungen, ob und in welcher Höhe dafür eine Vergütung aus der Staatskaffe geleistet werden soll. Der Charakter des Bürgermeisteramts als Ehrenamt soll vollauf aufrechterhalten werden.

-i- Klein-Linden, 29. Juni. DaS JahreSfest unserer hie- sigen Kleinkinderschule findet am nächsten Sonntag im Garten des Gastwirts Wilhelm Rinn statt. Dabei werden die Zöglinge der Kleinkinderschule einige recht schöne Jugendspiele aufführeu, und eS wird für jedermann eine Lust sein, das zu sehen und zu hören, waS die Kinder, Dank dem Fleiße der Schwester, schon in dem Alter von 3 bis 6 Jahren alles lernen können. Es ist zu wünschen, daß das Verständnis und das Jntereffe an den Kleinkinder­schulen immer mehr um fich greife, sodaß in nicht allzu ferner Zeit unsere Kleinkinderschule ein eigenes Lokal er­halten kann.

Laubach, 28. Juni. Der hiesige Verein des Vogels­berger Höhen-Klubs hielt gestern imHotel zum Schützenhof" Seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende referierte übn das vergangene Geschäftsjahr 1899/1900. Die Mit- gliednzahl ist von 14 auf 26 gestiegen; eine eiserne Bank wurde auf dem Ramsberg erneuert, Ruhebänke auf dem Rod bei Wetterfeld und in der Bellevue errichtet. Die Bemühung des Vereins, Kurfremde hierher zu ziehen, war auch im verflossenen Jahre von Erfolg; für Juli dieses Sommers sind durch feine Veranlassung eine Anzahl Schüler höherer Lehranstalten aus Frankfurt a. M. unter Beglei­tung eines Lehrers imSchützenhof" einquartiert; eine Reihe weiterer Anmeldungen liegt bereits vor. Im An­schluß daran beschloß die General-Versammlung, die von dem Zweigverein hierher gezogenen Kurfremden nur bei Mitgliedern desselben unterzubringen, und zur Deckung der entstandenen Jnsertionskosteu von diesen für jeden Kurgast 50 Pfennig zu erheben. Die Aufstellung einer eisernen Bank auf dem Wege nach dem Jägerhause soll vorgenommen werden, ebenso demnächst eine Farbenwegmarkierung in der Umgegend. Ein Ausflug der Mitglieder mit Familien wurde für den Juli in Aussicht genommen. Darauf wurde Lehrer Gerhard zum Schriftführer gewählt; der seitherige Vorsitzende, Gymnasiallehrer Bergheimer, verblieb in seinem Amte.

Darmstadt, 29. Juni. Der Großherzog begab sich gestern, einer Einladung der Kaiserin folgend, nach Hom- churg, nahm am Lunch teil und kehrte im Lause des Nach­

git. 151 Mettes Blatt.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

des Küche und Haus belästigenden Ungeziefers vernichtet man am sichersten mit BrMoIi». Preis des gesetzlich geschützten Mittels Mk. 1,80 per Packet. Fabrikant Gg. Brück, Darmstadt. Ueberall zu haben.

mit der Gräfin Sophie Dorothea Reventlow, die den Titel! einer Herzogin von Schleswig erhielt. Das klassische ©ei*; spiel einer Ehe zur linken Hand gab aber schon Philipp der Großmütige von Hessen, indem er sich neben seiner rechtmäßigen Gemahlin, Christine von Sachsen, die seine rechte Hand besaß, Margarete von der Saal zur Fraulinker Hand" nahm, weshalb sie int Volke auch die linke Landgräfin" genannt wurde. Luther billigte be­kanntlich diesen Schritt und selbst die Landgräfin Christine genehmigte ihn. Margarete schenkte ihrem linkshändigen Gatten acht Kinder, die den NamenGrafen und Gräfinnen von Dietz" führten und von denen sieben Söhne waren. Keiner von diesen setzte den Stamm fort. Sie verschmähten", wie ein hessischer Chronist schreibt, die Ehe, aber nicht die Liebe, der sie in der ausschweifend­sten und selbst mit Frevelthaten vielfach bedeckten Weise gefrönt hatten." Daran, daß fast alle in jungen Jahren starben, sah man einen Beweis dafür, daßder Eltern Missethat an den Kindern gerochen werde". Morganatische Verbindungen sind übrigens bekanntlich gerade in unserem Fürstenhause eine oft wiederkehrende Erscheinung. So, Vermählte sich der Großherzog Ludwig III. sechs Jahre nach dem Tvde seiner Gemahlin Mathilde, einen Schwester des bayerischen Prinzregenten Luitpold, 1868 mit einem Mitgliede der Darmstädter Hofbühne, Fraulein Magdalene Appel, Baronin von Hochstaedten, die ihren Witwensitz in Wiesbaden gewählt hat, und sein Neffe und Erbe Ludwig IV. erregte 1884 durch seine heimliche Trauung mit der geschiedenen Frau des russischen Diplo­maten von Kolemine, Gräfin Alexandrine Czapska, out allgemeine Aufmerksamkeit. Die Ehe wurde bekanntlich sehr bald annulliert, und dieGräfin Romrod" hat sich seitdem mit dem russischen Minister-Residenten m Ma­rokko, Herrn von Bacheracht, wiedervermählt, noch heute eine schöne, 'gefeierte Frau. Wenn vor Zweihundert Jahren ein deutscher Fürst ein simplesFräulein von, zum Eheweibe erkor, dann rauften sich ine Höflinge entsetzt die Allongeperrücken. Da ist man denn doch heutzutage etwas toleranter. Allerdings die Braut des österrelchb- scheu Thronfolgers wird Erzherogin nicht werden, denn die Chvtek gehören nicht zu den ehemals reichsunnntteb- baren Grafenyeschlechtern. Ja, wäre sie eine Gräfin Solms oder Erbach, Stolberg, Pappenheim, dann stände dem nichts im Wege. Vielleicht erleben wir es aber doch noch, daß diese Haus gesetzlichen Besfimmungen einer Revision unterzogen werden.

* Die Kaiserin von China. In derNew Jork World" berichtet Fräulein v. Giers, die Tochter des russischen Bot­schafters in Peking, über die Audienz bei der Kaiserin Witwe, die bekanntlich vor nicht zu langer Zeit dendiplo­matischen" Damen erteilt wurde. Die Kaiserin habe sich lebhast über die Stellung der Frau in der Familie unter­halten und gesagt:Alle Arten von Vorurteilen und öko­nomischen Verhältnissen drücken die chinesische Frau nieder, aber Reformen sind nur eine Frage der Zeit. Die chine­sische Frau muß allmählich emanzipiert werden. Jetzt muß sie im Alter von 8 Jahren spinnen können, im 10. lernt sie weben, nähen und sticken. Zahlreiche Mädchen erwerben sich in diesem Alter ihren Unterhalt und beginnen ihre Ausstattung zu sparen. In vielen armen Familien muß die Frau für den eigenen Unterhalt sorgen, und den Manu mit Kleidern und Schuhen versehen. Frauen haben die volle Freiheit, mit den Männern um den Lebensunterhalt zu wetteifern, aber die Vorteile liegen alle auf der anderen Seite. Vielleicht lernen Ihre Frauen-Advokaten eine Lehre daraus, die, keine Extreme zu verfolgen." Beim Abschied entschuldigte fich die Kaiserin, daß sie fitzen bleibe, und sagte:Ich bin eine alte Frau, und meine Tagesarbeit wird noch viele Stunden dauern." Dann zeigte sie auf ein Faksimile des Perlenringes, den sie allen Damen ge­schenkt und sprach:Sie müssen mich als ihre Schwester und Freundin betrachten. Dieser Ring soll bedeuten, daß wir alle zu derselben Familie gehören. DaS ist nicht nur eine Redensart. Wir haben ein gemeinsames Ziel im Ange, das, unser Bestes zu thun, so klein es auch sein mag, die Welt glücklicher und weiser zu machen. Ich weiß, jede von Ihnen hat ihre eigene Sphäre der Nützlichkeit. Ich habe meine, und wenn ich auch eine alte Frau bin, so hoffe ich doch, noch auf Jahre hinaus ihr gerecht zu werden. Ich habe mich aufrichtig gefreut, Ihre Bekanntschaft zu erneuern, und hoffe, daß ich Sie von Zeit zu Zeit wieder sehe. Ich bin ungewöhnlich arbeitsam für eine Frau chinesische Frauen müssen aber hart arbeiten, und die Souveränen des Landes wird mehr bei der Arbeit gehalten, als die ärmste Kuli." Welches ist nun die richtige Kaiserin?

mittags nach Wolfsgarten zurück. In seiner Begleitung be­fand sich Major Frhr. v. Röder.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Auf dem Bahnhof zu Fulda geriet der 30 Jahre alte, verheiratete Hilfslademeister Konstantin Krönung unter einen aus Oberhessen einfahrenden Güterzug, wurde überfahren und buchstäblich zermalmt. Durch den Wellenschlag eines Rheindampsers sank ein mit Steinen beladenes Schiff in der Nähe von Nierstein, wobei drei Schiffer des Stein- schiffes ertranken. Eine mit Buben reichlich bedachte Familie ist die der Eheleute Peter Wilderotter II. in Birkenau. Nachdem die Ehefrau erst im vorigen Jahre ihren Ehemann mit dem siebenten Sohne beschenkt hatte, wobei der Großherzog die Pathenstelle vertrat, und aus diesem Anlaß die mit irdischen Gütern nicht gerade ge­segnete Familie mit einem ansehnlichen Geldgeschenke erfreute, brachte Vetter Langbein nun den achten Buben. Durch Kentern eines Nachens ertranken, wie gemeldet, im Rhein bei Gimbsheim der Taglöhner Adam Zendel, der Fischer Josef Dammer, beide von Oppenheim, und der Schiffer August Lerch von Nierstein. Letzterer ist verheiratet und Vater von vier Kindern. DaS Unglück entstand dadurch, daß die Leute ein Schleppseil auf ein Schraubenboot gaben und das Seil beim Anziehen unter den Nachen kam und denselben umwarf. ______________

Vermischtes.

Berlin, 28. Juni. Die preußische Eisenbahnverwal­tung hat neuerdings wieder Versuchsfahrten mit sehr hohen Geschwindigkeiten vorgenommen. Unsere schnellsten Züge fahren mit einer Geschwindigkeit von etwa 70 bis 80 Kilometer in der Stunde, z. B. der Berlin- Hamburger v-Zng mittags fährt bis Wittenberg mit einer Geschwindigkeit von 79,2 Kilometer. Auf der Anhalter Strecke fährt der Abend-v-Zug bis Halle mit 68,3 Kilometer Geschwindigkeit, der Früh-v-Zug bis Bitter­feld mit 74,5 Kilometer und der Abend - D - Zug bis Wittenberg mit 76,8 Kilometer pro Stunde. Am Samstag 23. ds. Mts., hat nun ein Versuchszug diese Strecke von 94,8 Kilometer Länge bis Groß-Lichterfelde Ost mit einer Grundgeschwindigkeit von 110 Kilometer und von da bis Berlin mit einer solchen von 85 Kilometer durchlaufen. Er hat dazu genau eine Stunde gebraucht, dabei also die Durchschnittsgeschwindigkeit von 94,8 Kilometer erreicht. Der Zug von ungefähr 20 Achsen war von Herren der Direktionen Halle und Berlin sowie Betriebs- und technischen ^Beamten begleitet. Das Lokomotiv- und Wagenmaterial, sowie das Zugbegleiter- personal war von Berlin gestellt. Der Zug verließ Witten­berg um 11.20 Uhr vorm. und fuhr von hier nachm. 3.8 Uhr wieder zurück nach Wittenberg.

* Zur linken Hand. Wie unsere Leser wissen, steht der österreichische Thronfolger Erzherzog Fer­dinand im Begriff, eine sog. morganatische Ehe zu schließen. Sind morganatische Verbindungen gerade in neuerer Zeit immer häufiger geworden, so sind doch die Fälle immerhin verhältnismäßig selten, daß regierende Fürsten, oder zur Regierung berufene, solche eingehen. Der Herzog Georg von Sachsen-Meiningen, der, ehe er vor 28 Jahren die kunstsinnige Baronin Held­burg, idie damals Ellen Franz hieß, ehelichte, hatte bereits zwei Frauen verloren, und der Fürst von Reuß jüngerer Linie bot bald nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, Agnes von Württemberg, einem Mitgliede des Geraer Theaters, das seitdem Frau von Saalburg heißt, die Hand zum Ehebunde, Alexander II. von Rußland trat ein Jahr umd vier Wochen, nachdem seine Gemahlin, die Zarin Marie, gestorben, mit der Fürstin Katharina Dol- gorucki, jetzt Fürstin Jurjewskaja, vor den Traualtar, und Victor Emanuels II. von Italien Gattin, die öster­reichische Erzherzogin Adelheid, lag seit fünfzehn Jahren im Grabe, als der Re Galantuomo die schöne Rosa Ver- cellone, ein echtes Kind des Volkes, zu seinem Weibe erhob und ihr für sich und ihre Kinder den lieblich klingenden Namen einer Gräfin von Mirafiori und Fontanafredda, Wunderblum und Frischquell" zu Deutsch als Morgengabe schenkte. Vor fünfzig Jahren spielte hinter den Coulissen der europäischen Politik eine ehemalige Balleteuse und Putzmack)erin, die Demoiselle Rasmussen, eine nicht unbedeutende Rolle, nachdem sie alsGräfin Dannen" die dritte Gemahlin des dänischen Königs Fried­rich VII. geworden war, dessen erste Ehe mit der Prinzessin Wilhelmine von Dänemark ebenso wie die zweite mit der Prinzessin Karoline von Strelitz mit einer Scheidung ge­endet hatte. Und ein Vorgänger dieses Königs, Fried­rich IV. von Dänemark, schritt drei Wochen nach dem Tode seiner ersten Frau, der Königin Luise, zu einer neuen Heirat