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Kweites Blatt
ießener Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Gießen, den 28. Mai 1900.
Betr.: Die Ablieferung der Vakanzüberschüffe erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unseres Ausschreibens rubr. Betreffs vom 2. April l. IS. (Gießener Anzeiger Nr. 79) im Rückstände sind, werden hierdurch an alsbaldige Vorlage der Berechnungen, bezw. Erstattung der Fehlberichte erinnert.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Der Verband der oberhessischen Geflügelzuchtvereine beabsichtigt, mit der in den Tagen vom 12. bis 14. Oktober ds. Js. zu Friedberg stattfindenden 1. Verbands- Provinzial-Geflügelausstellung eine Verlosung von Geflügel zu verbinden. Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 6000 Lose zu 40 Pfg. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden find. Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.
Gießen, den 29. Mai 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Landwirtschaftliche Landes-Ausstellung zu Darmstadt vom 14. bis 17. September 1900.
Um den Mitgliedern des landwirtschaftlichen Vereins slr die Provinz Oberheffen die Beschickung der rubr. Ausstellung mit Tieren zu erleichtern, sind mir vom Ausschuß des Vereins Mittel zur Verfügung gestellt worden, durch welche den Ausstellern die Beschickungskosten teilweise ersetzt werden sollen. In Aussicht ist genommen, diesen Ersatz sär EisenbahntranSportkosten, Fütterung und Pflege der Tiere auf der Ausstellung, Vertretung bezw. Begleitung
des Transports zur und auf der Ausstellung und Ver- I sicherungsgebühren, nach der Bestimmung des Hessischen I Landwirtschastsrates für größere Ausstellungen, eintreten zu lassen. Diese Unterstützung ist abhängig von einer Vorbesichtigung durch vom Provinzialverein ernannte Sachverständige, der die betr. Tiere unterworfen werden müssen. In Betracht kommen hierbei Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe. Die Pferdeausstellung wird vom Landespferdezuchtverein arrangiert, und sind Anmeldungen bezw. Unterstützungsgesuche in dieser Abteilung an den Landespferdezuchtverein in Darmstadt zu richten.
Da der Anmeldetermin für die obenbezeichneten Tier- Abteilungen mit dem 1. Juli d. Js. zu Ende geht, ersuche ich diejenigen Mitglieder des Vereins, welche von meinem Anerbieten Gebrauch machen wollen, ihre betr. Tiere bis zum 10. Juni b. Js. bei der Geschäftsstelle des Vereins in Alsfeld gefl. anmelden zu wollen.
Laub ach, den 26. Mai 1900.
Der Präsident des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen.
Friedrich, Graf zu SolmS-Laubach.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß der für Dienstag den 5. Juni l. I. festgesetzte AmtStag auf Donnerstag den 7. Juni verlegt worden ist.
Großh. Steuer-Kommissariat Gießen.
I. V.: Krug.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Landftande.
M. G. Darmstadt, 30. Mai 1900.
Die Regierungsvorlage, betr. Ankauf des Gärtnerschere Hauses auf der Burg zu Friedberg (zur Uebernahme der Verpflegung der Seminaristen in Selbstbetrieb der Regierung), Neubau eines Kreisamtsgebäudes in Bingen und Kreisamtsgebäude in Dieburg betr., werden rasch nach den Ausschußanträgen erledigt. Gemäß dem vom Abg. Noack gestellten Antrag werden nach Vorlage der Regierung zur Förderuug der kleineren gewerblichen Unterrichts-Anstalten 5000 Mark weiter bewilligt.
Zu der Regierungsvorlage „Sonstige Förderung des K u n st g e w e r b e s" liegt eine (von uns mitgeteilte) ausführliche Begründung der Regierung vor. Es ist beab
sichtigt, die durch Gründung der Künstler-Kolonies in Darmstadt neu belebten kunstgewerblichen Bestrebungen, von denen man die segensreichsten Folgen für ba^ Land erwartet, durch einen für die Sustentationsgehatte erforderlichen Betrag von 20000 Mk. zu unterstützen. Abg. Noack halt es für wünschenswert, daß man sich über die Bestrebungen und die Richtung der Kunst im Hause äußere, damit nicht der Anschein erweckt werde, als ob die Bewilligung ein stillschweigendes Einverständnis mit bei: ganzen Kunstrichtung bebeute, indivibuelle Geschmacksrichtung, unb es könnte fraglich sein, ob mit bieser den Stempel des Vorübergehenden an sich tragenden Ge- schmacksrick)tung dem Kunsthandwerk gebient sei. Ein tieferes Naturstudium wohne freilich einem großen Teile der modernen Bewegung inne, doch), auch ein gewisser blasierter, gigerlhafter Zug, gegen den fich „edr gute Geschmack" auflehne. In solche gährenbe Entwickelungsbewegung nach einer bestimmten Geschmacksrichtung einzugreifen, sei im Hinblick auf bie Konsequenzen ein gefährliches Spiel. Mit bemselben Rechte könnte eine freischaffende Gemeinde von Dichtern und Musikern Beachtung und Förderung verlangen. Er könne sich) nicht zu der Ueberzeugung durchringen, daß die neue Richtung volkstümlich und allgemein verständlich werden könnte; die moderne Formensprache und Symbolik werde ihm ebenso unverständlich bleiben wie die Dichtkunst eines Ibsen int Vergleich' zu der eines Schiller. Aber die gute Absicht, durch Hebung der Kunst und die wirtschaftlichen Verhältnisse des Volkes einzuwirken, sei anzuerkennen. — In seinen weiteren Ausführungen übt der Redner Kritik an den Ausführungen des Ausschußberichtes (richtiger: der Begründung durch die Regierung). Verschiedene Argumentationen stünden nicht auf festen Füßen. Nachdem sich der Redner hierüber verbreitet hatte, betonte er, daß es schwierig sei, diesem Privatunternehmen gegenüber Stellung zu nehmen, da Stände und Regierung nur zu bewilligen hätten, aber nicht mitsprechen tonnten. Ihm wäre es angenehm gewesen, wenn der Staat in der Art eines Garantiezeichners eingetreten und eine Pauschalsumme bewilligt hätte, tao werde die Sache als Budgetposten im Staatshaushalt jährlich erscheinen, ob sie floriere ober nicht.
Abg. Köhle r - Darmstadt wendet sich, gegen den Vorredner. Er weist nach', daß dieser Ausführungen der Regierung, nicht Ansichten des Ausschusses angegriffen habe. Der Ausschuß habe die von dem Vorredner angeregtere Fragen über Berechtigung ober Nichtberechtigung einer Kunstrichtung ganz außer Acht gelassen ; über Geschmacksrichtungen lasse sich überhaupt nicht streiten. Der Ausschuß trete um beswillen sehr warm für bie Vorlage ein, weil biese Künstlerkolonie bem Lanbe zur Ehre
Feuilleton.
— Deutsche Kunst und Dekoration. Wir möchten unsere Leser wieder einmal aus die vortreffliche Zeitschrift aufmerksam machen, die unter diesem Titel bet Alex, -och in Darmstadt erscheint. Besonders in ganz Hessen, muß bas Maiheft interessieren, das vornehmlich bie - ii n stlerkolonie in Darm stabt behandelt und text^ ließ wie namentlich illustrativ allgemeine Aufmerksamkeit verdient Das Heft hebt mit einem Bericht über die Grund- Pinlegung des Künstlerhauses an, bei welcher Gelegenheit' unter Großherzog bekanntlich die fronen Worte -mach - „Mein Hessenlareb blühe unb ihm die Kunst! — 2ann lesen wir in goldgelber Umrahmung, bie wahrscheinlich Prof. P. Behrens geschaffen hat, eme Dichtung von ticora F uch s „Znr Weihe des Grundsteins, ein festliches' «spiel", das durch ihren Gedankengehalt und ihre Form 6ie rechte Wirkung erreicht, lieber der Darmstadter Künstler „nächste Arbeit" spricht darauf -^oseph M. Ol brich. 4lus allen seinen Worten atmet frische, fröhliche Schaffensfreude, an der der Leser Anteil gewinnt. „Frei von allere Genossenschaften, frei von allem Respekt Zwang gegen Kunstministerien, frei von jedem Streit ob Alt ober Neu, vertrauend auf ein naiv empfindendes Volk und auf eigene »mft" — dieses köstliche Gefühl der absoluten Selbständigkeit Vlieses Gefühl, aus dem Innersten schaffen zu können, und furchtlos, frei und frank, beseelt die Darmstadter jkünstlerlolonie und führt fie ju immer neuen Jmpu en M Nächste Arbeit ist die Errichtung der Kunstlerhauser auf der Mathildenhöhe, die erstehen «ollen en baulicher Einheit aus innerem Empfinden, in beiien sich Raum an Sm n reihen soll, etwa wie Sang an Sang. Auch über die Ausstellung 1900 referiert Olbrich Ein kleiner Artikel w Ludwin Habich gewidmet, von dem wir unter den Illustrationen zwei Entwürfe zum Ali ce-Den km al iw Da r Ni » a d t finben. Einer davon, em seiner ganzen Idee mserem Kriegerdenkmal nicht unähnlicher Obelisk, ist rnv Siörunq bestimmt. Heber die „Dekoration aut der Bühne“ läßt sich Pros. Behrens aus, unb man wird [Zen verständigen und klaren Ausführungen bekommen.
— Soviel vom Text des Heftes, den wir hiermit keineswegs erschöpft haben, der vielmehr noch manchen längeren, lesenswerten Artikel bringt. Das weitaus Wichtigere aber sind die Abbildungen, die wuchtigen Holzschnitte rc. von' Behrens, die geschmackvollen Flächenornamente von. Olbrich, die poetisch wirkenden dekorativen Gemälde, die entzückenden Glasmalereien und flotten Zeichnungen zu den verschiedensten Gebrauchsgegenständen von Prof. Hans C h r i st i a n s e n , die Teppiche rc. Zeichnungen und gigantischen Gebirgsstudien von Paul Bürck, bie Meister-Medaillen von Rudolf Bosselt, bie Zimmer- rc. Einrichtungen von Patriz Huber — wahrlich ein außerorbent- lich reicher Inhalt.—Das Aprilheft hatte unter vielem anderen Abbildungen von dem A r b e i t s k a b i n e 11 unseres Großherzogs gebracht, zu dem Prof. Otto Eckmanu in Berlin die Zeichnungen angefertigt hat. — Das Juniheft ist vornehmlich dem Kaiser Wilhelm- museum und der Webekunst in Krefeld sowie der Karlsruher Kunstgenossenschaft gewidmet. Jedes reich illustrierte und auf das vorzüglichste ausgestattete Heft kostet 2 Mark und ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen, bei. denen auch Abonnements aufgegeben werden können.
Universität und Hochschule.
Die „Alten Herren" der Deutschen Burschenschaft. Einer auf Grund des soeben herausgegebenen „Verzeichnisses alter Burschenschafter" ausgestellten Personalstatistik der Alten Burschenschafter entnehmen wir folgendes: Von den Alten Herren sind 2700 Juristen, 1262 Theologin, 1527 Philologen, 1887 Mediziner, 537 Techniker, 188 Forst-, Bergleute und Landwirte, 81 Militärs und 429 nehmen allerlei verschiedene Lebensstellungen ein. Unter den Juristen befinden sich 23 Minister, 1 Unterstaatssekretär, 3 Ministerialdirektoren, 1 Präsident des Finanzamtes, 9 Regierungspräsidenten, 23 Wirkl. Geh. Oberreg,erungs- räte, 34 Oberregierungsräte, 3 Oberlandesgerichtspräsidenten, 2 Senatspräsidenten, 19 Reichsgerichtsräte, 28 Gerichtspräsidenten, 69 Staats - anwälte, 29 Oberbürgermeister, 22 Landräte. Bei den Theologen bemerkten wir 3 Wirkl. Geh. Oberkonsistorialräte, 6 Konsistorialpräsidenten, 5 Generalsuperintendenten. An den Universitäten wirken von den Alten Burschenschaftern 226 Professoren, 3 Dozenten, 52 Privatdozenten und 2 Kuratoren. Geh. Regierungs- und Schulräte zählen wir 2, Schulräte 25, Gymnasialdirektoren rc 198, Archivdirektoren 2, 1 Geh. Ober-Postrat,
4 Postdirektoren, 9 Wirkl. Geh. Kriegsräte, 3 Geh. Kriegsräte, 2 Geh. Admiralitätsräte, 1 Generalleutnant, 3 Generalmajore, 6 Obersten, 1 Generalauditeur, 1 Korpsäuditeur, 1 Eisenbahn-Direkttonspräsident, 5 Eisenbahndirektoren, 60 Fabrikbesitzer und Direktoren, 1 Generalintendant des Hoftheaters, 2 Direktoren des Lloyd, 12 Bankdirektoren. Die Medizin stellt 10 Generalärzte, 31 Oberstabsärzte, 17 Geh. Ober-Medi- zinalräte rc.
Jena, 29. Mai. Die juristische Fakultät der hiesigen Universität hat dem Vernehmen nach beschlossen, den Doktortitel in Zukunft nur zu verleihen, wenn auch eine gedruckte Abhandlung vorgelegt worden ist.
— Der Studentenstreik in Würzburg ist, wie wir
bereits gestern mitteilten, durch einen Widerruf des Professor- Schönborn beigelegt worden. Ueber die Angelegenheit selbst lesen wir in der „Augsb. Allg. Ztg." folgende Erklärung des Professors Schönborn: „Ich habe immer gern erlaubt, daß die Herren Mediziner, die zweimal die Klinik belegt haben und im Staatsexamen stehen, wenn sie wünschen, nach wie vor die Klinik besuchten, bin dabei aber selbstverständlich von der Voraussetzung ausgegangen, daß sie in der Zeit, wo sie bei mir im Examen stehen, die Klinik und Poliklinik nicht besuchen, denn ich bin sehr oft genötigt, die Krankheitsfälle, die ich da vorstelle, am selben oder am nächsten Tage den betreffenden Examinanden als Fälle für das Examen vorzulegen. Meiner Auffassung nach ist eß selbstverständlich, daß während der Dauer des Examens bei mir die Herren die Klinik nicht besuchen. An die Möglichkeit, daß das seit Jahren mehrfach geschehe, habe ich nie gedacht. Ich habe schlechterdings nicht gewußt, daß das häufig geschehe. An dem bewußten Tage habe ich zufällig einmal die Staatsexaminanden, die in der Prüfung bei mir standen, in der Klinik gesehen, und bin darüber derart erstaunt gewesen, daß ich sie heruntergerufen und ihnen allerdings mit scharfen Worten in einem Nebenraume des Auditoriums meine Mißbilligung aus
gesprochen und sie ersucht habe, die Klinik zu verlassen. Nachträglich habe ich gehört, daß die drei Herren ihrerseits durchaus bona fide gehandelt haben, well Aehnliches, wie schon bemerkt, sehr häufig vorge- kommen ist. Nachdem ich dies erfahren, ist für mich der Grund zu dem Tadel in dem konkreten Falle hinfällig geworden, und die Sache für mich erledigt, sodaß jede Verstimmung den drei Examinanden gegenüber verschwunden ist."
Innsbruck, 30. Mai. An der hiesigen Universität kam es vorgestern zu S t u d e n t e n - D e m o n st r a t i o n e n m der Vor. lesung des Professors für allgemeine Pathologie Dr. Lö w i t a« Assistent desselben ein Israelit, Dr. Fuchs aus Prag nota- bene der einzige Bewerber — mit 1. Ium angestellt wurde. Die nahe« nalradikalen Studenten wollen durch fortgesetzte Demonftratwnen die Entfernung des neuen Assistenten erzwingen.


